Georgien: Brücke zwischen West und Ost

In dem mehrheitlich orthodoxen Land im Kaukasus leben nur wenige Katholiken

Dr. Vaja Vardidze.

Dr. Vaja Vardidze.

Ausgleich, Frieden, Versöhnung, Gerechtigkeit sind Begriffe, die Vaja Vardidze gerne gebraucht. Er ist Georgier, verheiratet, Vater eines viereinhalbjährigen Jungen und Theologe.

Vor dem Hintergrund der andauernden Krise und den Kämpfen zwischen seinem Heimatland und Russland vom August 2008 sagt der 38-Jährige: “Der Südkaukasus braucht Frieden. Aber Frieden gibt es nicht ohne Gerechtigkeit und gegenseitiges Verständnis. Im Krieg verlieren doch alle.”

Vardidze, der im polnischen Lublin studiert hat und anschließend im westfälischen Münster promovierte, leitet seit Sommer 2008 das theologische Orbeliani-Institut in Tiflis. Hier studieren Georgierinnen und Georgier unterschiedlicher Konfessionen Theologie, Philosophie, Kultur oder Geschichte. Nach vier Jahren schließen sie ihre Studien mit dem Bachelor ab.

Um die Attraktivität der Einrichtung zu steigern, sollen weitere Veranstaltungen angeboten werden. “Das interessiert viele junge Leute”, erklärt Vardidze. Hintergrund: Nicht nur politisch steckt Georgien in der Krise; äußerst schwierig ist auch die wirtschaftliche Lage. Dr. Vardidze weiß: Das Orbeliani-Institut, das nur über begrenzte Mittel verfügt, muss seine Existenz sichern.

Das ehemalige orthodoxe Kloster Gelati bei Kutaisi.

Das ehemalige orthodoxe Kloster Gelati bei Kutaisi.

Ebenfalls gering sind die finanziellen Möglichkeiten der katholischen Kirche in Georgien. Selbst für Seminaristen, die das Orbeliani-Institut besuchen, können die Verantwortlichen wenig tun. Unterstützung erfahren die angehenden Priester gegenwärtig vor allem von KIRCHE IN NOT. Seit Jahrzehnten fördern wir die Versöhnung zwischen der katholischen Kirche und den orthodoxen Kirchen.

Dies ist auch ein wesentliches Anliegen der Lehranstalt, die den Namen des georgischen Fürsten Sulkhan Saba Orbeliani trägt, der im späten 17. und frühen 18. Jahrhundert lebte und als einer der bedeutendsten Schriftsteller des Landes gilt. Sulkhan-Saba Orbeliani war unter anderem als Diplomat und Erzieher tätig. Er unterhielt Kontakte zu den wichtigsten Königshäusern seiner Zeit und zum Vatikan und bemühte sich um die Einheit der Kirchen.

Ruine einer katholischen Kirche in Achaltsiche (Südgeorgien).

Ruine einer katholischen Kirche in Achaltsiche (Südgeorgien).

Das Selbstverständnis des Instituts beschreibt Dr. Vardidze so: “Die katholische Kirche in meiner Heimat versteht sich als Brücke zwischen der christlichen Tradition im Osten und im Westen, zwischen katholischen und orthodoxen Christen.” Dafür ist es aus Sicht des promovierten Theologe nicht nur wünschenswert, sondern notwendig, dass das Orbeliani-Institut “wissenschaftlich auf hohem akademischem Niveau arbeitet.”

Sein Wunsch: grundlegende theologische Schriften, wie Handbücher und Fachmagazine, herausgeben, den akademisch-intellektuellen Diskurs fördern, insbesondere unter der jüngeren Generation sowie enge Kontakte zu west- und osteuropäischen Fakultäten knüpfen. Dr. Vardidze: “Wir wollen zeigen, dass es zu Frieden und gegenseitigem Respekt keine Alternativen gibt.”

Orthodoxe Kirche in Batumi am Schwarzen Meer.

Orthodoxe Kirche in Batumi am Schwarzen Meer.

Wie ambitioniert das Anliegen des Orbeliani-Instituts ist, zeigt ein Blick auf die Lage in Georgien. Gegenwärtig leben im Land, das in etwa der Größe Bayerns entspricht, rund 4,3 Millionen Menschen.

Weit mehr als 80 Prozent der Georgier gehören der eigenständigen Orthodoxen Georgischen Kirche an. Die Zahl der Katholiken liegt nach den Worten von Dr. Vardidze bei rund 50 000, die sich drei verschiedenen Riten zugehörig fühlen, armenisch, chaldäisch und lateinisch.

In der Zeit der Sowjetunion war es in Georgien nicht möglich, den Glauben öffentlich zu leben. Jegliche religiöse Praxis war auf den privaten Raum beschränkt. In vielen Familien wurde der Glaube dennoch – trotz kommunistischer Verfolgung – an die nächste Generation weitergegeben.

Nach dem Umbruch zu Beginn der Neunzigerjahre erfuhr das religiöse, kirchliche Leben eine Renaissance. Das gilt insbesondere für die orthodoxe Kirche Georgiens, aber auch für die Katholiken. Viele Pfarrgemeinden blühten wieder auf und praktizieren bis heute eine lebendige Katechese.

Das in der Zeit der Unterdrückung gute Verhältnis unter den Konfessionen hat nach dem politischen Neubeginn allerdings gelitten, weil insbesondere auf dem Land Kirchen, die den Katholiken in der Epoche der Unterdrückung genommen worden waren, nicht zurückgegeben wurden.

Dennoch bemühen sich die Religionen und christlichen Konfessionen um ein Miteinander; insbesondere die Katholiken wollen einen Neuanfang. In Tiflis gibt es heute verschiedene Kirchen, armenisch, katholisch, protestantisch, orthodox, Synagogen und eine Moschee.

17.Sep 2009 08:34 · aktualisiert: 1.Jul 2014 11:18
KIN / S. Stein