Wie die Eucharistie-Schwestern durch Pater Werenfried eine neue Heimat fanden

Vertriebene sudetendeutsche Ordensfrauen gründeten nach dem Krieg in Salzburg ein neues Mutterhaus

Annuntiata Chotek, die Gründerin der Eucharistie-Schwestern.

Annuntiata Chotek, die Gründerin der Eucharistie-Schwestern.

In den Jahren 1945/1946 mussten neben drei Millionen sudetendeutscher Katholiken über zweitausend deutsche Ordensschwestern das Sudetenland verlassen, darunter auch die Eucharistie-Schwestern von Großpriesen im Elbetal.

Am 30. Juni 1937 ist die Kongregation als jüngste sudentendeutsche Ordensgemeinschaft von Rom anerkannt worden. Nach ihrer Gründerin, Mutter Annuntiata Chotek, und dem Mutterhaus im Schloss des Grafen Chotek wurden sie vom Volk meist Chotek-Schwestern genannt. Die Gründerin starb bereits am 14. August 1939.

Die Leitung der Gemeinschaft als Generaloberin übernahm nach ihrem Tod die Cousine der Gründerin. Sie trug den Ordensnamen Schwester Maria Michaela. Pater Wilhelm Wever stand als Geistlicher Leiter den Schwestern zur Seite. Er wurde bereits im Januar 1941 ausgewiesen, weil er bei der Sonntagsmesse die päpstliche Enzyklika “Mit brennender Sorge” von Papst Pius XI. zitiert hatte.

Die Kriegszeit war für die Kongregation schwer. Schwestern wurden nach Aussig (Ústí nad Labem) dienstverpflichtet, Außenstationen wurden geschlossen. Im Mutterhaus wurde ein Kinderlager untergebracht, so dass die Schwestern dort nicht mehr schlafen konnten.

Das Grab der Ordensgründerin.

Das Grab der Ordensgründerin. Sie ist in Leitmeritz (Litoměřice) begraben.

Über die Zeit nach Kriegsende schrieb die spätere Generaloberin Mutter M. Johanna: “Die Tschechen übernahmen die Herrschaft (…) und erklärten alles deutsche Eigentum für beschlagnahmt und verstaatlicht. Kein Deutscher [durfte] mit der Bahn fahren, die Gehsteige benützen, jeder Deutsche musste eine weiße Armbinde tragen; man durfte nicht Deutsch sprechen, (…) weder in ein Gasthaus gehen, noch Kino, Theater oder Konzerte besuchen.

Bald wurden die Deutschen ausgesiedelt und ihre Wohnungen und Häuser von Tschechen eingenommen. Vorher wurden die Ausgesiedelten auf dem Sammelplatz untersucht, und von den wenigen Habseligkeiten, die sie (…) bei sich hatten, wurde ihnen (…) das meiste weggenommen. In Viehwagen wurden die Männer und Frauen getrennt über die Grenze geschafft.

Nach Kriegsende lebten sämtliche Schwestern im Mutterhaus. Sie konnten sich notdürftig durch die Betreuung von alten Leuten erhalten, da ihnen jede Außentätigkeit und Existenzmöglichkeit genommen war.

Eine neue Heimat in Salzburg

Im November 1945 zogen sieben österreichische Schwestern nach Villach in Kärnten um. Im März 1946 kam der geistliche Leiter, Pater Wilhelm Wevers, aus den Niederlanden zurück. Nachdem er sich von der Lage der Kongregation überzeugt hatte, riet er zum Verlassen der Heimat.

Es waren Tage schwerer Entscheidung. Zwei Schwestern wurden auf Erkundungsreise nach Österreich geschickt. Mühsam waren die Fahrten von einer Diözese in die andere, bis endlich die Aufenthaltsbewilligung der Salzburger Behörden gegeben wurde. Erzbischof Andreas Rohracher versprach der kleinen, entwurzelten Ordensfamilie Aufnahme und Unterkunft.

Bald nach der Rückkehr der beiden Schwestern gab es einen neuen Schreck: die Unterkunft für die Schwestern in Salzburg könne nicht freigemacht werden. Doch eine Absage der Aussiedlung war nicht mehr möglich. Darum fuhr Pater Wevers  nach Salzburg, um mit dem Erzbischof zu verhandeln. Dieser zeigte ihm das verwahrloste Kloster der Schwestern von Maria Sorg und bot es als Unterkunft an. Daraufhin packten die Schwestern in Großpriesen ihre Habseligkeiten zusammen.

Bei einem Ausflug nach Leitmeritz zum 70-jährigen Ordensbestehen im Jahr 2007. Der offizielle Name des Ordens ist Kongregation der Schwestern von der Heiligsten Eucharistie von Leitmeritz

Bei einem Ausflug nach Leitmeritz zum 70-jährigen Ordensbestehen im Jahr 2007. Der offizielle Name des Ordens ist “Kongregation der Schwestern von der Heiligsten Eucharistie von Leitmeritz”. Im Hintergrund: der ehemalige Bischof von Litoměřice, Pavel Posád.

