Zerfällt Syrien wieder in Kleinstaaten?

Kirchenhistoriker Prof. Dr. Rudolf Grulich über die Geschichte des Landes

Glockenturm einer orthodoxen Kirche bei Damaskus.

Glockenturm einer orthodoxen Kirche bei Damaskus.

Nur wenige Politiker kennen die genaue Geschichte und die Entstehung des heutigen Syriens. Auf diesem Gebiet bestanden eine ganze Reihe kurzlebiger großer und kleiner Staaten, als sich nach dem Ersten Weltkrieg Engländer und Franzosen den Nahen Osten aufteilten.

Es gab zum Beispiel ein Königreich Syrien beziehungsweise Arabisches Königreich Syrien für nur einige Monate im Jahr 1920 auf einem Gebiet der heutigen Staaten Türkei, Syrien, Jordanien, Libanon, Israel und der Palästinensischen Autonomiegebiete.

Außerdem existierte ein Völkerbundmandat für Syrien und den Libanon und auf dem Mandatsgebiet einen Staat der Alawiten, einen Großlibanon, einen Staat der Drusen, einen Staat Aleppo und einen Staat Damaskus, 1938 auch einen Staat Hatay. Diese Staaten hatten sogar eigene Flaggen und Briefmarken.

Syrien ist ein vielfältiger Begriff. Geografisch entspricht Syrien etwa den römischen Provinzen Syrien. In der Weihnachtsgeschichte des Evangelisten Lukas lesen wir, dass zur Zeit der Geburt Jesu unter Kaiser Augustus Quirinius Statthalter von Syrien war, wozu auch Nazareth und Bethlehem gehörten (vgl. Lk 2).

Maronitischer Gottesdienst in Damaskus.

Maronitischer Gottesdienst in Damaskus.

Damals wurde dort Aramäisch gesprochen. Ein Dialekt dieser Sprache wurde die Sprache der syrischen Christen. Die syrische Kirche war im Mittelalter neben der lateinischen und griechischen Kirche die dritte Säule der Kirche. Sie missionierte bis nach Indien und China. Erst der Islam und der Mongole Timur brachten diese in Riten und Konfessionen geteilte syrische Kirche an den Rand des Abgrunds.

Doch bestehen noch heute die nestorianische und die chaldäische sowie die syrisch-orthodoxe und syrisch-katholische Kirche, die entweder den ostsyrischen oder westsyrischen Ritus befolgen. Im Ausland sind diese syrischen Kirchen stärker als in Syrien, wo die Christen heute durch den Bürgerkrieg in ihrer Existenz bedroht sind.

Folgen des Sykes-Picot-Abkommens

Bis zum Ende des Ersten Weltkriegs gehörte das Gebiet jahrhundertelang zur osmanischen Türkei, die sich bis 1912 noch auf Europa, Asien und Afrika erstreckte. Am 16. Mai 1916 wurde jedoch ein Geheimabkommen zwischen Großbritannien und Frankreich geschlossen, in dem beide Staaten ihre Interessensgebiete im Nahen Osten nach dem Weltkrieg festlegten. Da auf französischer Seite Georges Picot und auf britischer Mark Sykes Verhandlungsführer waren, ging das Ergebnis als Sykes-Picot-Abkommen in die Geschichte ein.

An seinen Folgen leidet der Nahe Osten bis heute, da alle Krisenregionen dieses Gebietes Folgen der Kolonialpolitik der beiden Staaten sind. Damals wurde der nahöstliche Raum aufgeteilt: Die Briten sollten das Gebiet erhalten, auf dem heute der Irak, Jordanien und das nordöstliche Israel um Haifa liegen; Frankreich beanspruchte die Südosttürkei, Syrien, das nördliche Mesopotamien und den Libanon. Palästina sollte eine internationale Verwaltung erhalten.

Kirche und Moschee im Libanon

Kirche und Moschee direkt nebeneinander. Im Libanon sind etwas mehr als 50 Prozent Muslime und 40 Prozent Christen.

