Ein neuer Name

Wie Pater Werenfried zu seinem Spitznamen “Speckpater” kam

Pater Werenfried van Straaten wurde als der Speckpater bekannt.

Pater Werenfried van Straaten wurde als “Der Speckpater” bekannt.

Niemand wird je vergessen können, wo der Ursprung der Mildtätigkeit, mit der die Ostpriesterhilfe immer wieder bedacht wurde, eigentlich in den flämischen Bauernherzen lag. Sie spendeten das “Anfangskapital” unseres Werkes, als sie ohne Bedenken an der großen Speckschlacht von 1948 teilnahmen.

Nach meiner ersten persönlichen Begegnung mit der Not des geschlagenen Deutschland kam ich zutiefst erschüttert zurück in die Abtei, wo gerade für flämische Pfarrer Exerzitien gehalten wurden. Man lud mich zu einem Vortrag ein, und ich erzählte anderthalb Stunden lang über das, was ich gesehen und erlebt habe.

Danach ging ich mit meinem Hut herum – dem späteren berühmten Millionenhut – und kassierte meine erste Kollekte für die Not Leidenden. Eine Anzahl der anwesenden Priester bat mich sofort, in ihrer Pfarrei hierüber zu predigen. Eine dieser Einladungen betraf ein “Kaffeefest” des Bäuerinnenvereins. Der Verein feierte sein goldenes Jubiläum, und außer den Torten, Obstkuchen und Schinkenbroten, die von den feiernden Bauersfrauen verspeist werden sollten, brauchte man einen Festredner: dazu wurde ich ausersehen mit dem Auftrag, den wohlhabenden Bauernstand über die bittere Not, die anderswo erlitten wurde, aufzuklären.

An jenem Nachmittag muss ich ziemlich gut gesprochen haben. Hundertfünfzig dicke Bäuerinnen vergaßen die dampfenden Kaffeekannen und die turmhohen Kuchenstapel und weinten vor Erbarmen mit dem Schicksal der schwergeprüften ehemaligen Feinde. Als ich mein Trommelfeuer auf die empfänglichen Bauersfrauengemüter einstellte, blieben alle stumm. Auch der Pfarrer konnte kein Wort herausbringen, weil ihm dicke Tränen über Backen und Doppelkinn rollten.

Flämische Bäuerinnen spendeten nicht nur Geld, sondern auch Speck.

Flämische Bäuerinnen spendeten nicht nur Geld, sondern auch Speck.

Da niemand etwas sagte, erhob ich mich aufs neue und erklärte aufmunternd, dass jetzt eigentlich der Moment der Kollekte gekommen sei. Pfarrer und Bäuerinnen nickten einstimmig … Aber mir fiel plötzlich etwas Besseres ein. Ich schlug vor, jede der Anwesenden sollte ein nicht zu klein bemessenes Stück Speck aus dem Kamin holen und es in den nächsten Tagen im Pfarrhaus abliefern. Am Ende der Woche würde ich dann mit einem Auto den Speck abholen.

Alle waren einverstanden, und damit hatte die Speckschlacht begonnen. In dieser ersten Pfarrei bekam ich achtundzwanzig Zentner Speck. Ein Pfarrer erzählte es dem anderen weiter, und bald gab es keine Woche mehr, da ich nicht zwei- oder dreimal auf den Kaffeefesten der Bäuerinnen sprach.

Kreuz und quer durch das Land

Msgr. Cruysberghs, der Präsident des Bauernbundes, hörte sich meinen Vortrag an und schlug vor, die Aktion systematisch über das ganze Land auszudehnen. Er führte mich auf den Tagungen der Organisationsleiterinnen ein und unterstützte meinen Aufruf mit seiner Autorität und seinem rhetorischen Talent.

Dann begann der lange Zug in die Dörfer und Höfe Flanderns. Mit dem braven alten Vercammen, einem Freund der Abtei, ging es in einem klapprigen Peugeot kreuz und quer durch das Land. Abend für Abend kamen wir heim mit vier- oder fünfhundert Kilo gesalzenem Speck und einem Hut voll Geld, so dass der alte Peugeot in seiner Federung ächzte. Laster kamen aus Flandern und aus dem Limburgischen vollbeladen mit Speck, der vor den Augen der verblüfften Abteibesucher beim Bruder Pförtner abgeliefert wurde.

Pakete mit Speck für Deutschland

In dem kühlen Abstellraum neben der Küche lag der Speck bald meterhoch. Mit saubergewaschenen bloßen Füßen arbeiteten sich, einmal in der Woche, die Novizen von Tongerlo, bewaffnet mit scharfen Messern, durch diesen Speckberg hindurch und schnitten die Stücke auf Maß, da wir in jener Zeit nur Zwei-Pfund-Pakete nach Deutschland schicken durften -, verpackten sie in Pergamentpapier, dann in Kartons und Kisten, die unter der Flagge von “Caritas Catholica” zu Tausenden nach Deutschland verschickt wurden.

