Die Hexenverbrennungen

Beschreibung

Zu den hartnäckigsten Geschichtsmythen über die römisch-katholische Kirche und deren einstige dogmatische Zentralbehörde, die „Heilige Römische und Universale Inquisition“, zählt der Vorwurf der gnadenlosen und massenhaften Verfolgung und Verbrennung von Hexen während des Mittelalters und der Frühen Neuzeit. Dem antiklerikalen Affekt von der generellen „Intoleranz“ der Kirche gesellt sich in diesem Verdikt oftmals auch der Vorwurf der Frauenfeindlichkeit einer angeblich sexuell verklemmten, weil zölibatären Institution bei.

Eine Geschichtslegende endgültig verbannen

Der Paderborner Historiker Rainer Decker hat nun in dem seit 1998 geöffneten römischen „Inquisitionsarchiv“, dem Archiv der heutigen Kongregation für die Glaubenslehre, die Akten zum Thema Hexen studiert. Seine Ergebnisse verblüffen den Fachmann nicht, können jedoch dazu dienen, die Geschichtslegende von „der“ hexenverbrennenden Kirche auch aus dem Bewusstsein einer größeren Öffentlichkeit ein für allemal zu verbannen.

Damit kein Zweifel aufkommt: Decker liefert keine wohlfeile Apologie der Kirche, sondern arbeitet geschichtswissenschaftlich im besten Sinne, indem er den Urgrund historischen Urteilens dort sucht, wo er zu finden ist, im empirischen Faktum. An die Stelle der „schwarzen“ setzt er keineswegs eine „rosa Legende“. Auch in Rom glaubte man an die Existenz von Hexen, an die Wirkungskraft von Magie und Schadenszauber. Auch unter den Inquisitoren fanden sich nicht selten Fanatiker und Hetzprediger, deren Vernichtungswille die Stimme des Verstandes nur zu bereitwillig unterdrückte. Dass aber „Hexen“ massenhaft und nach kurzem Prozess auf die Scheiterhaufen zu bringen seien, wurde niemals zur herrschenden Lehre. Die erste bekannte Hexenverbrennung in Rom selbst fand 1426 unter dem Einfluss des Bernhard von Siena statt; schon damals jedoch breitete sich unter den am Prozess Beteiligten deutliche Skepsis gegenüber dem Vorwurf der Hexerei aus. Hysterie und panikartige Verfolgungen unterblieben ohnehin. Die letzte Hexenverbrennung in Rom fällt ins Jahr 1572, wenige Jahre, bevor ab etwa 1590 die ersten wirklichen Prozesslawinen der Neuzeit über Deutschland und Frankreich niedergingen und lange bevor der Hexenwahn zwischen 1626 und 1631 seinen Höhepunkt mit vielen Tausenden von Opfern erreichte – nicht in Italien und im südlichen Alpenraum, sondern, ohne irgendeinen Einfluß oder gar aktive Mitwirkung der römischen Inquisition, in den Territorien des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation.

Die Zahl der von der römischen Inquisition angeordneten Hinrichtungen während des sechzehnten und siebzehnten Jahrhunderts liegt hingegen unter hundert. Selbst die spanische Inquisition stiftete, ganz entgegen ihrem Ruf, keine Massenverfolgungen an. Mag die Empirie, die sich in solchen Zahlen äußert, auch als zynisch erscheinen – jene wenigen Hingerichteten sind nicht minder Opfer einer inhumanen Hybris und einer grausamen Strafpraxis wie alle anderen Opfer des Hexenwahns und sonstiger frühneuzeitlicher Kriminalitätspsychosen auch –, so dienen sie doch dazu, die Proportionen des historischen Bildes zurechtzurücken und dieses Bild insgesamt zu präzisieren.

Verfechter eines korrekten juristischen Verfahrens

Päpste und römische Inquisition gehörten nicht zu den Vordenkern und Ideologen der Hexenverfolgung, sondern, vor allem seit dem Ende des sechzehnten Jahrhunderts, zu den Skeptikern, vor allem jedoch zu den Verfechtern eines korrekten juristischen Verfahrens. Zwar hatte der berüchtigte Dominikaner Heinrich Institoris, der Autor des „Hexenhammers“, etwa ein Jahrhundert zuvor noch umfangreichere Hexenverfolgungen im Namen des Papstes durchgeführt – Institoris selbst sprach von 200 durch ihn „Gerichteten“ –, jedoch hatte „im Namen des Papstes“ keineswegs auch „im Auftrag des Papstes“ bedeutet. Jene Befugnisse, mit denen Sixtus IV. (1471–1484) und Innozenz VIII. (1484–1492) Institoris ausgestattet hatten, um allgemein gegen Häresien vorzugehen, legte dieser einseitig dahingehend aus, die vermeintliche Bedrohung durch Hexen zu bekämpfen. Spätestens in der auf den Konsultor des Heiligen Offiziums und Governatore di Roma, Giulio Monterenzi, zurückgehenden Hexenpro-zessordnung vom Beginn des siebzehnten Jahrhunderts siegte schließlich eine distanziert-nüchterne Haltung. Rom versuchte nun, Hexenprozesse auf ein solides und juristisch abgesichertes Fundament zu stellen, das vor allem zweifelhafte „Beweisverfahren“ wie die Denunziation ablehnte sowie auch dem Gebrauch der Folter eindeutig definierte Grenzen setzte.

