Fortsetzung des Interviews mit Dr. Gerd Stricker

“Er wollte sein Volk aufrütteln”

Über den Einfluss Johannes Pauls II. an der Öffnung des Eisernen Vorhangs

Polnische Flagge.

Polnische Flagge.

Vor dreißig Jahren besuchte Papst Johannes Paul II. seine polnische Heimat. Damals war das Land noch unter kommunistischer Verwaltung.

Dieser erste Besuch eines Papstes im sowjetisch kontrollierten Ostblock hat den Fall des Eisernen Vorhangs maßgeblich miteingeleitet.

Darüber sprachen wir mit dem Osteuropa-Experten und Journalisten Dr. Gerd Stricker. Das Gespräch führte KIRCHE-IN-NOT-Mitarbeiter Volker Niggewöhner.

Wie ging die kommunistische Staatsführung Polens mit der Kirche um?
Sie musste einsehen, dass sie gegen die Kirche nicht regieren konnte, sondern mit ihr zusammenarbeiten musste. Nur die Kirche konnte die empörte Bevölkerung ruhig halten und die mächtige Opposition vieler Katholiken gegen den Staat mäßigen.

Die Funktionäre hofften, dass die Kirche die katholische Bevölkerung zu einer gewissen Loyalität gegenüber dem kommunistischen Staat erziehen könnte.

Daher sah sich der Staat gezwungen, Kompromisse mit der Kirche zu schließen – etwa beim Kirchenbau, bei der theologischen Ausbildung, in der Genehmigung und Kontrolle kirchlicher Presse, beim katechetischen Unterricht und bei der Zulassung karitativer Tätigkeiten der Kirche.

Aber die Zugeständnisse des Staates hielten sich immer in engsten Grenzen und waren nie klar definiert. Polnische staatliche Kirchenpolitik bedeutete: Zuckerbrot und Peitsche. Einerseits gab es Repressionen und Schikanen – andererseits aber auch geringfügige staatliche Zugeständnisse.

“Er war voll und ganz Europäer”

Während seiner ersten Reise nach Polen 1979 sprach Papst Johannes Paul II. offen davon, dass es ohne ein unabhängiges Polen kein gerechtes Europa geben könne. Hatte er damals schon die Vision eines freien, geeinten Europas?
Ganz bestimmt. Er war voll und ganz Europäer, für den es eine Teilung Europas nicht geben durfte. Vor allem wollte er sein Volk, die Kulturnation Polen, nicht unter der kommunistischen Unkultur verkommen sehen. Ganz sicher hoffte er, dazu mit seinem Amt einen Beitrag leisten zu können.

Dass es ihm aber vergönnt sein werde, selbst die entscheidenden Weichenstellungen vorzunehmen, hat er wohl nicht geahnt. Es ging ihm bei diesen Worten eher darum, sein Volk aufzurütteln.

Er wollte sagen: “Yes, we can!” Wir können ein unabhängiges Polen in einem gerechten Europa schaffen – das war der jahrhundertealte polnische Traum. Und ein vom Kommunismus freies, von Moskau unabhängiges Europa war die Vision, die die Predigten Johannes Pauls II. während seiner Reisen in die damaligen Ostblockländer wie ein roter Faden durchzog.

Das Symbol der Deutschen Einheit und eines freien Europas: Das Brandenburger Tor in Berlin.

Das Symbol der Deutschen Einheit und eines freien Europas: Das Brandenburger Tor in Berlin.

Welche Bedeutung hatte die erste Reise Johannes Pauls II. im Jahre 1979 in sein Heimatland für die weitere Entwicklung in Polen?
Die Polen empfingen “ihren” Papst mit einer Begeisterung, die alle Befürchtungen der Regierung bei weitem übertraf. Mehr als zwei Millionen Menschen waren allein zu den öffentlichen Veranstaltungen gepilgert. So viele Menschen hatte die Kommunistische Partei in Polen nie auf die Beine gebracht.

Der Besuch von Papst Johannes Paul II. war die Initialzündung zum Entstehen der Solidarnosc, die das kommunistische Regime in Polen destabilisiert und auf lange Sicht seinen Zusammenbruch herbeigeführt hat. Dies wiederum hat eine Kettenreaktion ausgelöst, die schließlich das Sowjetimperium zum Einsturz brachte. Papst Johannes Paul II. hat Gewerkschaftsführer Lech Walęsa und die gesamte Bewegung im Gebet und mit handfester Hilfe begleitet und unterstützt.

