„Den Menschen beim Bleiben helfen”

Interview mit dem Oberen der Franziskaner im Nahen Osten

Pater Pierbastista Pizzaballa.

Pater Pierbattista Pizzaballa.

Pater Pierbattista Pizzaballa leitet seit 2004 die „Kustodie des Heiligen Landes“, die Ordensorganisation der Franziskaner im Nahen Osten. Er und seine Mitbrüder wirken in Israel und Palästina, aber auch in Ägypten und Syrien.

KIRCHE IN NOT hat den Kustos in Jerusalem getroffen und mit ihm über die Lage der Christen im Nahen Osten gesprochen. Die Fragen stellte der Nahost-Korrespondent von KIRCHE IN NOT, Oliver Maksan.

KIRCHE IN NOT: Pater Kustos, vor fünf Jahren begann der „Arabische Frühling“ in Nordafrika und im Nahen Osten. Gebracht hat er vor allem Chaos und Krieg, besonders in Syrien. Gibt es heute für die Menschen in der Region irgendeinen Hoffnungsschimmer?
Pater Pierbattista Pizzaballa: Schwer zu sagen. 2016 wird aber politisch und militärisch zweifellos entscheidend sein. Ich nehme in Syrien eine gewisse Kriegsmüdigkeit der gegnerischen Parteien wahr. Sie können nicht mehr lange mit dieser Verbissenheit weiterkämpfen.

Glauben Sie, dass sich die Genfer Friedensgespräche, die jetzt auf Ende Februar vertagt worden sind, eine politische Lösung für Syrien eröffnen?
Wahrscheinlich nicht sofort. Dazu sind die Gräben zu tief. Aber es ist ein Anfang.

Verteilung von Hilfsgütern in Syrien. In den Kartons befindet sich Milchpulver.

Verteilung von Hilfsgütern an Flüchtlinge in Syrien.

Aber können die Menschen in Syrien noch so lange warten, bis es irgendwann vielleicht zu einer politischen Einigung kommt? Viele haben ihre Heimat ja bereits verlassen.
Wer fliehen wollte, ist bereits geflohen. Geblieben sind die Menschen, die nicht gehen wollten oder es sich nicht leisten konnten. Um sie müssen wir uns kümmern. Die Menschen leiden nicht nur unter dem Krieg und seinen Folgen wie etwa dem Versorgungsmangel.

Auch wenn die Waffen irgendwann einmal schweigen sollten, gehen die Probleme weiter. Man darf auch die sozialen Folgen nicht vergessen: Dieser Krieg ist nicht einfach ein Bürgerkrieg, auch wenn er oft so bezeichnet wird. Er hatte von Anfang an ganz deutlich einen religiösen Charakter. Das verlorene Vertrauen zwischen Christen und Muslimen in Syrien und im Irak wiederherzustellen, ist nicht einfach.

Sie sagen, das Vertrauen zwischen Christen und Muslimen sei verloren gegangen. Wie kam es dazu?Denken Sie nur an militante islamistische Terrorgruppen wie den sogenannten „Islamischen Staat“ (IS). Natürlich sind nicht alle Syrer mit deren Ideologie einverstanden oder unterstützen sie. Der IS unterdrückt in den besetzten Gebieten ja auch die Muslime. Aber dennoch erfahren die Islamisten viel Zuspruch. Ohne Unterstützung aus der Bevölkerung könnten diese Gruppen sich unmöglich so lange in so vielen Landesteilen halten.

Menschen in der syrischen Hauptstadt Damaskus warten auf Hilfe.

Menschen in der syrischen Hauptstadt Damaskus warten auf Hilfe.

Aber wie kann man das Vertrauen zwischen den Religionen wiederherstellen? Muss man die Gruppen vielleicht entlang religiöser und ethnischer Grenzen trennen? In Syrien gibt es bereits solche Entwicklungen.
Das darf man auf keinen Fall machen. Um den Christen eine Zukunft in Syrien und im Irak zu ermöglichen, muss man sicherstellen, dass sie nicht Staatsbürger zweiter Klasse, sondern gleichberechtigt sind. Das ist der entscheidende Punkt. Hier sind die islamischen Religionsführer gefordert. Der religiöse Fundamentalismus kommt ja nicht aus dem Nichts.

