Auf der Seite des Volkes

Der Neuaufbruch der furlanischen Kultur und die Kirche in Friaul

Blick auf die Basilika St. Euphemia von Grado.

Blick auf die Basilika St. Euphemia von Grado.

Die gemeinsame Wallfahrt von KIRCHE IN NOT und dem Institut für Kirchengeschichte von Böhmen-Mähren-Schlesien führte unter anderem nach Friaul im italienisch-slowenischen Grenzgebiet.

Wer heute auf Autobahn oder Landstraße durch das Friaul fährt, findet immer häufiger neben italienischen und englischen Aufschriften auch andere Sprachen. In der Umgebung von Triest sind das vor allem slowenische, da sowohl in Triest als auch in der westlichen Umgebung bis Duino und im Norden bis zur österreichischen Grenze eine slowenische Minderheit lebt.

Triest und sein Hinterland war bis 1954 ein Freistaat unter englisch-amerikanischer Verwaltung, ehe die Stadt wieder zu Italien kam und das Gebiet um Koper zu Jugoslawien.

Seit 1999 ist in Italien das Furlanische in der Region Julisch-Venetien als offizielle Sprache anerkannt. Davon zeugen immer mehr Aufschriften in dieser Sprache, auch Wegweiser und Ortstafeln. Dort heißt Görz nicht nur italienisch Gorizia und slowenisch Gorica, sondern auf furlanisch auch Gurisse.

Bis zum Ende des 20. Jahrhunderts war das Furlanische im Alltag noch kaum sichtbar. Nur die Kirche stand damals auf der Seite des Volkes. 1997 war in Udine die Bibel auf Furlanisch erschienen, 1973 bereits ein Messbuch.

Piazza dell'unita d'Italia, der Hauptplatz in der italienischen Hafenstadt Triest.

Piazza dell’unita d’Italia, der Hauptplatz in der italienischen Hafenstadt Triest.

Während die knapp 40 000 Rätoromanen in der Schweiz als viertes Volk der Eidgenossenschaft anerkannt waren und ihre Sprache als Staatssprache geschützt ist, verwehrte dies der italienische Staat lange Zeit den über 600 000 Furlanern. Sie kämpften aber erfolgreich um die Anerkennung ihrer Sprache und ihrer kulturellen Eigenständigkeit als Volksgruppe.

Das kulturelle und nationale Erwachen der Furlaner erlebte nach dem Zweiten Weltkrieg einen Aufschwung. Auch der bekannte Regisseur Pier Paolo Pasolini (1922-1975) schrieb Gedichte in seiner Muttersprache, stammte doch seine Mutter aus Friaul. Während die Furlaner ihre Sprache als „furlanisch“ bezeichnen, was auch ausländische Romanisten tun, werden bei uns auch die Bezeichnungen „friaulisch“ und manchmal „friulanisch“ gebraucht.

Die Bewegung zugunsten des Furlanischen als Kirchensprache für die mehr als halbe Million Furlaner in den Provinzen Pordenone, Udine und Görz konnte sich nach der Liturgiekonstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils auf große Vorläufer der Vergangenheit stützen.

Die Basilika in Grado. Die ursprünglich an dieser Stelle errichtete einschiffige Saalkirche wurde bereits in der zweiten Hälfte des 4. oder der ersten Hälfte des 5. Jahrhunderts errichtet.

Die Basilika in Grado. Die ursprünglich an dieser Stelle errichtete einschiffige Saalkirche wurde bereits in der zweiten Hälfte des 4. oder der ersten Hälfte des 5. Jahrhunderts errichtet.

Hieronymus Megiserus hatte bereits 1593 in seinem Buch mit dem Vaterunser in 40 Sprachen auch die „Goritianorum et Foroiuliensum lingua“ (die Sprache von Görz und Friaul) aufgeführt. Aus dem Jahr 1794 existiert ein anonymes Manuskript mit der Übersetzung der Psalmen. Aus dem gleichen Jahrhundert ist uns eine Psalmenhandschrift des Giuseppe Moroni aus Cividale erhalten.

1820 enthält ein Gebetbuch aus Udine liturgische Texte. Solange die Österreicher in Friaul und Venetien regierten (bis 1866), war das Furlanische als Predigtsprache in der Kirche üblich. Als 1917 die Soldaten Kaiser Karls I. am Isonzo vorrückten, wandte sich das Heer des Kaisers außer in Deutsch, Italienisch und Slowenisch auch in furlanischer Sprache an die Bevölkerung der besetzten Gebiete.

Nach massiver italienischer Unterdrückung folgte erst mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil eine echte Renaissance, die aber erkämpft werden musste. Der damalige italienische Erzbischof von Udine stellte sich zunächst gegen das Furlanische im Gottesdienst, doch er hatte keinen Erfolg. Die furlanische Geistlichkeit stand auf Seiten des Volkes. Eine Gruppe von Priestern übersetzte das Messbuch in die Muttersprache. Als der Erzbischof von Udine dafür das Imprimatur nicht gab, holten es sich die Geistlichen vom Erzbischof in Görz.

Außenansicht der Basilika in Aquileja aus dem 11. Jahrhundert.

Außenansicht der Basilika in Aquileja aus dem 11. Jahrhundert.

