Ein Europäer der ersten Stunde

Pater Werenfried bei einer Predigt.

Pater Werenfried bei einer Predigt.

Ein echter Europäer der ersten Stunde war unser Gründer Pater Werenfried van Straaten. Schon kurz nach dem Zweiten Weltkrieg bat er in Belgien und den Niederlanden um Hilfe für die ehemaligen Feinde. Er betonte häufig die Aussage von Papst Pius XII., dass es das Christentum war, das die Seele Europas am meisten geformt habe.

Mit seinem Aufruf zur Versöhnung legte Pater Werenfried den Grundstein für ein neues friedliches Zusammenleben in Europa. Er verurteilte die Vertreibung von zwölf Millionen Ostdeutschen und tat alles, “um in Flandern und Holland den Hass auf die Deutschen zu überwinden und die Liebe wieder herzustellen”.

Alles fing an mit seinem Weihnachtsartikel “Kein Platz in der Herberge” in der Zeitschrift seiner Abtei Tongerlo. Daraus entstand die Ostpriesterhilfe, die damals zunächst auch abgelehnt und bekämpft wurde: Die Deutschen hätten ein kurzes Gedächtnis, wenn sie jetzt mit Werenfried an das Mitgefühl der Belgier appellierten, schrieben einige Zeitungen. Doch bald trat eine Wandlung ein. Pater Werenfried predigte sogar in der Gemeinde Vinkt, wo die Deutschen im Zweiten Weltkrieg 86 Männer erschossen hatten.

Pater Werenfried sammelt in Belgien und Niederlande für die Armen in Deutschland.

Pater Werenfried sammelt in Belgien und Niederlande für die Armen in Deutschland.

Nicht nur in Belgien, auch in Luxemburg und in den Niederlanden gab es diese Wandlung. Es war in Luxemburg die Caritas, die im Namen Werenfrieds zur Hilfe aufrief: “Der Papst wandte sich an das Weltgewissen. Viele, allzu viele hörten nicht auf diese Stimme. Er hat uns klar und eindeutig zu verstehen gegeben, dass die Not und Armut der Flüchtlinge eine Sünde ist. Eine Sünde der Menschheit. Unsere Sünde, wenn wir nicht helfen, wo wir können.”

Not der Vertriebenen übertraf alle Befürchtungen

Als Pater Werenfried 1948 zum ersten Mal nach Königstein im Taunus kam und den dortigen Leiter des Priesterreferates und der Königsteiner Anstalten mit dem Priesterwerk und der Philosophisch-Theologischen Hochschule, Prälat Adolf Kindermann, traf, entstand eine europäische Freundschaft, die Grenzen sprengte. Da die Not der Vertriebenen in ihrem Ausmaß alle Befürchtungen übertraf, erkannte man in Deutschland bald, dass sie ohne Hilfe des Auslandes nicht bewältigt werden konnte. Große Hilfe kam dabei von Pater Werenfried.

“Er durchreiste Deutschland kreuz und quer”, erinnert sich Prälat Kindermann. “Er besuchte die Vertriebenen in ihren Elendsquartieren, in den Lagern, in den Bunkern der Städte. Er ließ sich von ihnen erzählen, von ihren Qualen in den Internierungslagern, von den Schrecken, die sie durchlebt hatten, ehe die Freiheit sie aufnahm, von ihren Verlusten an lieben Menschen und an ihrer Habe, von ihrer gegenwärtigen Not, mit der sie so schwer fertig würden. Mit Leidensgenossen, aber doch fremden Menschen waren sie zusammengepfercht, was die Not nur noch vervielfältigte.

Aussendung der Kapellenwagen in Königstein im Taunus.

Aussendung der Kapellenwagen in Königstein im Taunus.

Pater Werenfried gab seine Erfahrung in seiner Heimat und in anderen Ländern Europas in Predigten und Vorträgen, in Presse und Rundfunk in vielen Sprachen weiter und weckte so Hilfsbereitschaft und erstes europäisches Interesse, zunächst in Belgien, Luxemburg und den Niederlanden, dann aber auch bald bei den Schweizern, Franzosen, Iren und Spaniern. Pater Werenfried drückte es plastischer aus: “Wir alle fahren auf einem Schiff, [es] heißt Europa! Wir Ausländer fahren (…) in der Luxuskabine, die Deutschen im Zwischendeck (…). Aber das [ist egal], wenn das (…) Schiff Europa leck [...] ist. Da heißt es, die Ärmel hochkrempeln und pumpen, sonst gehen wir alle unter (…).”