Auf Seiten der Engländer hatte man den Arabern, und zwar dem Emir in Mekka zugesagt, nach dem Krieg einen arabischen Staat anzuerkennen, falls sich die Araber gegen die Türken stellen würden. Außerdem versprach man Russland Armenien und Teile Kurdistans und den Italienern Teile Südwestanatoliens.

1919 legte der Vertrag von Versailles fest, dass es eine Unabhängigkeit arabischer Gebiete nur auf der Grundlage eines Völkerbundmandates geben sollte. 1922 wurde dieses Mandat für Syrien an Frankreich erteilt. Es erstreckte sich auf die heutigen Staaten Syrien und Libanon und auf die türkische Provinz Hatay. Die Präsenz französischer Truppen bestand bis zur Unabhängigkeit der Staaten Syrien und Libanon 1943 und teilweise bis zum endgültigen Abzug der französischen Soldaten im Jahr 1946.

Franzosen im Libanon, Briten in Syrien

Die kommunistische Oktoberrevolution von 1917 in Russland veranlasste Großbritannien und Frankreich, die Ansprüche Russlands zu annullieren. Nach dem Vertrag von Sèvres 1920 sollte zwar ein Staat Armenien entstehen, den aber Lenin und Atatürk gemeinsam besetzten und aufteilten.

Als das Völkerbundsmandat für Syrien und den Libanon 1922 an Frankreich erteilt wurde, hatte Frankreich bereits eine Reihe vollendeter Tatsachen geschaffen. Die Engländer waren bei Kriegsende 1918 bis Damaskus gekommen, wo Faisal als Sohn des Scherifs Hussein von Mekka eine arabische Regierung bildete, weil er den seinem Vater von den Briten gemachten Zusagen vertraute, die einen panarabischen Staat versprochen hatten. Aber Palästina wurde von England und das syrische Gebiet von den Franzosen beansprucht, die inzwischen in Beirut gelandet waren.

Das Kloster zum heiligen Simeon Stylites bei Aleppo.

Das Kloster zum heiligen Simeon Stylites bei Aleppo.

Faisal reiste zwar mehrfach nach Europa, um die arabische Position zu vertreten, aber die Pariser Friedenskonferenz ignorierte alle Forderungen der Araber. Als Faisal 1920 sein Arabisches Königreich Syrien ausrief, war es der erste unabhängige arabische Staat der Neuzeit. Faisal hatte mit dem Zionistenführer Weizmann ein Abkommen geschlossen und vereinbart, einen jüdischen Staat in Palästina anzuerkennen. Am 8. März 1920 wurde das Königreich proklamiert, am 9. April Faisal zum König von Syrien gekrönt, sein Bruder Abdullah am gleichen Tag zum König des Irak.

Da aber die Christen im Libanon gleichzeitig die Unabhängigkeit ausriefen, stellte der französische General Gouraud am 14. Juli Faisal ein Ultimatum. Am 23. Juli kam es zur Schlacht bei Maysalun, in der die Franzosen siegten. Einen Tag später zogen sie in Damaskus ein und zwangen Faisal zur Abdankung und zum Exil. Die französische Besatzungsmacht teilte daraufhin Syrien auf: 1920 entstand der Staat der Alawiten und der Großlibanon, 1921 ein Staat der Drusen und das Autonome Gebiet Alexandrette, das heutige türkische Iskenderun.

Diese Aufteilung war nicht von langer Dauer, da Frankreich bereits im Juli 1922 die Staaten der Alawiten, Damaskus und Aleppo zusammenschloss. Doch bereits am 1. Dezember löste sich der Staat der Alawiten aus dieser Union, weil sich der Staat von Aleppo und der Staat von Damaskus zu einem syrischen Staat verbanden. 1925 brach im Staat der Drusen eine Revolte aus, die sich auch auf andere syrische Staaten ausweitete, bis 1928 andauerte und den Franzosen viele Verluste brachte.

Die blaue Moschee in Beirut.

Die blaue Moschee in Beirut.

