„Im Irak droht ein neuer Konflikt”

Karin Maria Fenbert über die aktuelle Lage der Christen im Nahen Osten

Karin Maria Fenbert, Geschäftsführerin von KIRCHE IN NOT Deutschland.

Karin Maria Fenbert, Geschäftsführerin von KIRCHE IN NOT Deutschland.

Die Geschäftsführerin von KIRCHE IN NOT Deutschland, Karin Maria Fenbert, hat die syrische Stadt Aleppo und den Norden des Irak besucht. Unser Hilfswerk unterstützt dort den Wiederaufbau christlicher Dörfer in der Ninive-Ebene.

Vor allem in Aleppo, aber auch im Irak kommen Christen zurück. Das Leben blüht langsam wieder auf, Häuser und Straßen werden aufgebaut.

Dennoch schwelen weiterhin Konflikte – im Nordirak könnte sich sogar ein neuer auftun: Das Unabhängigkeitsreferendum der Autonomen Region Kurdistan am 25. September könnte die Christen der Region erneut in Bedrängnis bringen.

Die Fragen stellte Claudia Zeisel.

CLAUDIA ZEISEL: Frau Fenbert, Sie haben den Nordirak und Aleppo besucht. In der syrischen Metropole ruhen die Waffen weitestgehend, die Zerstörung ist aber noch da. Wie war ihr Eindruck?
KARIN MARIA FENBERT: Dass die Waffen ruhen, kann ich so nicht bestätigen. Rund einen Kilometer vor Aleppo gibt es Bombardements. Aber in Aleppo selbst ist es relativ friedlich.

Ich war bereits im Januar, kurz nach der Waffenruhe, einmal da. Seither ist das Leben auf den Straßen noch einmal deutlich aufgeblüht. Als Außenstehende hatte ich den Eindruck, die Menschen lebten weiter, als wäre nichts gewesen.

Einfahrt in die Stadt Karakosch.

Einfahrt in die Stadt Karakosch/Irak.

Auf der Fahrt nach Aleppo konnte man sehen, dass mit Hochdruck am Wiederaufbau der Stromnetze gearbeitet wird. Denn in Aleppo hat man bestenfalls eine Stunde Strom pro Tag über das öffentliche Netz.

Auffallend war auch, dass einige wichtige Straßen in der Stadt einen neuen Belag bekommen haben. Man sieht auch an verschiedenen Stellen, wie die Menschen versuchen, ihre Häuser wieder bewohnbar zu machen, sofern es die Statik erlaubt. Im Osten der Stadt wiederum sind die Häuser so zerstört, dass sie wohl größtenteils abgerissen werden müssen.

Wie versuchen Sie mit KIRCHE IN NOT den Menschen zu helfen?

Karin Maria Fenbert, Schwester Annie Demerjian, ehrenamtliche Mitarbeiterin in Aleppo.

Karin Maria Fenbert, Schwester Annie Demerjian und eine ehrenamtliche Mitarbeiterin in Aleppo.

Wir helfen nach wie vor mit Lebensmitteln, Mietzahlungen, Unterstützung für Medikamente und Stipendien. Zudem haben wir ein Projekt laufen, das den Menschen eine Grundversorgung mit Strom sichert, sodass sie wenigstens zwei Ampere am Tag über Generatoren erhalten.

Einige Christen kehren bereits nach Aleppo zurück. Uns wurde berichtet, dass es in der ersten Hälfte des vergangenen Jahres nur noch 19 000 Christen in der Stadt gegeben haben soll. Inzwischen seien es wieder 35 000.

Das ist ein sehr schönes Zeichen. Aber wenn die Christen langfristig nicht das Nötigste für ihre Existenz haben, werden sie wieder gehen.

Deshalb arbeiten wir an einem „Welcome-back-Programm”. Wir hatten dazu Gespräche mit fünf Bischöfen und Ordensleuten. Wir wollen versuchen, einheitliche Stipendien zu schaffen, damit die Menschen wieder Schulen und Universitäten besuchen können. Die Universität in Aleppo ist ja noch in Betrieb.

Universität von Aleppo geöffnet

Das Problem für junge Männer ist aber, dass sie auf der Universität gleich eingezogen werden können für den Militärdienst. Deshalb bleiben einige ihr nun fern. Aber jenen, die auf die Universität gehen können, müssen die Mittel zur Verfügung gestellt werden. Daran arbeiten wir.

Straßenleben in Telskuf.

Straßenleben in Telskuf.

Wie war die Stimmung unter den verschiedenen Bischöfen des Landes?
Die Konfessionen waren jahrhundertelang getrennt. Es ist deshalb schon mal ein großer Erfolg, dass die Bischöfe sich überhaupt an einen Tisch setzen. Die Notlage macht dies notwendig. Unter ihnen ist die Stimmung positiv, vorwärtsgewandt, auch wenn man weiß, dass die Probleme in Syrien noch lange nicht gelöst sind.

Panzer an Kontrollpunkten

Die Situation ist weiter angespannt: Auf den letzten 40, 50 Kilometern vor Aleppo sahen wir Helikopter der Regierung. Das bedeutete, dass die Rebellen nicht weit weg waren.

Bei manchen Kontrollpunkten konnte man Panzer stehen sehen. Zudem haben wir einen kleinen Zug gesehen – wiederum vom russischen Militär. Die Panzer an den Checkpoints und die kleinen russischen Einheiten habe ich bei meinem ersten Besuch im Januar nicht gesehen.

Diese Familie ist zurückgekehrt und lebt in einem durch KIRCHE IN NOT renoviertem Haus in Karakosch.

