Stadt aus Spielzeughäuschen

Olmütz und Umgebung können auf eine wechselvolle Geschichte blicken

Dreifaltigkeitssäule in Olmütz.

Dreifaltigkeitssäule in Olmütz.

Im Oktober 2010 veranstalteten wir in Zusammenarbeit mit dem Institut für Kirchengeschichte von Böhmen-Mähren-Schlesien eine Wallfahrt in die Slowakei und nach Mähren. Auf dem Programm stand auch ein Besuch in Olmütz,  der fünftgrößten Stadt in Tschechien.

Als in den Siebzigerjahren die Memoiren des tschechischen Politikers Jiři Pelikan auf Deutsch erschienen, gab der Verlag als Geburtsort des Verfassers “die tschechische Kleinstadt Olomouc” an. Dies zeigt, dass das einstmals deutsche Olmütz, bis ins 19. Jahrhundert hinein noch königliche Hauptstadt, der Vergangenheit angehört.

Diese Vergangenheit aber spürt man im heutigen Olomouc. Die Stadt ist nicht nur bei Touristen beliebt, sonden es kommen auch immer mehr Wallfahrer, die sich den Dom und die anderen Kirchen, die Sarkander-Kapelle und den nahegelegenen Heiligen Berg anschauen möchten.

Mittelpunkt der Stadt sind immer noch die beiden Ringplätze, die nach der “samtenen Revolution” wieder Oberring und Niederring und nicht mehr “Platz des Friedens” und “Platz der Roten Armee” heißen. Das Rathaus und die Patrizierhäuser erinnern an stolze Zeiten der Stadt, am Rathaus insbesondere das prächtige Renaissance-Portal und die wunderbare Loggia aus dem Jahr 1564.

In Olmütz begann die Karriere von Gustav Mahler

Am Oberring liegt auch das Theater, wo der Komponist Gustav Mahler und die Schauspielerin Tilla Durieux ihre Laufbahnen begannen. Von ihr ist eine Schilderung der Stadt aus dem Jahr 1901 überliefert: “Olmütz sah aus wie von einem Kind aus der Spielzeugschachtel aufgestellt. Allerdings hatte es darüber reichlich Staub gestreut.

Tag und Nacht lag über den Spielzeughäuschen der Duft der berühmten Olmützer Quargeln, kleiner, runder, stark riechender Käschen, die von hier aus ihren Siegeszug über die österreichisch-ungarische Monarchie angetreten hatten. Inmitten der Häuschen stand ein hübsches großes Theater, erstaunlich zunächst, aber dann verständlich, gedachte man der reichen Tuchfabrikanten, die dort lebten und der Offiziere der Garnison, die täglich um 12 Uhr mit Todesverachtung den Kampf mit den Katzenköpfen aufnahmen, um zu sehen und gesehen zu werden.”

Blick auf Olmütz vom Turm der Moritzkirche.

Blick auf Olmütz vom Turm der Moritzkirche.

Mehr als der Theaterbau fesselt die Dreifaltigkeitssäule die Aufmerksamkeit der Stadtbesucher mit einer Höhe von 36 Metern und mit 18 vergoldeten Kupferstatuen. Die Säule, die meisterhaft gefertigten vielen Brunnen, die Rathausuhr, dazu Kirchen und Klöster, bieten ganze Lektionen mährischer Geschichte.

Mariensäulen und Dreifaltigkeitssäulen bestimmen das Bild der Städte und Marktplätze im Gebiet der alten Donaumonarchie. Mariensäulen sind oft auch Pestsäulen, das heißt sie wurden errichtet, weil man sie der Gottesmutter gelobt hatte, wenn die Pest oder eine andere Seuche verschwände. In der Türkenzeit entstanden Mariensäulen auch zum Dank für die Hilfe Mariens gegen die Osmanen. Deshalb ist Maria oft über demliegenden Halbmond dargestellt.

