Schon vor der Taufe im Leid geprüft

Ein zum Christentum konvertierter Muslim aus Afrika hilft Flüchtlingen in Brasilien

Moussa Daibate engagiert sich in der Flüchtlingshilfe in Brasilien (Foto: KIRCHE IN NOT/Guilherme Silva).

Moussa Diabate engagiert sich in der Flüchtlingshilfe in Brasilien (Foto: KIRCHE IN NOT/Guilherme Silva).

Wieder kommt ein christlicher Flüchtling in Brasilien an. Die Caritas nimmt ihn auf, doch es gibt niemanden, der seine Sprache spricht.

Jetzt sind die Fähigkeiten von Moussa Diabate gefragt. Der etwa vierzigjährige Mann spricht 17 Sprachen, einschließlich einiger afrikanischer Dialekte. Er hilft als Freiwilliger in der Flüchtlingsarbeit in Brasilien.

Doch es war nicht immer so, dass Moussa sich in einer christlichen Organisation engagiert oder Christen geholfen hat. Ursprünglich wollte er Christen töten.

Anfang der 1990er-Jahre, als Moussa Diabate 16 Jahre alt war, hieß er noch Mohammed. Er war der Älteste von 19 Kindern und Mitglied der Tuareg, einem Nomadenvolk in Mali in der Sahara. Seine Familie waren radikale Sunniten. Moussa studierte in der Hauptstadt Bamako. Eines Tages hörte er von einem muslimischen Studenten, der sich zum Christentum bekehrt hatte.

Gruppenbild vor der Christusstatue oberhalb von Rio de Janeiro mit Moussa Diabate (4. v.on links) und Orani Joao Kardinal Tempesta (5. von links), dem Erzbischof von Rio de Janeiro. Beide waren Gäste auf einer Veranstaltung des brasilianischen Büros von KIRCHE IN NOT.

Gruppenbild vor der Christusstatue oberhalb von Rio de Janeiro mit Moussa Diabate (4. v.on links) und Orani Joao Kardinal Tempesta (5. von links), dem Erzbischof von Rio de Janeiro. Beide waren Gäste auf einer Veranstaltung des brasilianischen Büros von KIRCHE IN NOT.

Dieser Student konvertierte, als er an Tuberkulose erkrankt war und von seiner Familie in der Wüste zurückgelassen wurde. Katholische Ordensschwestern, die als Krankenschwestern in dieser Region tätig waren, fanden ihn und sorgten für ihn. Als er herausfand, dass sie ihre Fürsorge freiwillig und umsonst weitergaben, entschied er sich, dem gleichen Gott zu folgen wie sie, und konvertierte.

„Ich hätte ihn töten müssen”

Als er von der Bekehrung seines Mitstudenten hörte, wollte Moussa ihm ebenfalls helfen. Aber nach Moussas Ideologie hätte er ihm nur helfen können, indem er ihn tötet.

„Nachdem er konvertiert war, hätte ich ihn töten müssen, um seine Seele zu retten. Auf diese Weise hätte ich auch meine Seele retten können – auch aus der Sicht seiner Familie, die ihn seit seiner Bekehrung tot sehen wollte. Und so ging ich ins Krankenhaus, wo er behandelt wurde.“

Moussa Diabate im Interview.

Moussa Diabate im Interview.

Als sie sich dort trafen, sagte der junge Mann zu Moussa: „Ich weiß, warum du hier bist. Aber bevor du es tust, möchte ich dir etwas sagen: Jesus liebt dich.“ Diese drei Worte verwirrten Moussa so sehr, dass er nicht mehr den Mut hatte, mit der mitgebrachten Waffe auf ihn zu schießen. Er ging fort und dachte lange über diese drei Worte nach: Jesus liebt dich.

„Jesus liebt dich”

Moussa war verwirrt, weil er nicht wusste, was mit ihm geschah. Aber er veränderte sich tatsächlich. Bald schon wollte er auch Christ werden. Er meinte, dass seine Familie ihn verstehen würde. Er sprach deshalb mit seinem Onkel, bei dem er wohnte, wenn er in der Hauptstadt war.

Dieser riet ihm, sich mit seiner Familie in der Wüste zu treffen. Moussa hätte niemals gedacht, dass sein Onkel bereits einen Boten zu seiner Familie geschickt hatte, der sie über die Bekehrung vorab informierte.

Gläubige einer Pfarrei vor einer Kirche in Mali.

Gläubige einer Pfarrei vor einer Kirche in Mali.

Es war an einem Dienstag, als Moussa bei seiner Familie in der Wüste ankam. Sie fragten ihn, ob er tatsächlich zum Christentum übertreten wolle. Als er es ihnen bestätigte, nahmen sie ihn, zogen ihm seine Kleidung aus, peitschten ihn aus und zerrten ihn durch das Zeltlager. Man kann noch heute die Narben dieser Tortur sehen.

Moussa hatte sich gerade erst bekehrt und war noch nicht einmal getauft, als sein Glauben schon auf die Probe gestellt wurde. Er erfuhr Leid, das dem Leiden Christi ähnlich war, und wurde von denen gequält, die er lieben wollte.

Von der eigenen Familie gefoltert

Er wurde an einen Baum gefesselt, und ihm wurde ein Ultimatum gestellt: Wenn er nicht bis Freitag zum Islam zurückkehre, werde er getötet. Am Donnerstagabend kam einer seiner Verwandten zu ihm und nahm ihm die Fesseln ab, ohne dass es jemand aus der Familie bemerkte. Das war das letzte Familienmitglied, das er sah.

Moussa nahm seine Kleidung und floh in die Hauptstadt. Als er dort ankam, ging er zur Hochschule und schlief draußen auf den Bänken.

