“Lass uns darunter sicher steh’n”

Die Schutzmantelmadonna im slowenischen Ptujska Gora

Die Kirche in Ptjuska Gora.

Die Kirche in Ptujska Gora / Slowenien.

Besonders beeindruckend ist Maria Neustift bei Pettau, das heutige Ptujska Gora. Pettau, slowenisch Ptuj, war schon im Altertum unter dem Namen Poetovium ein christlicher Bischofssitz. Der heilige Viktorinus von Pettau, der unter Kaiser Diokletian als Märtyrer starb, war der erste Bibelexeget der lateinischen Kirche.

Der heilige Hieronymus schrieb über ihn, dass sein Griechisch besser gewesen sei als sein Latein, weshalb manche Theologen ihn für einen Griechen halten. Er konnte so der lateinischen Kirche das reiche Erbe griechischer Exegese vermitteln. Der Festtag des heiligen Viktorinus wird am 2. November begangen.

Auf dem Pettauer Feld weist auf der Straße von Maribor Richtung Kroatien ein kleiner Wegweiser die Richtung: Ptujska Gora. Fruchtbare Felder mit Weinstöcken geben dem steirischen Heimatlied recht, das noch bekennt, dass die Steiermark einst größer war: “… bis zum Wendenland am Bett der Sav, bis zum Rebenland im Tal der Drav” erstreckte sich bis 1919 dieses österreichische Kronland.

115 Meter über der Ebene liegt die Wallfahrtskirche, deren Verteidigungsmauer an die Nöte der Türkenzeit mahnt. Von außen schlicht, mit kahler Vorderfront, gotischen Strebepfeilern und einigen Statuen am Portalaufgang, überrascht die Kirche mit ihrem hellen Innenraum die Besucher. Nach oben strebende Gotik, schlanke Pfeiler, elegantes Rippenwerk im Gewölbe — vor allem aber das Gnadenbild, das sich in den Bau harmonisch einfügt.

Die Schutzmantelmadonna in Ptujska Gora.

Die Schutzmantelmadonna in der Wallfahrtskirche von Ptujska Gora.

Es ist eine Schutzmantelmadonna, aus einem einzigen zwei Meter breiten Steinblock gehauen, unter deren von Engeln gehaltenem Mantel sich die Menschheit flüchtet: Ein Papst und Bischöfe, Ritter und Handwerker, Frauen, Männer und Kinder. Noch gebannter als wir müssen die Gläubigen gewesen sein, die in die Wehrkirche eilten, als die Türken nahten.

Damals war die Bitte “Maria, breit den Mantel aus” keine hohle Floskel, denn “unter ihren Schutz und Schirm” floh man buchstäblich, so auch 1475, als die Türken das gesamte Drautal zerstörten, die Kirche aber schonten. Der weite Mantel gilt in vielen Kulturkreisen als Schutzsymbol. Als ältestes griechisches Mariengebet aus dem vierten Jahrhundert, das unter Karl dem Großen ins Lateinische übertragen wurde, kennen wir das “Unter ihren Schutz und Schirm”.

In Konstantinopel wurde in der Blachernenkirche der Mantel Mariens verehrt, den die Gottesmutter über die oft bedrohte Stadt breitete. Seit dem Mittelalter sind unzählige Darstellungen der Schutzmantelmadonna bekannt.

Hochaltar der Kirche in Ptujska Gora (deutsch: Maria Neustift).

Hochaltar der Kirche in Ptujska Gora (deutsch: Maria Neustift).

In der Türkennot der Neuzeit entstand das Lied “Maria, breit den Mantel aus”, das erstmals in Innsbruck 1640 gedruckt wurde:
Maria, breit den Mantel aus,
mach Schirm und Schild für uns daraus;
lass uns darunter sicher stehn,
bis alle Stürm vorüber gehn.
Patronin voller Güte,
uns alle Zeit behüte.

Der Entwurf der Kirche in Maria Neustift wird Schülern des Prager Dombaumeisters Peter Parler zugeschrieben. Auch sonst gibt es viele, heute kaum mehr bekannte Beziehungen Sloweniens zu Böhmen und Mähren, aber auch zu anderen Gebieten der alten Donaumonarchie. Zwei Meister, Brüder aus Bruneck in Südtirol, schufen die gotischen Fresken in der Vorhalle der Kirche, die außer dem Gnadenbild der größte kulturelle Reichtum in Maria Neustift sind.

Im vorderen Teil des Kirchenraum ist auf Statuen an den Wänden die Heilige Sippe, der ganze Clan der Familie Jesu und Mariens, dargestellt. Da heißt es an Statuen “avus” oder “avia” oder “cognatus” beziehungsweise “cognata” des Herrn, also Großvater oder Großmutter oder Verwandter beziehungsweise Verwandte Jesu. Es zeigt den Familiensinn der Slawen, nicht nur Jesus, Maria und Josef als Heilige Familie zu ehren, sondern die ganze Verwandtschaft des Herrn.

6.Jul 2012 11:12 · aktualisiert: 21.Aug 2016 19:15
KIN / S. Stein