Christen weltweit in Bedrängnis

KIRCHE IN NOT zum „Gebetstag für verfolgte und bedrängte Christen“

Berthold Pelster, Menschenrechtsexperte von KIRCHE IN NOT.

Berthold Pelster, Menschenrechtsexperte von KIRCHE IN NOT.

Am 26. Dezember begeht die katholische Kirche in Deutschland den „Gebetstag für verfolgte und bedrängte Christen“.

An diesem Tag gedenken katholische und evangelische Christen des heiligen Stephanus, des ersten Märtyrers der Urkirche.

Aus diesem Anlass blickt der Menschenrechtsexperte von KIRCHE IN NOT, Berthold Pelster, im Interview auf verschiedene Regionen der Welt, in denen Christen das Recht auf freie Religionsausübung verwehrt wird. Das Interview führte Tobias Lehner.

TOBIAS LEHNER: Am 11. Dezember starben bei einem Bombenanschlag auf koptische Christen während eines Gottesdienstes in Kairo mehr als 25 Menschen. Dutzende Gläubige wurden verletzt, vor allem Frauen und Kinder. Was bedeutet dieser Anschlag für die Christen in Ägypten?
BERTHOLD PELSTER:
Dieser menschenverachtende Terrorakt ist ein schwerer Rückschlag für die Christen in Ägypten, die unter Präsident Abd al-Fattah as-Sisi durchaus Anzeichen für Verbesserungen gesehen und deswegen neue Hoffnung geschöpft hatten.

Der koptische Papst Tawadros II. leitet den Gottesdienst für die Opfer des Anschlags auf eine koptische Kirche am 11. Dezember 2016 in Kairo. Mindestens 25 Menschen wurden dabei getötet.

Der koptische Papst Tawadros II. leitet den Gottesdienst für die Opfer des Anschlags auf eine koptische Kirche am 11. Dezember 2016 in Kairo. Mindestens 25 Menschen wurden dabei getötet.

Die neue Verfassung stärkt in einigen Bereichen die Religionsfreiheit. Vor allem aber demonstriert die jetzige Staatsführung ausdrücklich eine Nähe zur christlichen Minderheit, etwa dadurch, dass Präsident Sisi wiederholt den Weihnachtsgottesdienst der koptischen Gemeinde in Kairo besucht hat.

Auch hat der Präsident mit deutlichen Worten gegenüber den muslimischen Religionsgelehrten zu einer Reform des Islam aufgerufen, um das Problem islamistischer Gewalt zu überwinden.

Mehr Schutz für Christen gefordert

Auf den jüngsten Anschlag in Kairo aber folgten Proteste von Seiten koptischer Christen gegen die Regierung, weil dieser es nicht gelungen sei, die christliche Minderheit vor religiösen Extremisten zu schützen.

Die zerstörte maronitische Kirche in Aleppo/Syrien im Dezember 2016.

Die zerstörte maronitische Kirche in Aleppo/Syrien im Dezember 2016.

Obwohl der sogenannte „Islamische Staat“ (IS) durch eine militärische Gegenoffensive erheblich unter Druck steht, hält er noch große Teile Syriens und des Irak besetzt. Welche Folgen hat das für die Christen und andere religiöse Minderheiten?
Jesiden, muslimische Schiiten, Christen und andere Minderheiten wurden vom IS brutal vertrieben. Mehr als 120 000 Christen haben zum Beispiel ihr Zuhause in Mossul und der angrenzenden Ninive-Ebene verloren.

Sie haben den Irak verlassen oder leben bis heute in Notunterkünften, vor allem im kurdischen Teil des Iraks. Sie waren und sind dringend auf die Unterstützung von Hilfswerken wie KIRCHE IN NOT angewiesen.

Freiwillige Helfer packen die Lebensmittelpakete für die bedürftigen Familien.

Freiwillige Helfer packen die Lebensmittelpakete für die bedürftigen Familien. Alleine in Erbil im Nordirak sind es 12 000 Familien, die von KIRCHE IN NOT unterstützt werden.

