Die Willkür kehrt zurück

Ukrainische Behörden verweigern Anerkennung kirchlichen Eigentums

Franziskaner aus Dnjepropetrowsk an einer Glocke für die St.-Josef-Kirche.

Franziskaner aus Dnjepropetrowsk an einer Glocke für die St.-Josef-Kirche.

Die Katholiken in der ukrainischen Stadt Dnjepropetrowsk sind geschockt. Seit 20 Jahren kämpfen sie um die Rückgabe der Sankt-Josef-Kirche im Herzen der Millionenstadt.

2009 hatte der Oberste Wirtschaftsgerichtshof der Region dem Gesuch endlich stattgegeben. Zunächst konnten Teile des Gebäudes von der Kirche wieder genutzt werden; eine Notkapelle wurde eingerichtet, dann wurde die Kirche zurückgegeben. KIRCHE IN NOT hatte daraufhin eine Prüfung angekündigt, ob und inwieweit der Gemeinde bei der Renovierung der Kirche geholfen werden kann.

Doch die Behörden sind nicht bereit, die Rechte der katholischen Kirche an dem Sakralbau aus dem 19. Jahrhundert verbindlich anzuerkennen – trotz heftiger Proteste der Pfarrgemeinde und des Kapuzinerordens, den der Bischof von Charkiw-Saporischschja, Marian Buczek, inzwischen mit der Seelsorge in Sankt Josef betraut hatte.

Stattdessen verlangen die Behörden für das Grundstück, das der Kirche in kommunistischer Zeit genommen wurde, nun einen Kaufpreis von umgerechnet fünf Millionen US-Dollar. Nach den Worten von Kapuzinerpater Kazimierz stecken hinter dem Verhalten der städtischen Behörden offensichtlich wirtschaftliche Interessen. 1998 war die Kirche von dem in den USA registrierten Unternehmen “Dugsberry” gekauft worden.

Nach dem Verkauf der Kirche wurden dort Stockwerke eingefügt, um den Sakralbau als Bürohaus nutzen zu können. Eigentümer von “Dugsberry” ist der ehemalige Premierminister Pawlo Lasarenko, der seine politischen Funktionen nutzte, um an das Kirchengebäude zu kommen. Inzwischen verbüßt er wegen Geldwäsche verurteilte 57-jährige Politiker eine mehrjährige Haftstrafe im US-Bundesstaat Kalifornien.

Gebet vor der Kirche in Dnjepropetrowsk.

Gebet vor der Kirche in Dnjepropetrowsk.

Nach Ansicht der Kapuziner verfügt Pawlo Lasarenko aber weiterhin über einflussreiche Kontakte in Dnjepropetrowsk. So sei die amtliche Registrierung der kirchlichen Besitzrechte jahrelang blockiert worden, betonen die Patres. Aufgrund der Rechtsunsicherheit konnten dringend notwendige Renovierungsarbeiten nicht begonnen werden.

Der Orden hat deshalb beschlossen, an die Öffentlichkeit zu gehen. Die in der Kirche eingerichtete Notkapelle wird bis auf weiteres geschlossen.

Zum Schutz des Gebäudes wird nach den Worten von Pater Kazimierz vor dem Eingang sowohl ein Bild der Muttergottes von Tschenstochau als auch eins zur Barmherzigkeit Jesu aufgestellt. In einem offenen Brief wollen sich die Kapuziner an den ukrainischen Präsidenten Wiktor Janukowitsch wenden. Unterschriftenlisten würden ausgelegt.

Die zwischen 1887 und 1890 mit Spenden der Katholiken von Dnjepropetrowsk erbaute Sankt-Josef-Kirche ist in einem sehr schlechten Zustand. Bereits in kommunistischer Zeit war das Gotteshaus beschlagnahmt worden. Ab 1948 wurde die Kirche als Bibliothek, später als Sport- und Boxhalle, schließlich als Bürogebäude genutzt. Auch die ehemalige Premierministerin Julia Timoschenko hatte hier Büros angemietet.

Gebäude in Brand gesetzt

Durch den Umbau in ein Bürohaus ist die Sankt-Josef-Kirche stark verändert worden. 2006 wurde das Gebäude zudem in Brand gesetzt, um von den städtischen Behörden eine Baugenehmigung zu erwirken. Nach der Idee einiger Menschen um Pawlo Lasarenko sollte auf dem Grundstück ein Hotel mit Kasino errichtet werden.

Der Brandanschlag und die geplante Umwidmung schlugen fehl; der Schaden war dennoch immens. Die Kosten für eine Renovierung der Kirche dürften inzwischen die Summe von einer Million Euro übersteigen.

Dnjepropetrowsk wurde 1776 von dem russischen Fürsten Potjomkin auf Weisung der Zarin Katharina II. gegründet. Bis 1926 hieß die Stadt “Jekaterinoslaw”, zum Ruhme Katharinas. Heute ist Dnjepropetrowsk das wichtigste Wirtschafts- und Kulturzentrum der zentralöstlichen Ukraine. Die Metropole gehört zum Bistum Charkiw-Saporischschja, dem rund 60 000 Katholiken angehören, drei Prozent der örtlichen Bevölkerung.

19.Okt 2010 13:28 · aktualisiert: 19.Okt 2010 13:30
KIN / S. Stein