Hilfe für ein Leben in Würde

Rückblick auf das Pater-Werenfried-Jahresgedenken in Köln

Baschar Warda, chaldäischer Erzbischof von Erbil/Irak.

Baschar Warda, chaldäischer Erzbischof von Erbil/Irak.

„Die christlichen Flüchtlinge im Irak haben kein Vertrauen in die Zukunft, weil die Regierung nichts für sie getan hat. Die Kirche dagegen hilft den Christen, damit sie im Land bleiben und ein Leben in Würde führen können.“

Dies betonte der chaldäische Erzbischof Bashar Warda aus dem nordirakischen Erbil bei einer Veranstaltung von KIRCHE IN NOT am Samstag in Köln. Das Hilfswerk erinnerte dabei an den 14. Todestag seines Gründers Pater Werenfried van Straaten.

Warda führte aus, dass laut einer aktuelle Umfrage zwar 50 Prozent der irakischen Binnenflüchtlinge zurück in ihre Heimat wollten, aber eine Rückkehr der Extremisten fürchteten. In den rückeroberten Ortschaften habe man in den Kirchen zahlreiche christenfeindliche Schmierereien gefunden. „Man kann den Hass gegenüber den Christen buchstäblich fühlen“, betonte der Erzbischof vor etwa 400 Zuhörern im Kölner Maternushaus.

Karin Maria Fenbert, Geschäftsführerin von KIRCHE IN NOT Deutschland, im Gespräch mit Erzbischof Baschar Warda (links: Übersetzer: Benedikt Henrichs).

Karin Maria Fenbert, Geschäftsführerin von KIRCHE IN NOT Deutschland, im Gespräch mit Erzbischof Baschar Warda (links: Übersetzer: Benedikt Henrichs).

Warda berichtete auch von den enormen Anstrengungen, die seine Diözese in den vergangenen Jahren unternommen hat: Nach der Eroberung der Stadt Mossul und der Ninive-Ebene durch den „Islamischen Staat“ (IS) im August 2014 mussten tausende Christen nach Erbil, der Hauptstadt des kurdischen Teiles des Irak, fliehen. An einem einzigen Tag seien innerhalb von zwei Stunden 750 Familien in seinem Bischofshaus in Erbil angekommen.

In den folgenden Wochen musste das Erzbistum 26 Lager für Flüchtlinge errichten. Priester, Ordensschwestern und insbesondere junge Menschen engagierten sich. „Innerhalb von zwei Monaten konnte eine Datenbank erstellt werden, so dass wir nach kurzer Zeit wussten, wer bei uns ist“, sagte der Erzbischof. Von den 1,2 Millionen Christen zu Anfang des Jahrtausends seien heute nur noch etwa 300 000 im Irak verblieben.

Flüchtlinge in der St.-Josef-Kirche in Ankawa, Erbil. Viele von ihnen haben alles zurücklassen müssen, als sie vor den IS-Kämpfern fliehen mussten.

Flüchtlinge in der St.-Josef-Kirche in Ankawa, Erbil. Viele von ihnen haben alles zurücklassen müssen, als sie vor den IS-Kämpfern fliehen mussten.

„KIRCHE IN NOT macht es möglich, dass wir überhaupt noch über Christen im Irak sprechen können“, sagte Warda. Knapp die Hälfte der Hilfsgelder für das Erzbistum Erbil stammen von den Wohltätern des Hilfswerks. Auch acht Schulen konnten so errichtet werden. Alle Flüchtlingskinder besuchten nun eine Schule; jeden Freitag gebe es Katechismusunterricht, sagte Warda.

Da viele Muslime die hohe Qualität von Bildung und Erziehung in den christlichen Schulen schätzen, liege der Anteil der Muslime in den Schulen bei 40 Prozent. Trotz der Unsicherheit und der leidvollen Erfahrungen seien die Christen im Irak dankbar, dass sie am Leben seien. Die Hilfe aus dem Ausland zeige ihnen, dass sie nicht vergessen sind.

KIRCHE IN NOT ließ im Irak Schulen in Containern errichten, wie zum Beispiel hier in Ankawa bei Erbil. So können Flüchtlingskinder wieder die Schule besuchen.

KIRCHE IN NOT ließ im Irak Schulen in Containern errichten, damit Flüchtlingskinder wieder die Schule besuchen können.

