Das slowenische Lourdes

Zu Besuch in Brezje, dem größten Wallfahrtsort des Landes

Die Wallfahrtskirche von Brezje.

Die Wallfahrtskirche von Brezje in Slowenien.

KIRCHE IN NOT und das Institut für Kirchengeschichte von Böhmen-Mähren-Schlesien veranstalten Anfang Juni 2012 die dritte gemeinsame Wallfahrt. Wir stellen Ihnen einige Stationen dieser Reise vor und beginnen mit dem Wallfahrtsort Brezje, den man auch das slowenische Lourdes nennt.
Ein Beitrag des Kirchenhistorikers Rudolf Grulich.

Das Volk der mehrheitlich katholischen Slowenen mit seinen nur zwei Millionen Menschen wurde sowohl im ehemaligen Jugoslawien als auch im Westen oft gegenüber den Kroaten vernachlässigt.

In der Geschichte hat es — anders als Kroatien — nie einen eigenen Staat gebildet, sondern immer zu den deutschen beziehungsweise österreichischen Herzogtümern Kärnten und Steiermark, teilweise auch zu Krain und der Grafschaft Görz gehört. Es behauptete jedoch stets seine kulturelle Selbstständigkeit und seine eigene slawische Sprache.

Als 1983 der slowenische Erzbischof und Metropolit Alois Šuštar von Ljubljana (Laibach) als stellvertretender Vorsitzender der damaligen Jugoslawischen Bischofskonferenz Papst Johannes Paul II. nach Jugoslawien einlud, bat er ihn, auch nach Slowenien zu kommen und Ljubljana und die Maria-Hilf-Kirche in Brezje zu besuchen. Damit betonte er die Selbstständigkeit der Slowenen, die sich 1990 von Jugoslawien lösten, um am 25. Juni 1991 ihre Unabhängigkeit zu erklären.

Innenraum der Wallfahrtskirche in Brezje.

Innenraum der Wallfahrtskirche in Brezje.

Brezje ist heute der größte Wallfahrtsort der Slowenen. Die Muttergottesverehrung hat bei den Slowenen, wie bei allen Slawen, eine lange Tradition. Ihr erster Missionar, der Bischof Modestus, errichtete beim alten römischen Virunum mit Hilfe des Fürsten Hostimir eine Kirche und weihte sie Maria: Es ist die Kirche von Maria Saal im heutigen Kärnten, die von den Slowenen als erste Marien-Kirche auf ehemals slowenischem Boden betrachtet wird. Hunderte weiterer Kirchen folgten ihr.

Am bekanntesten sind wohl die Marienkirche auf der Insel im See von Veldes (Bled), die Kirche der Schmerzhaften Muttergottes im ältesten und heute einzigen Zisterzienserkloster des Landes in Sittich (Stična) und Maria Neustift bei Pettau (Ptujska Gora) mit seiner berühmten Kirche aus der Parler-Schule.

Fährt man durch den Karawankentunnel von Österreich nach Slowenien im Save-Tal in Richtung Ljubljana (Laibach), so sieht man links der Straße zwischen den Bahnstationen Globoko und Otoče die Kirche von Brezje. Die meisten Touristen fahren vorbei. Nur wenige wissen, dass hier der größte Wallfahrtsort der Slowenen liegt: ein Marienwallfahrtsort, der, wie viele andere Pilgerstätten im Österreich des 19. Jahrhunderts, bekannt wurde und seinen Ruf schnell ausbreitete.

Votivtafeln in der Wallfahtskirche in Brezje.

Votivtafeln bezeugen die Dankbarkeit der Gläubigen für die erhörten Gebete.

Als 1913 Alfred Hoppe sein Monumentalwerk “Des Österreichers Wallfahrtsorte” in Wien drucken ließ, reihte er Brezje nach der Zahl der Kommunikanten bereits unter die größten Wallfahrtsorte der Donaumonarchie ein: nach Mariazell, Kalwarya (in Westgalizien) und dem heiligen Berg bei Pribram in Böhmen, aber noch vor Phillippsdorf (Böhmen), Trsat (bei Rijeka/Fiume), dem Monte Santo bei Görz, dem Berg Hostein in Mähren oder dem Muttergottesberg bei Grulich in Böhmen.