Die Folge dieser „Rationalisierung“ war, dass die allermeisten Hexenprozesse im Machtbereich der römischen Inquisition wegen mangelnder Stichhaltigkeit eingestellt wurden. Besonders Papst Alexander VII. (1655–1667) missbilligte offen das Vorgehen übereifriger Hexenjäger. Freilich fehlten dem Heiligen Stuhl nur zu oft die Machtmittel, um wirklich erfolgreich in weit entfernten Landstrichen, wie 1656/59 in Paderborn, gegen fanatische Exzesse einzuschreiten. Trotzdem: Die Hexenprozessordnung gab dem Heiligen Offizium ein Instrument in die Hand, schwebende Verfahren auch außerhalb seines engeren Einflussbereichs zu beurteilen und Mahnungen auszusprechen. Nicht wenige vermeintliche Hexen, 1654/55 unter tatkräftigem Einsatz des Kardinalinquisitors Francesco Albizzi, sogar Graubündener „Hexenkinder“, wurden auf diese Weise vor dem sicheren Tod bewahrt.

Deckers Darstellung greift bis zu den heidnischen Wurzeln des Hexenglaubens zurück, um zunächst dessen seit dem frühen Mittelalter im wesentlichen festgeschriebenen inhaltlichen Kern zu entwickeln: nächtliche Fahrt durch die Luft, Hexensabbat und Teufelsbuhlschaft zu schädigenden Zwecken. Kursorisch durchstreift er das Mittelalter und hebt einzelne Episoden hervor, so etwa den Mordversuch mittels einer Art Voodoo-Zauber gegen Papst Johannes XXII. im Jahr 1317. Aber der Schwerpunkt liegt doch auf der Frühen Neuzeit, auf dem sechzehnten und siebzehnten Jahrhundert. Bestechend arbeitet Decker heraus, wie sich in jener Zeit der Hexenbegriff im südlichen Europa von demjenigen in Nordeuropa zu unterscheiden begann. Rückte der Süden unter Federführung Roms zunehmend davon ab, eher nebulöse „Delikte“ wie Hexensabbat, Hexenflug und Teufelsbuhlschaft zu ahnden, bildeten diese Vorstellungen die Essenz jenes Wahns, der massenhafte Hexenverfolgungen auslöste. Im Bereich der römischen Inquisition trat hingegen zunehmend das Interesse an den konkreten Folgen von Schadenszauber, Magie, Nekromantie an dessen Stelle. Ohne ein eindeutig nachweisbares „Corpus delictum“ fiel kein Urteil. Die meisten der Magieprozesse verliefen schließlich im Sande oder endeten mit harmlosen Strafen. Nur ein Delikt verfolgten die Inquisitoren bis zuletzt ohne Gnade: Frevel mit konsekrierten Hostien.

Begriffliche Klarheit und Unterscheidung der Einzelfälle

Deckers Buch dient in jeder Hinsicht begrifflicher Klarheit: es zeigt, was zu welcher Zeit und wo als Hexerei begriffen wurde, was als Magie, als Ketzerei, als Häresie. Es spricht nicht von „der“ Inquisition, sondern unterscheidet korrekt die mittelalterliche von der neuzeitlichen Inquisition und hier wiederum die spanische und portugiesische von der römischen. Gerade der Einflussbereich der 1542 von Papst Paul III. neugegründeten römischen Inquisition blieb, trotz ihres hochtönenden Titels, erstaunlich gering und im wesentlichen auf Italien begrenzt. Nachgerade vorbildlich trennt Decker die Ebenen, scheidet Ideologie von realem Handeln, interpretiert die Quellen in ihren Zusammenhängen, beschreibt unterschiedlich gelagerte Einzelfälle und bettet sie in ein empirisch gut fundiertes Gesamtbild ein, ohne den methodischen Fehler zu begehen, aus ihnen suggestiv auf die Verderbtheit des Ganzen zu schließen.

Auch das beste historische Buch lässt Wünsche offen. Eine sozialgeschichtlich tiefer fundierte Auseinandersetzung mit den Vorstellungen der Frühen Neuzeit von Verbrechen und Strafe, wie sie etwa Richard von Dülmen herausgearbeitet hat, hätte hie und da das Verständnis für eine Kriminalpraxis vertiefen können, die Welten von der heutigen entfernt ist. Das aber ist eine Marginalie bei einem so gelungenen Buch, von dessen Art man sich mehr wünscht. (Die Tagespost)


 
Produktionsjahr: 2006

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