Hoch über der Adria

Trsat bei Rijeka ist der älteste Marienwallfahrtsort in Kroatien

Das Gnadenbild in der Wallfahrtskirche von Trsat.

Das Gnadenbild in der Wallfahrtskirche von Trsat.

KIRCHE IN NOT und das Institut für Kirchengeschichte von Böhmen-Mähren-Schlesien haben kürzlich eine gemeinsame Wallfahrt veranstaltet, die nach Italien, Slowenien und Kroatien führte. Auf dem Programm stand dabei auch ein Besuch von Trsat, dem ältesten Marienwallfahrtsort Kroatiens.

In Trsat bei Rijeka hat die Stadtverwaltung der großen kroatischen Hafenstadt 2008 ein überlebensgroßes Denkmal von Papst Johannes Paul II. errichtet. Noch während des Krieges war er 1994 in Zagreb, dann 1998 ebenfalls in der kroatischen Hauptstadt, aber auch im Marienwallfahrtsort Marija Bistrica und in der Stadt Split. Als er vor zehn Jahren nach Rijeka, Dubrovnik und Osijek fuhr, betete der Johannes Paul II. auch am Gnadenbild von Trsat.

Der Ort liegt an der nördlichen Adria und ist heute in die kroatische Hafenstadt Rijeka eingemeindet. 135 Meter über dem Meer erhebt sich der Berg Trsat (deutsch: Tersat) mit dem Heiligtum Unserer Lieben Frau. Vom Zentrum Rijekas ist es eine gute halbe Stunde Fußweg zunächst am Meer entlang und dann über die 561 Stufen der Trsater Stiege hinauf zur Kirche.

Die Verehrung der Muttergottes in Trsat setzte am 10. Mai 1291 mit der legendären Übertragung des Hauses von Nazareth auf diesen Berg ein. Schon 1294 soll das Haus von Engeln weiter nach Loretto bei Ancona getragen worden sein, wo die „Casa Santa” in der Basilika bis heute verehrt wird.

Wallfahrtskirche in Trsat, dem ältesten Marienwallfahrtsort Kroatiens.

Wallfahrtskirche in Trsat, dem ältesten Marienwallfahrtsort Kroatiens.

Diese Legende hat einen historischen Hintergrund. Das Häuschen von Nazareth, in dem Maria, die Mutter Jesu, gelebt und in dem sich auch die Szene der Verkündigung und Empfängnis Jesu abgespielt haben soll, war schon zur Apostelzeit verehrt und in ein Heiligtum umgewandelt worden. Bei der späteren Invasion der Araber wurde es zerstört.

Kreuzritter bauten es wieder auf, mussten das Heilige Land jedoch 1291 verlassen, als mit Akkon der letzte Stützpunkt der Kreuzfahrer fiel. In jener Zeit des Rückzugs war es üblich, Reliquien aus dem Heiligen Land zu evakuieren oder zu entwenden. Nach mittelalterlicher Lesart wurden die Ordensbrüder, die bei der Rettung der Reliquien vor den Arabern mithalfen, den Engeln gleichgesetzt.

561 Treppenstufen führen von der Adriaküste rauf zur Wallfahrtskirche Trsat.

561 Treppenstufen führen von der Adriaküste rauf zur Wallfahrtskirche Trsat.

Unter solcherart exportierten Reliquien befanden sich auch die „heiligen Steine aus dem Haus unserer Lieben Frau”, die 1294 in einer Liste der Mitgift von Marguerite Angeli, der Tochter des Despoten von Nikephorus von Epirus, auftauchten, als diese Philipp I. von Tarent, den Sohn des Königs von Neapel, Karl II. von Anjou, heiratete (D’Anjou, lat. de Angelis, was wiederum an Engel erinnert).

Im Jahre 1367 schickte Papst Urban V. durch seinen Legaten, den Franziskaner Bonifatius von Neapel, den immer noch über den Verlust trauernden Bewohnern von Trsat ein Gnadenbild, das seitdem als „Mutter der Gnade” auf dem Berg verehrt wird. Die kroatischen Fürsten der Frankopani von der Insel Krk bauten zunächst eine Kapelle und 1453 eine Kirche und ein Kloster, das sie den Franziskanern überließen. In den folgenden Jahrhunderten wurde sie mehrfach vergrößert und ausgebaut, ehe sie 1824 ihr heutiges Äußeres erhielt.

1692 ließ der Richter des Königreiches Kroatien, Johannes Uzolin, den prächtigen Hauptaltar aus buntem Marmor errichten; das kunstvolle Eisengitter, das das Sanktuarium von der Kirche trennt, wurde 1705 von Bischof Martin Brajkovic von Zagreb gestiftet. 1714 malte der Venezianer Cristoforo Tascha das Großgemälde der Verkündigung über den Triumphbogen.