Von dieser Dankbarkeit berichtete auch die Geschäftsführerin von KIRCHE IN NOT Deutschland, Karin Maria Fenbert. Sie war vor wenigen Wochen im syrischen Aleppo und schilderte ihre Eindrücke. „Der Ostteil der Stadt ist eine Trümmerwüste, während im Westteil fast schon wieder normales Leben herrscht.“

Dennoch sei die Not der Bevölkerung enorm; viele seien um Haaresbreite den IS-Schergen entkommen. Sie habe viele Bischöfe, Priester und Ordensleute getroffen, die Enormes leisteten. KIRCHE IN NOT helfe mit Nahrungsmittelpaketen, Medikamenten- und Kleiderspenden, finanziere Wohnraum für Familien oder unterstütze Projekte zur Stromversorgung. „In Syrien wie im Irak werden auch in Zukunft besondere Schwerpunkte unserer Arbeit liegen“, betonte Fenbert.

Not der Bevölkerung ist enorm

Ein weiteres Podiumsgespräch beschäftigte sich mit der Situation christlicher Flüchtlinge in Deutschland. „Geht und sucht Christen! Ladet sie zu Gottesdiensten ein! Zeigt ihnen, dass sie dazugehören!“, rief der Flüchtlingsseelsorger des Bistums Eichstätt, Archimandrit Dr. Andreas Thiermeyer, die vielen Ehrenamtlichen in der Flüchtlingshilfe auf.

Er war im Jahr 2014 einer der ersten Flüchtlingsseelsorger in einer deutschen Diözese. Thiermeyer versteht sich als „Anwalt der Flüchtlinge“, denn er hilft Strukturen für die Flüchtlingshilfe in Pfarreien und die Vernetzung untereinander aufzubauen. Mittlerweile sei hier viel geschehen, auch wenn die deutschen Diözesen noch sehr unterschiedlich aufgestellt seien, so Thiermeyer.

Podiumsgespräch über christliche Flüchtlinge in Deutschland mit Pfarrer Dr. Gottfried Martens, Archimandrit Dr. Andreas Thiermeyer, Bischof Anba Damian im Gespräch und Moderator Tobias Lehner.

Podiumsgespräch über christliche Flüchtlinge in Deutschland mit Pfarrer Dr. Gottfried Martens, Archimandrit Dr. Andreas Thiermeyer, Bischof Anba Damian im Gespräch und Moderator Tobias Lehner.

Auch Pfarrer Dr. Gottfried Martens von der evangelisch-lutherischen Dreieinigkeitsgemeinde Berlin-Steglitz wandte sich an die vielen ehrenamtlichen Helfer. Er appellierte, dass sie vor allem muslimischen Flüchtlingen klarmachen müssten, dass in Deutschland Religionsfreiheit herrsche und dass Männer und Frauen gleichberechtigt seien. „Diese Grundsätze sind bei uns einzufordern“, stellte Martens klar.

Seine Pfarrgemeinde ist zu einer Anlaufstelle für viele Flüchtlinge der Hauptstadt geworden; er hat mittlerweile rund 1000 muslimische Konvertiten auf dem Weg zur Taufe begleitet. „Das ist ein Wunder des Heiligen Geistes“, sagte Martens und hob hervor, wie sehr sich gerade viele Muslime von der Bilderwelt und der Liturgie des Christentums angesprochen fühlen.

„Wunder des Heiligen Geistes”

Bundesweite Aufmerksamkeit erregte Martens, als er auf die Attacken und Belästigungen von Muslimen in Flüchtlingsunterkünften aufmerksam machte.

„Ich habe erlebt, dass ein Flüchtling nach dem Gottesdienst mit einer Osterkerze zurück in der Unterkunft kam und daraufhin geschlagen wurde“, sagte Materns. Auch würden Christen von muslimischen Mitbewohnern mitunter daran gehindert, die Gemeinschaftsküche zu benutzen, da sie ihnen als unrein gelten.

Gruppenfoto mit dem Flüchtlingsseelsorger im Bistum Eichstätt, Archimandrit Dr. Andreas Thiermeyer (links) und Karin Maria Fenbert von KIRCHE IN NOT mit christlichen Flüchtlingen aus Eritrea und Pakistan.

Christliche Flüchtlinge aus Eritrea und Pakistan mit dem Flüchtlingsseelsorger im Bistum Eichstätt, Archimandrit Dr. Andreas Thiermayer (links) und der Geschäftsführerin von KIRCHE IN NOT Deutschland, Karin Maria Fenbert.