Pater Werenfried in einem der Kapellenwagen.

Pater Werenfried in einem der Kapellenwagen.

Von Anfang an war die Ostpriesterhilfe länder- und grenzüberschreitend. Spenden kamen in großen Lastzügen aus Belgien und Niederlande nach Königstein. Zwischen deutschen und ausländischen Kindern, die Pakete nach Deutschland schickten, entstanden ein reger Briefverkehr und Freundschaften.

Hunderte unterernährte deutsche Kinder wurden für sechs Monate zu belgischen Familien eingeladen; ebenso heimatvertriebene Priester, die Ferien in ausländischen Klöstern machen konnten und deren Dienst ausländische Priester für diese Zeit übernahmen.

Als mit den Kapellenwagen die Kirche buchstäblich in die Dörfer der deutschen Diaspora kam, war dies wieder nur möglich, weil mehr als die Hälfte der Kapellenwagenmissionare aus dem Ausland kamen. Im Jahre 1954 zum Beispiel fuhren 28 Kapellenwagen monatelang in der Diaspora. Daran nahmen 169 Priester teil, davon waren nur 82 aus Deutschland, 41 kamen aus den Niederlanden, 40 aus Belgien, zwei aus Frankreich, zwei aus der Schweiz und zwei aus Österreich.

Gottesdienst an einem Kapellenwagen.

Heilige Messe an einem Kapellenwagen. Zelebrant: P. Titus Toering.

Nach diesen Anfängen wurde das Werk durch seine Beziehung des Prämonstratenser-Ordens bald ein europäisches Hilfswerk. Da es auch Hunderttausende von Vertriebenen in Österreich gab, wurden sie in die Hilfe einbezogen. In den einzelnen österreichischen Bistümern wurden die Vertriebenenseelsorger von der Ostpriesterhilfe unterstützt.

Der Ursprung lag aber in Belgien, denn dort war das Kloster Tongerlo, in das Pater Werenfried eingetreten war. Alle Bischöfe des Landes unterstützen das Werk. So schrieb der Bischof von Lüttich (Liège) in einem Hirtenbrief: “Meine lieben Brüder, Ihr kennt das schöne Werk der Ostpriesterhilfe… Ein leibliches und geistiges Werk der Barmherzigkeit. Ein Werk der echten Liebe im Geiste der Versöhnung und der Verzeihung nach dem Beispiel Christi, wodurch wir beweisen können, dass es nicht wahr ist: «die Christen sind wie alle anderen, sie kennen keine Vergebung».”  Bald weitete die Ostpriesterhilfe ihre Aktionen der Hilfe auf die Niederlande aus.

Pater Werenfried und der Millionenhut. Der Original-Millionenhut ist im Pater-Werenfried-Zentrum in Königstein ausgestellt.

Pater Werenfried und der Millionenhut. Der Original-Hut ist im Pater-Werenfried-Zentrum in Königstein ausgestellt.

Zu einem echten europäischen Hilfswerk wird die Ostpriesterhilfe, als auch Frankreich in die Reihe der Helfer tritt – lange vor der Versöhnung, die Adenauer und de Gaulle erreichten.

Bald gelang Pater Werenfried und seinem jungen Werk auch der Sprung über den Kanal, denn aus Irland schrieb der John Francis D’Alton, Kardinal von Armagh, als Vorsitzender der Irischen Bischofskonferenz: “Ich freue mich, Ihnen mitteilen zu können, dass die verdienstvolle Arbeit der Ostpriesterhilfe (…) besprochen und (…) genehmigt wurde. Ihre Aktion wird künftig nicht nur mit der moralischen, sondern auch mit der finanziellen Unterstützung des irischen Episkopates rechnen können.”

