Die glagolitische Allee

Ein besonderes kulturelles Kleinod und begehbares Denkmal in Kroatien

Professor Rudolf Grulich erläutert die Tafel von Cyrill und Method.

Professor Rudolf Grulich erläutert die Tafel von Cyrill und Method auf der glagolitischen Allee.

Wenige Autostunden von München entfernt, kann man ein kulturelles Kleinod Mitteleuropas bewundern und begehen, das in Deutschland weitgehend unbekannt ist: die glagolitische Kultur mit ihrer eigenen glagolitischen Schrift und ihrer Liturgie in altkroatischer Sprache in Istrien und auf den nördlichen Inseln der Adria. Ein sechs Kilometer langer Weg von Roč nach Hum ist ein begehbares Denkmal dieser Kultur.

Weitgehend unbekannt sind die glagolitische Schrift, die glagolitische Liturgie oder überhaupt die glagolitische Kultur. Die von den Slawenaposteln Cyrill und Method übersetzten liturgischen Bücher und die Heilige Schrift waren nämlich nicht in der nach dem heiligen Cyrill benannten kyrillischen Schrift geschrieben, sondern in der glagolitischen Schrift.

Diese hatte damals der heilige Cyrill neu entwickelt. Später wurde sie bei den Ost- und Südslawen durch die kyrillische Schrift ersetzt. Heute gibt es die kyrillische Schrift noch bei den orthodoxen slawischen Völkern, also zum Beispiel bei Russen, Ukrainern, Weißrussen, Serben, Bulgaren und Mazedoniern.

Auch nichtslawische Völker der ehemaligen Sowjetunion mussten auf Anordnung Stalins ihre Literatursprache in der an die jeweiligen Sprachen angepassten kyrillischen Schrift schreiben, so zum Beispiel die Turkvölker Zentralasiens, die Moldauer (Moldawier) und viele kleinere Völker; außerhalb der Sowjetunion benutzen auch die Einwohner der Äußeren Mongolei die kyrillische Schrift. Nur den Balten war auch in der Sowjetunion die Lateinschrift erlaubt, den Armeniern und Georgiern ihre jeweils eigene Schrift.

Am kleinen Dorfplatz in Bernobici sind an der Kirchenwand die ältesten glagolitischen Gedenktafeln in Kopien zu sehen.

Am kleinen Dorfplatz in Brnobici sind an der Kirchenwand die ältesten glagolitischen Gedenktafeln in Kopien zu sehen.

Aber nicht nur die heute orthodoxen Slawen, sondern auch die römisch-katholischen Kroaten benutzten seit dem neunten Jahrhundert die Glagolica. Sie schrieben diese Schrift später dem heiligen Hieronymus zu, der aus Dalmatien stammte und Anfang des fünften Jahrhunderts die Bibel ins Lateinische übersetzte, die sogenannte Vulgata.

Auch in Mähren und den angrenzenden Ländern war nach dem Tod des heiligen Method im Jahr 885 und der Vertreibung seiner Schüler aus Mähren ins Bulgarische Reich die slawische Liturgie nicht völlig verschwunden. So wissen wir, dass der heilige Wenzel die heilige Messe in lateinischer und slawischer Sprache feiern ließ.

Glagolitische Schrift war weit verbreitet

Das Gebiet, in dem im römischen Ritus bis in die Gegenwart die glagolitische Liturgie und mit ihr die glagolitische Schrift lebendig blieb, umfasste Istrien und die kroatischen Adria-Inseln, dazu am Küstenland die Bistümer Senj, Zadar und Split, aber auch Teile anderer Diözesen bis nach Montenegro hinunter.

Dass der Gebrauch der glagolitischen Liturgie früher noch weiter verbreitet war, bezeugte schon der slowenische Historiker Johann Weichard Valvasor in dem 1689 in Laibach (Ljubljana) und Nürnberg erschienenen sechsten Band seiner „Ehre des Herzogtums Krain“, in dem Abschnitt „Von der Crainisch-Sclavonischen Sprache“.

Blick auf Roč.

Blick auf Roč.

Dort heißt es: „Mit eben diesen glagolitischen Littern ist ebenfalls das Missale (oder Messbuch) gedruckt, daraus die Geistlichen Messen lesen, welche Missalia Glagolitischer Schrift anjetzo zu Rom gedruckt werden; und solche braucht man noch auf diese Stunde in Crain an vielen Orten, das man die Crainische oder Slawonische Messe (will sagen die Messe in Crainisch-Slawonischer Sprache) liest.“

Das erste bereits 1483 gedruckte Buch in kroatischer Sprache ist ein glagolitisches Messbuch, das in Roč gedruckt wurde. In der Reformation sind die ersten kroatischen Bibelübersetzungen in glagolitischer Schrift erschienen, auch andere religiöse Bücher wie ein Katechismus und eine Postille 1561 in Tübingen.