Nach dem Zusammenbruch des Kommunismus sagte der damalige Präsident Polens, General Jaruzelski: “Bei seinem Polenbesuch im Sommer 1979 verminte der Papst das Sowjetimperium, 1989 flog es dann in die Luft.”

Denkmal für die gefallenen Werftarbeiter in Gdansk (Danzig).

Denkmal für die gefallenen Werftarbeiter in Gdansk (Danzig).

Am 13. Dezember 1981 wurde in Polen das Kriegsrecht verhängt. Wie gefährlich war die Lage damals?
Breschnjew und die sowjetische Regierung wollten Solidarnosc vernichten. Sie befürchteten, die Gewerkschaft könnte das gesamte sowjetische Imperium gefährden.

Deshalb übte Moskau auf die polnische Regierung Druck aus, das Kriegsrecht auszurufen, um so die Aktivitäten von Solidarnosc zu unterbinden. Breschnjew drohte sogar mit dem Einmarsch der Roten Armee. In Polen war die Angst davor groß.

General Jaruzelski ließ Ministerpräsident Gierek verhaften und verhängte das Kriegsrecht. Die Solidarnosc wurde verboten, und Lech Walesa verhaftet. Streiks wurden niedergeschlagen, Oppositionelle inhaftiert oder des Landes verwiesen. Es gab Tote.

Aus Angst vor der sowjetischen Invasion ließen die Polen das alles voller Empörung über sich ergehen. In einem Brief schrieb Johannes Paul II. dem sowjetischen Staatschef Leonid Breschnjew: “Wenn ihr in Polen einmarschiert, dann ist das genau das Gleiche wie der Einmarsch von Nazi-Deutschland nach Polen im Jahr 1939.”

Ob dieser Brief und die diplomatischen Aktivitäten des Vatikans etwas bewirkt haben, ist unbekannt. Tatsache ist nur, dass der sowjetische Einmarsch in Polen nicht stattfand. Die Verhängung des Kriegsrechts war eine Bankrotterklärung des kommunistischen Regimes, das sich davon nicht wieder erholt hat.

Hat sich durch das Eingreifen des Papstes die Haltung der kommunistischen Machthaber ihm gegenüber geändert? Sahen sie ihn nun als Feind?
Das war sicher nicht der Fall. Zweifellos haben die kommunistischen Machthaber in Polen den Papst gefürchtet. Aber da die polnischen Bischöfe nur auf “ihren” Papst und kaum auf die Regierung hörten, sah sich diese genötigt, sich mit dem Papst gut zu stellen. Anders ist es nicht zu erklären, dass Johannes Paul II. bis zum Ende des Kommunismus noch zweimal – 1983 und 1987 – Polen bereisen durfte. Ohne die Genehmigung der polnischen Regierung wäre dies nicht möglich gewesen.

Michail Gorbatschow: “Ohne Sie, Heiliger Vater, wäre die Berliner Mauer nie gefallen.”

Michail Gorbatschow: “Ohne Sie, Heiliger Vater, wäre die Berliner Mauer nie gefallen.”

Mit Michail Gorbatschow kam Bewegung in den starren Ostblock. Seine Politik von “Glasnost” und “Perestroika” weckte auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs Hoffnungen. Wie war das Verhältnis zwischen Gorbatschow und dem Papst aus Polen?
Am 1. Dezember 1989 – kurz nach dem Fall der Berliner Mauer – wurde Michail Gorbatschow von Papst Johannes Paul II. als erster sowjetischer Parteichef im Vatikan empfangen. Diese Audienz macht die Sympathie zwischen Papst und Gorbatschow offenkundig. Dabei bestätigte Gorbatschow: “Ohne Sie, Heiliger Vater, wäre die Berliner Mauer nie gefallen.”

Doch auch bei dieser Audienz unterließ es der Papst nicht, bei Gorbatschow Menschenrechte und Glaubensfreiheit anzumahnen. Offenbar sind die Worte des Papstes damals auf fruchtbaren Boden gefallen: Ein knappes Jahr später hatte Gorbatschow in der Sowjetunion nämlich neue Religionsgesetze durchgesetzt, denen die Forderungen des Papstes zugrunde lagen: die Religionsgesetze von Oktober 1990, die den Glaubensgemeinschaften Glaubensfreiheit zugestanden.

Michail Gorbatschow selbst schrieb 1992 – also nach dem endgültigen Zusammenbruch des Kommunismus in Europa: “Alles, was in den letzten Jahren in Osteuropa geschehen ist, wäre ohne diesen Papst nicht möglich gewesen — ohne die, auch politische, Rolle die er auf der Weltebene zu spielen verstand.”

