Das Patriarchat Aquileja

Rudolf Grulich über die Geschichte und Bedeutung der italienischen Stadt

Die Basilika in Grado.

Die Basilika in Grado.

Seitdem Papst Benedikt XVI. auf den Titel „patriarca del occidente“ (Patriarch des Abendlandes) verzichtet hat, gibt es in Europa nur noch zwei Erzbischöfe, die den Titel eines Patriarchen tragen: der Erzbischof von Venedig und der Erzbischof von Lissabon.

Die alte ungeteilte Kirche hatte fünf Patriarchate: Rom, Konstantinopel, Alexandrien, Antiochien und Jerusalem. Die christologischen Streitigkeiten des 5. Jahrhunderts brachten es mit sich, dass auch die von der Gesamtkirche getrennten Kirchen ihren Oberhäuptern den Patriarchentitel zuerkannten.

Im Westen nimmt im 6. Jahrhundert der damals in Grado residierende Erzbischof von Aquileja, Paulinus I., den Titel Patriarch an, den seine Nachfolger bis zur Aufhebung des Patriarchates 1752 tragen.

Patriarchen werden auch die Erzväter des Alten Testaments genannt, wie Abraham, Isaak und Jakob. Montanisten und arianische Vandalen bezeichneten ihre Kirchenführer als Patriarchen, doch seit Kaiser Justinian (Regierungszeit 527-565) hatten nur die fünf Patriarchen der sogenannten Pentarchie diesen Titel und waren Garanten der Kircheneinheit.

Außenansicht der Basilika in Aquileja aus dem 11. Jahrhundert.

Außenansicht der Basilika in Aquileja aus dem 11. Jahrhundert.

Für die alte Kirche der Pentarchie, der fünf Patriarchate, die vor den ersten Kirchenspaltungen seit den Konzilien des 5. Jahrhunderts bestanden, gab es eine räumliche Verteilung der Welt: Rom war für das Abendland zuständig, auf den Titel Patriarch des Abendlandes verzichtete erst Benedikt XVI. Dem Patriarchat Alexandrien unterstand ganz Afrika. Die Patriarchen von Antiochien tragen den Titel „des ganzen Orients“, das Gebiet des Patriarchen von Jerusalem ist auf Palästina beschränkt.

Für die übrige orthodoxe Welt war und ist teilweise noch der Ökumenische Patriarch von Konstantinopel zuständig, wobei der Titel „Ökumenisch“ sich nicht auf die Ökumene im heutigen Sinn bezieht, sondern im Griechischen meint: Patriarch der bewohnten Erde, soweit diese nicht anderen Patriarchen untersteht oder wo im Lauf der Zeit in einzelnen Ländern orthodoxe Nationalkirchen als selbstständig (autokephal) anerkannt wurden.

Aquileja und der heilige Hermagoras

Ein Patriarch ist ein Bischof, dessen Bischofssitz von einem Apostel oder Apostelschüler gegründet war: Bei Rom war das Petrus, für Konstantinopel nach der Überlieferung der heilige Andreas, in Alexandrien der heilige Markus als Schüler des Petrus. Bei Antiochien und Jerusalem gab es Zeugnisse in der Apostelgeschichte.

Aquileja berief sich auf den heiligen Hermagoras als Schüler des heiligen Markus. Im Abendland übernahm Venedig den Patriarchentitel von Aquileja beziehungsweise Grado. Lissabon berief sich auf den heiligen Paulus, der im Römerbrief von einer geplanten Reise nach Spanien schreibt.

Der Innenraum der Basilika von Aquileja ist mit einem großen Bodenmosaik und vielen Fresken ausgestaltet.

Der Innenraum der Basilika von Aquileja ist mit einem großen Bodenmosaik und vielen Fresken ausgestaltet.

Als Papst Johannes Paul II. 1990 Aquileja besuchte, erinnerte er daran, dass von Aquileja aus sich das Christentum in Venetien, Istrien, Kärnten, Slowenien und Dalmatien verbreitete. Aquileja war nach den Worten des Papstes „eines der ersten Zentren der Evangelisation Europas“ und bewies durch seine 25 Diözesen von Bayern bis Ungarn, „dass eine wohlverstandene Brüderlichkeit unter den Völkern möglich ist“.

Im Jahr 381 trafen sich in Aquileja 35 Bischöfe zu einem Provinzkonzil, um „die letzten Reste des Arianismus im Westen niederzuringen“. 2007 hob Benedikt XVI. die Rolle des heiligen Chromatius hervor, der mit Ambrosius, Hieronymus und Johannes Chrysostomus in Kontakt stand.

