“Du blickst ernst und melancholisch”

Christusstatue oberhalb von Rio de Janeiro wird 80 Jahre alt

Christusstatue oberhalb von Rio de Janeiro.

Sie ist 30 Meter hoch, hat eine Spannweite von 28 Metern und ist seit einigen Jahren sogar ein anerkannter Wallfahrtsort – die Christusstatue auf dem Corcovado-Berg in Rio de Janeiro. Sie wurde am 12. Oktober 1931 offiziell eingeweiht.

Im Jahr 1962 bereiste Pater Werenfried einige Länder in Lateinamerika, um sich ein Bild vor Ort zu machen. Eine seine letzten Stationen war die Christusstatue in Rio de Janeiro.

Als er Christus in Gestalt der Statue “voller Trauer auf seine Stadt” blicken sah, fasste er seine Eindrücke und Erlebnisse in einem Gebet zusammen, das wir nachfolgend dokumentieren:

“Herr Jesus Christus, ich bin von weither gekommen, um im Namen der Armen mit Dir zu sprechen. Unterwegs habe ich mit Entsetzen die Not der Millionen in mein Herz geschlossen. Erlaube mir, Dir zu sagen: Das, was ich in diesem Erdteil gesehen habe, ist ein Skandal. Hier herrschen Zustände, die für das Christentum eine Blamage sind. Hier ist Deine Kirche verwundbar wie sonst nirgendwo auf der Welt.

Das Schlachtfeld, auf dem jetzt für die Zukunft Deines Reiches gekämpft wird, liegt in den Herzen der Armen, die in diesem Land allzu lange ihrem Schicksal überlassen worden sind. Die entscheidenden Waffen sind nicht Atombomben, sondern Liebe und Gerechtigkeit. Der Hunger, der früher vielleicht ein Unglück war, ist jetzt ein Unrecht. Schon haben die ärmsten Schichten der Bevölkerung den abnormalen und ungeheuerlichen Charakter ihres Elends gegenüber dem Luxus der wenigen Auserwählten erkannt.

Blick von der Christusstatue auf Rio de Janeiro.

Das unmittelbare Nebeneinander von tiefster Armut und verschwenderischem Reichtum verursacht das große Erwachen. Schon grollt die Revolution in den Hungerreservaten des Nordostens, in den Kaffeeplantagen Kolumbiens, in den Zinngruben Boliviens und an allen Universitäten dieses gärenden Erdteils.

Und ich muss sagen, Herr, diese Revolution ist gerecht, weil sie sich gegen Armut, Analphabetismus, soziales Unrecht und menschliche Verzweiflung wendet. Hier hat ein Prozess begonnen, den wir nicht aufhalten dürfen, sondern klug und mutig zur Vollendung führen müssen.

“Eine schöne Stadt, Herr”

Und jetzt bin ich in dieser wundervollen Stadt, in der Du mit weit ausgestreckten Händen auf diesem Berg am Rand des Ozeans stehst. Ist sie das neue Jerusalem, über das Du weinst? Du blickst ernst und melancholisch. Du siehst die elfenbeinerne Schönheit von Copacabana, das sich in den smaragdenen Kissen der Hügel an den leicht atmenden Busen des Meeres schmiegt. Du siehst die Luxusstadt, von goldenen Stränden umsäumt. Sie glüht von Gelb und Ocker.

Die Wolkenkratzer stehen auf ranken Beinen mitten im Häusermeer oder hart an den steil abgegrabenen Berghängen, oder in endlosen Reihen an der weißen Brandung des Ozeans. Eine schöne Stadt, Herr!

Aber Du siehst doch auch die furchtbaren Favelas, die Elendsquartiere der Armen, die überall, wo sich der Berg nicht für moderne Architektur eignet, hinaufkriechen. Hier haben die Architekten des Elends ihre Chance und nehmen die Abhänge brutal in Besitz. Von hier aus, wo Du so souverän die Gipfel beherrschst, erscheinen die Favelas als fremdes Mosaik in Grau und Schwarz.

Aber jedes Fleckchen dieses drohenden Gemäldes bedeckt den Jammer einer ganzen Familie. Achthunderttausend Arme leben hier. Vom Hunger gejagt, sind sie aus dem Innern des Landes zur goldenen Stadt geflüchtet, aber sie sind in der Hölle gelandet.

“Sie ersticken in ihrem Elend”

Gestern irrte ich bis spät in die Nacht in den Favelas umher. Hundert Meter hoch stapeln sich die Elendsbaracken den Berg hinan. Die untersten halten von der blitzsauberen Betonstraße gebührenden Abstand, aber der Kot der Tausende schiebt sich unentwegt abwärts. Ich ging durch eine einen halben Meter breite Straße, in der ich mich zwischen den Hütten hindurchzwängen musste.

