Istanbul: Stadt der Ökumene

Über den Dialog des Heiligen Stuhls mit Orthodoxen und Alt-Orientalen

St.-Antonius-Kirche, die größte katholische Kirche in Istanbul.

St.-Antonius-Kirche, die größte katholische Kirche in Istanbul.

Istanbul ist mit zwei Patriarchen und vielen Bischöfen eine Stadt der Ökumene, nicht nur zwischen Katholiken und Orthodoxen, sondern auch mit den alt-orientalischen Kirchen. In der Bosporusmetropole ist die Periode des Dialoges geprägt vom mittlerweile verstorbenen Ökumenischen Patriarchen Athenagoras.

Er hatte 1951 zum 1500. Jahrestag des Konzils von Chalkedon ein Rundschreiben erlassen “An alle Gläubigen der Kirche” und sich an die seit 451 getrennten Kirchen gewandt:  “Es ist an der Zeit, durch konzentrierte gemeinsame Bemühungen, jedes Hindernis zu beseitigen, das der Annäherung und der Einigung im Wege steht, wozu, wie wir alle versuchen, von unserem Ökumenischen Thron Wohlgeneigtheit und Unterstützung und Verständnis erwiesen wird.”

Ein Jahrzehnt später griff die erste Pan-orthodoxe Konferenz von Rhodos dieses Anliegen wieder auf und forderte das “Studium der Art und Annäherung und Vereinigung mit den kleineren alten östlichen Kirchen”. Das sollte durch freundschaftliche Beziehungen, Austausch von Professoren und Studenten und Kontakten jeder Art geschehen. Tatsächlich kam es bald zu Konferenzen orthodoxer und vorchalkedonischer Bischöfe und Kirchenvertreter.

Gerade in Istanbul waren gegenseitige Besuche des griechischen Ökumenischen Patriarchen und des Armenischen bald die Regel. An Weihnachten etwa war der Armenische Patriarch im Phanar, der Residenz des Ökumenischen Patriarchen, bei Athenagoras I. Dieser erwiderte am 6. Januar, an dem die Armenier Weihnachten feiern, den Besuch. Im Sommer 1961 sandte Papst Johannes XXIII. eine Delegation nach Istanbul, um über das einberufene Zweite Vatikanische Konzil zu informieren.

Blick auf Istanbul mit den berühmten Wahrzeichen Hagia Sophia und Blaue Moschee.

Blick auf Istanbul mit den berühmten Sehenswürdigkeiten Topkapi-Palast, Hagia Sophia und Sultan-Achmed-Moschee, besser bekannt als Blaue Moschee.

Dies war bereits eine historische Begegnung, eine der wenigen seit der Kirchenspaltung des Jahres 1054. Papst Johannes XXIII. hatte als Nuntius Bulgarien und die Türkei kennen gelernt und wusste, “wie viel echt christliches Leben auch hier blüht, wie viel alte, für die Gesamtchristenheit bedeutsame Überlieferung hier vorhanden ist, wie sehr manche Züge des östlichen Christentums für die Gesamtchristenheit fruchtbar werden können.”

Ein Jahr nach dem Tod des Papstes kam es zur Begegnung seines Nachfolgers Paul VI. mit dem Patriarchen von Konstantinopel. Der Papst und der Ökumenische Patriarch trafen sich im Januar 1964 bei der Reise Pauls VI. in Jerusalem.

“Wir müssen wie Brüder zusammenarbeiten”

Dort erklärte Athenagoras I., dass die christliche Welt nach der “Nacht der Trennung” nun vor dem Beginn eines strahlenden Tages stehe. “Die katholische Kirche und die orthodoxe Kirche sind Schwesterkirchen, gegründet von zwei Brüdern: Petrus und Andreas. Die eine ist also für die andere da. Deshalb müssen wir wie Brüder zusammenarbeiten.”

Am 7. Dezember wurde der 1054 verhängte Kirchenbann zwischen Konstantinopel und Rom aufgehoben. Im Juli 1967 empfing Athenagoras den Papst im Phanar. Der Patriarch sprach vom Dialog der Liebe und des gegenseitigen Verstehens. Nach seinem Tod 1972 führten seine Nachfolger Demitrios I. und Bartholomäus I. den Dialog weiter.

Kathedrale von Etschmiadsin / Armenien, dem Sitz des Oberhauptes der Armenisch-Apostolioschen Kirche (Katholikos).

Kathedrale von Etschmiadsin, Sitz des Oberhauptes der Armenisch-Apostolischen Kirche.

In Istanbul ist dieser Dialog auch mit den Armeniern geführt worden. Am 6. Januar 1964 hatte der Papst in Jerusalem das Armenische Patriarchat besucht, wobei Patriarch Derderian den “Besuch nicht nur als große Ehrung unseres Patriarchates, sondern zugleich als Ehrung der ganzen Apostolischen Armenischen Kirche und des armenischen Volkes” bezeichnete.

Als 1967 Papst Paul VI. das armenische Patriarchat im Istanbuler Stadtteil Kumkapi betrat, begrüßte ihn Patriarch Shnork Kalustian:  “Die armenische Kirche hat nie aufgehört zu hoffen und zu beten für die Einheit der Kirche.”

Für diesen Empfang war im Ehrensaal der Patriarchalresidenz für den Papst der Thronsessel des Patriarchen bereitgestellt worden. Als ihn der Papst nicht besteigen wollte und darauf hinwies, es sei doch der Platz des Patriarchen, entgegnete dieser: “Wenn Sie hier bei mir sind, dann ist das nicht mein Platz, sondern Ihrer.”