Die meisten islamischen Geistlichen sagen aber, dass der IS und andere Terrorgruppen nichts mit dem Islam zu tun haben.
Sicher sind diese extremistischen Bewegungen eine Abweichung vom Islam, aber Verbindungen zur etablierten Theologie gibt es eben doch. Wir Katholiken mussten uns nach dem Zweiten Weltkrieg auch schmerzlich fragen, ob und inwiefern auch ein kirchlicher Anti-Judaismus mit zum Holocaust beigetragen hat.

Ähnliche Fragen müssen sich heute die muslimischen Theologen stellen: Was in unserer Lehre hat zum modernen Fundamentalismus beigetragen? Es bedarf einer ehrlichen Gewissenserforschung.

Aber auch wir Christen haben in der Auseinandersetzung mit dem Fundamentalismus eine wichtige Aufgabe: Wir müssen ein Beispiel der Vergebung geben. Gerade das „Heilige Jahr der Barmherzigkeit“ kann uns das ins Bewusstsein rufen.

Syrische Christen beten gemeinsam.

Syrische Christen beten gemeinsam.

Aber wie kann ein Christ beispielsweise den IS-Kämpfern vergeben?
Wenn wir sie hassen, haben sie gewonnen. Das ist es ja auch, was sie wollen. Menschlich gesprochen ist es natürlich ungeheuer schwierig, den Terroristen zu vergeben. Das kann nicht automatisch und sofort erfolgen – Vergebung braucht Zeit. Aber wir müssen das in den Blick nehmen.

Ich als gebürtiger Italiener, der in Israel lebt, kann einem Christen in Aleppo nun wirklich keine Vorgaben machen. Aber die Christen in Syrien und dem Irak müssen sich die Frage stellen: Wie kann ich vergeben? Das Christentum ist auf Golgota geboren, wo Jesus seinen Peinigern vergeben hat. Vergebung steht von Anfang an im Zentrum des christlichen Glaubens.

Europa ist längst nicht mehr nur Zuschauer der Umbrüche im Nahen Osten. Der Zustrom an Flüchtlingen ebbt nicht ab. Auch viele Christen fliehen nach Europa. Beunruhigt Sie das?
Wir müssen den Menschen beim Bleiben und nicht beim Fliehen helfen. Flucht ist keine Lösung. Und Europa ist kein Paradies.

Manche Willkommenssignale, die letztes Jahr gerade aus Deutschland kamen, haben uns die Arbeit schwerer gemacht. Jeder spricht jetzt davon, nach Deutschland gehen zu wollen. „Angela Merkel hat uns eingeladen“, sagen die Leute.

Ich appelliere an die europäischen Politiker: Helft den Menschen lieber im Nahen Osten als in Europa! Investiert das Geld, das die Aufnahme von Millionen Flüchtlingen kostet, lieber hier! Das ist für die Menschen und die Region besser.

So können Sie helfen

KIRCHE IN NOT unterstützt seit vielen Jahren die verfolgten Christen im Nahen Osten. Mit Beginn der Flüchtlingskrise infolge des IS-Terrors wurde diese Hilfe massiv ausgebaut.

Um den Menschen zu ermöglichen, in ihrer Heimat zu bleiben, wurden zum Beispiel im Irak in großem Umfang Wohnraum angemietet, Schulen gebaut sowie Lebensmittel bereitgestellt. In Syrien hat das Hilfswerk mehrere Notprogramme gestartet, um das Überleben der Bevölkerung zu sichern.

Um weiter im Nahen Osten helfen zu können, bitten wir um Spenden – online oder an das Spendenkonto:

Empfänger: KIRCHE IN NOT

LIGA Bank München

IBAN: DE63 7509 0300 0002 1520 02
BIC: GENODEF1M05

Verwendungszweck: Flüchtlinge

Die vorgestellten Projekte sind Beispiele unserer Arbeit. Ihre Spende wird diesem oder ähnlichen Projekten zugutekommen und die pastorale Arbeit von KIRCHE IN NOT/Ostpriesterhilfe ermöglichen.

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KIN / S. Stein