Der heilige Berg Böhmens

Kirchenhistoriker Prof. Dr. Rudolf Grulich über den Wallfahrtsort Přibram

Eingang zur Wallfahrtskirche von Pribram.

Eingang zur Wallfahrtskirche von Pribram.

Wer von Pilsen mit dem Auto nach Prag fährt, findet hinter Rokitzan (Rokicany) das Hinweisschild “Přibram”. Přibram ist heute wieder der wichtigste Wallfahrtsort in Böhmen, was er schon drei Jahrhunderte hindurch früher war.

Als 1913 Pfarrer Alfred Hoppe in Wien sein Werk “Des Österreichers Wallfahrtsorte” veröffentlichte und die Gnadenstätten der Donaumonarchie nach der Zahl der jährlichen Pilger und Kommunikanten anordnete und beschrieb, kam Přibram gleich nach Mariazell und dem galizischen Kalwarya und noch vor den Pilgerzentren wie Philippsdorf (Filipov) und dem mährischen Hostein (Hostyn).

Da Přibram in Innerböhmen im tschechischen Sprachgebiet liegt, war sein heiliger Berg bei den Sudetendeutschen nicht so bekannt wie andere Pilgerorte in Böhmen oder Mähren-Schlesien. Aber es pilgerten auch viele deutsche Gläubige der Erzdiözese Prag nach Přibram, wie alte deutsche Andachtsbildchen und Andenken beweisen.

Přibram, das deutsch Pribrans hieß, ist eine alte Bergbaustadt, wo Silber abgebaut wurde und bereits im 13. Jahrhundert eine Kapelle auf dem späteren heiligen Berg bezeugt ist. Sie soll ein Ritter Malowetz errichtet haben, den Raubritter verfolgten. Er gelobte im Falle der Rettung hier eine Kapelle bauen zu lassen. Viele Touristen kommen heute auch ohne religiösen Hintergrund hierher, um die alten Bergwerke und das Bergbaumuseum zu besuchen. Gläubige Tschechen und Deutsche aber machten sich durch viele Jahrhunderte als Wallfahrer auf den Weg.

Hochaltar in der Wallfahrtskirche Pribram.

Hochaltar in der Wallfahrtskirche Pribram.

Das Gnadenbild, das in Přibram verehrt wird, ist eine 50 Zentimeter hohe Statue aus Lindenholz, die der Prager Erzbischof Ernst von Pardubitz (um 1300-1364) selber geschnitzt haben soll. Der große Marienverehrer stammte aus Glatz, dem Hauptort der schlesischen Grafschaft, die bis ins 20. Jahrhundert zum Prager Erzbistum gehörte. Ernst wurde in Glatz von den Johannitern und dann in Braunau von den Benediktinern erzogen, studierte in Padua und Bologna und war als Kanoniker in Prag ein enger Mitarbeiter des großen Kaisers Karl IV., der Prag zur Hauptstadt des damaligen Europa machte.

Im Jahr 1343 wurde Ernst Bischof von Prag, das ein Jahr später von Kaiser und Papst zum Erzbistum erhoben wurde. Er war Mitbegründer der Universität und deren erster Kanzler, zuständig für den Parlerbau des Domes und Gründer verschiedener Klöster der Augustinerchorherren. Durch Aufträge für Bilder und Handschriften förderte er die kirchliche Kunst im Reich. Er starb in Raudnitz an der Elbe, doch sein Grab ist in Glatz, wo er auch als Seliger (Arnestus) verehrt wird. Die ihm zugeschriebene Statue des Přibramer Gnadenbildes stand zunächst in der erzbischöflichen Residenz in Prag und kam während der Hussitenkriege nach Přibram.

Berichte von einem Wunder

Im Jahre 1620 ist die erste Prozession auf den heiligen Berg und seine Kapelle bezeugt. Für das Jahr 1632 berichtet die Chronik sogar von einem Wunder: von der Heilung des blinden Bettlers Johannes Prochazka aus Nimburg an der Elbe.

Als 1647 die Jesuiten die Wallfahrtsseelsorge übernahmen, blühte die Wallfahrt in der Gegenreformation auf, nachdem man 1648 noch einmal kurz das Gnadenbild vor den Schweden evakuieren musste. Durch die Wallfahrerströme nach dem Dreißigjährigen Krieg wurde die alte Kapelle zu klein und man ging an die Neugestaltung einer auch für Böhmen einzigartigen Wallfahrtsanlage.

Blick auf die Frontseite der Anlage.

Blick auf die Frontseite der Anlage.

