Vom Saulus zu Paulus

Ein Beitrag von Kirchenhistoriker Rudolf Grulich zum Fest „Pauli Bekehrung”

Paulus-Statue auf dem Petersplatz.

Paulus-Statue auf dem Petersplatz.

Die Kirche feiert jeden Todestag eines Heiligen als ihren Festtag. Nur großer Heiliger wird im Kirchenjahr mehrfach gedacht. Eine Vielzahl von Marienfesten erinnert beispielsweise an Stationen im Leben der Gottesmutter: Von ihrer Empfängnis und ihrer Geburt über Ereignisse in ihrem Leben reicht die Reihe der Feste bis zu ihrer Entschlafung und Himmelfahrt.

Als Größter vom Weibe Geborenen, wie ihn Jesus selbst nannte, ist Johannes der Täufer der einzige Heilige neben der Muttergottes, dessen Geburt begangen wird. Neben seinem Fest am 24. Juni wurde ihm aber auch der 29. August als Gedächtnistag seines Martyriums gewidmet.

Auch die beiden Apostelfürsten Petrus und Paulus genießen die Auszeichnung mehrerer Festtage. Neben dem gemeinsamen Fest am 29. Juni begeht die Kirche am 22. Februar das Gedächtnis „Kathedra Petri“ zur Erinnerung an seine Rolle als erster Papst. Bis zur Liturgiereform des Zweiten Vatikanum wurde dieser Festtag als Petri Stuhlfeier von Antiochien (18. Januar) und Petri Stuhlfeier zu Rom zweimal begangen. Manche deutschen Übersetzungen gaben dieses Fest mit dem Titel „Thronfest des heiligen Apostels Petrus“ oder als „Petri Thronfeier“ wieder.

Papstbasilika St. Paul vor den Mauern.

Papstbasilika St. Paul vor den Mauern.

Am 25. Januar erinnert die Kirche an die Bekehrung des heiligen Paulus als einen Wendepunkt im Leben der jungen Kirche, weil aus dem Christenverfolger Saulus der Völkerapostel Paulus wurde. Das Fest wurde schon seit dem 8. Jahrhundert gefeiert, es geht wohl auf eine Überführung von Reliquien zurück.

Der Gründer von KIRCHE IN NOT, Pater Werenfried van Straaten, hat in vielen seiner Predigten und Aufrufen auf dieses Fest und auf den Bericht in der Apostelgeschichte über dieses Ereignis hingewiesen. Immer wieder rief er zum Gebet für die Verfolger auf und war überzeugt, dass Gott auch in den großen Christenverfolgungen des 20. Jahrhunderts Menschen mit seiner Gnade anrühren würde und sie dem Anruf Gottes folgten.

Deshalb verbreitete Pater Werenfried in den Filialen seines Werkes in über einem Dutzend Ländern in verschiedenen Sprachen auch das Buch „Vergib mir, Natascha!“, in dem ein ehemaliger KGB-Mann und aktiver Verfolger seine Bekehrung schilderte. Sie war durch das mutige und bekennende Beispiel einer von ihm verhörten, drangsalierten und verfolgten Christin mit Namen Natascha, durch ihr Gebet für den Verfolger, ihre Demut und Verzeihung erfolgt.

Die Pauluskirche in Tarsus.

Die Pauluskirche in Tarsus / Türkei, der Geburtsort des heiligen Paulus.

Pater Werenfried war als Prämonstratenser mit der Theologie des heiligen Augustinus vertraut, denn der Ordensgründer Norbert von Xanten hatte seinen Orden der Prämonstratenser auf die Basis der Augustinus-Regel gestellt. Der heilige Augustinus, der die Gnade Gottes in seinem Leben selbst spürbar erfuhr, prägte das Wort, man müsse den Irrtum hassen, aber die Irrenden lieben. Ihm folgte auch Pater Werenfried, der wie der heilige Augustinus auch die große Bedeutung der Gnade, aber auch des freien Willens des Einzelnen sah.

Pater Werenfried bekämpfte den atheistischen Kommunismus, er prangerte wie kaum ein anderer auch die östlichen Kirchen an, wenn sie sich mit dem Regime zu sehr arrangierten. Aber er war auch der Erste, der nach der Wende die Hand zur Versöhnung ausstreckte und in Russland der orthodoxen Kirche half, die geistigen Folgen der Verfolgung zu überwinden.

Pater Werenfried und der ukrainischen Großerzbischof Josyf Slipyj 1974 in Rom.

Pater Werenfried und der ukrainischen Großerzbischof Josyf Slipyj 1974 in Rom.

Werenfrieds Freundschaft mit Bekennern wie dem lettischen Bischof Boleslaus Sloskans oder dem ukrainischen Großerzbischof Josyf Slipyj und seine Gespräche mit ihnen trugen dazu bei, denn diese ehemals Verfolgten hatten in Kerker und Lager Beispiele der Bekehrung von Verfolgern erlebt.

Nicht alle wurden gleich vom Saulus zum Paulus. Aber es gab Gefängnisdirektoren wie jenen auf den berüchtigten Solowki-Inseln, der persönlich vor der Türe wachte, damit die inhaftierten Priester ungestört beten konnten. Der litauische Bischof Teofilius Matulionis dankte einmal einem russischen Untersuchungsrichter für dessen undankbare Arbeit. Der Untersuchungsrichter glaubte zunächst, er werde verhöhnt, dann fühlte er sich beschämt und gab dem ausgehungerten Verfolgten eine Schnitte Brot.

Der heilige Paulus erlebte seine Bekehrung als „Damaskus-Erlebnis“, weil ihn der Herr vor den Toren von Damaskus anrührte, wo Saulus die Jünger Jesu verfolgen wollte. Die Apostelgeschichte berichtet dreimal über dieses „Damaskus-Erlebnis“. Den ersten Bericht gibt der Evangelist Lukas als Autor der Apostelgeschichte (9,1-19).

Im Kapitel 22,4-21 berichtet Paulus selber in seiner Rede im Tempelvorhof über seine Bekehrung und noch einmal (26,9-18) in Cäsarea, als er dem Statthalter Festus und König Agrippa vorgeführt wurde. Der heilige Paulus erwähnt seine Berufung zum Apostel auch in seinen Briefen an die Galater und an die Korinther.

Auch heute gibt es Verfolgungen in vielen Teilen der Welt, wie sie Jesus seinen Jüngern voraussagte. Seien wir uns dessen bewusst, dass sich auch heute Verfolger bekehren können und beten wir um diese Gnade für die Verfolger.

24.Jan 2014 08:40 · aktualisiert: 25.Jan 2016 16:07
KIN / S. Stein