„Wir Priester und Nonnen gehen als Letzte”

Eine Reportage aus dem Irak von unserem Korrespondenten Oliver Maksan

Syrisch-katholischer Priester bei einem Gottesdienst im Irak.

Syrisch-katholischer Priester bei einem Gottesdienst im Irak.

„Nachts hören wir oft Geschützfeuer. Aber zum Glück liegen wir ein ganzes Stück weit von den Kämpfen entfernt“, sagt Pfarrer Steven. Das ist Ansichtssache. Tatsächlich trennen kaum 15 Kilometer Luftlinie den Ort Alqosh von der Frontlinie, wo sich die kurdischen Peschmerga-Truppen und die Kämpfer der Terrorgruppe „Islamischer Staat“ (IS) schwerbewaffnet gegenüberstehen.

Dahinter liegt die weite Ninive-Ebene, die die Dschihadisten im vergangenen Jahr erobert und zum Teil ihres Gebiete in Syrien und dem Irak umfassenden Kalifats erklärt haben. Mit bloßem Auge kann man von Alqosh aus bei gutem Wetter die christlichen Orte sehen, die jetzt in der Hand von IS sind. „Da hinten liegt mein Dorf Batnaya“, sagt der chaldäische Priester und zeigt in Richtung des christlichen Orts in der Ebene. „Ich war Pfarrer dort. Jetzt regiert da IS.“

Der Geistliche berichtet, wie schnell alles im Sommer ging, wie der IS immer weiter vorrückte und über 125 000 Christen in Panik vor der Terrorgruppe flohen. „Ich war der Letzte, der Batnaya verlassen hat. Wenig später trafen die Dschihadisten ein. Ihre erste Frage war: Wo ist Pfarrer Steven?“ Muslime der Nachbarorte, berichtet er weiter, hätten sich den Dschihadisten angeschlossen, Menschen, mit denen die Christen ein Leben lang Seite an Seite gelebt hatten. „Das war besonders bitter für uns.“

Ein idyllischer Ausblick, doch unweit von hier sind die Dörfer, die vom IS erobert wurden.

Ein idyllischer Ausblick, doch unweit von hier sind die Dörfer, die vom IS erobert wurden.

Jetzt lebt Pfarrer Steven als Flüchtling in Alqosh, nur ein paar Kilometer von seiner Pfarrei Batnaya entfernt. Mit ihm haben über 480 christliche Familien aus der Gegend Zuflucht in dem uralten christlichen Ort gefunden. Ein chaldäischer Bischof residiert hier. Die Ruinen einer Synagoge bergen das Grab des alttestamentlichen Propheten Nahum. Schöne Kirchen prägen das Städtchen.

Wenig nur hätte gefehlt und auch über Alqosh würde jetzt die Fahne des Kalifats wehen. „Sie standen Anfang August kurz vor Alqosh“, sagt Steven. „Aber aus Gründen, die wir nicht kennen, ist IS dann umgedreht. Das hat uns gerettet.“

Father Ghazwan.

Father Ghazwan.

Sein Mitbruder Ghazwan sieht die Hand Gottes im Spiel. „Es ist ein Wunder, dass wir noch hier sein können. Die Polizei hat uns im Sommer gesagt, sofort den Ort zu verlassen, nachdem IS immer weiter vorrückte. Zeitweise war deshalb niemand mehr hier.“

Nur etwa 100 mutige junge Männer harrten in den Bergen bei Alqosh aus, so der Priester. „Sie waren bereit, den Ort gegen IS unter Einsatz ihres jungen Lebens zu verteidigen. Sie waren bereit, für ihre Heimat zu sterben.“

Priester Ghazwan müsste zunächst mit den übrigen Bewohnern fliehen. Aber nur für eine Woche. „Das war die Woche, als zum ersten Mal in unserer langen christlichen Geschichte hier in Alqosh keine Messe gefeiert wurde.“ Aber das blieb nicht lange so. „Am 15. August kam ich wieder zurück. Ich wollte bei unseren jungen Leuten sein.“

Dutzende Priester und Ordensleute wurden im vergangenen Jahr heimatlos. Sie verloren nicht nur Konvente, Kirchen und Klöster, sondern auch Schulen und Kinderheime, im Grunde ihr ganzes über Jahre aufgebautes Apostolat. „Wir haben 23 unserer Klöster und Häuser verloren“, sagt Schwester Suhama. Die Dominikanerin lebt jetzt in einer Reihenhaussiedlung nahe Erbil.