Der Blick wurde auch bald in den Osten Europas gerichtet. In den ersten Jahren der Hilfe schrieb der polnische Erzbischof Józef Gawlina: “Die Zukunft der Kirchen Europas liegt im Osten. (…) Sie, Hochverehrter Herr Pater, werden die große Genugtuung haben, dass Sie durch Ihren hochherzigen Entschluss (…) der Kirche für den Osten (…) geholfen haben. Die Erfahrung [lehrt], dass bisher nur die Ostpriesterhilfe edelmütig geholfen hat. Ich versichere Ihnen, dass ich persönlich sowie die H.H. Bischöfe in Polen in ihren Herzen die tiefste Dankbarkeit bewahren werden für alles Gute, welches Sie und Ihr glänzendes Hilfswerk uns erwiesen haben und das als eine Großtat der christlichen Liebe in die Geschichte eingehen wird.”

Pater Werenfried und zwei Ordensschwestern beten vor dem Kreml in Moskau den Rosenkranz.

Pater Werenfried und zwei Ordensschwestern beten vor dem Kreml in Moskau den Rosenkranz.

Pater Werenfried hatte als Niederländer stets ein Herz für die kleinen Völker des Ostens, die entweder wie die Baltischen Völker in die Sowjetunion einverleibt worden waren oder als Satellitenstaaten Moskaus unterdrückt wurden. Da der Priesternachwuchs im Osten behindert oder teilweise unmöglich war, half Werenfried den vertriebenen oder geflüchteten Priester und Theologiestudenten in Rom, wofür sich der Exil-Bischof Vincenzo Padolskis für die Litauer bedankte: “Die Unterstützung für unser Priesterkolleg in Rom hat uns allen große Freude bereitet. Wir werden uns bemühen, dieser Hilfe würdig zu sein. Auch werden wir für unsere Wohltäter recht herzlich beten.”

Grundstein für das Überleben der Kirche in Osteuropa

Auch schon vor dem Ungarischen Aufstand von 1956 half der Speckpater den Menschen dort: “Aufgrund der fürstlichen Mittel, die Sie mir kürzlich wieder zur Verfügung stellten, spreche ich Ihnen und der großzügigen Ostpriesterhilfe meinen innigsten Dank aus. Diese Hilfe ermöglicht die geistliche Hilfe nicht nur für zehn-, sondern für zwanzigtausend Ungarn. Ich hoffe, dass deren Gebet nicht ohne Segen für Sie und die Ostpriesterhilfe bleiben wird”, heißt es in einem Brief von Msgr. Josef Zagon.

So wurde schon damals der Grundstein für das Überleben der Kirche in Osteuropa gelegt, die nach dem Ende des Kommunismus eine Auferstehung erlebte und die heute bereits in zahlreichen Ländern (Bulgarien, Estland, Lettland, Litauen, Polen, Rumänien, Slowakei, Slowenien, Tschechien, Ungarn) die Wertegemeinschaft der Europäischen Union genießt.

Text: Rudolf Grulich

Ausflugs-Tipp:

Der Schreibtisch des Speckpaters.

Der Schreibtisch des Speckpaters.

In unserer internationalen Zentrale in Königstein im Taunus befindet sich das Pater-Werenfried-Zentrum. Dort erfahren Sie anhand von vielen persönlichen Exponaten die Geschichte des Hilfswerks KIRCHE IN NOT.

Ein besonderer Höhepunkt ist das Original-Arbeitszimmer des Speckpaters. Eines der bekanntesten Ausstellungsstücke des Pater-Werenfried-Zentrums ist der Millionenhut.

Verbinden Sie Ihren Ausflug mit einem Besuch und einem Gebet am Grab Pater Werenfrieds auf dem Friedhof in Königstein im Taunus.

Öffnungszeiten:
Montag bis Freitag 9 bis 12 Uhr und 14 bis 16 Uhr sowie nach Vereinbahrung. Auf Wunsch können Führungen angeboten werden. Rufen Sie einfach an oder schicken Sie uns ein Mail:

Telefon: 0 89 / 64 24 888-0
E-Mail: info@kirche-in-not.de

28.Jan 2009 12:50 · aktualisiert: 14.Jul 2015 12:23
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