Das Dorf Brezje wird bereits im 11. Jahrhundert erwähnt. Es erhielt erst im 15. Jahrhundert eine Kirche zu Ehren des heiligen Veit, in der nur dreimal im Jahr Gottesdienst stattfand. Im Jahr 1800 ließ der Pfarrer Urban Ažbe eine Seitenkapelle “Maria Hilf” bauen. Er hatte in Innsbruck studiert und dort das bekannte Mariahilf-Bild von Lukas Cranach kennen gelernt. Erste Pilgerfahrten zur Kapelle begannen bald nach 1800, vor allem während der Zeit der französischen Besetzung der Krain in den Jahren 1809 bis 1813.

Gnadenbild in Brezje

Ziel der Wallfahrten nach Brezje ist das Gnadenbild.

Im Jahr 1814 schuf der Maler Leopold Layer von Krainburg (Kranj) das heutige Altarbild aufgrund eines Gelübdes. Ihn hatten die Franzosen wegen Banknotenfälschung ins Gefängnis geworfen, wo er gelobte, nach der Befreiung oder frühzeitigen Entlassung die Marienkapelle in Brezje auszumalen. Als er nach dem Abzug der Franzosen tatsächlich die Freiheit erhielt, erfüllte er sein Gelübde.

Erst als es seit 1813 in Brezje zu einigen wunderbaren Gebetserhörungen und Heilungen kam, entwickelte sich die Wallfahrt schnell. Es wurde nun ein ständiger Gottesdienst eingerichtet, und die Kirche den Franziskanern zur Betreuung übergeben.

In kurzer Zeit wurde Brezje der beliebteste Wallfahrtsort der Slowenen. 1899 wurde der Grundstein für die heutige Kirche gelegt, die am Rosenkranzfest des Jahres 1900 der Kardinal und Erzbischof von Görz, Jakob Missia, einweihte.

Die Kirche im Neurenaissancestil ist 39 Meter lang, 19 Meter breit und 17 Meter hoch. Die Höhe des Turmes beträgt 53 Meter. Ihr Hauptanziehunspunkt ist bis heute die Gnadenkapelle, die 1954 restauriert wurde. Schon 1917 war das Gnadenbild durch Bischof Jeglic feierlich gekrönt worden. Vor allem im ersten Weltkrieg kamen zahlreiche Wallfahrer, um für den Frieden zu beten. Allein an Maria Himmelfahrt 1915 waren es 10 000 Menschen.

Statue von Johannes Paul II.

Statue von Papst Johannes Paul II. vor der Kirche.

Als 1935 in Ljubljana der erste Eucharistische Kongress Jugoslawiens stattfand, ließ Bischof Rozman das Gnadenbild während des Kongresses nach Ljubljana bringen, wo es über 100 000 Gläubige im Dom verehrten, ehe man es wieder zurückbrachte.

Im Zweiten Weltkrieg vertrieben die Deutschen 1942 die Franziskaner aus Brezje. Der Laienbruder Jozafat Finžgar brachte das Bild heimlich ins italienisch besetzte Ljubljana; von dort aus wurde es für zwei Jahre nach Trsat bei Rijeka gebracht. Am 29. Mai 1943 kam es wieder nach Ljubljana, wo es bis 1947 im Dom blieb.

1957 wurde der 50. Jahrestag der Krönung des Gnadenbildes gefeiert. Unter den zwanzigtausend Pilgern waren neben Bischof Anton Vovk aus Ljubljana auch Erzbischof Franjo Šeper von Zagreb und die Bischöfe von Maribor (Marburg an der Drau) und Banja Luka.

Zum 60. Jahrestag der Krönung 1967 kamen 25 000 Gläubige. Erzbischof Dr. Jozef Pogačnik feierte damals zum ersten Mal nach dem Konzil den Gottesdienst in der Volkssprache, wie das 1100 Jahre zuvor schon die Slawenapostel Cyrill und Method getan hatten. Seit 1969 haben die Wallfahrten nach Ständen und Gruppen noch zugenommen, vor allem die Krankenwallfahrten.

22.Jun 2012 10:43 · aktualisiert: 19.Jun 2013 15:22
KIN / S. Stein