Schwester Sahuma.

Schwester Sahuma.

Wie sie werden Dutzende heimatlose Schwestern, Mönche und Priester von KIRCHE IN NOT beim Neuanfang unterstützt. „Wir waren 26 Schwestern allein in Karakosch. Wir hatten ein blühendes Gemeindeleben dort. Manche Schwestern lässt dieser Verlust nicht los. Sie träumen nachts, dass sie bald zurückkehren können.“

Schwester Suhamas Mitschwester weint leise, während sie zuhört. 14 ältere Schwestern sind seit der Flucht vor Kummer sogar gestorben.

Es sei nicht leicht, so Schwester Suhama, angesichts der Umstände ein regelmäßiges Ordensleben weiterzuführen. „Wir müssen uns ja um unsere Leute kümmern, die jetzt hier leben. Sie haben viele Probleme. Aber wir bemühen uns doch, Messe und Gebet den gebührenden Platz zu geben.“

Das Wichtigste sei, dass die Menschen spürten, dass ihnen die Kirche nahe sei, betont die Schwester. „Unsere Aufgabe ist es, bei unseren Leuten zu sein. Sollten irgendwann auch alle Christen den Irak verlassen, was ich nicht glaube: Wir Priester und Nonnen werden als Letzte gehen.“

Wie die Schwestern haben auch die beiden Seminaristen Martin und Randi ihre Heimat verloren. Die jungen Männer studieren jetzt mit Unterstützung von KIRCHE IN NOT im Priesterseminar in Erbil. „IS hat unsere Berufung gestärkt“, sagt Randi voller Überzeugung.

Die beiden Seminaristen Randi und Martin aus Erbil.

Die beiden Seminaristen Randi und Martin aus Erbil.

Der syrisch-katholische Seminarist stammt aus Karakosch. „Natürlich ist es bitter, die Heimat zu verlieren. Meine Eltern leben jetzt als Flüchtlinge hier. Aber zum Glück haben die Menschen überlebt. Das zeigt mir, dass Gott ein Gott des Lebens und nicht von Besitz und Gegenständen ist. Gott sorgt für uns.“

Martin stimmt ihm zu. Der Chaldäer aus Karamles, einem Ort nahe Karakosch, ist bereits Diakon. „Unser Dorfpriester und ich sind als eine der Letzten geflohen, nachdem wir uns versichert hatten, dass niemand mehr im Ort ist. Wir konnten die heilige Eucharistie und einige liturgische Bücher retten. Sonst nichts. Ich hatte wirklich Angst um mein Leben“, sagt er.

Während der Flucht nach Erbil habe er gedacht, dass der Tod nahe sein könnte. Traurigkeit überkommt ihn beim Gedanken an das verlorene Zuhause. „Ich möchte erst dann zum Priester geweiht werden, wenn ich die erste Messe in meinem Dorf feiern kann. Ich weiß natürlich, dass das Monate oder länger dauern kann.“

„Hier ist mein Platz. Hier will ich den Menschen dienen.“

Diakon Martin hatte sich zuvor ganz bewusst für ein Leben im Irak entschieden. „Meine Eltern leben in den USA. Ich war eine Zeitlang auch dort. Aber ich wollte zurück in den Irak. Hier ist mein Platz. Hier will ich den Menschen dienen.“

Auch Randi sieht sich den Gläubigen verpflichtet. „Ich will nicht nur am Altar dienen, sondern mich um die Armen kümmern. Davon haben wir jetzt wirklich genug.“ Ihn schmerze es zu sehen, wie immer mehr Christen den Irak für immer verließen.

„Aber auch wenn unsere Herde in Zukunft noch kleiner sein wird, haben wir Christen hier doch einen wichtigen Auftrag. Wir müssen unser Land wieder aufbauen. Wir müssen trotz allem lernen, wieder mit den Muslimen zusammenzuleben. Wir müssen unsere Kinder lehren, vor dem Anderen Respekt und Achtung zu haben. Das würde dem Irak sonst fehlen.“

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16.Apr 2015 10:32 · aktualisiert: 16.Apr 2015 11:15
KIN / S. Stein