Brasilien: “Wir brauchen missionarischen Eifer”

Seit fast 30 Jahren arbeitet der deutsche Missionar Pater Hugo Scheer in Brasilien

Pater Hugo Scheer.

Pater Hugo Scheer, Missionar in Brasilien.

Der aus dem westfälischen Olpe stammende Pater Hugo Scheer lebt seit fast 30 Jahren in der brasilianischen Stadt Vittoria, der Hauptstadt des Bundesstaates Espiritu Santo im Nordosten des südamerikanischen Landes.

Unserem Hilfswerk fühlt er sich besonders verbunden, weil wir ihn bei der Arbeit unterstützen und weil er als Kind Pater Werenfried in seiner Heimat erlebte.

In einem Interview berichtet der Steyler Missionar über die sozialen Herausforderungen in Brasilien und über die Aufgaben, vor denen die Kirche in Lateinamerika steht.

KIRCHE IN NOT: Pater Scheer, wie sieht Ihre tägliche Arbeit in der Seelsorge aus?
PATER HUGO SCHEER
: In unserer Region kommt ein Priester auf 15 000 Menschen. Aus offensichtlichen Gründen betonen wir darum besonders die Rolle der Laien in der Kirche. Bei uns gibt es zum Beispiel Laien, die vom Bischof beauftragt sind Kinder zu taufen. Neben diesen pastoralen Aufgaben setzen wir uns für die Ausbildung der Menschen ein.

Wo sehen Sie die größten Herausforderungen für die Kirche in Brasilien?
Das Wichtigste ist mir, dass wir uns mehr und mehr als missionarische Kirche verstehen müssen. Das ist gerade mit Blick auf die erstarkenden Sekten in Brasilien eine große Herausforderung für uns in dieser Zeit. Zusammen natürlich mit all den Problemen, die die moderne Welt uns gebracht hat.

Was sind das für Probleme?
Ich habe in Brasilien eine große Wanderbewegung innerhalb des Landes erlebt. Als ich damals nach Brasilien kam, lebten noch siebzig Prozent der Bevölkerung auf dem Land oder in kleineren Städten. Heute leben 82 Prozent in den großen Metropolen. Das hat große soziale Probleme mit sich gebracht und die Kirche vor enorme Herausforderungen gestellt. Neue Stadtviertel sind aus dem Boden geschossen. Dort haben wir keine Grundstücke oder Kirchen, es sind auch keine Pfarrer vorgesehen.

Dazu kommt gerade auch in unserer Gegend ein massives Sicherheitsproblem. Wir hatten von Januar bis Juni dieses Jahres im Gebiet der eineinhalb Millionenstadt Vittoria mehr als 500 Morde. Viele dieser Verbrechen wurden von Jugendlichen verübt. Darum sieht die Kirche es als ihre Aufgabe, hier anzusetzen und vorzubeugen. In Heimen und Tagesstätten betreuen wir zurzeit über 6000 Kinder, die gefährdet waren, in die Kriminalität abzurutschen.

Pater Scheer und Dom Luiz Mancilha Vilela, Erzbischof von Vitoria, bei der Grundsteinlegung eines neuen Priesterseminars.

Pater Scheer und Dom Luiz Mancilha Vilela (rechts), Erzbischof von Vitoria, bei der Grundsteinlegung eines neuen Priesterseminars.

Das sind in der Tat enorme Herausforderungen – wie wird die Kirche damit fertig?
In der Kirche arbeitet zuallererst Jesus Christus durch seinen Geist. Und wir müssen uns ihm öffnen und dann das tun, was wir können. Aber nur, um hinterher zu sagen: Wir sind nur nutzlose Knechte! Doch das, was wir tun, erledigen wir gut und von ganzem Herzen. Die Kirche stellt sich den neuen Herausforderungen und tut ihr Bestes.

Selbstverständlich dauert es manchmal seine Zeit, bis man den richtigen Weg für die Lösung der Probleme findet. Wir hoffen, dass die Ergebnisse der Lateinamerikanischen Bischofskonferenz von Aparecida auch tatsächlich solche Lösungen bereithalten.

Wie könnte so eine allgemeingültige Lösung aussehen?
Ein Weg ist sicherlich, stärker als bisher auf den einzelnen Menschen und seine Probleme einzugehen. Wir müssen missionarische Gruppen aufbauen und zusammen mit den Laien Ansprechpartner für die Leute sein. Gerade dank unseres großen sozialen Engagements genießt die katholische Kirche in Brasilien schließlich ein hohes Ansehen.

Die Kirche hat allerdings Probleme mit Sekten in Lateinamerika. Wie grenzen Sie Ihr seelsorgliches Handeln von diesen Gruppen ab?
Es ist sehr wichtig, – und das haben die Bischöfe in Aparecida auch betont – dass wir uns nicht gegen die Pfingstkirchen und andere derartige Gruppierungen abgrenzen. Wir müssen versuchen, mit ihnen einen Dialog aufzunehmen, aber das ist äußerst schwierig.

Die katholische Kirche in Brasilien hat zum Beispiel einige Schriften gemeinsam mit Pfingstgemeinden herausgebracht. Dabei handelt es sich aber um Pfingstgemeinden im traditionellen Sinne, die Anfang des vergangenen Jahrhunderts in Europa gegründet wurden und dann nach Lateinamerika kamen. Die neuen Pfingstgemeinden haben sich alle in Lateinamerika gegründet. Mit ihnen ist es sehr schwer, in einen Dialog zu treten.

Die feierliche Grudnsteinlegung durch den Bischof.

