Christen in Syrien

Kirchenhistoriker Rudolf Grulich über ein einst multikonfessionelles Land

Christliche Familie aus Syrien.

Christliche Familie aus Syrien.

Europa und insbesondere Deutschland haben sich häufig schwer getan mit dem Verhältnis zum Islam. Nur langsam setzt sich die Erkenntnis durch, dass es den Islam nicht gibt und dass wir differenzieren müssen nach islamischen Richtungen und Ländern.

Syrien ist ein mehrheitlich muslimisches Land, doch es gibt dort eine lange christliche Vergangenheit. Natürlich ist Präsident Baschar al-Assad kein Demokrat, wurde nicht vom Volk gewählt, aber er hat Christen relative Freiheit gegeben, von der Christen in anderen islamischen Ländern nur träumen können.

Die Bevölkerung Syriens spricht hauptsächlich arabisch, doch gibt es auch Kurden, Tscherkessen und Armenier. 85 Prozent der Einwohner Syriens sind Muslime, aber sie gehören unterschiedlichen Gruppen an. Die Mehrzahl sind immer noch Sunniten der hanafitischen und schafitischen Richtung, doch gibt es auch Schiiten und Islamiten.

Über zehn Prozent der muslimischen Bevölkerung sind Alawiten, darunter auch Präsident Assad. Weitere drei Prozent der Gesamtbevölkerung sind Drusen, so dass wir von 15 Prozent Christen vor dem Bürgerkrieg ausgehen können, mehr als in jedem anderen arabischen Land außer dem Libanon.

Maronitischer Gottesdienst in Syrien.

Maronitischer Gottesdienst in Syrien.

Noch mannigfaltiger als bei den Muslimen ist die Aufgliederung der Christen nach Konfessionen, Riten und Sprachen. Wie im Irak leiden die Christen besonders unter dem Krieg. Hunderttausende sind bereits geflohen, Zehntausende getötet.

Unter den 2,5 Millionen Christen waren die griechisch-orthodoxen Gläubigen des Patriarchates Antiochia mit Sitz in Damaskus die größte Gruppe. Sie zählten mehr als 600 000 Gläubige, gefolgt von 300 000 katholischen Melkiten, die wie die Orthodoxen dem byzantinischen Ritus folgen. Dazu kamen orthodoxe Armenier, Syrer, Nestorianer und Angehörige protestantischer Kirchen.

Mehrheit der Katholiken sind Melkiten

Genaue Zahlen hatten wir durch das Päpstliche Jahrbuch für die halbe Million Katholiken, die zu allen fünf Riten der Kirche gehören. Die Mehrheit der Katholiken sind Melkiten mit dem Patriarchatstitel von Antiochien und Sitz in Damaskus, das als melkitische Diözese 19 Pfarreien umfasste. Weitere melkitische Metropolitansitze sind Aleppo, Bosra-Hauran und Homs.

Die unierten Katholiken des westsyrischen Ritus, deren Patriarch in Beirut residiert, haben zwei Metropolien in Damaskus und Homs sowie Erzbischöfe in Aleppo und Hassake. Aleppo ist schon seit 1659 Sitz eines syrisch-katholischen Erzbischofs, während Hassake erst 1957 als Bischofssitz gegründet wurde und 1965 auch den Namen von Nisibis erhielt. Die Gesamtzahl der Angehörigen dieser Kirche dürfte in Syrien über 50 000 Katholiken betragen haben.

Samir Nassar, maronitischer Erzbischof von Damaskus.

Samir Nassar, maronitischer Erzbischof von Damaskus.

Die Maroniten Syriens werden seit dem 18. Jahrhundert von zwei Erzbischöfen in Aleppo und Damaskus betreut. Die maronitischen Erzbistümer Aleppo und Damaskus zählten nur 3700 beziehungsweise 8000 Gläubige, in der Eparchie Lattakia gab es 27 000 Maroniten in 32 Pfarreien.

