Ein Berg des sechsten Sinns

Der Ararat und seine Bedeutung in der Geschichte

Der Große Ararat (5165 m).

Großer Ararat (5165m).

Oft ist der Gipfel am Morgen noch in den Wolken versteckt. Erst im Laufe des Tages zeigt sich der Berg in seiner gesamten imposanten und beeindruckenden Schönheit.

Mit seinen 5165 Metern Höhe markiert der Berg Ararat das südliche Ende der Ebene um die armenische Hauptstadt Eriwan, die etwa eintausend Meter über dem Meeresspiegel liegt. Innerhalb weniger Kilometer steigt die Landschaft um mehr als 4000 Höhenmeter an.

Der russische Dichter Osip Mandelstam schrieb, nachdem er den Berg Ararat bei einem Besuch in Armenien bewundert hatte: “Ich habe in mir einen sechsten Sinn entwickelt, einen Ararat-Sinn: der Sinn des Hingezogenseins zu einem Berg.“

Jeden Tag können die Einwohner Eriwans auf den Gipfel unweit ihrer Stadt schauen. Auch wenn er zum Greifen nah erscheint, so ist er für die Armenier doch weit weg. Denn der Berg Ararat liegt auf türkischem Staatsgebiet und ist die höchste Erhebung des Landes. Da die Grenze zum Nachbarland geschlossen ist, können die Armenier ihren heiligen Berg nur aus der Entfernung bewundern.

Das Ararat-Massiv hat zwei Gipfel

Objektiv gesehen ist der Ararat ein Gebirgsstock in Nord-Anatolien, der mit seinen rund 130 Kilometern Umfang einer der größten der Welt ist. Das Massiv hat zwei markante Gipfel, den Großen und den Kleinen Ararat, die durch einen Sattel miteinander verbunden sind.

Der Große Ararat ist ein erloschener Vulkan, der 1840 das letzte Mal ausgebrochen ist; der Kleine Ararat im armenisch-türkisch-iranischen Grenzgebiet ist 3896 Meter hoch und gleicht der Form nach dem Fudschijama in Japan.

Blick von der armenischen Hauptstadt Eriwan auf das Ararat-Massiv.

Blick von der armenischen Hauptstadt Eriwan auf das Ararat-Massiv.

Für die Armenier hat der Berg Ararat aber eine viel größere Bedeutung, denn er ist das nationale Symbol Armeniens. Er ist überall präsent: in Straßennamen, auf Souvenirs, Flaschen-Etiketten und dem Staatswappen, auch als Armenien noch ein Teil der Sowjetunion war.

Damals protestierte die Türkei gegen die Silhouette des Ararat auf dem armenischen Wappen, weil der Berg auf türkischem Territorium liege und daher nicht von der Sowjetunion vereinnahmt werden dürfe. Doch der sowjetische Außenminister Andrei Gromyko entgegnete, dass die Türkei den Mond beziehungsweise eine Mondsichel im Wappen führe, obwohl weder der Mond noch ein Teil davon zur Türkei gehörten.

Schon seit Menschengedenken hat der Ararat die Bevölkerung beeindruckt. Das zeigt sich beispielsweise in den Namen, den die angrenzenden Völker diesem Gebirgsmassiv gegeben haben. Die Türken nennen ihn Schmerzensberg; die Kurden “Berg des Bösen” oder auch der “feurige Berg”. Für die Armenier ist er die “Mutter der Erde”; für die Perser der “Berg Noahs”.

Biblische Sintflut und Arche Noah

Bibelfeste Menschen verbinden mit dem Berg Ararat die Arche Noah, die hier nach der alttestamentlichen Sintflut aufgesetzt haben soll. Wiederholt machten sich in der Vergangenheit Archäologen am Berg auf die Suche nach möglichen Spuren oder Beweisen der Landung.

Doch im Originaltext ist nicht von einem konkreten Berg die Rede. Dort heißt es: Am siebzehnten Tag des siebenten Monats ließ sich die Arche nieder auf das Gebirge Ararat (Genesis 8,4). In anderen Übersetzungen findet sich die Angabe “auf den Bergen des Landes Ararat”.

Es wird vermutet, dass der Verfasser der Genesis eine bereits länger existierende Tradition in den Text eingebaut hat. Ähnliche Überlieferungen finden sich auch in indischen Fluterzählungen, in denen der Ort der Landung der Himalaya ist. Dadurch schließen einige Exegeten, dass die Berge des Landes Ararat zu der Zeit, als die Erzählung in Israel entstand, als die höchsten damals und an diesem Ort bekannten Berge gegolten haben müssen.