Marienfeste erinnern an Siege gegen türkische Heere

Man glaubte, dass dies bereits in der Offenbarung des Johannes prophezeit sei, wo der Seher von Patmos schreibt, er sah eine Frau, von der Sonne umkleidet, den Mond zu ihren Füßen. Manche katholischen Marienfeste erinnern an Siege über die Türken.

Das Rosenkranzfest wird am 7. Oktober gefeiert, dem Tag des Sieges über die Osmanische Flotte 1571 bei Lepanto. Maria Namen wird am 12. September begangen, als 1683 das mit den Polen vereinigte christliche Heer die Türken vor Wien schlug. Nach jenem Sieg wurde auch das Dreifaltigkeitsfest am Sonntag nach Pfingsten für die ganze Kirche eingeführt.

Im Fundament der Dreifaltigkeitssäule ist eine Kapelle.

Im Fundament der Dreifaltigkeitssäule ist eine Kapelle.

Die Dreifaltigkeitssäule in Olmütz wurde 1754 im Beisein des Kaiserpaars Franz I. und Maria Theresia eingeweiht. Erbaut wurde sie in den Jahren 1732 bis 1754 von dem einheimischen Steinmetzen und Bildhauer Wenzel Render, der aber die Vollendung nicht mehr erlebte.

Andreas Zahner und Philipp Sattler haben Heiligenfiguren und Reliefs geschaffen, eine von Engeln getragene Maria, achtzehn Heilige, dazu zwölf Lampenträger und über allem als Krönung die große Gruppe der Dreifaltigkeit.

Manche der Heiligen erkennt man an ihren Attributen. Da sind die Eltern Marias, Joachim und Anna, Josef und Johannes der Täufer, Hieronymus und Laurentius. Natürlich dürfen die Slawenapostel Cyrill und Method nicht fehlen, ebenso wenig der Adalbert von Prag, Johannes Nepomuk und der in Olmütz gemarterte und 1995 heilig gesprochene Johannes Sarkander. Unter den Volksheiligen erkennt man die heiligen Antonius von Padua, Florian und Aloisius von Gonzaga.

Über ihnen tragen zwei Engel eine Immaculata, die in Kupfer gegossen und vergoldet wurde. Dazu kommen noch sechs Reliefs mit Apostelfiguren. Eine Inschrift mit der Jahreszahl 1754 besagt auf Latein, dass die Säule vom Olmützer Bischof Kardinal Graf Troyer im Beisein des Kaiserpaares eingeweiht wurde.

In der Moritzkirche ist die größte Orgel Tschechiens

Vom Oberring ist es nicht weit zur Moritzkirche, deren Türme unvollendet geblieben sind. In der Kirche befindet sich die größte Orgel Tschechiens. Die Aussicht vom Kirchturm ist überwältigend: Die Hana, die fruchtbare Ebene um Olmütz, erstreckt sich um die Stadt, nordöstlich sieht man den Heiligen Berg mit seiner großen Wallfahrtskirche. Er heißt jetzt wieder Svaty Kopecek, Heiliger Berg. Die Kommunisten strichen kurzerhand das Wort “Svaty”, so dass nur die Benennung “Berg” blieb.

Auf dem Weg von der Moritzkirche zum Dom passiert man die Palacky-Universität. Sie wurde 1946 gegründet, aber schon 1673 hatten die Jesuiten in Olmütz eine Universität gegründet. In ihrem 1675 errichteten Gebäude wurde später die Theologische Fakultät untergebracht, die die Universitätstradition ununterbrochen bewahrte, aber 1950 ebenfalls ein Opfer des Kirchenkampfes wurde. Im Prager Frühling wurde 1968 für kurze Zeit hier wieder eine Filiale der Theologischen Fakultät Leitmeritz erlaubt, aber bereits 1971 wieder geschlossen. Erst 1990 erstand die Fakultät wieder, und es wurde ein Priesterseminar errichtet.