Für die katholischen Armenier ist seit dem 17. Jahrhundert ein Erzbischof in Aleppo zuständig, dem etwa 17 000 Gläubige unterstanden. 1954 wurde ein weiteres Bistum in Kamichlié geschaffen. Aleppo ist auch Bischofssitz für die Chaldäer, also für die Unierten des ostsyrischen Ritus, die sich als ehemalige Nestorianer in der frühen Neuzeit wieder an Rom anschlossen. Ihre Zahl betrug über 15 000.

In Aleppo residiert seit 1762 auch ein lateinischer Apostolischer Vikar. Er ist für die lateinischen Katholiken in zehn römisch-katholischen Pfarreien zuständig, in denen es 22 Kirchen und Klöster mit 60 männlichen Ordensleuten und über 200 Ordensschwestern gab. Mit 20 Schulen und Kindergärten und 20 anderen karitativen Einrichtungen spielte das Apostolische Vikariat im sozialen Leben eine Rolle.

Die Zentren katholischen Lebens waren Aleppo, mit sechs katholischen Bischöfen und Damaskus mit einem Patriarchen und weiteren zwei Bischöfen. In diesen Städten konzentrierte sich auch das Leben und Wirken der anderen christlichen Kirchen.

Erzbischof Silvanus Petros Al-nemeh von Homs und Hama

Silvanus Petros Al-nemeh, Erzbischof von Homs und Hama/Syrien.

In Damaskus residieren noch der griechisch-orthodoxe Patriarch „von Antiochien und dem ganzen Orient“ und der syrisch-orthodoxe Patriarch gleichen Titels. Außerdem ist Damaskus auch armenisch-orthodoxer Bischofssitz.

In Aleppo finden wir auch syrische, griechisch-orthodoxe und armenisch-orthodoxe Bischöfe. Die orthodoxen Syrer haben weitere Bischöfe in Homs und Hassake, wo auch ein nestorianischer Oberhirte residiert.

In den Bischofssitzen und dem Titel verschiedener Patriarchen von Antiochien spiegelt sich die zweitausendjährige Kirchengeschichte Syriens. Denn Syrien ist ein geografischer, kultureller und politischer Begriff.

Geografisch teilten es schon die Römer in die Provinzen Syria Palaestina, Arabia, Phoenice und die eigentliche Provinz Syria ein. Zwischen den alten Kulturländern Ägypten, Mesopotamien und Kleinasien gelegen hatte es eine unscharfe Abgrenzung zur Wüste, aus der verschiedene Stämme immer wieder das fruchtbare Land bedrohten.

Kulturell spielten Syriens Städte wie Aleppo, Palmyra, Baalbek, Antiochia, Ugarit und Damaskus eine große Rolle, auch religionsgeschichtlich. Sprachlich hatte sich hier das Aramäische ausgebildet, das als syrische Sprache der Kirche erst im Mittelalter nach der islamischen Eroberung mehr und mehr vom Arabischen abgelöst wurde und heute nur in Maalula und in der Gegend am Euphrat noch gesprochen wird.

Maronitischer Gottesdienst in Damaskus.

Maronitischer Gottesdienst in Damaskus.

Politisch gehörte Syrien seit 1517 zum Osmanischen Reich und wurde nach dessen Zerfall 1920 französisches Mandatsgebiet, aus dem die heutigen Republiken Syrien und Libanon entstanden. Den Plan eines Großsyriens hatte keine Regierung in Damaskus aufgegeben. Das zeigte die lange syrische Präsenz im Libanon ebenso wie die Tatsache, dass Syrien die Rückgabe des Gebietes um Antakya 1938 durch die Franzosen an die Türkei lange nicht anerkannte.

Bevölkerungswanderungen durch Krieg und Vertreibung, durch den Bürgerkrieg im Libanon und durch Bewässerungsprojekte am Euphrat haben dazu geführt, dass auch nach dem Zweiten Weltkrieg in Lattakia, Kamichlié und Hassake Bistümer gegründet werden konnten.