Im Altertum war Aquileja mit 300 000 Einwohnern eine der größten Städte Italiens, ja des Römischen Reiches. Heute leben dort nur noch rund 4000 Einwohner. Aber das heutige Städtchen zählt zum UNESCO-Weltkulturerbe. Sein Patriarchentitel lebt in Venedig weiter und seit 1969 gibt es auch die Würde eines Titularerzbischofs von Aquileja, die als erster Joseph Höffner als Koadjutorerzbischof von Köln erhielt und die heute der Nuntius in Irland, Charles Brown, innehat.

Bodenmosaik in der Basilika von Aquileja. Die Kirche ist UNESCO-Weltkulturerbe.

Bodenmosaik in der Basilika von Aquileja. Die Kirche ist UNESCO-Weltkulturerbe.

Während des Dreikapitelstreites 567 nahm der Bischof von Aquileja den Patriarchentitel an, trennte sich aber von Rom. Ein Jahr später kamen als letztes Volk der Völkerwanderung die Langobarden nach Friaul, und Patriarch Paulinus flüchtete vor ihnen nach Grado, was einige seiner Vorgänger bereits im 5. Jahrhundert wegen der Hunnen und anderer Invasoren getan hatten.

Als Patriarch Candidianus wieder in Gemeinschaft mit Rom trat, wählte das Domkapitel einen Gegenpatriarchen, so dass es zwei Patriarchen, den von Aquileja und den von Grado, gab. Der Patriarch von Grado übersiedelte später nach Venedig, das bis heute noch den Titel eines Patriarchates führt.

Die eigentlichen Patriarchen von Aquileja residierten in Cormons, dann in Cividale und von 1238 bis 1751 in Udine. Im Jahr 811 bestimmte Kaiser Karl der Große die Drau als Nordgrenze des Patriarchats, das gegen die aufstrebende Kirchenprovinz Salzburg auf seine älteren Rechte gepocht hatte.

Im 11. Jahrhundert gewährte Kaiser Heinrich IV. während des Investiturstreites dem Patriarchen Sieghard Grafenrechte in Friaul. So wurden die Patriarchen Landesherren und Fürsten des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation. Allerdings reichte der nun entstandene Patriarchenstaat nur von Tagliamento bis zur heutigen slowenischen Grenze und von den Alpen an die Adria, während die Erzdiözese viel größer war.

1156 übersiedelte der Patriarch von Grado nach Venedig, wo der Bischof von Venedig 1451 den Patriarchentitel übernahm. Als Venedig 1420 Friaul eroberte, klagte der Patriarch von Aquileja erfolglos dagegen auf dem Konzil von Basel, sodass die staatliche Selbstständigkeit des Patriarchats ein Ende fand. Seitdem kamen die Patriarchen meist aus adligen venezianischen Familien.

Detail des Bodenmosaiks.

Detail des Bodenmosaiks.

Es gab daher auch Konflikte mit Österreich, in dessen Gebiet das Erzbistum Aquileja hineinragte. Auf Bitten und Druck von Kaiserin Maria Theresia hob Papst Benedikt XIV. 1751 das Patriarchat auf und errichtete stattdessen das Erzbistum Udine.

Als Papst Benedikt XVI. im Mai 2011 Venedig besuchte, begann er seine Pastoralreise in Aquileja, wo er die Bischöfe der Region Venetien traf. „Wenn wir uns in Aquileja versammeln, kehren wir zu den Wurzeln zurück“, erklärte der Papst. „Nach Aquileja zurückkehren heißt vor allem von der glorreichen Kirche zu lernen, die uns zeigt, wie wir uns auch heute in einer Welt des radikalen Wandels für eine Neuevangelisierung der Region einsetzen können, und dafür, dass wir an künftige Generationen das kostbare Erbe des christlichen Glaubens weitergeben.“

Der Geist von Aquileja ist wieder lebendig. Friaul und Julisch-Venetien sind eine europäische Region, in der das Italienische, Furlanische, Slowenische und Deutsche als Sprache von vier Völkern lebendig sind und wo jedes Jahr in jeweils wechselnden Wallfahrtsorten der verschiedenen Diözesen und Staaten gemeinsame Wallfahrten im Dreiländereck Italien, Österreich und Slowenien stattfinden.

Prof. Dr. Rudolf Grulich

 Frühere Wallfahrten von KIRCHE IN NOT mit Prof. Grulich:

29.Jul 2013 11:17 · aktualisiert: 30.Jun 2015 09:53
KIN / S. Stein