Stärker als Kommunismus und Krieg

Eine Ordensfrau in Bosnien und Herzegowina im Dienst der Kranken

Schwester Marjia Bešker.

Schwester Marjia Bešker.

„Sie ist stärker als Tito“, ruft ein Arzt lachend über den Gang der Unfallchirurgie der Universitätsklinik von Sarajewo. Und die angesprochene Ordensschwester Marija Bešker, 61 Jahre alt, gibt zurück: „Natürlich. Der Staatspräsident ist lange tot. Und ich bin Gott sei Dank ziemlich lebendig.“ In dem Jahr, als der kommunistische Diktator Tito starb, 1980, legte sie ihre ewigen Gelübde bei den „Franziskanerinnen von Christus dem König“ ab. Ihr „erster Beruf“, wie sie sagt: Ihr Leben Gott zu weihen.

Nicht selbstverständlich in einem System, in dem Christen wegen ihres Bekenntnisses inhaftiert und getötet wurden. In ihrer Großfamilie – Schwester Marija wuchs mit 13 Geschwistern auf – stand die Treue zum Glauben außer Frage. Und die Verwandten erkannten schnell: Das quirlige Kind könnte ihre Durchsetzungskraft auch gut in den Dienst Gottes stellen. „Meine Tante war bereits Ordensschwester. Als ich klein war, meinte mein Onkel zu mir, ich könnte einmal ihre Oberin werden“, erzählt Schwester Marija und schmunzelt. Aus erster Ablehnung wurde umso entschiedenere Zustimmung: Schon mit 14 Jahren begab sie sich in die Obhut der Franziskanerinnen, trat wenig später ein. Das war in Mostar, in der Herzegowina. In den neunziger Jahren wurde die Stadt mit ihrem Wahrzeichen, der steil zulaufenden „Alten Brücke“, zum Symbol des Krieges und Mordens zwischen den Volksgruppen des zerfallenen Jugoslawiens, zwischen Christen und Muslimen.

Die „Realität des Bösen“ ausgehalten

Den Krieg erlebte Schwester Marija jedoch bereits dort, wo sie ihren „zweiten Beruf“ gefunden hat: Im Klinikum von Sarajewo, wo sie als Krankenschwester, Seelsorgerin, Organisationstalent und „Frau für alles“ seit Mitte der achtziger Jahre arbeitet. Dabei war das Engagement des Ordens im Krankenhaus aus der politischen Not geboren: Die Franziskanerinnen von Christus dem König – das weltweite päpstliche Hilfswerk „Kirche in Not“ unterstützt sie seit langem – widmeten sich ursprünglich der Sorge für Waisenkinder. Doch das kommunistische Regime ließ es nicht zu, dass die Schwestern Waisenhäuser, Kindergärten oder gar Schulen betrieben. So musste auch Schwester Marija einen anderen Beruf erlernen und wurde Krankenpflegerin. Eine Entscheidung, die sie nie bereut hat – nicht einmal im Bosnienkrieg.

Schwester Marija im Einsatz am Eingang der Universitätsklinik in Sarajewo.

Schwester Marija im Einsatz am Eingang der Universitätsklinik in Sarajewo.

Sie hatte sich bewusst entschieden, auch im Feuerbeschuss mit unzähligen Toten, Schwerverwundeten und Traumatisierten in Sarajewo zu bleiben. „Es galt, die Realität des Bösen auszuhalten“, erinnert sie sich. Die Erinnerungen an die Kriegsjahre wirken nach – nicht nur geistig. Noch heute besucht Schwester Marija nach Dienstschluss Patienten von damals, die es bis heute schwer haben, weil die Kriegstraumata sie nicht loslassen, die nicht arbeiten können oder durch Kriegsschäden schwerbehindert sind. Doch selbst in Kriegsschrecken sei eine positive Erinnerung haften geblieben, so Schwester Marija: „Auch in den schlimmsten Kämpfen haben unsere Ärzte und das Pflegepersonal nie einen Unterscheid gemacht, wenn es um die Rettung eines Kroaten oder Serben, eines Christen oder eines Muslims ging.“

Selbstbewusstsein und Hoffnung trotz Unsicherheiten

Das Krankenhaus als Ort ohne soziale und religiöse Schranken: Dieses Beispiel kann der aus dem Krieg hervorgegangene Staat Bosnien und Herzegowina dringend brauchen. Denn Diskriminierung und wirtschaftliche wie soziale Ungleichheit sind nach wie vor an der Tagesordnung: Laut katholischem Erzbistum Vhrbosna mit Sitz in der Haupstadt Sarajewo verlassen jährlich bis zu 10 000 Katholiken das Land. Die meisten von ihnen sind Kroaten.

