Brückenbauerin zwischen Polen und Deutschen

Am 16. Oktober feiert die katholische Kirche den Gedenktag der heiligen Hedwig

Darstellung der heiligen Hedwig auf dem Ambo der St.-Hedwig-Kirche in München.

Darstellung der heiligen Hedwig auf dem Ambo der St.-Hedwig-Kirche in München.

Im Jahr 1965 kam es am Ende des Zweiten Vatikanischen Konzils zu einem Briefwechsel der  deutschen und polnischen Bischöfe, der  die Versöhnung der beiden Völker maßgeblich voranbrachte.

In ihrer Grußbotschaft an ihre deutschen Amtsbrüder vom 18. November 1965 hatten alle polnischen Bischöfe, darunter auch der spätere Papst Johannes Paul II., Karol Wojtyla als Erzbischof von Krakau, festgestellt:

“Brücken bauen zwischen Völkern können nur heilige Menschen, nur solche, die eine lautere Meinung und reine Hände besitzen. Sie wollen dem Brudervolk nichts wegnehmen, weder Sprache, noch Gebräuche, noch Land, noch materielle Güter; im Gegenteil: sie bringen ihm höchst wertvolle Kulturgüter und sie geben ihm gewöhnlich das Wertvollste, was sie besitzen: sich selbst.”

In dem gleichen Schreiben wird die heilige Hedwig als “der beste Ausdruck eines christlichen Brückenbaus zwischen Polen und Deutschland” bezeichnet.

Hedwig wurde um das Jahr 1174 auf Schloss Andechs am Ammersee geboren. Mit zwölf Jahren wurde sie mit Herzog Heinrich I. von Schlesien vermählt. Während er sich dem Aufbau und der Sicherung des Landes widmete und deutsche Siedler in das slawische Gebiet einlud, kümmerte sich die fromme Hedwig um Arme und Kranke und unterstützte verschiedene Orden bei der Gründung von Niederlassungen.

Im Jahre 1203 gründete ihr Ehemann das erste Frauenkloster auf schlesischem Boden. Wir können davon ausgehen, dass ihn seine Gemahlin, die heilige Hedwig, dazu bewog, denn erste Äbtissin in Trebnitz (Trzebnica) wurde eine Lehrerin Hedwigs. Im Jahre 1219 wurde die Kirche geweiht.

Die St-Hedwig-Kathedrale in Berlin.

Die St-Hedwig-Kathedrale in Berlin.

Hedwig hatte einige private Schicksalsschläge zu überwinden: sechs ihrer sieben Kinder starben schon früh, im Jahr 1238 auch ihr Mann. Nach dem Tod ihres letzten Sohnes, Heinrich II., im Jahr 1241 zog sich Hedwig in das Kloster Trebnitz nördlich von Breslau zurück, wo sie im Oktober 1243 starb.

Ihr Grab in Trebnitz ist noch heute neben dem Annaberg der größte Wallfahrtsort Schlesiens; Trebnitz ist quasi die Stadt der heiligen Hedwig. Sie liegt an der alten Straße, die von Böhmen über Glatz, Breslau nach Posen und Gnesen führte, wohin schon Kaiser Otto III. zum Grab des heiligen Adalbert pilgerte.

Die polnischen Bischöfe sagten 1965 über die heilige Hedwig: “Sie ist im 13. Jahrhundert die größte Wohltäterin des polnischen Volkes in den damaligen Westgebieten des Piastenpolens, in Schlesien, geworden. Es steht historisch ziemlich fest, dass sie, um dem polnischen einfachen Volk dienen zu können, sogar die polnische Sprache lernte.

“Größte Wohltäterin des polnischen Volkes”

Nach ihrem Tod und ihrer baldigen Heiligsprechung strömten Scharen des polnischen und deutschen Volkes zu ihrer Grabstätte in Trzebnica – später Trebnitz genannt. Und sie tun es heute noch zu Tausenden und Abertausenden.

Niemand macht unserer großen Landesheiligen den Vorwurf, dass sie deutschen Geblütes war; im Gegenteil man sieht sie allgemein – von einigen nationalistischen Fanatikern abgesehen – als den besten Ausdruck eines christlichen Brückenbauers zwischen Polen und Deutschland an -, wobei wir uns freuen, auch auf deutscher Seite recht oft dieselbe Meinung zu hören.”