Auch Thiermeyer kennt aus seinem Wirkungsbereich ähnliche Erfahrungen. „Manche Flüchtlinge geben sich gar nicht als Christen zu erkennen, weil sie Angst haben.“ Sein Rat an Ehrenamtliche und Helfer sei es, Übergriffe sofort zur Anzeige zu bringen: „Wo Leib und Leben gefährdet sind, gibt es keine Political Correctness.“

Martens kritisierte auch die häufig ungenügend ausgebildeten Entscheider im Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, die einerseits kaum noch Erfahrungen mit christlichem Leben hierzulande hätten und sich andererseits auf zum Teil falsche Übersetzungen durch arabische Dolmetscher verlassen müssten.

Kritik am Bundesamt für Migration und Flüchtlinge

Trotz kirchlicher Bescheinigungen werden viele Christen wieder in den Iran und nach Afghanistan abgeschoben, wo sie aufgrund ihres Glaubens bedroht und verfolgt werden.

Dabei interessieren sich muslimische Flüchtlinge, die nach Deutschland gekommen sind, für den christlichen Glauben. Einige konvertieren sogar zum Christentum oder bitten um einen Segen. „Ich bekomme eine Gänsehaut, wenn ich das Kreuz für den Segen auf den Kopf einer verschleierten Frau lege“, gestand der koptisch-orthodoxe Generalbischof in Deutschland, Bischof Anba Damian.

Zu Beginn des Pater-Werenfried-Jahresgedenkens ist ein Gottesdienst im Kölner Dom gefeiert worden (Prälat Helmut Moll, Erzbischof Bashar Warda, Weihbischof Dominikus Schwaderlapp, Weihbischof em. Gerhard Pieschl, Archimandrit Andreas Thiermayer und Pater Hermann-Josef Hubka (v. l. n. r.).

Zu Beginn des Pater-Werenfried-Jahresgedenkens ist ein Gottesdienst im Kölner Dom gefeiert worden (Prälat Helmut Moll, Erzbischof Bashar Warda, Weihbischof Dominikus Schwaderlapp, Weihbischof em. Gerhard Pieschl, Archimandrit Andreas Thiermayer und Pater Hermann-Josef Hubka (v. l. n. r.).

Er betreut eine Flüchtlingsunterkunft in Borgentreich/Ostwestfalen, wo etwa 600 Flüchtlinge untergebracht sind. Auf dem ehemaligen Kasernengelände sind sie in verschiedenen Gebäuden getrennt untergebracht, zum Beispiel Familien oder Frauen und Kinder. Es sei ein „Vorzeigeobjekt auf Bundesebene“, sagte Bischof Anba Damian.

Er hob hervor, dass man bei der Betreuung von muslimischen Taufbewerbern mit Fingerspitzengefühl vorgehen müsse, um keine falschen Hoffnungen auf eine bessere Bleibeperspektive zu wecken. Gleichzeitig betonte er, dass muslimische Geistliche und Gelehrte stärker auf ihre Gläubigen einwirken müssten, was Gewaltfreiheit und Toleranz angeht.

„Vorzeigeobjekt auf Bundesebene“

Als Beispiel nannte er den Großscheich der Al-Azhar-Universität in Kairo, Mohammad al-Tayebb. „Was er bei seinen Auslandsbesuchen, beispielsweise in Berlin sagt, muss auch in Kairo gelten“, sagte Damian.

Dem Begegnungstag war ein Pontifikalamt im Kölner Dom vorausgegangen, das Weihbischof Dr. Dominikus Schwaderlapp zelebrierte. In seiner Predigt ging er auf den Gedenktag des heiligen Thomas von Aquin ein, der mutmaßlich in Köln die Priesterweihe empfangen hat. Liebe, Lehre und Leben hätten für den „doctor universalis“ zusammengehört.

Gleiches gelte auch vom Gründer von KIRCHE IN NOT, so der Weihbischof: „Pater Werenfried war ein Mensch, auf den das Wort des Apostels Paulus passt: ,Die Liebe Christi drängt uns.´ Und diese Liebe hat ihn mit Leidenschaft auch zur Liebe zu den Mitmenschen geführt – auch zu jenen, die vorher Feinde waren.“

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31.Jan 2017 14:08 · aktualisiert: 1.Feb 2017 14:06
KIN / S. Stein