Ein Projekt von KIRCHE IN NOT in Mali: ein Motorrad für die Arbeit der Ordensschwestern.

Ein Projekt von KIRCHE IN NOT in Mali: ein Motorrad für die Arbeit der Ordensschwestern.

Nach einigen Tagen an der Hochschule kam jemand mit einer Karte, um ihn in die Schweizerische Botschaft einzuladen. Perplex lehnte er ab. Zwei Tage später wurde er wieder von der Botschaft angesprochen. Diesmal war es ein Motorradfahrer, der ihn suchte.

Er sagte zu ihm: „Ihr Onkel will Sie töten. Sie brauchen politisches Asyl.“  Bis heute weiß Moussa nicht, wie sie von seiner Geschichte erfahren haben. Vielleicht war sein Onkel bereits an der Hochschule gewesen und hatte gedroht, ihn zu töten. Aber Moussa schreibt es dem Heiligen Geist zu, der ihn schon zu diesem Zeitpunkt lenkte und beschützte.

Neuer Name, neues Geburtsdatum

Nach der Ankunft in der Schweizerischen Botschaft bekam er einen neuen Namen und ein neues Geburtsdatum. Moussa Diabate war jetzt am 1. Januar geboren und nicht mehr am 15. Juli. Der Vorname Moussa bedeutet ungefähr Botschafter des Friedens oder der Versöhnung.

Zu dieser Zeit lernte er KIRCHE IN NOT durch französischsprachiges religiöses Material kennen, das er in der Botschaft erhalten hatte.

Esel mit einem Karren. Katecheten einer Pfarrei in Mali hatten KIRCHE IN NOT um genau diese Unterstützung gebeten - und unser Hilfswerk hat hier geholfen.

Esel mit einem Karren. Katecheten einer Pfarrei in Mali hatten KIRCHE IN NOT um genau diese Unterstützung gebeten – und unser Hilfswerk hat hier geholfen.

Moussa wurde in die Schweiz geschickt. Er kannte seine Wohltäter, die ihm die ganze Zeit über geholfen hatten, immer noch nicht. Es waren Menschen, die es vorzogen, Flüchtlingen anonym zu helfen. Moussa erlangte eine Qualifikation als Lehrer und ließ sich taufen.

Anonyme Hilfe aus der Schweiz

Er wollte nach Mali zurückkehren, um dort zu arbeiten – natürlich in einer Region, die weit weg von seiner Familie in der Nähe der mauretanischen Grenze gelegen war. Er trat seinen ersten Job als Lehrer an.

Mit einer traditionellen Geste seines Volkes wollte er Frieden mit seiner Familie zu schließen: Er schickte seiner Mutter sein gesamtes erstes Gehalt, um ihr dafür zu danken, dass sie ihn durch seine Kindheit begleitet hatte.

Pfarrer mit Pfarreiangehörigen vor einem Auto, das durch Wohltäter von KIRCHE IN NOT ermöglicht wurde.

Pfarrer mit Angehörigen einer Pfarrei aus Mali vor einem Auto, das durch Wohltäter von KIRCHE IN NOT ermöglicht wurde.

Moussa schickte ihr das Geld in einem Briefumschlag. Er erhielt später die Antwort seiner Mutter, die ihm mitteilte, dass sie ihn lieber tot sehen würde als als Christ. Auch das Geld wurde ihm zurückgeschickt. So begann er, mit seinem Gehalt bedürftigen Kindern zu helfen, was er bis heute tut.

Von Mali nach Brasilien

Im Jahr 2012 verließen angesichts der Ausbreitung des radikalen Islam in Mali viele ausländische Botschaften das Land, auch Moussa. Er ging in den Senegal und vom Senegal weiter nach Brasilien. Seitdem engagiert er sich als Freiwilliger für die Caritas. Er empfängt Flüchtlinge, die in dem Land angekommen sind.

Moussa gründete eine Nichtregierungsorganisation, die Flüchtlinge willkommen heißt, für sie übersetzt, sie im Portugiesischen unterrichtet, ihnen beibringt, wie man in Brasilien zurechtkommt, sich ernährt und vieles Weitere mehr.

Blick auf Rio de Janeiro mit Christusstatue und dem Zuckerhut im Hintergrund.

Blick auf Rio de Janeiro mit Christusstatue und dem Zuckerhut im Hintergrund.

„Wir müssen den Flüchtlingen die notwendige Ausbildung zukommen lassen, damit sie bei der Rückkehr in ihre Länder, wenn dort wieder Frieden herrscht, die notwendigen Fertigkeiten besitzen, ihr Leben wieder aufzubauen“, sagt er.

Moussa wurde als Katholik getauft, aber er gibt zu, dass er es anfangs befremdlich fand, dass es innerhalb des Christentums so viel Uneinigkeit gab. „Wir werden als Christen verfolgt, und nicht deswegen, weil katholisch oder evangelisch sind“, betont er. „Wir helfen auch Muslimen. Das ist für mich so, als würde ich für meine eigenen Eltern sorgen. Meine Liebe zu anderen Menschen ist größer als die Differenzen zwischen uns.”

Helfen Sie der Kirche weltweit

KIRCHE IN NOT hilft in über 140 Ländern weltweit. Wir helfen dort, wo die Kirche unterdrückt, bedrängt und verfolgt wird oder zu wenig Geld für die Seelsorge da ist. Spenden sind online möglich oder auf folgendes Konto:
Empfänger: KIRCHE IN NOT
LIGA Bank München

IBAN: DE63 7509 0300 0002 1520 02
BIC: GENODEF1M05

Spenden per PayPal:


Spenden per Sofortüberweisung:

KIN / S. Stein