Papst Johannes Paul II. äußerte sich dagegen meistens so: “Der Kommunismus als System ist gewissermaßen von allein untergegangen.” Wer von beiden nun Recht hat, sei dahingestellt, doch immerhin betonte Gorbatschow: “Dieser Papst hat mein Denken beeinflusst.”

Solche kurzen Sentenzen lassen etwas ahnen von der gegenseitigen Sympathie dieser beiden Männer. Michail Gorbatschow unterstützt übrigens heute den Prozess der Seligsprechung Papst Johannes Pauls II. nach Kräften.

DDR-Grenzpfosten.

DDR-Grenzpfosten am Checkpoint Charlie.

Wie wichtig war die Rolle christlicher Gruppierungen in den Warschauer-Pakt-Staaten beim Fall des Eisernen Vorhangs?
In den meisten kommunistischen Staaten dominierte die Orthodoxe Kirche. Eine Oppositionsrolle war in dieser Kirche nirgendwo erkennbar. Man versuchte, zu überleben, indem man sich anpasste. Das wurde mit dem Bibelvers “Sei untertan der Obrigkeit” begründet.

Katholiken spielten, außer in Polen, Kroatien und Ungarn, statistisch keine nennenswerte Rolle im Ostblock. Die evangelischen Kirchen versuchten, sich gemäß der Formel “Kirche im Sozialismus” den kommunistischen Verhältnissen – soweit tragbar – anzupassen. Die offiziellen Kirchen übten zwar hin und wieder vorsichtig Kritik am System, wagten aber keine Opposition.

Nicht zufällig galten die DDR und die Tschechoslowakei mit ihren starken evangelischen Bevölkerungsanteilen als weitgehend entkirchlicht. Doch immerhin hat der Zusammenbruch des DDR-Regimes mit den Montags-Andachten in der Nikolai-Kirche und den anschließenden Demonstrationen in Leipzig begonnen.

Im Großen und Ganzen konnten die Kirchen aber – von Polen einmal abgesehen – in den sozialistischen Staaten keinen wirklichen Einfluss auf das politische Geschehen nehmen.

Zum Schluss noch ein Blick in die Zukunft: Papst Johannes Paul II. hatte die Vision eines “Europa, über dem das Antlitz Christi erstrahlt”. Was hat er damit gemeint?
Für Johannes Paul II. war Europa immer das “christlich geprägte” Europa. Seine Vision war die Re-Missionierung Europas, die Re-Christianisierung auch West-Europas, wo sich die Menschen ohne kommunistischen Druck von Christus abgewandt haben.

Der sehnlichste Wunsch Johannes Pauls II. war, dass im Zuge dieser Neu-Evangelisierung Europas die christlichen Konfessionen wieder zusammenfinden mögen: “Ut unum sint” – dass also das Antlitz Christi künftig wieder über einer Welt strahlen werde, auf der alle Menschen Christus mit einem Munde, mit einer Stimme rühmen.

Veranstaltungs-Tipp: Johannes Paul II. und der Fall der Mauer

Papst Johannes Paul II.

Papst Johannes Paul II. (1920-2005).

Wir laden Sie am Samstag, den 17. Oktober, herzlich zu einem Begegnungstag in das Bernhard-Lichtenberg-Haus nach Berlin ein. Thema der Veranstaltung ist die Rolle von Papst Johannes Paul II. beim Zusammenbruch des Kommunismus in Osteuropa und beim Fall der Mauer.

Zu Gast sind unter anderem der Sekretär Papst Johannes Pauls II. und heutige Erzbischof von Lemberg (L’viv) / Ukraine, Mieczyslaw Mokrzycki, der aus Dresden stammende Bischof von Saratow / Russland, Clemens Pickel, und der Buchautor und ZDF-Journalist Stephan Kulle.

Die Veranstaltung beginnt um 11 Uhr mit einer Heiligen Messe in der St.-Hedwig-Kathedrale. Nach einem Mittagsimbiss geht es um 13 Uhr im benachbarten Bernhard-Lichtenberg-Haus mit interessanten Podiumsgesprächen weiter. Den genauen Programmablauf und die Anfahrtsmöglichkeiten können Sie hier nachlesen.

Anmeldeschluss ist der 30. September. Der Eintritt ist frei.

17.Sep 2009 12:15 · aktualisiert: 28.Jun 2016 21:10
KIN / S. Stein