Die Heilige der Samtenen Revolution

Ein Beitrag von Prof. Dr. Rudolf Grulich über Agnes von Böhmen

Die heilige Agnes - Altar des Großmeisters Puchner 1482 (Prager Nationalgalerie).

Die heilige Agnes – Altar des Großmeisters Puchner 1482 (Prager Nationalgalerie).

Auf dem oberen Teil des berühmten Wenzelsplatzes in Prag stehen um das Reiterstandbild des Herzogs und ersten böhmischen Heiligen vier weitere Heiligengestalten als die ersten Patrone Böhmens: Adalbert, Prokop, Ludmilla und die zur Zeit der Errichtung des Denkmals noch selige und erst 1989 heiliggesprochene Agnes von Prag.

Ihre Verehrung in der heutigen Tschechischen Republik ist ungewöhnlich, ist das Land doch nach vier Jahrzehnten Kommunismus und einer unglücklichen Geschichte seit dem Dreißigjährigen Krieg das Land, in dem es prozentual die wenigsten Gläubigen in Europa gibt. Dennoch ehrt das Land seine Heiligen. Sie ist sogar auf der 50-Kronen-Banknote in Tschechien abgebildet.

Agnes war die Tochter von König Ottokar I., der in Böhmen und Mähren herrschte. Sie wurde 1211 in Prag geboren. Ihre Tante war die heilige Hedwig von Schlesien, die heilige Elisabeth von Thüringen ihre Cousine. Die junge Prinzessin wurde im Kloster Doksan nördlich von Prag erzogen und lehnte alle Heiratsangebote europäischer Herrscher ab, auch das des Hohenstaufen-Kaisers Friedrich II.

Nach dem Tod ihres Vaters 1230 beriet sie zwar ihren Bruder, der inzwischen König geworden war, widmete sich aber sonst ganz der Nächstenliebe. Im Jahr 1233 stiftete sie in Prag ein Klarissenkloster, in das sie 1234 selbst eintrat und dessen Äbtissin sie wurde. Mit der heiligen Klara von Assisi stand Agnes im Briefwechsel. Vier Briefe sind noch erhalten, aus denen wir wissen, dass die heilige Klara ihre Mitschwester Agnes in ihrer konsequenten Einstellung zum Armutsideal ermunterte.

Die heilige Agnes ist auf dem 50-Kronen-Schein abgebildet (Foto: Wikipedia; R. Zenner).

Die heilige Agnes ist auf dem 50-Kronen-Schein abgebildet (Foto: Wikipedia; R. Zenner)..

In Prag stiftete Agnes ein Spital zu Ehren des heiligen Franz von Assisi. Daraus ging der Orden der Kreuzherren mit dem roten Stern hervor, der 1237 von Papst Gregor IX. bestätigt wurde. Diese Gemeinschaft von Brüdern und Priestern, die den Dienst an Pilgernden sowie armen und kranken Menschen ausübte, wurde später zu einem Ritterorden umgewandelt und besteht noch bis heute.

Bis zur Vertreibung der Sudetendeutschen aus Böhmen und Mähren gab es auch deutsche Mitglieder des Ordens. In Gemeinden des Sudetenlandes wie Eger, Franzensbad, Mariakulm und Tachau betreuten die Kreuzherren die deutschen Pfarreien.

Heiligsprechung erst über 700 Jahre nach ihrem Tod

Die heilige Agnes starb am 2. März 1282 in Prag. In Böhmen wurde sie immer verehrt, aber durch die religiösen Kämpfe, zum Beispiel in der Hussitenzeit und durch den Dreißigjährigen Krieg, durch die Kräfte des Josephinismus und Liberalismus, kam es erst 1874 zur Seligsprechung und am 12. November 1989 zur Heiligsprechung durch Papst Johannes Paul II. im Rom.

Viele Tschechen litten unter dieser Jahrhunderte dauernden Verzögerung. “Wenn einmal die selige Agnes heiliggesprochen wird”, bedeutete soviel wie bei uns “am Sankt Nimmerleinstag“. Das Volk war überzeugt, dass glückliche Tage für Böhmen nach der Heiligsprechung anbrechen würden. Die Heiligsprechung erfolgte erst über 700 Jahre nach ihrem Tod.. Die kommunistischen Behörden mussten 1989 einen Pilgerzug nach Rom genehmigen, weil die Perestrojka in Moskau auch auf die Satellitenstaaten ausstrahlte.

Fünf Tage nach den Feierlichkeiten in Rom kam es am 17. November zur “Samtenen Revolution” in Prag. Am 23. April 1990 konnte der Papst den ersten Besuch in einem ehemals kommunistischem Land nach der Wende machen. Als ihn am Prager Flughafen Präsident Vaclav Havel begrüßte, sagte er: “Heiliger Vater, ich weiß nicht, was ein Wunder ist, aber Sie heute bei uns, das ist ein Wunder.”

Blick auf das Rathaus von Budweis. Die Stadt wurde von Ottokar II., dem Neffen von Agnes, gegründet.

Blick auf das Rathaus von Budweis. Die Stadt wurde von Ottokar II., dem Neffen von Agnes, gegründet.

2011 jährt sich zum 50. Mal die offizielle Einberufung des Zweiten Vatikanischen Konzils. Die deutschen und polnischen Bischöfe tauschten am Ende dieses Konzils ihren Briefwechsel der nationalen Versöhnung aus. In ihrer Gruß­botschaft an ihre deutschen Amtsbrüder vom 18. November 1965 hatten alle polnischen Bischöfe, darunter auch der spätere Papst Karol Wojtyla als Erzbischof von Krakau, festgestellt:

“Brücken bauen zwischen Völkern können nur heilige Menschen, nur solche, die eine lautere Meinung und reine Hände besitzen. Sie wollen dem Brudervolk nichts wegnehmen, weder Sprache, noch Ge­bräuche, noch Land, noch materielle Güter; im Gegenteil: sie bringen ihm höchst wertvolle Kulturgü­ter und sie geben ihm gewöhnlich das Wertvollste, was sie besitzen: sich selbst.”

Das gilt auch von der heiligen Agnes von Böhmen. Möge sie Deutsche und Tschechen noch mehr zusammen führen als bisher.

In den kommenden Wochen werden wir Ihnen einige besuchte Orte der Wallfahrt auf unserer Internetseite vorstellen.

Literatur-Tipp:

Über den von der heiligen Agnes von Böhmen gegründeten Orden der Kreuzherren informiert das Buch von Willy Lorenz “Die Kreuzherren mit dem roten Stern”, das in einem von Prof. Dr. Rudolf Grulich veranlassten Reprint wieder vorliegt.

Bestelladresse:
Institut für Kirchengeschichte von Böhmen-Mähren-Schlesien
Haus Königstein
Zum Sportfeld 14
63667 Nidda

26.Okt 2011 10:11 · aktualisiert: 17.Apr 2015 11:38
KIN / S. Stein