Zur großen Entrüstung meiner seligen Mutter und zum Entsetzen zahlreicher, in Ehrfurcht vor dem heiligen Priestertum erzogener frommer Seelen erhielt ich durch diese erste Aktion einen neuen Namen. Auf einer Großkundgebung in Turnhout nannte mich eine Bauersfrau von enormen Ausmaßen zum ersten Mal “Speckpater”. Eine katholische Zeitung brauchte diesen Ehrentitel als fette Schlagzeile über einem Interview, und damit war die Ostpriesterhilfe plötzlich populär.

Ich muss sagen, dass mir dieser neue Name viel in den Kreisen von Viehhändlern und Fleischfabrikanten geholfen hat, mit denen ich in den ersten Jahren der Ostpriesterhilfe besonders freundschaftliche Beziehungen unterhielt. Denn mit einer Specksammlung war das Kalorienproblem der deutschen Heimatvertriebenen natürlich nicht gelöst.

“Kirchliche Schweine”

Eine solche Sammlung konnte übrigens nur im Winter durchgeführt werden, da der Speck im Sommer während der vielen Wochen des Transports sicher verderben würde. Deshalb ersannen wir eine neue Aktion: jeder flämische Bauer bekam einen Brief ins Haus geschickt mit dem Vorschlag, ein Schwein teilweise für die Ostpriesterhilfe zu mästen, das heißt später den Bauch- und Rückenspeck für die Kirche in Not abzutreten.

Jedes angemeldete Schwein erhielt eine besondere Marke und wurde somit zu der Würde eines “kirchlichen Schweines” erhoben, das für unser Werk wachsen und gedeihen sollte. Wenn die Stunde der großen Schlachtung gekommen war, notierten die Angestellten der Schlachthöfe die Nummern der ostpriesterlichen Schweine und schrieben automatisch den Wert des Bauch- und Rückenspecks dem Bankkonto gut, das wir für die Aktion beim Bauernbund führten.

Wir bekamen also nicht den Speck, sondern große Geldsummen, wofür wir wiederum, sobald er billiger wurde, Hunderte Tonnen von Speck einkauften, die in einem Kühlhaus in Ostende gelagert wurden.

Dann verhandelte ich auf dem Schlachthof in Antwerpen mit den rauen Kerlen aus dem Fleisch- und Viehhandel – bei ihnen habe ich das Trinken und auch ein wenig Fluchen gelernt! – , und es gelang mir, für einen symbolischen Preis große Mengen gefrorenes Pferdefleisch aus Argentinien zu kaufen.

Selbst die Kleinsten unterstützten die Arbeit des Speckpaters.

Selbst die Kleinsten unterstützten die Arbeit des Speckpaters.

Ich fand den Konservenfabrikanten, der bereit war, die Fleisch- und Fettmassen zu “flämischer Schinkenwurst” mit einem Fettgehalt von 52 Prozent zu verarbeiten, und ich fand den Blechfabrikanten, der uns gratis das Blech für Hunderttausende von Konservendosen lieferte, die wir fortan Winter und Sommer an die Rucksackpriester und Flüchtlingslager verschicken konnten.

Es war kein Wunder, dass ich mich in jenen ersten Jahren notgedrungen mit allen Einzelheiten der Schweinezucht vertraut machen musste und dass ich deswegen lebhafte Verbindungen mit Bruder Dominikus, dem erfahrenen Leiter des Bauernhofs der Abtei, unterhielt. In vielen tiefgründigen Gesprächen in Kuh- und Schweineställen hat er mir geduldig die Wissenschaft beigebracht, zu der ich wegen meines neuen Namens verpflichtet war. So konnte ich in den Schlachthöfen und Konservenfabriken auf gleicher Basis mit Männern verhandeln, denen man nun einmal mehr durch Fachkenntnisse als durch Frömmigkeit imponiert.

Während einer dieser Besprechungen mit Bruder Dominikus geschah es, dass ein holländischer Journalist beim Pförtner der Abtei nach mir fragte. Wie ich später erfuhr, entspann sich dabei folgender Dialog:
- “Ich möchte gern den Speckpater sprechen.”
- “Der ist im Schweinestall.”
- “Aber ich kenne ihn nicht.”
- “Er hat ein Birett auf.”

Seither hat die Ostpriesterhilfe unzählige Aktionen auf anderen Gebieten geführt, die mir andere Namen und Titel einbrachten. Aber immer habe ich den Namen “Speckpater” bevorzugt, weil er mich an die schlichten Bauersfrauen erinnerte, die meine ersten Helferinnen waren und mit denen ich mich durch Speck und Dankbarkeit verbunden weiß.

(Auszug aus dem Buch “Sie nennen mich Speckpater”)

24.Jun 2009 08:46 · aktualisiert: 28.Sep 2015 15:57
KIN / S. Stein