Über den letzten Tag am Sonntag, den 7. Juli 1946, in Großpriesen schrieb Sr. M. Helene Leischer in ihr Tagebuch: “Ermutigend war die Predigt vom Zelebranten Heine. Er wolle [zwar] nicht abergläubisch sein, möchte uns aber ein geistiges Vierkleeblatt als Zeichen mit auf den Weg geben.

Auf das erste Blättchen schreibt er ‘Jesus, euer Heiland’, auf das zweite ‘Maria, eure Mutter’, das dritte soll die Aufschrift tragen ‘Johannes der Täufer und Wegbereiter, euer Vorbild”, das vierte Blättchen ‘der heilige Josef, euer Nährvater’. Nach der Heiligen Messe bekam jede Schwester zwei weise Rosen geschenkt. Viele von den (…) Bewohnern des Ortes waren gekommen, sich zu verabschieden.”

Am nächsten Morgen kamen die Schwestern in Salzburg an. Innerhalb von vier Wochen haben die Schwestern versucht, das Kloster in Maria Sorg notdürftig bewohnbar zu machen. Dort waren die Fenster mit Brettern verschalt, einige Räume bis zu einem halben Meter Höhe mit Stroh und Asche angefüllt, die Kapelle war scheinbar als Tanzsaal genutzt worden.

Lichtblicke trotz vieler Schwierigkeiten

Anfang August konnten die Schwestern einziehen. Bis sich für die einzelnen Schwestern eine Arbeitsmöglichkeit in der Flüchtlingsbetreuung, Krankenpflege oder Familienhilfe fanden, war die Gemeinschaft  auch auf Wohltäter, besonders Bauern der Umgebung, angewiesen. Nach und nach kamen auch die vertriebenen Missionsschwestern in ihr Kloster zurück.

Das Haus wurde zu eng, so dass eine neue Unterkunft gesucht werden musste. Trotz dieser vielen Ereignisse und Schwierigkeiten gab es auch Lichtblicke: Die ersten österreichischen Kandidatinnen meldeten sich.

Immer wieder drängte die Enge des Hauses dazu, eine neue, geeignete Unterkunft zu suchen. In Salzburg wurde das Kapellhaus in der Sigmund-Haffner-Gasse 20 frei und den Schwestern in einer Besprechung mit Erzbischof Rohracher für drei Jahre als Wohnmöglichkeit angeboten. Die Schwestern zogen im Herbst 1948 dort ein.

Blick auf Salzburg. In der österreichischen Stadt haben die Eucharistieschwestern nach vielen Schwierigkeiten eine Heimat gefunden.

Blick auf Salzburg. In der österreichischen Stadt ist die neue Heimat der Eucharistieschwestern.

Aus den drei Jahren wurden elf. In dieser Zeit konnte sich die Gemeinschaft festigen. Es kamen Schwestern dazu, und auch die wirtschaftliche Lage hatte sich inzwischen etwas gebessert. Trotz Enge und Armut verband die kleine Gemeinschaft ein familiärer Geist. Doch für die Gesundheit der Schwestern und die Entfaltung der Gemeinschaft war das etwas feuchte und dunkle Haus auf Dauer ungeeignet. Die erste Hilfe zum Neubau eines Mutterhauses für die wachsende Gemeinschaft bot die Erzdiözese Salzburg durch Überlassung des Baugrundes in der Josefi-Au.

Da kreuzte auch Pater Werenfried van Straaten, der Gründer von “Kirche in Not”, auf einer seiner Bettelreisen für die verfolgte Kirche den Weg der Flüchtlingsschwestern in Salzburg. Auch ihn rührte die Not. Durch eine Sammlung großmütiger Spenden des niederländischen Zweiges von “Kirche in Not” half Pater Werenfried, den Bau des neuen Mutterhauses zum großen Teil zu finanzieren.

Die Schwestern selbst suchten durch Bettelbriefe und mühevolle Haussammlungen in der Schweiz die restliche Bausumme aufzubringen. So konnte mit Hilfe vieler Wohltäter am 25. April 1959 das neue Mutterhaus von den Schwestern bezogen, eingeweiht und die erste Heilige Messe als Dankopfer gefeiert werden. Ein Jahr später war die Kapelle fertig.

Fotos: Eucharistieschwestern

 

Buch-Tipp:

Grulich, Rudolf (1997): Antwort der Liebe: Leben und Werk von Mutter Maria Annuntiata Chotek, Sudetendeutsches Priesterwerk (Hg.), Für Kirche und Volksgruppe; Bd. 9, Königstein

 

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Institut für Kirchengeschichte von Böhmen-Mähren-Schlesien e.V.
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Wir suchen Zeitzeugen von Pater Werenfried

Um die Erinnerung an unseren Gründer lebendig zu halten, suchen wir nach Zeitzeugen von Pater Werenfried van Straaten, die Fotos, Dokumente oder Anekdoten im Zusammenhang mit dem Speckpater oder seinem Werk zur Verfügung stellen können.

Wir bitten daher alle, die über eine Begegnung mit Pater Werenfried berichten können, sich mit uns in Verbindung zu setzen. Herzlichen Dank im Voraus.

30.Jun 2009 16:38 · aktualisiert: 15.Jul 2015 15:51
KIN / S. Stein