Die Reisegruppe wurde von Bischof Jan Graubner empfangen. Er nahm sich eine Dreiviertelstunde Zeit, um Fragen der Teilnehmenden zu beantworten.

Die Reisegruppe wurde von Bischof Jan Graubner empfangen. Er nahm sich eine Dreiviertelstunde Zeit, um Fragen der Teilnehmenden zu beantworten.

Am Bischofsplatz steht das 1664-1674 erbaute Erzbischöfliche Palais, das daran erinnert, dass 1777 Olmütz Erzbistum wurde und sein Oberhirte Metropolit von Mähren. Bis 1918 war Olmütz die reichste Diözese der Donaumonarchie.

1947 starb Erzbischof Dr. Leopold Precan und hatte im folgenden Jahr Dr. Josef Matocha als Nachfolger erhalten. Die Kommunisten hielten diesen im Erzbischöflichen Palais wie einen Gefangenen, ohne Kontakt zu Außenwelt, ohne Verbindung zu seinen Priestern, geschweige denn zur Weltkirche. Der von der Regierung 1952 eingesetzte Generalvikar durfte den Erzbischof nicht besuchen.

Die Schikanen gingen so weit, dass man nicht einmal einen Friseur oder Zahnarzt zum Gefangenen ließ, ja selbst in der Sterbestunde dem Oberhaupt der Erzdiözese einen Priester verweigerte. Noch nach dessen Tod ging die entwürdigende Behandlung durch die Behörden weiter, da das Requiem für den Verstorbenen nicht im Dom stattfinden durfte.

Der Wenzelsdom in Olmütz.

Der Wenzelsdom in Olmütz.

Der Dom ist ein gotischer Wenzelsdom wie in Prag, der bereits im 12. Jahrhundert als romanische Basilika von Bischof Heinrich Zdik begonnen wurde. Bischof Zdik gründete auch das Kloster Hradisch vor den Toren der Stadt. Zahlreich sind noch die anderen Kirchen und Kapellen in Olmütz: Marischnee, eine barocke Jesuiten- und spätere Garnisonskirche; die Wahl-Kapelle der Bischöfe in St. Anna, links von der Westfassade des Domes, oder die Johannes-Sarkander-Kapelle. Sie ist über der Stelle erbaut, wo 1620 der Priester Johannes Sarkander gemartert wurde und starb.

Der in Skotschau bei Teschen geborene Johannes Sarkander wirkte während der Gegenreformation als Pfarrer in Mähren für die Kirche, zuletzt als Pfarrer von Holleschau. Er erlag den Foltern 1620 in Olmütz, als man von ihm politische Geständnisse erpressen wollte.

Johannes Sarkander wurde 1995 heiliggesprochen.

Johannes Sarkander wurde 1995 heiliggesprochen.

Im Volk wurde er früh verehrt und oft dem heiligen Johannes Nepomuk zur Seite gestellt. 1860 wurde er seliggesprochen. Da er polnischer Herkunft sein soll und nach Tschenstochau gewallfahrtet ist, wurde er auch sehr von Papst Johannes Paul II. verehrt.

Als 1618 ein Heer des polnischen Königs dem Kaiser zugeführt wurde, das sonst in Mähren plünderte, aber Sarkanders Pfarrort verschonte, argwöhnten die protestantischen Stände in Olmütz, es habe ein Einverständnis zwischen Sarkander und den Polen gegeben, ja Sarkander habe nur die Wallfahrt nach Tschenstochau unternommen, um das polnische Heer ins Land zu rufen. Daher wurde er verhaftet und in Olmütz der Tortur unterzogen.

Die Katholiken verehrten ihn gleich nach seinem Tod als Märtyrer und bauten an der Stelle der Folterkammer eine Kapelle zu Ehren aller Märtyrer. 1995 kam Papst Johannes Paul II. nach Olmütz, um Johannes Sarkander heiligzusprechen.