Im Antwortschreiben der deutschen Bischöfe heißt es: “Es berührt uns tief, dass wir in der Verehrung der heiligen Hedwig vereint sind, die deutschen Geblütes und doch – wie Sie schreiben – die größte Wohltäterin des polnischen Volkes im 13. Jahrhundert war. Diese hellen Seiten des polnisch-deutschen Verhältnisses in der Geschichte verdanken wir ohne Zweifel unserem gemeinsamen christlichen Glauben.”

Johannes Paul II. (1920-2005).

Papst Johannes Paul II.

Als Papst Johannes Paul II. bei seiner zweiten Reise in sein Heimatland in Breslau predigte, nannte er die heilige Hedwig “eine Grenzgestalt, die zwei Nationen miteinander verbindet: die deutsche und die polnische Nation.

Sie verbindet sie im Verlauf vieler Jahrhunderte einer Geschichte, die zwischen Deutschen und Polen oft schwierig und schmerzhaft war.

Die heilige Hedwig bleibt aber inmitten aller geschichtlichen Prüfung schon sieben Jahrhunderte lang Fürsprecherin einer wechselseitigen Verständigung und Versöhnung, entsprechend den Erfordernissen des Rechtes der Nation, der internationalen Gerechtigkeit und des Friedens.

Man kann sagen, dass auch durch ihr Eintreten der Heilige Stuhl die kirchliche Normalisierung auf diesen Gebieten vollziehen konnte, die nach dem Zweiten Weltkrieg, nach vielen Jahrhunderten erneut Teil des polnischen Staates, wie zu Zeiten der Piasten, geworden waren. Wir haben ja in Erinnerung, dass Breslau als Bistum seit dem Jahre 1000 zur Kirchenprovinz von Gniezno (Gnesen) gehörte – und dass dieser Zustand bis zum Jahre 1821 dauerte”.

Hedwig-Skulptur in Breslau

Der Papst zitierte “einen Sohn der schlesischen Erde, der zugleich erster Metropolit von Breslau nach dem Zweiten Weltkrieg war”, nämlich Kardinal Boleslaw Kominek:

“Unmittelbar an der Dombrücke in Breslau, die auf die Piasteninsel führt, steht die in Stein gehauene Hedwig. Sie steht auf der Brücke, die das östliche und westliche Ufer der Oder verbindet. Alle, die auf sie zukommen, heißt sie, auf sich schauen und daran denken, dass alle Brüder sind, auf welchem Ufer sie auch immer wohnen mögen. Vereint in dieser Brüderlichkeit Christi, grüßen wir einander.

Das Geheimnis Christi auf dem Altar und die Brüderlichkeit der Menschen, auf welchem Ufer sie auch immer wohnen, hat uns heute im Namen des Herrn zusammengeführt. Wir bitten unsere Patronin von Schlesien, sie möge uns bei der Heiligsten Dreifaltigkeit den Frieden, die Eintracht und die Brüderlichkeit in der menschlichen Familie des Volkes und der Nation erwirken.”

Blick auf Breslau.

Blick auf Breslau.

Heute ist Trebnitz eine polnische Kleinstadt. Bei der Besetzung durch die Russen 1945 wurde die Stadt völlig niedergebrannt, aber die Kirche und das Kloster blieben unversehrt.

Die Kirche ist ein prächtiger Barockbau, der in den Jahren 1697 bis 1726 an der Stelle des mittelalterlichen Gebäudes errichtet wurde. Er gehört zu den bedeutendsten Basiliken Schlesiens. Nur ein romanisches Tympanon aus dem Jahre 1230 erinnert noch über dem Westportal an die ursprüngliche Gestalt der Kirche.

Reliquiar mit dem Haupt der Heiligen

Das Innere der Kirche, ein Backsteinbau mit Trägern und Dekorationen aus Haustein und mit seinem kostbaren Altar, birgt das Hedwigsgrab. 14 Säulen stehen auf einem mächtigen marmornen Unterbau. Sie tragen ein Dach, auf dem der Erzengel Michael den Drachenteufel besiegt. Unter dem Baldachin liegt die aus Alabaster gehauene Figur der Heiligen.

Auf dem sich an das Grabmal anschließenden Altar ruht in einem Silberreliquiar das Haupt Hedwigs. Heute feiern auch deutsche Katholiken, die nach dem Zweiten Weltkrieg aus ihrer Heimat vertrieben wurden, hier Messen in deutscher Sprache.

16.Okt 2009 08:57 · aktualisiert: 4.Apr 2016 11:21
KIN / S. Stein