Diese Familie ist zurückgekehrt und lebt in einem durch KIRCHE IN NOT renoviertem Haus in Karakosch.

Sie haben auch mehrere Orte im Nordirak besucht. Dort unterstützt KIRCHE IN NOT unter anderem ein Wiederaufbauprogramm für christliche Dörfer. Wie war Ihr Eindruck von den Arbeiten?
In Karakosch werden zurzeit rund 300 Häuser mit der Unterstützung von KIRCHE IN NOT wiederaufgebaut. 244 sind schon fertig, weitere 84 Häuser werden in den nächsten zehn Tagen fertig.

In einem der frisch renovierten Häuser wohnt jetzt eine siebenköpfige Familie, deren Mitglieder vorher als Flüchtlinge mit mehreren Familien auf engstem Raum gehaust hatten. Die Familie hat nun zwei Monate zur Säuberung und Renovierung gebraucht.

Auf engstem Raum gehaust

Sie mussten neue Fenster einsetzen, neue Schlösser, Wärmedämmung, Sanitäranlagen, den Fußboden schrubben, neue Möbel beschaffen, da alles geklaut wurde. Nach Angaben der Kirche in Karakosch kehren pro Tag im Schnitt fünf Familien zurück, bislang sind rund 1000 Familien wieder da.

Straßenbauarbeiten in Telskuf bei 50 Grad.

Straßenbauarbeiten in Telskuf bei 50 Grad.

Ich war auch in Telskuf, wo die Wiederaufbauarbeiten am weitesten fortgeschritten sind. Dort hat es trotz starker Hitze mit bis zu 50 Grad Straßenarbeiten gegeben, Bürgersteige wurden gebaut, Läden renoviert. Es wurde gespachtelt und gemalt.

Wir waren auch in der Sankt-Georg-Kirche vor Ort in Telskuf, wo die Menschen beim Wiederaufbau halfen. Ich habe in diesem Ort junge Leute zwischen 17 und 30 Jahren getroffen, die bis zu zwölf Stunden am Tag ehrenamtlich arbeiten.

„Fleiß und Wille zum Wiederaufbau sind enorm”

Sie sind froh, dass sie nach Monaten, gar Jahren in Flüchtlingscamps und Notunterkünften nun wieder eine Aufgabe haben. Der Fleiß und Wille zum Wiederaufbau dieser Leute sind enorm. Allerdings zeichnet sich ein neuer Konflikt ab: Am 25. September ist das Unabhängigkeitsreferendum der Kurden.

Renovierung der St.-Georg-Kirche in Telskuf.

Renovierung der St.-Georg-Kirche in Telskuf.

Was ist da in Ihren Augen die Gefahr?
Die Christen sind uns gegenüber bei diesem Thema sehr zurückhaltend, denn sie stehen zwischen allen Fronten. Wenn das Referendum mit „Nein” zur Unabhängigkeit Kurdistans ausgeht, könnten die Kurden den Christen unterstellen, dass sie mit Nein gestimmt haben und ihnen Schwierigkeiten machen.

Referendum über Unabhängigkeit

Sollte das Referendum mit „Ja” ausgehen, würde die Türkei sicher nicht zuschauen, dass vor ihrer Haustür ein Unabhängigkeitsgebiet der Kurden entsteht.

Das Einzige, was mich hoffnungsvoll stimmt, ist, dass der 25. September der Tag des heiligen Nikolaus von der Flüe ist, der für den Frieden steht. Auf seine Fürsprache hoffe ich, damit es eine friedliche Lösung gibt und sich dort kein neuer Konfliktherd auftut.

weltkirche.katholisch.de

Helfen Sie den Christen im Irak

Habib Youssif Mansour aus Karamles.

Habib Youssif Mansour aus Karamles.

KIRCHE IN NOT unterstützt den Wiederaufbau in neun christlichen Dörfern der irakischen Ninive-Ebene. Dort sind rund 13 000 Gebäude beschädigt oder komplett zerstört. Die Gesamtkosten für den Wiederaufbau betragen rund 250 Millionen US-Dollar.

KIRCHE IN NOT hat ein Wiederaufbau-Komitee ins Leben gerufen, in dem die syrisch-katholische, die chaldäisch-katholische und die syrisch-orthodoxe Kirche vertreten sind. Aktuellen Angaben des Komitees zufolge sind bereits mehr als 1200 Familien in die Ninive-Ebene zurückgekehrt, über 400 Häuser sind wieder instand gesetzt.

Rund 90 000 Christen halten sich nach wie vor als Binnenflüchtlinge rund um die kurdische Hauptstadt Erbil im Nordirak auf. KIRCHE IN NOT unterstützt die Menschen dort mit Lebensmittel- und Medikamentenspendenhilft bei der Anmietung von Wohnraum und hat acht Schulen für Flüchtlingskinder errichtet.

Hier können Sie spenden

Um das Überleben der christlichen Minderheit in einer der Ursprungsregionen des Christentums zu erhalten, bitten wir um Spenden  – entweder online oder auf folgendes Konto:
Empfänger: KIRCHE IN NOT
LIGA Bank München

IBAN: DE63 7509 0300 0002 1520 02
BIC: GENODEF1M05

Verwendungszweck: Naher Osten

Weitere Informationen zum Wiederaufbauprogramm der christlichen Kirchen im Irak unter dem Vorsitz von KIRCHE IN NOT finden sich auf der englischsprachigen Website: www.nrciraq.org.

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17.Aug 2017 15:13 · aktualisiert: 22.Aug 2017 08:05
KIN / S. Stein