In der Aufsplitterung der heutigen Konfessionen, Kirchen und Riten haben wir ein Spiegelbild der kirchengeschichtlichen Entwicklung der ersten christlichen Jahrhunderte, als sich die junge Kirche in den damaligen Kulturen etablierte und in den christologischen Auseinandersetzungen ihr Glaubensbekenntnis schuf. Das alte Antiochien, heute Antakya, ist der Ort, wo nach der Apostelgeschichte die Jünger Jesu zum ersten Mal Christen genannt wurden.

Die Bibel in syrischer Schrift.

Die Bibel in syrischer Schrift.

Antiochien war neben Rom, Konstantinopel und Alexandrien ein Patriarchensitz, in der Rangfolge vor Jerusalem. Als sich im Streit, ob in Jesu eine oder zwei Naturen, die göttliche und/oder die menschliche seien, nach dem Konzil von 451 die Monophysiten abspalteten, gab es bereits zwei Patriarchen mit dem Titel von Antiochien.

Im Monotheletenstreit folgte ein dritter, in der Kreuzfahrerzeit kam als vierter ein lateinischer Patriarch hinzu, durch die Unionen von Teilen der griechisch-orthodoxen und syrisch-orthodoxen Kirche mit Rom entstanden weitere Patriarchate mit dem Titel von Antiochien. Im 20. Jahrhundert wurde von Rom das Lateinische Patriarchat Antiochien aufgegeben.

Nach dem Päpstlichen Jahrbuch tragen heute drei katholische Patriarchen den Titel von Antiochien: der melkitische Patriarch mit Sitz in Damaskus; der maronitische Patriarch in Beirut und der syrisch-katholische Patriarch, der ebenfalls in Beirut residiert.

Syrisch-orthodoxes Kloster in Warburg/Nordrhein-Westfalen.

Syrisch-orthodoxes Kloster in Warburg/Nordrhein-Westfalen.

Die beiden orthodoxen Patriarchen, die in Damaskus residieren, haben zwar in Syrien nur einige Hunderttausend Gläubige, aber ihre Kirchen sind heute weltweit verbreitet. Der syrisch-orthodoxe Patriarch Mor Ignatius hat auch Diözesen im Libanon, Irak, in der Türkei, in Skandinavien, den Niederlanden und auch in Deutschland, wo ein Patriarchalvikar in Warburg/Nordrhein-Westfalen die Gläubigen betreut, die als Gastarbeiter oder Emigranten kamen.

Weitere Diözesen bestehen in den USA, in Kanada und Australien. Außerdem unterstehen ihm in Indien einige Bischöfe direkt und steht die Malankarische Jakobitische Syrische Orthodoxe Kirche in Einheit mit dem „Heiligen Stuhl von Antiochien“.

Orthodoxes Christentum

Weltweit ist auch das griechisch-orthodoxe Patriarchat Antiochien von Damaskus vertreten, weil es in Ausnahme vom ursprünglichen Territorialprinzip der orthodoxen Kirchen auch die arabischen orthodoxen Auswanderer in Übersee betreut. Der orthodoxe Patriarch von Alexandrien ist zuständig als „Papst für Afrika“, der Patriarch von Jerusalem für das Heilige Land, der Ökumenische Patriarch von Konstantinopel für die „übrige bewohnte Erde”.

Da Alexandrien, Jerusalem und Konstantinopel immer noch griechische Patriarchen haben, im Patriarchat Antiochien es aber seit 1899 arabische Bischöfe und Patriarchen gibt, hat das Patriarchat in Damaskus im 20. Jahrhundert die Seelsorge ausgewanderter arabischer orthodoxer Christen übernommen und hat heute auch Bischöfe und Patriarchalvikare in New York, Englewood/USA, Mexiko, Sydney, Rio de Janeiro, Santiago de Chile und Moskau.

Erzbischof Eustathius Matta Roham von Jazirah und Euphrates

Eustathius Matta Roham, Erzbischof von Jazirah und Euphrates/Syrien.