Viele haben den festen Wunsch, nach Mossul oder in die Ninive-Ebene zurückzukehren. Die Voraussetzung hierfür ist, dass die Region vollständig vom IS befreit ist. Allerdings wäre mit einer Befreiung Mossuls die Zukunft dieser strategisch wichtigen Stadt noch längst nicht geklärt.

Ungewisse Zukunft für Menschen in Mossul und Ninive-Ebene

Die Anti-IS-Koalition besteht aus unterschiedlichen Akteuren: irakische Regierungstruppen, schiitische paramilitärische Truppen, kurdische Peschmerga und lokale sunnitische Stämme. Gleichzeitig erhebt die Türkei einen Anspruch auf Mossul, den sie geschichtlich begründet. Nach der Befreiung könnte ein Machtkampf entbrennen, und Mossul könnte noch lange eine sehr unruhige Stadt bleiben.

Was die christlichen Siedlungen in der Ninive-Ebene betrifft: Sie müssten erst wieder aufgebaut werden. Zahlreiche Kirchen sind schwer beschädigt, viele Wohnhäuser wurden geplündert und niedergebrannt. Die meisten Flüchtlinge haben aber kein Geld für den Wiederaufbau, ihre Ersparnisse sind längst aufgebraucht.

Der Ort Batnaya bei Mossul wurde stark zerstört. Im Hintergrund ragt der Kirchturm aus den Trümmern.

Der Ort Batnaya bei Mossul wurde stark zerstört. Im Hintergrund ragt der Kirchturm aus den Trümmern.

Islamistische Gewalt gegenüber religiösen Minderheiten beobachten wir auch in Teilen Afrikas, vor allem in Nigeria. Wie ist die Lage dort?
Durch die Anschläge der Terrorgruppe Boko Haram sind in Nigeria seit dem Jahr 2009 mindestens 20 000 Menschen getötet worden, darunter Hunderte von Christen. Noch mehr wurden verletzt. Mindestens zwei Millionen Menschen sind auf der Flucht vor dem Terror. Boko Haram ist eine der gefährlichsten und brutalsten Extremistengruppen weltweit.

„Boko Haram ist besonders gefährlich und brutal”

Das nigerianische Militär geht inzwischen mit großer Härte gegen die Terrorsekte vor und hat sie aus vielen Städten und Dörfern erfolgreich vertrieben. Dennoch vermag die Islamisten-Miliz noch immer blutige Anschläge zu verüben, wie zuletzt am 9. Dezember in der Stadt Madagali im Nordosten Nigerias. Bei diesem Anschlag wurden mindestens 56 Menschen getötet.

Bischof Bruno Ateba Edo (Bistum Maroua-Mokolo/Kamerun) und Bischof Oliver Dashe Doeme aus Maiduguri/Nigeria besuchen ein Flüchtlingslager in Kamerun.

Bischof Bruno Ateba Edo (Bistum Maroua-Mokolo/Kamerun) und Bischof Oliver Dashe Doeme aus
Maiduguri/Nigeria besuchen ein Flüchtlingslager in Kamerun.

Ein Erfolg ist die Befreiung von 21 Mädchen aus Chibok aus der Hand von Boko Haram im Oktober. Mühsame Verhandlungen zwischen der Regierung und der Terrorgruppe waren der Freilassung vorausgegangen.

Im April 2014 hatten die Extremisten nachts eine Schule überfallen und 276 Mädchen verschleppt. Die meisten von ihnen waren Christinnen. Knapp 60 Mädchen gelang später die Flucht. Die anderen wurden zum Teil zwangsverheiratet, vergewaltigt oder zwangskonvertiert. Noch rund 200 Mädchen befinden sich in der Gewalt der Terrorgruppe.