Einer der größten Tage in der Geschichte der Wallfahrtskirche war wohl der 8. September 1715, als Bischof Gregor Marotti das Gnadenbild mit goldenen Kronen, die aus Rom kamen, krönte. Es war die erste Krönung eines Marienbildes außerhalb Italiens überhaupt.

In der Kirche befinden sich heute die Gräber von Angehörigen der Familie Frankopani sowie von Peter Kruzic, des Verteidigers der Festung Klis bei Split gegen die Türken. Er ließ auch die Stiege auf den Berg erbauen und stiftete mit seinem Kampfgenossen Parisevic 1527 die großen Votivkerzen, die noch heute im Altarraum zu sehen sind. Im Kloster, das eine reiche Bibliothek und Schatzkammer besitzt, sind im Kreuzgang Fresken des Franziskaner-Malers Seraphin Schön aus dem 17. Jahrhundert zu sehen. In der Schatzkammer befinden sich zudem zahlreiche Votivtafeln.

Eines der Fresken von Seraphin Schön aus dem 17. Jahrhundert.

Eines der Fresken von Seraphin Schön aus dem 17. Jahrhundert. Sie wurden durch Spenden von Kroaten aus aller Welt restauriert.

Nach Trsat kommen heute nicht nur Zehntausende kroatischer Gläubige, sondern auch viele Slowenen und Italiener. Die größten Wallfahrten finden an Maria Himmelfahrt und Maria Geburt statt. Die Hauptgottesdienste sind dann im Freien, im Klosterpark, da die Kirche die Menschenmenge nicht fasst. Über 30 000 sind es jedes Jahr an Maria Himmelfahrt, die hierher strömen, zu Fuß, mit Bussen und Autos.

Seit Jahrhunderten zeigt die Bevölkerung diese Treue, wie wir aus alten Chroniken erfahren. Über die Krönung schreibt der Klosterchronist 1715: „Der Kroatische Landtag in Zagreb schickte zwei Delegierte: Nikola Sali und Michael Andrach. Währender der dreitägigen Feier in Trsat wurde 30.000mal das Abendmal ausgeteilt. Am zweiten Tag trugen vier Diakone das wundertätige Bild auf den Schultern die Hunderten von steinernen Treppen von Trsat in die Stadt Rijeka hinunter.

Als das Gnadenbild auf den Schultern der Diakone über die Rjecina-Brücke kam, warteten die Stadtabgeordneten auf den Knien unter dem Donner der Kanonen und unter Böllerschüssen von den Stadtmauern und Schiffen. Das Bild wurde in allen Kirchen von Rijeka herumgetragen und kehrte dann erst für immer über die 500 reich beleuchteten Treppen nach Trsat zurück.”

Denkmal von Papst Johannes Paul II. in Trsat. Der polnische Papst hatte Kroatien mehrfach besucht.

Denkmal von Papst Johannes Paul II. in Trsat. Der polnische Papst hatte Kroatien mehrfach besucht.

Unter den Pilgern vergangener Zeiten waren bekannte Persönlichkeiten. Der französische Philosoph René Descartes betete hier, aber auch das Oberhaupt aller jugoslawischen Muslime, der 1975 verstorbene Reis-ul-ulema Süleyman Efendi Kemura, der bewegt feststellte, er werde diesen Tag nie vergessen. Der große kroatische Dichter Vladimir Nazor dichtete in Trsat zu Maria und bat um die Gnade, wie ein Kind zu weinen und den Schmerz der echten Reue bei jeder Stufe empor nach Trsat zu empfinden.

Der größte Tag für Trsat in der Neuzeit aber war der Papstbesuch 2003, an den seit 2008 das große Bronzedenkmal erinnert. Wegen den Menschenmassen fand die Papstmesse am Fuß des Berges am Fluss Riječina statt, wo bis 1945 die Grenze zwischen Italien und Jugoslawien verlief. Nach der Messe dankte der Papst in kroatischer, italienischer, slowenischer, deutscher und polnischer Sprache.

Nicht nur in Trsat wird Maria als “Königin der Adria” verehrt. Die Feststellung von P. A. Eggerer, „Regnum Croatiae vere Marianum” (Das Königreich Kroatien ist wahrlich ein Marienreich), gilt besonders für das kroatische Küstenland und Dalmatien. Die Kathedralen in Poreč und Pula, Senj, Rab, Krk, Split und Dubrovnik sind der Muttergottes geweiht. Dazu kommen Hunderte von anderen Kirchen und die alten Marienikonen in Zadar, Split, Dubrovnik und auf den Inseln wie Rab, Korčula und Hvar.

Prof. Rudolf Grulich/Volker Niggewöhner

 Frühere Wallfahrten von KIRCHE IN NOT mit Prof. Grulich:

17.Mai 2013 16:07 · aktualisiert: 17.Apr 2015 14:38
KIN / S. Stein