Die Situation besserte sich ab 1972 mit dem neuen Erzbischof in Udine. Der Nachfolger unterstützte das Furlanische und predigte und firmte in dieser Sprache. Dabei griff der Klerus bewusst auf die Eigen-Tradition des Patriarchates von Aquileja zurück, das im Mittelalter im Gefüge des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation ein geistliches Staatswesen bildete. Neben Rom war Aquileja im Mittelalter der einzige Patriarchensitz im Abendland. Dem Messbuch war deshalb auch das alte Credo der Kirche von Aquileja vorangestellt, wo 381 eine Synode stattgefunden hatte.

Mit dem Missale und der kompletten Bibelübersetzung hatten sich die Furlaner der Diözesen Udine, Görz und Pordenone endgültig in die Reihe der europäischen Volksgruppen mit literarischer Tradition eingegliedert, auch wenn der Zentralismus des politischen Roms bis 1999 den Furlanern noch ihre Rechte als Volksgruppe in der Schule und bei Behörden vorenthielt.

Bodenmosaik in der Basilika von Aquileja. Die Kirche ist UNESCO-Weltkulturerbe.

Bodenmosaik in der Basilika von Aquileja. Die Kirche ist UNESCO-Weltkulturerbe.

Auch der slowenischen Minderheit Friauls gewährte die Kirche Unterstützung, vor allem in der Erzdiözese Görz, während der italienische Staat lange nur die Slowenen in Triest als Volksgruppe anerkannte. Seit einem Gesetz aus dem Jahr 1999 hat sich die Lage der Minderheiten entschieden verbessert, wenn auch die Zweisprachigkeit noch nicht so konsequent ist wie in Südtirol.

Wie das Ladinische in Südtirol und einigen Nachbargebieten ist das Furlanische kein Dialekt des Italienischen, was manche Italiener gerne behaupten. Es gehört mit dem Rätoromanischen in Graubünden und dem Ladinischen zum Alpenromanischen, das manchmal auch allgemein als Rätoromanisch bezeichnet wird, mit den Zweigen in der Schweiz, Südtirol und Friaul. Der Romanist Graziadio Isaia Ascoldi hatte 1871 diese „questione ladina” aufgeworfen und von einer Sprache mit drei Varianten gesprochen.

Die romanischen Sprachen werden heute in Ost- und Westromanisch eingeteilt. Ostromanisch sind das Rumänische und Italienische, die eine eigene Pluralbildung haben, während alle westromanischen Sprachen, wie zum Beispiel Französisch und Spanisch, die Mehrzahl auf -s bilden. Das tut auch das Furlanische. Die furlanische Grammatik von Žuan Nazzi Matalon nennt in der Einleitung Friaul die Heimat des furlanischen Volkes, zitiert die Menschenrechtscharta der Vereinten Nationen und ruft auf, ein Volk zu werden.

Il Friûl,
Furlanija par sloven, Friaul par todesc,
al e la cjase dal popul furlan….
Figurâsi un popul!.

Il Friûl,
Furlanija auf slowenisch, Friaul auf deutsch,
das ist das Haus des furlanischen Volkes …
Bildet ein Volk!

Die slowenische Volksgruppe ist in dieser Region wieder sichtbarer vertreten. Auch hier war es lange Zeit die Kirche, die die Muttersprache im Gottesdienst verwandte und auch ein slowenisches Kirchenblatt herausgab. Heute sind auch die Ortstafeln zwei-, manchmal sogar dreisprachig. Selbst die kleinen deutschen Sprachinseln in Friaul und in den Karnischen Alpen sowie im Kanaltal sind heute mit deutschen Tafeln und Wegweisern vertreten.

Der Innenraum der Basilika von Aquileja ist mit einem großen Bodenmosaik und vielen Fresken ausgestaltet.

Der Innenraum der Basilika von Aquileja ist mit einem großen Bodenmosaik und vielen Fresken ausgestaltet.

Das Kanaltal im Norden der Region grenzt an Österreich und Slowenien und gehörte bis zum Ende des Ersten Weltkrieges zu Kärnten. Die Mehrheit der Bevölkerung war deutschsprachig, eine Minderheit sprach slowenisch. Ein Kanaltaler Kulturverein bemüht sich um die Erhaltung der Sprache. Am Fuße des Plöckenpasses wird in Timau (dt. Tischlwang) noch deutsch gesprochen und ebenso im Dorf Sauris (dt. Zahre), wo man neben italienisch und furlanisch auch das südbairische Sauranisch als altertümlichen deutschen Dialekt hört.

Die Mehrsprachigkeit dieses Gebietes sieht man auch am Sitz des Regionalrates der Autonomen Region Friaul-Julisch Venetien in Triest. Dort ist dieser Regionalrat in vier Sprachen am Eingang präsent. Neben der italienischen Aufschrift  ist der Name dieser Verwaltungseinheit auch furlanisch aufgeführt, dazu auch slowenisch und deutsch.

Prof. Rudolf Grulich

 

 Frühere Wallfahrten von KIRCHE IN NOT mit Prof. Grulich:

20.Jun 2013 09:21 · aktualisiert: 7.Jul 2015 14:59
KIN / S. Stein