In der Republik Syrien ist die orthodoxe Kirche mit sechs Diözesen vertreten, von denen Damaskus die größte ist. Allein in der heutigen Millionenstadt Damaskus gab es noch 20 orthodoxe Kirchen des Patriarchates, im Bistum 30 weitere, die von 36 Priestern und fünf Diakonen betreut werden. Im Bistum Aleppo waren es zwölf Kirchen, in Bosra 16, in der Diözese Homs 16, in Hama zwölf und in Lattakia 28. Das Patriarchat unterhielt Schulen in Damaskus, Homs und Lattakia und gab Zeitschriften heraus. Momentan weiß niemand, was davon übrig blieb.

Leider erlebten auch vor dem Krieg zu wenige europäische Touristen die Präsenz des Christentums in Syrien. Wie im Nachbarland Türkei erstreckte sich das Interesse meist nur auf die Archäologie, auf die Ruinen und „Toten Städte“, bestenfalls noch auf die Bekehrung des heiligen Paulus vor Damaskus. Aber die Christenviertel in Damaskus, Aleppo und Homs mit ihren Kirchen verdienten ebenso Beachtung wie manche christlichen Dörfer oder Klöster.

Die zum Teil großen Kirchenbauten wie in Aleppo aus dem 19. Jahrhundert zeigen, dass wie in Istanbul unter dem osmanischen Sultan relative Religionsfreiheit herrschte. Auch der Bau des griechisch-orthodoxen St.-Georg-Klosters in der Nähe der Kreuzfahrer-Festung „Krak des Chevaliers” in Westsyrien stammt aus dem Jahre 1867, wenngleich das Kloster bereits von Kaiser Justinian im 6. Jahrhundert begründet und seitdem ununterbrochen bewohnt war. Aus der Zeit vor dem Neubau stammen die unterirdische Kapelle, die Ikonostase und der Klosterschatz.

Wallfahrtsorte Saidnaya und Maalula

Ein christlicher Wallfahrtsort Syriens war auch Saidnaya, dessen Besuch man von Damaskus aus mit einer Besichtigung von Maalula verbinden konnte. Auch hier ist Kaiser Justinian der Gründer, das heißt Saidnaya ist wahrscheinlich das älteste ständige bewohnte Nonnenkloster der Welt.

Saidnaya heißt „Unsere Herrin“, entspricht also dem Titel „Unsere Liebe Frau“. An den Marienfesten, vor allem Maria Geburt, kamen die meisten Pilger. Die Anlage mit ihrer mächtigen Kuppel und modernen Anbauten führte ebenso wie die 30 Nonnen vor Augen, dass syrisches Christentum lebte und keine Frage der Archäologie war.

Ein Neubau war auch das orthodoxe St.-Thekla-Kloster in Maalula, dem einzigen Ort Syriens, wo noch Aramäisch gesprochen wird, genauer gesagt West-Aramäisch, denn die Aramäer im Nordosten Syriens reden Ostaramäisch. Das griechisch-katholische Sergius-Kloster in Maalula geht auf das 4. Jahrhundert zurück.

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Gebet für den Nahen Osten

Ikone “Lasst die Kinder zu mir kommen” in Assiut/Oberägypten.

Ikone “Lasst die Kinder zu mir kommen” in Assiut/Oberägypten.

Gott, unser Vater, hab Erbarmen mit dem Nahen Osten.

Deine treuen Diener – jung und alt – sind aufgerufen, Christus zu bezeugen. Mögen sie in dieser aufregenden Zeit gestärkt werden, indem sie deinem geliebten Sohn nachfolgen, der in jener Zeit in ihrer jetzigen Heimat tätig war.

In Gemeinschaft mit unserem Papst beten wir, dass Christen im Nahen Osten ihren Glauben in völliger Freiheit leben können. Ermutige sie, als Werkzeug des Friedens und der Versöhnung zu handeln – vereint mit allen Bürgern in ihren Ländern.

Darum bitten wir durch Christus unseren Herrn. Amen.

(Gebet von Antonios Kardinal Naguib, emeritierter Patriarch von Alexandrien/Ägypten für KIRCHE IN NOT)

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