Es lässt sich aber nicht beweisen, dass der Ararat wirklich als Landungs-Ort der Arche Noah gemeint ist. “Dem Verfasser geht es allein um die Majestät des Gerichtshandelns Gottes. Sie ist es, die in der Steigerung der Flut bis über die höchsten Berge hinaus dargestellt wird”, lautet das Fazit des Exegeten August Dillmann.

Die Arche Noah (Motiv aus der Kinderbibel von KIRCHE IN NOT).

Die Arche Noah (Motiv aus der Kinderbibel von KIRCHE IN NOT).

Insgesamt wird viermal der Name Ararat in der Heiligen Schrift erwähnt, doch damit ist nie der konkrete Berg gemeint. Vielmehr geht es dort um das Land Ararat, das nicht mit der heutigen gleichnamigen Provinz in Süd-Armenien identisch ist. Die in der Bibel erwähnte Region liegt nicht direkt am Ararat-Massiv, nur die nördlichen Ausläufer reichten womöglich an den Berg heran.

Im Assyrischen heißt dieses Land Urartu. Daraus wurde im Hebräischen, der Sprache des Alten Testaments, Ararat. Dieses Land war ein Königreich nördlich von Assyrien, das zwischen 1300 und 600 vor Christus ein mächtiges Reich war. Die Region liegt heute im südlichen Anatolien und damit viel westlicher als der Berg Ararat.

Armenischer Gebetszettel.

Armenischer Gebetszettel.

Zur Zeit Jesu verstanden die Menschen in Palästina das Land Ararat als eine Region am linken Ufer des oberen Tigris. So hat es auch der Koran übernommen. In diesem fruchtbaren Hochland wird auch das biblische Paradies vermutet. Erst in der Septuaginta, der griechischen Übersetzung des Alten Testaments, wird im Buch Jesaja aus Urartu beziehungsweise Ararat das Wort “Armenia”.

Das Land der Armenier war über eine lange Zeit zu beiden Seiten des Ararat. Doch über Jahrhunderte hinweg gab es im südlichen Kaukasus zahlreiche Kriege und Plünderungen. Die Folge: ein Teil des ehemaligen armenischen Großreiches ging an die Türkei; ebenso der Ararat. Auch heute hört man Forderungen unter den Armeniern, dass die Türken die Grenze zumindest auf den Gipfel des Berges verlegen sollte, um Klöster auf armenischer Seite zu bauen.

Doch der Berg liegt komplett auf türkischem Gebiet; ein Fluss und mehrere Zäune bilden die Grenze. Ein Zaun verläuft gleich hinter der Klosteranlage Khor Virap, einer der ältesten christlichen Bauten Armeniens aus dem vierten Jahrhundert.

Im Frühjahr 2007 standen die Arche-Noah-Erzählung und der Berg Ararat noch einmal in der Weltöffentlichkeit. Die Umweltschutz-Organisation Greenpeace baute in 2500 Metern Höhe auf der Südseite des Ararat eine neue Arche Noah. Das zehn mal vier mal vier Meter große Holzschiff wurde als Mahnung an die Politiker errichtet, die sich kurz darauf in Heiligendamm zum G8-Gipfel versammelten.

Arche als Berghütte

“Wir stehen kurz vor einer zweiten Sintflut. Politiker dürfen nicht weiter zusehen, wie die Welt in Fluten, Stürmen und Überschwemmungen unterzugehen droht”, sagten die Umweltschützer. Daher beschlossen sie den Nachbau der Arche Noah: als Symbol, dass ein Mensch die Rettung vor einer drohenden Katastrophe in die Hand nahm und sich, seine Familie und die Tiere vor dem Untergang bewahrte. Heute dient dieses Holzschiff für Bergsteiger als Hütte auf ihrem Weg zum Gipfel.

Zu der Protest-Aktion von Greenpeace gehörte auch eine Besteigung des Großen Ararat. Auf dem Gipfel wurde ein Banner mit einer Botschaft an die G8-Gipfel-Teilnehmenden aufgestellt. Obwohl die Protest-Aktion im Mittelpunkt stand, so heißt es im Tagebuch einer Aktivistin: “Die Landschaft ist fantastisch und der Aufstieg zum Ararat, wenn auch anstrengend, ein Traum. Bei gutem Wetter ist die Sicht unvergleichlich.” Auch sie hat einen sechsten Sinn entwickelt, einen Ararat-Sinn.

 

Schlagworte:
Anatolien · Ararat · Armenien · Bibel · Eriwan · Türkei
25.Apr 2009 08:56 · aktualisiert: 3.Feb 2015 13:37
KIN / S. Stein