Das geistige Herz Mährens

Die Basilika von Velehrad ist ein beliebtes Ziel für Wallfahrer

Fassade der Basilika in Velehrad.

Fassade der Basilika in Velehrad.

Im Oktober veranstalteten wir in Zusammenarbeit mit dem Institut für Kirchengeschichte von Böhmen-Mähren-Schlesien eine Wallfahrt in die Slowakei und nach Mähren. Auf dem Programm stand auch ein Besuch in dem Wallfahrtsort Velehrad, etwa 60 Kilometer östlich von Brünn (Brno), den wir Ihnen näher vorstellen möchten.

Eine große deutsche Tageszeitung sprach vom “Jahr der Slawen”, als Papst Johannes Paul II. am Silvestertag 1980 die heiligen Cyrill und Method zu Mitpatronen Europas erklärte.

Der Papst tat dies am Ende des Benediktus-Jahres, in dem der 1500. Geburtstag des Patron Europas begangen wurde. Für 1985 bereiteten die Katholiken Feiern zum 1100. Todestag des heiligen Method vor, die Tschechen und Slowaken vor allem im mährischen Velehrad.

Schon 1981 schickte Papst Johannes Paul II. seinen Delegaten Kardinal Bernardin Gantin nach Velehrad, wo die vom Prager Regime unterdrückte Kirche Mährens wenigstens für die Cyrill-und-Method-Feier wieder etwas vom Glanz der Weltkirche spürte. Die tschechischen und slowakischen Katholiken hofften, dass der Papst mit ihnen das Method-Jubiläum feiert. Jedoch durfte am Ende nur Kardinal Agostino Casaroli kommen. Erst 1990 reiste der Papst nach Velehrad.

Lange wurde der Wallfahrtsort Velehrad für die Residenzstadt des Großmährischen Reiches gehalten, von wo aus Cyrill und Method das Land missionierten. Seit 1205 stand hier ein Zisterzienserkloster, das im 17. und 18. Jahrhundert barock umgestaltet wurde und das Kaiser Josef II. 1782 aufhob.

Wand- und Deckenfresken in der Basilika.

Wand- und Deckenfresken in der Basilika.

Sehenswert ist die mächtige Kirche mit ihren zwei Türmen. Wand- und Deckenfresken im Inneren stellen das Leben der Heiligen dar, denen die Kirche geweiht ist: Konstantin, der später den Mönchsnamen Cyrill annahm, und Method, der erste Bischof im Großmährischen Reich. Es gibt auch zwei Statuen von ihnen,  ebenso ein Gemälde des polnischen Malers Jan Matejko.

Obwohl sich Method nach dem Tod seines Bruders in Rom gegen die deutschen Bischöfe nicht halten konnte und seine Schüler vertrieben wurden, ist das Gedenken an diese beiden Heiligen in Mähren nie erloschen. Die 1100-Jahr-Feier ihrer Entsendung nach Mähren (863), der 1969 gefeierte 1100. Todestag des heiligen Cyrill und der 1100. Todestag Methods 1985 haben gezeigt, wie alle slawischen Völker diese beiden heiligen Brüder ehren.

Statuen von Cyrill und Method in der Basilika.

Statuen von Cyrill und Method in der Basilika.

Seit fast 70 Jahren ist das alte Velehrad auch ein Pilgerort. In der “Königskapelle” in der Kirche von Velehrad ist Erzbischof Anton Cyrill Stojan von Olmütz begraben. Er hatte 1921 in einer Zeit der Wirren und Unruhen den Erzbischofssitz bestiegen und mit zweieinhalb Jahren die kürzeste Regierungszeit aller Olmützer Bischöfe. Dennoch leistete er viel, auch für die zahlreichen deutschen Gläubigen seines Bistums.

“Dem deutschen Volke deutsche Priester”, war ein von ihm gern gebrauchter Satz, den er auch in die Tat umsetzte. Mit seiner Unterstützung wurde ein eigenes Gebäude für das Knabenseminar in Freudenthal errichtet. Dass die deutschen Katholiken der Erzdiözese Olmütz wieder einen deutschen Weihbischof bekamen, ist ebenfalls sein Verdienst. Am 17. Januar 1923 wurde dafür der Domherr Josef Schnitzel geweiht.

Anton Cyrill Stojan wurde 1851 in Benov im Dekanat Prerau geboren. Die Priesterweihe erhielt er 1876 in Olmütz. Er war Kaplan in seiner Heimatdiözese und als Pfarrer im Bistum Brünn. 1908 wurde er Propst des Kremsierer Kollegialskapitels zu St. Mauritz und Domherr in Olmütz. Nachdem er bereits Abgeordneter im österreichischen Reichstag war, wurde er 1918 auch Mitglied des Senats des Parlaments in Prag.

In Olmütz waren indessen schwere Zeiten für das Erzbistum gekommen. 1915 war der Erzbischof Kardinal Dr. Franz Sales Bauer gestorben. Zum letzten Mal konnte das Domkapitel zur Wahl schreiten. Die Kriegslage machte die Lage gespannt; der Hof in Wien schaltete sich ein und bestand auf der Wahl des Prager Kardinals oder des Brünner Bischofs.

Seitenansicht der Wallfahrtskirche.

Seitenansicht der Wallfahrtskirche.

