RUSSLAND

Aus dem Teufelskreis der Drogen

Einer der Bewohner des Zentrums mit Gans.

Einer der Bewohner des Zentrums mit Gans.

Es begann alles mit ein paar Einzelfällen. Immer wieder kamen junge Menschen mit einem Drogenproblem zu Vater Sergij Belkov zur Beichte. Nichts Neues für den ehemaligen Kriminalbeamten.

Aber als orthodoxem Priester war ihm auch klar, dass er hier nicht in erster Linie vor einem medizinischen oder soziologischen Problem steht, sondern vielmehr vor einer Krankheit der Seele. Dass der Weg der Drogen der falsche ist, erkennen die meisten sehr schnell.

„Wie lebendig im Grab“ fühle man sich, sagt der eine, „nicht mehr menschlich“, sagt der andere. Beides beschreibt ein und dasselbe Phänomen. Der Weg aus dem Teufelskreis der Drogen beginnt mit dieser Erkenntnis und dem Willen zur Umkehr.

Seit 1996 leitet Vater Sergij das Zentrum für Drogenabhängige in Sapjornoje, etwa 100 Kilometer von Sankt Petersburg in der fast unberührten Natur unweit der finnisch-karelischen Grenze. Jeden nimmt er auf wie der Vater den Verlorenen Sohn. Mitglieder seiner Gemeinde unterstützen ihn tatkräftig in seinem Anliegen.

Einer der ehemaligen Drogenabhängigen entzündet eine Kerze in der Kapelle des Zentrums.

Einer der ehemaligen Drogenabhängigen entzündet eine Kerze in der Kapelle des Zentrums.

Eine Helferin beschreibt, wie sehr sie immer wieder überrascht ist über den Wandel, der mit den jungen Männern zwischen 18 und 28 Jahren vor sich geht. „In den ersten Tagen sind sie immer aggressiv und mürrisch, schauen einen gar nicht an. Aber schon bald findet eine echte „Verklärung“ von innen statt – mit Gottes Hilfe und durch die Liebe und familiäre Wärme, die Vater Sergij, seine Matuschka, alle Helfer und Bewohner des Zentrums ausstrahlen.“

Strukturell ist das Zentrum wie eine natürliche gesunde Familie aufgebaut mit Vater Sergij als strengem, aber liebevollen Oberhaupt und seiner Frau als Mutter und Vorbild. Die älteren Zöglinge entsprechen den älteren Geschwistern, die die Jüngeren miterziehen. Nur einmal im Monat kann ein neues Familienmitglied aufgenommen werden, um das Gleichgewicht nicht zu gefährden.

Das Leben im Zentrum ist geprägt durch Gebet und Arbeit, Gehorsam und Einhalten der kirchlichen Fasten und nicht zufällig durch und durch am Klosterleben orientiert. Von Anfang an hat jeder seine Aufgaben. Es gibt Arbeit in der Landwirtschaft (Vieh-, Schweine- und Geflügelzucht, Gemüsegarten) und im Bauwesen. Verschiedene Berufe wie Schreiner, Zimmermann, Dachdecker, Maurer können hier erlernt werden. Gearbeitet wird zunächst mit einem Meister, dann immer selbstständiger.

In der Schreinerei des Zentrums.

In der Schreinerei des Zentrums.

Unzählige junge Menschen haben im Zentrum schon Hilfe gefunden, maximal 18 können gleichzeitig betreut werden. Bis zu einem Jahr, manchmal auch länger, können sie hier bleiben. An Wochenenden und Feiertagen nehmen die jungen Männer am Gemeindeleben teil und beschäftigen sich mit Glaubensfragen.

Sie lernen – oft zum ersten Mal in ihrem Leben – etwas über die Grundlagen ihres Glaubens sowie Eigenverantwortung für ihr Leben. Psychisch und physisch gestärkt und gefestigt können die jungen Männer dann zu ihren Familien zurückkehren und selbst eine eigene gründen.

Sapjornoje ist das erste orthodoxe Zentrum dieser Art in Russland gewesen. Der Erfolg von etwa 75 Prozent dauerhaft Geheilten gibt Vater Sergij und seinem Konzept Recht und findet im ganzen Land und darüber hinaus Anerkennung und Nachahmer. Auch das Zentrum in Sapjornoje wächst stetig.

Angelegt ist das Zentrum als Selbstversorgerbetrieb. Das gelingt auch sehr erfolgreich. Dennoch werden immer wieder größere Investitionen notwendig, die das Zentrum (noch) nicht selbst erwirtschaften kann.

Ehemalige Drogenabhängige in der Einrichtung bei Sankt Petersburg.

Ehemalige Drogenabhängige in der Einrichtung bei Sankt Petersburg.

KIRCHE IN NOT hat in den vergangenen Jahren geholfen: bei der Anschaffung von Küchenausstattung und Möbeln für die Erweiterung, bei der Einrichtung einer Schreinerwerkstatt, eines Badehauses und einer Waschküche; beim Bau eines Wohnhauses für Ausbilder und Helfer im Zentrum sowie bei der Renovierung der durch einen Brand teils zerstörten Holzkirche, die von den Bewohnern aus eigener Kraft und mit viel Liebe zum Detail erbaut worden war.

Vater Sergij bittet und nun erneut um unsere Unterstützung. Es geht um den Ausbau des bestehenden Komplexes in Sapjornoje: Es sollen ein Lagerraum, eine kleine Krankenstation und Viehställe gebaut werden sowie Reparaturarbeiten an vorhandenen Gebäuden vorgenommen werden.

KIRCHE IN NOT hat sich vor Ort von der hervorragenden Arbeit im Zentrum überzeugt und möchte mit 50.000 Euro zu den notwendigen Arbeiten beitragen.

KIN / S. Stein