Schwester Marjia Bešker am Bett einer Patientin.

Schwester Marjia Bešker am Bett einer Patientin.

Grund ist neben der wirtschaftlichen Unsicherheit auch die religiöse Diskriminierung. Denn radikale islamische Strömungen im Land haben Zulauf – verstärkt durch Einflüsse aus dem Ausland. So hält der Exodus an, der im Bosnienkrieg begonnen hat. „Die fehlende Gleichberechtigung äußert sich politisch, administrativ und vor allem, wenn es um die Arbeitsplätze geht“, sagt Erzbischof Vinko Kardinal Puljić aus Sarajewo. „Es stellt sich die ernste Frage nach der Zukunft der katholischen Kirche in Bosnien und Herzegowina.“ Umso wichtiger sei es, dass die Kirche „Normalität vorlebe“, so Puljić. „So wollen wir den Menschen Selbstbewusstsein und Hoffnung für die Zukunft vermitteln.“

Kirche und Moschee in Sarajewo.

Kirche und Moschee in Sarajewo.

Selbstbewusstsein und Hoffnung: Das verkörpert Schwester Marija, wenn sie durch die Gänge der Unfallchirurgie wuselt, hier einen Verband wechselt, dort eine Infusion anlegt. Und vor allem: Sich in der Hektik des Klinikbetriebs Zeit nimmt – nicht nur für die Kranken, sondern auch für die Angehörigen. Das Sozialsystem im noch jungen Staat Bosnien und Herzegowina steht auf tönernen Füßen, viele Menschen haben eine geringe Rente, viele keine Krankenversicherung. Da ist es gut, wenn es Ratgeber und Vermittler zwischen Ärzten und Patienten gibt. Menschen wie Schwester Marija. „Es reicht nicht, die medizinische Ausbildung abgeschlossen zu haben“, ist sie überzeugt, „man muss die Sorge für die Kranken als eine Berufung begreifen“. Mittlerweile ist sie Oberschwester im Klinikum – auch das ist keine Selbstverständlichkeit. Der staatlich verordnete Atheismus wirkt im öffentlichen Sektor noch nach. Ihr habe es jedoch noch nie Probleme gemacht, dass sie einem katholischen Orden angehört, sagt Schwester Marija. „Alle Kollegen behandeln mich sehr respektvoll.“

Daran kann kein Zweifel bestehen, wenn man die umtriebige Ordensfrau betrachtet. Aber sie schreibt die kleinen und großen Erfolge ihrer Arbeit nicht allein ihrer Kompetenz zu, erzählt Schwester Marija lächelnd: „Wenn ich zu einem Arzt gehe und ihn um etwas bitte, dann bete ich still: ,Denk an mich barmherzige Mutter Gottes, dass er gut aufgelegt ist und mir den Gefallen tut.ʼ“

Schwestern der Kongregation der Franziskanerinnen von Christus dem König.

Schwestern der Kongregation der Franziskanerinnen von Christus dem König.

Das Gebet, persönlich wie gemeinschaftlich, sei ihre Kraftquelle – und die Arbeit im Klostergarten: „Wenn die Blumen darin aufblühen, dann spüre ich keine Müdigkeit“, bekennt Schwester Marija. Ihre zwei Berufe – Ordensfrau und Krankenschwester – seien für sie die Erfüllung ihres Lebens, trotz aller Schwierigkeiten, in denen ihr Land und die Katholiken darin leben. Sie strahlt aus, was sie sagt: „Je mehr der Mensch sich anderen widmet, desto zufriedener und glücklicher ist er.“ Und auch darin ist sie wohl stärker als Tito.

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13.Apr 2018 10:09 · aktualisiert: 13.Apr 2018 17:32
KIN / A. Blumberg