Der Prager Kardinal Leo Freiherr von Skrebensky-Hriste wurde Erzbischof von Olmütz, der Brünner Bischof Paul Graf von Huyn kam als Erzbischof nach Prag, der Troppauer Propst Klein aus dem Deutschen Orden wurde vom Kaiser zum Bischof von Brünn ernannt. Kardinal Skrebensky-Hriste dankte krankheitsbedingt schon 1920 ab. Es dauerte fast ein halbes Jahr, ehe Rom mit Anton Stojan seinen Nachfolger benannte.

Die Theologische Fakultät Olmütz verdankt Stojans Initiative drei neue Lehrstühle, für Vergleichende Religionswissenschaft, für Soziologie sowie für Kirchenslawisch. Er knüpfte Kontakte zur ukrainischen unierten Kirche der Karpato-Ukraine und stellte ukrainischen Theologiestudenten Stipendien in Olmütz zur Verfühung.

Ikone der “Mutter der Einheit”.

Ikone “Mutter der Einheit”.

Stojan starb am 29. September 1923. Als seine letzte Ruhestätte hatte er sich Velehrad gewünscht, das er als ökumenisches Zentrum für die Begegnung mit den Kirchen des Ostens ausgebaut hatte. Auf seine Initiative entstand die Kapelle mit der Ikone “Maria, Mutter der Einheit” und Bildern slawischer Heiliger.

1907 hatte Stojan in Velehrad den ersten Unionskongress organisiert, zu dem 76 Teilnehmer aus allen katholischen Slawenvölkern gekommen waren, aber auch Italiener und Deutsche sowie der russische Konvertit Federow, der später Bischof werden sollte.

Das Erzbistum Olmütz, in dem das bisher nicht gefundene Grab Methods liegen soll, belebte damals das “Apostolat der heiligen Cyrill und Method”. Deshalb lud Stojan zum zweiten Kongress auch bereits Nichtkatholiken ein. Nach dem dritten Treffen 1911 unterbrachen die Balkankriege 1912/13 und der Erste Weltkrieg diese Begegnungen.

Erst nach Stojans Tod trat der vierte Kongress zusammen, die folgenden in den Jahren 1927, 1932 und 1936, dann erst wieder 1946 und 1947. Seitdem im Februar 1948 die Kommunisten in Prag die Führung übernahmen, fand das ökumenische Bemühen in Velehrad ein vorläufiges Ende. In den USA versuchte man im tschechischen Kloster St. Prokop bei Chicago die Tradition weiterzuführen.

Blick in den Altarraum.

Blick in den Altarraum.

Schon 1946 und 1947 waren die Kongresse in Velehrad stark abgefallen. Die Tschechen waren praktisch unter sich. Vergessen war bei vielen tschechischen Christen, dass Cyrill und Method auch die Landespatrone der deutschen Bewohner Mährens waren. Auch in deutschen Gesangbüchern standen früher Cyrill- und Method-Lieder.

Dabei wollte Papst Johannes Paul II. das Bewusstsein des religiösen Reichtums Europas vertiefen. Sein Wunsch war, “dass alles, was die Kirchen, die Völker und die Nationen trennt, verschwinden möge, dass die Vielfalt und Verschiedenheit von Tradition und Kultur vielmehr ein Beweis sein möge für die wechselseitige Ergänzung in dem, was der gemeinsame geistige Reichtum hervor gebracht hat”. In seiner Enzyklika von 1985, “Slavorum Apostoli”, schreibt er von Ost und West als von den zwei Flügeln einer Lunge, durch die Europa atmet.

Vor der Basilika erinnert ein großes Kreuz an den Besuch von Papst Johannes Paul II. im Jahr 1990.

Vor der Basilika erinnert ein großes Kreuz an den Besuch von Papst Johannes Paul II.

In der Zeit der kommunistischen Kirchenverfolgung war es ruhig in Velehrad. Es gab damals noch Nonnen in Velehrad. Der kommunistische Staat, der die Orden 1950 aufhob und unterdrückte, brauchte sie als Pflegepersonal. “Alles Gute tut man letztlich für Gott, nicht für Marx und nicht für Engels”, sagte mir vor Jahrzehnten in Velehrad eine Krankenschwester.

Heute ist sie Ordensfrau, denn das Beispiel der Ordensschwestern beeindruckte viele Mädchen und junge Frauen. Nach der Wende 1989 und der Wiedererlangung der Freiheit ist für die Kirche auf caritativem Gebiet eine noch größere Aufgabe erwachsen. Das ehemalige Kloster ist heute ein Pflegeheim.

Auch der Gedanke der Union mit der Ostkirche ist bereits in Velehrad wieder aufgegriffen worden. Ein Komitee aus Vertretern von Kirche und Staat unter der Schirmherrschaft des Parlaments und der Regierung der Tschechischen Republik hat sich darum bemüht, dass Velehrad wieder zu einem Zentrum der Begegnung zwischen den Kirchen Ost- und Westeuropas wird.

Ein Beitrag von Prof. Dr. Rudolf Grulich.

In den kommenden Wochen werden wir Ihnen einige Wallfahrtsorte in der Slowakei und in Mähren auf unserer Internetseite vorstellen.

Alle in der Medienbox vorgestellten Beiträge sind bei uns unentgeltlich auf CD beziehungsweise DVD erhältlich.

3.Nov 2010 16:25 · aktualisiert: 19.Mrz 2015 15:12
KIN / S. Stein