Diese Staatenbildungen von 1920 und 1921 waren konfessionell bedingt, wie nicht nur die Namen des Staates der Drusen und der Alawiten zeigen. Die Staaten von Aleppo und Damaskus waren in der Mehrheit sunnitisch, aber es gab auch starke christliche Minderheiten.

Im Großlibanon war die Mehrheit der Einwohner Christen verschiedener Konfessionen, weshalb die Muslime den Staat ablehnten und die Volkszählung boykottierten. Im Gebiet von Iskenderun, dem alten Sandschak von Alexandrette, gab es neben Arabern auch Türken, Kurden und Armenier. Unter der arabischen Bevölkerung fanden sich Sunniten, Alawiten sowie orthodoxe und syrische Christen.

Der neue Staat Syrien

Aus der Syrischen Föderation entstand 1924 der neue Staat Syrien, obwohl sich der Alawitenstaat abgetrennt hatte. Doch schon 1923 hatte der Staat von Aleppo auch den Sandschak von Alexandrette eingeschlossen. Diese Zusammenlegung geschah durch Frankreich, das der Bevölkerung von Aleppo entgegenkommen wollte, die unzufrieden war, dass Damaskus die neue Hauptstadt werden sollte. Der wieder separate Alawitenstaat hatte Latakia zur Hauptstadt und hieß ab 1930 „Unabhängiges Gouvernement von Latakia“.

Von den 278 000 Einwohnern waren 101 000 Alawiten, 94 000 Sunniten und 5000 muslimische Ismailiten. Die Zahl der Christen betrug 34 000. Ende 1936 erfolgte die Vereinigung des Staates mit Syrien, in das im gleichen Jahr auch der Drusenstaat eingegliedert wurde. So behielt nur der Großlibanon seine Selbstständigkeit, allerdings unter französischem Mandat. Bei der Volkszählung 1932 stellten dort die Christen 51,2 Prozent der 785 000 Einwohner, die Muslime einschließlich der Drusen 48,8 Prozent. Als Republik Libanon erhielt der Staat 1943 seine Unabhängigkeit, aber erst 1946 verließ die französische Armee das Land.

Katholische Kirche in Iskenderun, die Bischofskirche des Apostolischen Vikars von Anatolien. Von 2004 bis zu seiner Ermordung 2010 war dies Bischof Luigi Padovese.

Katholische Kirche in Iskenderun, die Bischofskirche des Apostolischen Vikars von Anatolien. Von 2004 bis zu seiner Ermordung 2010 war dies Bischof Luigi Padovese.

Das an Syrien angeschlossene Gebiet um Iskenderun wurde am 7. September 1938 formal als „Staat Hatay“ unabhängig und schon am 29. Juni 1939 an die Türkei angegliedert. Das geschah nach dem Willen der Franzosen, während die spätere Republik Syrien diesen Anschluss nicht anerkannte und auf ihren Landkarten die Region „unter türkischer Verwaltung“ führte. Mit der Selbstständigkeit des Libanon fand sich die Regierung in Damaskus bis zur Gegenwart nicht ab, wie bis vor wenigen Jahren die Präsenz syrischer Truppen nicht nur im libanesischen Bürgerkrieg zeigte.

Die Existenz des nur neun Monate bestehenden Staates Hatay illustriert ebenso wie die Zusammensetzung des Parlaments in Beirut die nationale, ethnische und religiöse Problematik dessen, was Syrien ist. Im Staat Hatay ging nur Atatürk von einer türkischen Mehrheit von 80 Prozent aus, denn nach offiziellen Statistiken der französischen Volkszählung waren von den 219 000 Einwohnern nur 38,9 Prozent Türken.

Parlament nach Konfessionen und Religionen besetzt

Es gab aber 46,2 Prozent Araber, sie waren religiös gespalten. Im Vergleich zur Gesamtbevölkerung betrugen die alawitischen Araber 28 Prozent, die sunnitischen Araber zehn Prozent und die christlichen Araber 8,2 Prozent. Daneben gab es noch 11,4 Prozent Armenier.