“Die ganze Anlage mit einem Freialtar, dem Kalvarienberg und dem überdachten, mit zahlreichen Votivgaben geschmückten Umgang entspricht so recht den Wünschen der frommen Beter”, heißt es über Přibram im “Marienlexikon” des Regensburger Institutum Marianum. Der heilige Berg ist eine marianische Festung mit Außen- und Innenhöfen. Mächtige und für böhmische Wallfahrtskirchen so typische Ambiten umschließen die Kirche im Viereck. Im Laufe der Zeit wurden Kapellen angefügt und offene Kapellen dazu gebaut, sodass die Kirche und die ganze Anlage immer erweitert wurde.

Wie auf den Muttergottesberg im ostböhmischen Grulich gibt es auch in Přibram eine Wallfahrtsstiege, die von der Stadt auf den Berg hinaufführt. Sie wurde 1658 ausgebaut. Schon am 22. Juni 1732 wurde das Gnadenbild gekrönt, was damals die erste Krönung eines Gnadenbildes im Heiligen Römischen Reich deutscher Nation war. Die beiden Kronen für das Jesuskind und die Muttergottes wurden vom Papst gestiftet und tragen das päpstliche Wappen.

Gemälde des Redemptoristen Klemens Hofbauer.

Gemälde des Redemptoristen Klemens Hofbauer.

Der prächtige Silberaltar, der das Gnadenbild umschließt, ist ein Prunkstück des Gotteshauses. Er wurde 1745 von einem Prager Silberschmied gefertigt. Nach der Aufhebung des Jesuitenordens kamen Theatiner auf den heiligen Berg, der Ende des Jahrhunderts zur Propstei erhoben wurde. 1861 übernahmen die Redemptoristen die Seelsorge.

Vor dem Ersten Weltkrieg kamen jährlich 300 Prozessionen und über 300 000 Pilgernde nach Přibram, dessen Wallfahrtskirche 1905 zur Basilika erhoben wurde. Kurz vor dem Ersten Weltkrieg gab es allein auf dem Berg an die hundert Devotionalienhändler und weitere 50 in der Stadt. Für das leibliche Wohl der Pilgernden sorgten auf dem Berg fünf Gasthöfe, für die geistliche Betreuung standen neun Redemptoristen zur Verfügung.

In der Zwischenkriegszeit waren es nur noch 100 000 Wallfahrer im Jahr, da die Gründung der Tschechoslowakischen Nationalkirche und der Glaubensabfall nach 1920 viele Tschechen der Katholischen Kirche entfremdete. Das Hauptfest war damals wie heute der dritte Sonntag nach Pfingsten, also der Tag der Krönung des Gnadenbildes im Jahr 1732.

Seit dem Ende der kommunistischen Herrschaft 1989 ist auch die Wallfahrt zum heiligen Berg wiedererstanden. Die Kirche und die ganze Anlage wurde renoviert; nach der Wiederzulassung der Orden konnten auch die im Jahre 1950 verbotenen Redemptoristen wieder auf den Berg zurückkehren.

Durch ein barockes Tor, das Prager Portal, gelangt der Pilger in die Wallfahrtsanlage und sieht vor sich die Marienkirche in einem großen Hof, der von allen vier Seiten von Ambiten umgeben ist. Sie wurden nach Plänen des italienischen Meisters Carlo Lurago erbaut. In diesen Umgängen stellen Gemälde die Geschichte der Wallfahrt dar. In den Ambiten befinden sich acht Nischenkapellen sowie weitere Turmkapellen und der Glockenturm.

Goldene Statue der gekrönten Maria und Jesuskind mit Krone.

Goldene Statue der gekrönten Maria und Jesuskind mit Krone.

Es ist schwer, die ganze Schönheit des heiligen Berges und seinen majestätischen Eindruck in Worte zu fassen. Reicher Figurenschmuck zeigt Heilige und Engel; in den Kapellen, die Namen böhmischer Städte tragen, wetteiferten Prag, Pilsen und andere Orte bei der Ausstattung.

Aus den Ambiten kommt man über der Hof und vier Treppen auf die Terrasse, die mit Balustraden geschmückt ist und auf der die Basilika thront. Diese Terrasse trägt Statuen des Přibramer Künstlers Mathias Hueber. Es sind böhmische Heilige, die uns grüßen: Adalbert und Prokop, Wenzel und Ludmilla sowie die alten in Böhmen verehrten Patrone wie St. Veit und Sigismund.

Dazwischen sehen wir Engel, die Bilder der Muttergottes aus anderen böhmischen Wallfahrtsorten tragen. An der Ostseite der Kirche sind geöffnete Arkadenkapellen, von denen die mittlere die reichste Maler- und Stuckausstattung hat.

Vor dem Hauptaltar knien immer viele Betende. Auch aus Deutschland und Österreich kommen immer wieder zahlreiche Gläubige hierher.

28.Okt 2011 15:20 · aktualisiert: 26.Feb 2014 13:45
KIN / S. Stein