Der Heilige Berg nordöstlich von Olmütz ist nach Hostein und Velehrad der drittgrößte Wallfahrtsort Mährens. Der Berg liegt 167 Meter höher als Olmütz und bietet daher eine prächtige Aussicht. Die erste Kirche auf dem Berg wurde von dem Olmützer Bürger Johannes Andrysek gestiftet und zwischen 1629 und 1633 erbaut. Als Olmütz 1642 von den Schweden besetzt wurde, steckten sie auch das Kirchlein in Brand; das von Andrysek gestiftete Gnadenbild verschwand für zwei Jahrzehnte.

Kirche auf dem Heiligen Berg bei Olmütz.

Kirche auf dem Heiligen Berg bei Olmütz.

Es wurde aber wieder aufgefunden, und der Abt des bei Olmütz gelegenen Prämostratenserklosters Hradisch baute eine neue Kirche, für deren Errichtung italienische Baumeister und Stukkateure herangezogen wurden. Maler und Bildhauer aus den Niederlanden und Deutschland kamen hinzu, die auch im 18. Jahrhundert die Kirche prächtig ausschmückten. Sie fasst 6000 Besucher.

Das Gnadenbild ist ein Relief auf einer Steinplatte und stellt Maria mit dem Kind dar. Es steht über dem Tabernakel des Hochaltars. Hinter der Kirche erstreckt sich ein großer von einem Kreuzgang umgebener Hof. In der St. Anna-Kapelle wurden früher die Gottesdienste für die deutschen Wallfahrer gehalten. In der Mitte des Hofes steht eine Statue des heiligen Norbert. Der von diesem gegründete Prämostratenserorden betreute die Wallfahrt.

Gnadenbild in der Wallfahrtskirche auf dem Heiligen Berg bei Olmütz.

Gnadenbild in der Wallfahrtskirche auf dem Heiligen Berg bei Olmütz.

Sowohl in der deutschen wie in der tschechischen Literatur Mährens hat der Heilige Berg seinen Platz. Der Schriftsteller Jakob Julius David hat in seinen Werken die “Bedeutung des Heiligen Berges bei Olmütz für das mährische Landvolk” hervorgehoben.

Der 1924 verstorbene tschechische Dichter Jiři Wolker wohnte hier und nahm auch das Motiv des Heiligen Berges in seine Dichtung auf. Nach dem Zweiten Weltkrieg lebte bis zu seinem Tod der Schriftsteller und Übersetzer O. F. Babler auf dem Berg, der viele Werke der Weltliteratur ins Tschechische übersetzte.

Seit der Wende in der Tschechoslowakei herrscht wieder mehr Wallfahrtsbetrieb auf dem Berg. In Buden werden Souvenirs, Postkarten, Kerzen und sakrale Gegenstände verkauft.

Die Prämostratenser sind auf den Berg zum zweiten Male zurückgekehrt. Als Kaiser Josef II. im Jahre 1784 das Kloster Hradisch aufhob, dauerte es bis 1846, ehe die Söhne des heiligen Norbert aus dem Kloster Strahov wieder dorthin kommen konnten. 1950 wurden die Orden von den Kommunisten aufgehoben.

Erst 1990 erhielten die Prämonstratenser das Heiligtum zurück und auch die so genannten Prämonstratenserinnen vom Heiligen Berg, eine Schwesterngemeinschaft im Geiste des heiligen Norbert, die dem Prämostratenserorden angeschlossen ist, zog wieder in ihre alten Klostergebäude.

Ein Beitrag von Prof. Dr. Rudolf Grulich

In den kommenden Wochen werden wir Ihnen einige Wallfahrtsorte in der Slowakei und in Mähren auf unserer Internetseite vorstellen.

Alle in der Medienbox vorgestellten Beiträge sind bei uns unentgeltlich auf CD beziehungsweise DVD erhältlich.

12.Nov 2010 12:51 · aktualisiert: 19.Mrz 2015 15:11
KIN / S. Stein