Insel Krk — Wiege der Glagolica

Die glagolitische Schrift und Liturgie hielt sich in Kroatien bis ins 20. Jahrhundert, als auch an der Adriaküste die altkroatische Liturgiesprache vom Zweiten Vatikanum durch das moderne Kroatisch abgelöst wurde. Für die Ausbildung der glagolitischen Priester bestand noch im 19. Jahrhundert ein eigenes Seminar in Zadar (Zara). Vor allem die Insel Krk war eine Wiege der Glagolica. Aus Kroatien kamen 1348 auch die slawischen Mönche unter Kaiser Karl IV. in das neue Kloster Emaus nach Prag.

Diese Mönche übersetzten in Prag theologische Schriften und liturgische Bücher in die „edle slawische Zunge“ und kopierten sie. Sie sammelten auch ältere Bücher, darunter ein Evangeliar, das schon der Patron der slawischen Liturgie, der heilige Prokop von Sazava, mit eigener Hand geschrieben haben soll. Es gelangte durch die Beziehungen Kaiser Karls IV. nach Reims, wo es als byzantinische Bibel angesehen und bei der Krönung der französischen Könige benutzt wurde.

Die romanische Kirche des heiligen Rochus in Roč.

Die romanische Kirche des heiligen Rochus in Roč.

In Kroatien erinnert seit 1976 die „glagolitische Allee” in Istrien an diese alte Kultur. Sie führt von der mittelalterlichen Stadt Roč nach Hum, der kleinsten Stadt der Welt. Moderne Skulpturen und Kopien glagolitischer Inschriften geben einen Überblick über das Glagolitische von den Slawenaposteln Cyrill und Method über ihre Schüler und Nachfolger bis in die Gegenwart.

Bereits in Roč begegnet man auch neuen Denkmälern, die in lateinischer und glagolitischer Schrift beschrieben sind. Hier entstand 1483 das erste gedruckte kroatische Missale. Aus Roč oder mit Roč verbunden sind Persönlichkeiten wie Simon Greblja, der aus dem Lateinischen ins Kroatische übersetzte, sowie der Bibelübersetzer Stjepan Konzul Istranin, der in Urach Schriften in glagolitischer, lateinischer und cyrillischer Schrift druckte. Diese Bedeutung von Roč war der Grund, die Allee von hier nach Hum zu führen.

Die kleinste Stadt der Welt

Dort leben nur etwa 20 Einwohner, aber die Gemeinde besitzt seit der ersten Erwähnung im Jahr 1102 die Stadtrechte. Damals hieß Hum noch Cholm, was dem tschechischen Chlum entspricht. Die Italiener schreiben Colmo, kroatisch wurde daraus Hum. Auch in Maria Kulm oder Kulmbach steckt der gleiche Name, der Berg bedeutet und sich auch im lateinischen Wort culmen findet.

Geistiger Vater der Allee ist der Slawist und Literaturwissenschaftler Josip Bratulić, der aus St. Peter im Wald (Sv. Petar u Šumi) stammt. Aus diesem istrischen Städtchen mit seinem alten Paulinerkloster stammte auch Professor Josip Turčinović, der an der Theologischen Fakultät in Zagreb Ökumenische Theologie lehrte und Mitbegründer und Direktor des katholischen Verlages „Krscanska Sadasnjost“ (Christliche Gegenwart) in Zagreb war.

Die Tafel Cyrill und Methods, eines der Denkmäler auf der glagolitischen Allee.

Die Tafel Cyrill und Methods, eines der Denkmäler auf der glagolitischen Allee.

Mit dem Bildhauer Želimir Janeš konzipierte Bratulić die Allee. Sie umfasst elf Denkmäler und beginnt mit einer fast zwei Meter hohen Säule in Form eines glagolitischen „S“ als Abkürzung für „Slovo“, das heißt „Wort“, griechisch „Logos“. Dieses Wort bezeichnet im Johannesevangelium Jesus Christus. Das Wort „Slovo“ hängt auch mit dem Wort „Slawen“ zusammen. Zur Zeit der Slawenapostel hatten alle Slawen noch das gemeinsame Wort. Die Deutschen dagegen heißen Nijemci, das heißt die „Stummen“, die nicht das slawische Wort haben.