Schon ein Jahr nach seiner Wahl besuchte auch Johannes Paul II. im November 1979 den Nachfolger von Athenagoras, Patriarch Demetrios, in Istanbul. Als der Papst seinen Besuch ankündigte, sagte er: “Petrus besucht Andreas, weil diese beiden Apostel die Gründer beider Bischofsstühle waren.”

Große frühchristliche Vergangenheit

Papst JohannesPaul II. flog zunächst nach Ankara. In einer Ansprache vor den wenigen Katholiken Ankaras hob er hervor, dass diese Katholiken “in einem modernen Staat leben, der die freie Ausübung der Religion für alle vorsieht, ohne sich mit einer zu identifizieren, und unter Menschen, die sich – auch wenn sie nicht den christlichen Glauben teilen – als ‘Gott gehorsam’ und ‘Diener Gottes’ bezeichnen.”

Der Papst erinnerte die Christen in der Türkei an ihre eigene große Vergangenheit in frühchristlicher Zeit und kündigte an, dass er anlässlich des 1600. Todestages des heiligen Basilius des Großen (329-379) ein Dokument über diesen Kirchenlehrer herausgeben werde. Die in den katholischen Gemeinden der Türkei vorhandenen  Traditionen und die Herkunft der Gemeindemitglieder aus vielen Teilen der Welt sollen als Gelegenheit genutzt werden, ein Zeugnis der Einheit und Brüderlichkeit abzulegen.

Neue Ära des Bemühens um vollkommene Einheit

Von Ankara flog der Papst nach Istanbul, um den Ökumenischen Patriarchen Demetrios I. zu besuchen. In seinem Gruß an den Ökumenischen Patriarchen von Konstantinopel sprach Johannes Paul II. von einer “neuen Ära” des Bemühens der orthodoxen und der katholischen Kirche um vollkommene Einheit, “die durch traurige geschichtliche Umstände beeinträchtigt worden ist”.

Johannes Paul II. rühmte die uralte christliche Tradition Kleinasiens. Er verwies auf die Briefe der Apostel Petrus und Paulus, an die dortigen urkirchlichen Gemeinden sowie auf die ersten Ökumenischen Konzilien, die den gemeinsamen christlichen Glauben, das gemeinsame Credo der Ost- und Westkirche, definierten.

Teilnehmende der Pilgerreise von KIRCHE IN NOT im Haus des armenischen Patriarchen in Istanbul.

Teilnehmende der Pilgerreise in die Türkei von KIRCHE IN NOT bei einem Empfang im Haus des armenischen Patriarchen in Istanbul.

Auch gegenüber den armenischen Christen hat der Papst sein Bekenntnis zum Willen nach Wiedervereinigung bekräftigt. In einer Begegnung mit dem in Istanbul residierenden Armenischen Patriarchen Shnork Kalustian bezeichnete er seinen Besuch als “Zeugnis für die zwischen uns bestehende Einheit und für die feste Entschlossenheit, mit der Gnade Gottes die volle Gemeinschaft unserer Kirchen zu erreichen”.

Er drückte seine Wertschätzung für die armenische Kirche aus: er habe sie schon in seiner Jugend kennen gelernt und stets für eine “geheimnisvolle Verbindung geistiger und kultureller Werte in Ost und West” gehalten.

Der Papst begründete seinen Besuch mit dem Gebet Christi, “dass alle eins seien”. Solange Christen untereinander gespalten seien, bleibe der Wesensbestandteil ihrer Berufung unerfüllt. Die Verantwortung für die Einheit aller Christen ist für den Papst “ganz selbstverständlich mit der pastoralen Sorge um die katholische Kirche verbunden”. Die katholische und die armenische Kirche seien einander mit “ermutigenden Schritten” näher gekommen.

Armenisch-katholischer Gottesdienst. Die armenisch-katholische Kirche ist mit Rom uniert.

Armenisch-katholischer Gottesdienst. Die armenisch-katholische Kirche ist mit Rom uniert.

Die mit Rom bereits seit Jahrhunderten unierten Christen des armenischen Ritus bat der Papst, “als Orientalen und Katholiken” aktiv an der “großen Bewegung der Einheit” mitzuwirken. Der Papst betonte die Bedeutung des Landes und der Stadt für die Kirche und rief zur Einheit auf:

“Ich weiß, dass auch ihr Katholiken dieser Stadt und der ganzen Türkei euch der Bedeutung bewusst seid, die dem Bemühen um die volle Einheit unter den Christen zukommt. Ich weiß, dass ihr zu diesem Zweck betet und arbeitet und dass ihr brüderliche Kontakte mit der orthodoxen Kirche und den anderen Christen eurer Stadt und eures Landes unterhaltet. Ich bin euch dafür zutiefst dankbar. Ich weiß auch, dass ihr freundschaftliche Beziehungen zu den anderen Gläubigen sucht, die den Namen des einen Gottes anrufen, und dass ihr aktive und loyale Staatsbürger dieses Landes seid, in dem ihr eine Minderheit bildet. Ich ermutige euch dazu aus ganzem Herzen.”

CD-Tipp: Bischof Luigi Padovese blickt auf Paulusjahr zurück

Am Sonntag, 28. Juni, war in unserer Sendung “Weltkirche aktuell” der Apostolische Vikar von Anatolien und Vorsitzende der türkischen Bischofskonferenz, Bischof Luigi Padovese, zu Gast.

Die Sendung können Sie als Hör-CD unentgeltlich bei uns bestellen oder in unserer Medienbox anhören.

26.Jun 2009 14:06 · aktualisiert: 24.Jun 2015 11:47
KIN / S. Stein