Die feierliche Grundsteinlegung durch den Bischof.

Versuchen Sie, von diesen Gruppierungen zu lernen?
Lernen können wir von diesen Pfingstgemeinden vor allem, wie man die Medien zur Mission und zur Seelsorge nutzen kann. Im Fernsehen und Internet müssen wir als katholische Kirche deutlich präsenter werden.

Und zum anderen können wir einen gewissen missionarischen Eifer von ihnen lernen. Jeder getaufte Katholik muss sich bewusst sein, wenn er wirklich katholisch handeln will, dann muss er auch ein Missionar sein.

Dabei geht es uns im Unterschied zu den Sekten aber nicht darum, anderen etwas aufzuzwingen, sondern wir wollen für die Menschen da sein und ihnen ihre eigene Identität aus christlicher Sicht klar machen. Wir wollen das Vorbild Christi leben, damit die Menschen sehen: So geht´s auch! Und genau an diesem gelebten Vorbild hat es in der Vergangenheit manchmal gefehlt.

Sogar in einer katholischen Hochburg wie Lateinamerika?
Gerade dort! Sehen Sie, ich bin Steyler Missionar, gehöre also schon vom Namen her einem Missionsorden an. Ich habe mich oft gewundert, wie schwierig es für die brasilianischen Familien war, obwohl sie sehr kinderreich waren, eines ihrer Kinder loszulassen und ihm zu erlauben, zum Beispiel nach Afrika oder nach Indien in die Mission zu gehen.

Die Schwierigkeit lag darin, dass es den Menschen überhaupt nicht bewusst war, dass man als Christ auch Missionar sein muss. Und da haben wir auch heute noch als Katholiken einen großen Nachholbedarf, während die Freikirchen gerade ihr großer Missionsdrang auszeichnet.

Dort steht man den Menschen 24 Stunden am Tag zur Verfügung, die Freikirchen haben immer geöffnet. Nicht so wie unsere katholischen Kirchen, die außerhalb der Gottesdienste verriegelt werden, weil man Angst vor Kunstdieben hat. Das darf aber nicht unsere größte Sorge bleiben, sondern wir müssen mehr für die Menschen da sein.

Keine Angst, sich als Christ zu “outen”

Glauben Sie, die brasilianische Mentalität lässt sich leichter für den Glauben begeistern als die europäische?
Ja, das glaube ich. Vor allem hat man in Brasilien weniger Angst, sich als Christ zu “outen”. Dafür waren es die Menschen in Brasilien über Jahrhunderte gewohnt, Priester von außen zu bekommen. Das heißt, sie hatten gar kein Bewusstsein dafür, dass sie selbst auch etwas zur Priesterausbildung beitragen müssten. Und das hat natürlich eine gewisse Mentalität hervorgebracht, die sich erst langsam ändert.

Woran erkennen Sie einen Mentalitätswechsel?
In meinem Orden zum Beispiel. Wir schicken Brasilianer nach Osttimor, Papua-Neuguinea, Mosambik, Angola und Mittelamerika. Das Umdenken findet also statt, dass zum Kirche-Sein auch die Mission gehört. Das sieht man zum Beispiel bei den “Missionaren auf Zeit”, die auch in Deutschland tätig sind.

Zum Beispiel haben wir nun zum ersten Mal einen Brasilianer in meine Heimatstadt Olpe nach Westfalen geschickt. Dieser junge Mann hat ein Jahr in der “Offenen Tür” in Olpe mitgearbeitet. Also: Mission ist längst keine Einbahnstraße mehr.

In der Stadt Fortaleza versucht die Gemeinschaft Shalom durch eine ungewöhnlichen Pizzeria mit jungen Menschen in Verbindung zu kommen.

In der Stadt Fortaleza versucht die Gemeinschaft Shalom durch eine ungewöhnlichen Pizzeria mit jungen Menschen in Verbindung zu kommen.Hier kann man etwa eine Pizza Magnificat bestellen.

Sie sind zurzeit auf Besuch in Deutschland, um für Ihre Projekte zu werben. Was liegt ihnen da am Herzen?
Zunächst liegt es mir am Herzen, KIRCHE IN NOT für die Unterstützung der letzten Jahre zu danken. Ich habe auch eine tiefe spirituelle Verbindung zu Ihrem Hilfswerk, denn ich kann mich noch gut an Ihren Gründer Pater Werenfried erinnern. Als ich noch ein kleiner Junge war, ist er nämlich einmal zu uns nach Olpe gekommen und hat in der Martinuskirche gepredigt. Seine Predigten waren immer sehr mitreißend. Darum fühle ich auch heute noch eine große Verbundenheit mit Ihrem Hilfswerk.

Was meine Projekte angeht, so bin ich in Vittoria vor allem Direktor der Philosophisch-Theologischen Hochschule und damit für die Priesterausbildung für vier Diözesen tätig. Seit 25 Jahren gibt es diese Hochschule und seitdem sind knapp 200 Priester aus dieser Einrichtung hervorgegangen. Jetzt sind wir dabei, eine neue Hochschule zu bauen.

Außerdem errichten wir in den neuen Stadtteilen, die in den letzten Jahren aus dem Boden geschossen sind, Kirchen und Kapellen. Dafür benötigen wir Hilfe aus dem Ausland. Außerdem bitte ich immer um Mess-Stipendien für die Priester in Brasilien, damit sie ihren Lebensunterhalt bestreiten können.

21.Jul 2009 08:23 · aktualisiert: 27.Jul 2009 15:19
KIN / S. Stein