Die Stationen der Allee sind:
• Die Säule des čakavischen Landtags
• Die Tafel Cyrill und Methods
• Die Kathedra des Klemens von Ohrid
• Das glagolitische Lapidarium
• Der Engpass des Kroatischen Lucidariums
• Der Aussichtsturm des Gregor von Nin
• Die Istrische Grenzbegehungsurkunde
• Die Wand der kroatischen Protestanten und Häretiker
• Der Ruheplatz des Diakons Juraj
• Das Denkmal für Widerstand und Freiheit
• Das Stadttor von Hum

Bei der Wanderung auf der Allee findet man auf einer Wiese bei dem Dorf Forčići die große steinerne runde Gedenktafel auf drei steinernen Beinen, die Tafel und Tisch darstellt und deren Symbolik durch zwei Zypressen noch verstärkt wird. „Stol Cirila i Metoda“ ist am Tischrand in glagolitischer, cyrillischer und lateinischer Schrift eingemeißelt: die Tafel Cyrill und Methods.

Es folgt die Kathedra des heiligen Klemens von Ohrid, eine steinerne Lehrkanzel, umgeben von acht steinernen Stühlen, welche an die erste slawische Universität in Ohrid erinnern. Als 885 der heilige Method als Bischof gestorben war, wurden seine Schüler als Priester und Diakone aus Mähren vertrieben. Sie gingen nach Ohrid, der damaligen Hauptstadt Bulgariens. Dort führte der heilige Klemens die altkirchenslawische Kultur weiter, die daraufhin weiter ausstrahlte bis nach Kiew und Moskau. Ein berühmtes Kloster bei Ohrid trägt seinen Namen.

Kirche in Hum, der kleinsten Stadt der Welt.

Kirche in Hum, der kleinsten Stadt der Welt.

Eine weitere Station der Allee ist das Lapidarium: Am kleinen Dorfplatz des Dorfes Bernobići sind an der Kirchenwand die ältesten glagolitischen Gedenktafeln in Kopien zu sehen, darunter die berühmte Tafel von Baška auf der Insel Krk, die Tafel von Valun und weitere Inschriften. Andere Denkmäler der Allee erinnern an das kroatische Lucidarium, eine mittelalterliche Enzyklopädie, die das istrische Gebirge Učka mit dem Olymp vergleicht, und an den Bischof Gregor von Nin, der im 10. Jahrhundert die glagolitische Liturgie gegen die „Lateiner“ verteidigte.

Eine Anlage mit Steintor und Wasserquelle symbolisiert die Urkunde, durch welche die Grenzen der istrischen Gemeinden bestimmt wurden. Eine große Wand ist den kroatischen Protestanten gewidmet, unter denen der Mitarbeiter Luthers, Matthias Flaccius Illyricus, auch in Deutschland bekannt ist. Er hieß eigentlich Vlašić und erhielt den Beinamen Illyricus nach seiner Heimat.

Während der Reformation erschienen in Deutschland nicht nur die ersten kroatischen Bibelausgaben in Tübingen, sondern auch slowenische Bibelübersetzungen in Urach und Wittenberg. Dem Diakon Juraj, der das Missale von 1483 schuf, ist ein „Rastplatz“ gewidmet. Ein Denkmal für Freiheit und Widerstand beeindruckt kurz vor Hum, denn es führt den ewigen Kampf gegen Sklaverei und Unterdrückung und die unstillbare Sehnsucht nach Freiheit und Gerechtigkeit vor Augen.

Der Friedenspapst Benedikt XV. schrieb 1917: „Die Kirche ist weder griechisch noch lateinisch oder slawisch. Sie ist katholisch, das heißt allumfassend, allgemein.“ Das gilt auch für ein Europa ohne enge konfessionelle Grenzen, aber auch ohne falsche Einengung auf Mittel- und Westeuropa. Leopold von Ranke (1795-1886) glaubte noch, Europa sei eine Synthese von „Antike, Christentum und Germanentum“. Theodor Heuss schrieb einmal, Europa sei auf drei Hügeln erbaut, auf Golgotha, dem Areopag und auf dem Kapitol. Das eigentliche Europa aber ist größer. Zu diesem Europa gehören auch die Slawen.

Stanko Cecelja

 Frühere Wallfahrten von KIRCHE IN NOT mit Prof. Grulich:

23.Mai 2013 11:58 · aktualisiert: 3.Jul 2015 10:23
KIN / S. Stein