Herr, Du weißt doch, wie hier Gottes Kinder hausen. Wie sie durch unerträgliche Not geschunden und verletzt worden sind. Du hast doch gesehen, wie jene betrunkene Frau – sie arbeitet in einer Bar und wird in Schnaps bezahlt – mir ins Gesicht spuckte, weil ich nicht in Lumpen gekleidet war …

Wellblechhütten im Armenviertel.

Aber was sollen diese Menschen tun? Sie ersticken in ihrem Elend. Du weißt, Herr, dass ich gestern verzweifelt aus dem muffigen Kasten von drei mal vier Metern, in dem zwölf Menschen wohnen, davongerannt bin. Die Wände sind mit Titelseiten von Illustrierten, Bikinimädchen, Bildern von St. Barbara und Sophia Loren, vom berühmtem Rio-Karneval und der heiligsten Jungfrau beklebt.

Das Blechdach aus breitgeschlagenen Teerfässern lässt Wasser durch. Die Luft ist steif von Gestank und Musik. Der Boden wimmelt von Fliegen und nackten Kindern. Ein krankes Mädchen liegt unter Lumpen auf einer verschlissenen Matratze. Zwischen diesem Verschlag und dem nächsten gibt es nur eine Pappwand voller Risse und Löcher. Von der gegenüberliegenden Seite schauen junge, halbbekleidete Frauen aus den Fenstern. Die Hütten stehen so nah aneinander, dass man nicht weiß, was innen und außen ist.

Ja, Herr, ich rannte nach einer Viertelstunde aus dieser Hütte weg, um mich an der frischen Luft wie ein kranker Hund zu erbrechen. Aber für die Familie konnte ich nichts tun. Ich musste sie dort zurücklassen, wo sie schon sechzehn Jahre zusammenhockt. Du kennst sie, Herr! Der Vater heißt Miguel de Souza Mendes und seine Frau Olivia-Maria. Ich habe auch die Namen der Kinder für Dich aufgeschrieben: Gracia-Maria, Oswaldo, Francisco, Vera-Lucia, Zilda, Pedro-Paulo, Vicenti, Belmira, Esmeralda und Maria da Conceicao, das heißt “Maria von der Unbefleckten Empfängnis”!

“Herr Jesus Christus, was sollen wir tun?”

Adlige Namen von freien Gotteskindern, die Du durch Deinen Kreuzestod erlöst hast, und die dennoch hier auf Erden schuldlos in der Hölle leben müssen. Es ist doch unvermeidbar, Herr, dass der kleine Vicenti ein erbitterter Kommunist wird, wenn er einmal erfährt, dass seine Schwester Esmeralda ihren jungen Körper am Strand von Copacabana verkaufen musste, um überleben zu können.

Herr Jesus Christus, was sollen wir tun? Warum haben es die kleinen Mädchen im fernen Europa soviel besser als Esmeralda? Warum brauchen die nicht wie hochbeinige Gazellen vor den Millionären zu paradieren, die gleich neben der Favela in ihrem Klubhaus, ihrem Casino und Ihrer Spielbank das Geld verprassen, das sie am Blut der Armen verdient haben? “Lasst die Kleinen zu mir kommen”, hast Du einmal gesagt …

“Lasst die Kleinen zu mir kommen”: Taufe im Pantanal im Südwesten Brasiliens.

Ich weiß, Herr, dass ich Dir nichts vorwerfen darf. Der Vorwurf trifft uns. Hier auf dem Berg steht nur Dein Bild, ein steinerner Christus, der stückweise auf Eseln nach oben transportiert worden ist. Der lebendige Christus müssen wir sein. Es ist nicht Deine Schuld, dass wir Dir so selten die Möglichkeit geben, das Herz und die treibende Kraft in unserem Leben zu sein.

So nimm denn endlich Besitz von uns, Herr, und gib uns die Kraft, Deine Güte und Liebe für diese armen Brüder auszustrahlen. Lass uns einsehen, dass nicht der Kommunismus die größte Gefahr ist, sondern das Elend, in dem sie verkümmern, während wir hart und selbstsüchtig bleiben. Gib uns Edelmut, um uns von allem Überflüssigen zu trennen, nicht aus Angst vor dem Kommunismus, sondern aus christlichem Pflichtbewusstsein.

Zwinge uns endlich zu Gerechtigkeit und Liebe zu allen, die Deinen Namen verfluchen, weil sie in uns Deine Güte nicht erkennen. Und segne jetzt von Deinem hohen Berg in Rio das kleine Europa, auf das es groß werde in der Liebe.”

Das Gebet vor der Christus-Statue in Rio ist dem Buch “Wo Gott weint” von Pater Werenfried van Straaten entnommen worden, in dem der “Speckpater” über seine Berufung und den Aufbau seines weltweiten Hilfswerks bis zu den Sechzigerjahren schreibt. Hier können Sie es bestellen.

Alle in der Medienbox vorgestellten Beiträge sind bei uns unentgeltlich auf CD beziehungsweise DVD erhältlich.

12.Okt 2011 11:12 · aktualisiert: 17.Okt 2011 11:45
KIN / S. Stein