Standhalten in Sarajewo

Über das schwierige Leben der Katholiken in Bosnien-Herzegowina

Vinko Kardinal Puljic, Erzbischof von Sarajewo.

Vinko Kardinal Puljic, Erzbischof von Sarajewo.

Sie sind nicht mehr viele. In Sarajewo gerade mal sechzehn- bis siebzehntausend. Aber sie sind da. Und ohne die Katholiken wäre Sarajewo noch ärmer.

Auch der Kardinal ist da – und er will bleiben, so wie er während des Krieges immer blieb. Seine “Residenz” mitten in der Stadt verdient den Namen eigentlich nicht. Neben dem Umbau zu einer wirklichen, wenn auch bescheidenen Residenz soll auch ein Priesteraltenheim für das ganze Land entstehen.

“Geht hinaus und lehrt alle Völker”, hatte der Jesus den Aposteln gesagt. Alle, von Ausnahmen steht nichts im Evangelium. Vinko Kardinal Puljic braucht diese Residenz nicht für sich allein. Er ist bisher ohne eigene vier Wände ausgekommen. Es geht um die Residenz der Katholischen Kirche in Bosnien, es geht um die Präsenz.

Diese Präsenz ist allerdings gefährdet. Nur wenige Flüchtlinge kehren nach Bosnien zurück. “Viele kommen zurück, um in ihrer geliebten Heimat zu sterben”, berichtet Magda Kaczmarek, die bei KIRCHE IN NOT für Bosnien-Herzegowina und die Katholiken auf dem Balkan zuständig ist. An großen Festtagen, wie Weihnachten, Ostern oder Pfingsten, füllen sich die Bänke in den zerbröselnden Kirchen. Dann sind, wenigstens für ein paar Tage, viele Verwandte zurück.

Innenraum einer zahlreichen "zerbröselnden" Kirchen in Bosnien.

Innenraum einer der zahlreichen “zerbröselnden” Kirchen in Bosnien-Herzegowina.

Im Alltag aber gilt: Wer einen kroatischen Namen hat, hat keine Chance. Er wird bei den Behörden geschnitten und diskriminiert. Er hat es schwerer, an Strom- und Wasseranschlüsse zu kommen. Er muss länger warten auf den Ämtern, er muss immer wieder Schikanen ertragen, die ihm sagen: Du bist hier nicht willkommen.

Wenn es nicht der Rest an Kommunismus in den Köpfen der Funktionäre ist, dann ist es der Hass in den Herzen gegen alles Katholische. Ethnische Säuberung ist kein Fremdwort in Sarajewo. Dagegen sieht man immer mehr Moscheen, der Zuzug von radikalen Muslimen ist massiv.

Dennoch harren viele Katholiken aus. Es ist auch ihr Land, auch ihre Heimat. Auch hier floss das Blut von Märtyrern. Diese Saat der Geschichte und ihre Liebe der Gegenwart, ihr Bemühen heute um Frieden und Mitieinander machen dieses Land menschlicher und freundlicher.

Ein Franziskaner inmitten der Trümmer: Das Kreuz steht, es gibt den Menschen Halt (Foto: Polec).

Ein Franziskaner inmitten der Trümmer: Das Kreuz steht, es gibt den Menschen Halt (Foto: Polec).

In den von Katholiken geführten Europa-Schulen Bosniens sind vier von fünf Schülern Muslime. Diese Schulen und andere soziale Programme verkünden die Botschaft: Die Kirche ist für den Menschen da. Die Gläubigen bleiben, der Kardinal, die Franziskaner, das Volk und die Diözesanpriester – auch wenn jederzeit der Krieg wieder ausbrechen könnte. Standhalten ist der wahre, der eigentliche Akt der Tapferkeit, sagte Thomas von Aquin.

Uns erreichen viele Bitten aus Bosnien-Herzegowina. Es geht um die Restaurierung von Kirchen, Kapellen und Pfarrhäusern, um zwei Autos und Teilkosten des Priesterheims. Wir werden nicht “nein” sagen. Es sind Zeugnisse des Glaubens und der Hoffnung. Auch wenn wir noch nicht wissen, wie wir das alles finanzieren sollen. Bitte lassen Sie die tapferen Katholiken in Bosnien-Herzegowina nicht im Stich!

23.Dez 2009 16:01 · aktualisiert: 8.Nov 2013 10:19
KIN / S. Stein