Werfen wir noch einen Blick in den Mittleren Osten, nach Pakistan, das ebenfalls unter islamistischem Extremismus leidet. Wie geht es den Christen dort?
Beim Stichwort Pakistan denke ich sofort an die Christin Asia Bibi, die im November 2010 wegen angeblicher Blasphemie – sie soll sich abschätzig über den Propheten Mohammed geäußert haben – zum Tod durch Erhängen verurteilt worden ist.

Am Eingang zum Sankt-Franz-Xaver-Seminar in Lahore.

Am Eingang zum Sankt-Franz-Xaver-Priesterseminar in Lahore/Pakistan. Das Seminar hat schon mehrere Terrordrohungen erhalten. KIRCHE IN NOT unterstützt derzeit den Bau weiterer Sicherheitsvorkehrungen wie die Erhöhung einer Mauer und Errichtung von Stacheldraht.

Grundlage dafür sind die Blasphemie-Paragraphen im pakistanischen Strafgesetzbuch. Die Schändung des Korans wird mit lebenslanger Haft, abschätzige Bemerkungen über den Propheten Mohammed werden mit dem Tod durch den Strang bestraft.

Vage Anschuldigungen reichen oft schon aus, dass Verdächtige verhaftet werden. Oft sind es Angehörige religiöser Minderheiten wie Christen, Hindus oder Ahmadis, denen Blasphemie vorgeworfen wird.

Wir haben bislang ausschließlich über islamistischen Extremismus gesprochen. Von welcher Seite wird sonst noch die Religionsfreiheit eingeschränkt?

Ein chinesischer Mann beim Gebet.

Ein chinesischer Mann beim Gebet.

Hier ist die Volksrepublik China zu nennen, wo 70 bis 80 Millionen Christen leben. Das kommunistische Regime hat seinen Druck auf die Religionsgemeinschaften im Land deutlich erhöht.

Im April 2016 trat eine Arbeitskonferenz der Kommunistischen Partei zu Religionsfragen unter der Leitung von Parteichef und Staatspräsident Xi Jinping zusammen.

Dort wurden neue Richtlinien für die Religionspolitik des Landes beschlossen. Die Religionsgemeinschaften sollen in Zukunft noch stärker kontrolliert und gesteuert werden.

Xi Jinping rief die Religionsgemeinschaften dazu auf, sich den Anweisungen der atheistischen Kommunistischen Partei zu unterwerfen. Er betonte die Notwendigkeit der Sinisierung, also der Anpassung der Religionen an den Sozialismus und die chinesische Kultur.

Stärkere Kontrollen von Religionsgemeinschaften in China

Eine unkontrollierbare Einflussnahme auf die Religionsgemeinschaften aus dem Ausland, etwa vom Papst in Rom, müsse unbedingt verhindert werden.

Mitglieder der Partei wurden ermahnt, auf keinen Fall einer Religion anzuhängen. Auf der Grundlage dieser Beschlüsse dürften die staatlichen Repressionen gegenüber Religionsgemeinschaften weiter zunehmen.

Helfen Sie den Christen im Nahen Osten

Kinder aus Syrien sagen Danke.

Ihre Hilfe kommt an. Kinder aus Syrien sagen Danke.

KIRCHE IN NOT ruft in der Advents- und Weihnachtszeit dazu auf, den leidendenden christlichen Minderheiten in Syrien, im Irak und Libanon beizustehen, damit sie in ihrer Heimat bleiben können.

Auf www.christen-im-nahen-osten.de informieren wir Sie, wie es den Christen in Syrien und im Irak geht, stellen gelungene Projekte vor und laden zum Gebet und zu Ihrer Spende ein.

Um weiterhin helfen zu können, bittet KIRCHE IN NOT um Spenden – online oder auf folgendes Konto:
Empfänger: KIRCHE IN NOT
LIGA Bank München

IBAN: DE63 7509 0300 0002 1520 02
BIC: GENODEF1M05

Verwendungszweck: Naher Osten

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21.Dez 2016 10:48 · aktualisiert: 21.Dez 2016 10:49
KIN / S. Stein