Der konfessionelle Gegensatz spielt auch im Libanon eine entscheidende Rolle, denn das Parlament wird bis heute nach Konfessionen und Religionen besetzt. Lange Zeit gab es im Libanon keine Volkszählungen. Nach dem Abkommen von 1943 betrug das Verhältnis von Christen zu Muslimen 6:5.

Zeder im Libanon

Zedern sind das nationale Symbol des Libanon.

Daher hatten von den 99 Sitzen im Parlament in Beirut die Christen 54, die Muslime 45 Sitze. Die 54 Vertreter der Christen verteilten sich auf 30 Maroniten, elf griechisch-orthodoxe Christen, sechs griechisch-katholische Melkiten, vier orthodoxe Armenier und je einen armenisch-katholischen Abgeordneten, einen Protestanten und einen weiteren Christen. Die Muslime entsandten 20 Sunniten, 19 Schiiten und sechs Drusen. Der Staatspräsident war immer ein Maronit, der Ministerpräsident ein Sunnit und der Parlamentspräsident ein Schiit.

Durch die Palästinaflüchtlinge von 1948, die höhere Geburtenrate der Muslime und die Auswanderung vieler Christen änderte sich dieses Kräfteverhältnis. Es führte 1975 zum blutigen Bürgerkrieg im Libanon, ein Vorspiel der heutigen Tragödie in Syrien. Dieser Krieg dauerte fast eineinhalb Jahrzehnte und wurde erst mit dem Abkommen von Taif beendet.

Damals wurde die Zahl der Sitze im Parlament auf 128 erhöht, je 64 Sitze für Christen und Muslime. Seitdem haben die Maroniten 34, die griechisch-orthodoxen Christen 14, die Melkiten acht, die orthodoxen Armenier fünf und die anderen Christen je einen Sitz. Bei den Muslimen wurden den Sunniten und Schiiten je 27 Abgeordnete zugestanden, den Drusen acht und den vorher nicht berücksichtigten Alawiten zwei. Es gibt zwar politische Parteien, aber ihre Vertreter treten auf konfessionellen Listen an.

Statue Unsere Liebe Frau von Libanon.

Statue “Unsere Liebe Frau von Libanon”.

Die Gräuel des Libanonkrieges sind heute vergessen beziehungsweise verdrängt oder wurden kaum zur Kenntnis genommen. Nur die zeitweise Invasion Israels hat bei uns Empörung ausgelöst, vor allem wegen einseitiger Solidarität mit den Palästinensern. Solidarität mit den Christen fehlte damals fast völlig. Die Verfolgung der libanesischen Christen Ende der Siebzigerjahre durch Muslime und Drusen im Libanon wurde totgeschwiegen.

„Kirche in Not“ stellte 1980 in einer Sondernummer der Zweimonatszeitschrift „Echo der Liebe“ fest: „… die zertrümmerten Tabernakel, die zerschossenen Kruzifixe, die geplünderten Pfarrkirchen und viele Tausende geschändeter Gräber bezeugen: Im Libanon gibt es eine Kirchenverfolgung.“

Wo blieb damals das Mitleid mit den Christen, die Solidarität, die Hilfe? Wo blieb sie 1983, als die Drusen im Schufgebirge die Christen dezimierten? Im Dorf Bmanam wurden vierzig wehrlose Einwohner niedergemetzelt, in der Mehrzahl ältere Menschen, die dort nach der wegen zahlreicher Angriffe erfolgten Auswanderung der Familien und Kinder zurückgeblieben waren. Dieses Massaker geschah am 13. August 1983. Nur drei Menschen entkamen, deren Augenzeugenberichte vorliegen.

Am 9. September 1983 ließen hundert Christen in Bhamdoun ihr Leben; ihre Namen waren bekannt. Am 10. September starben 64 Christen in Bereh, 100 waren vermisst. Lang ist die Liste der übrigen Dörfer: Ras el-Metn, Bourjain, Maasser Beiteddine, Fawara, Wadi El-Sitt und viele andere, in denen es Übergriffe gab.

Ähnliches wiederholt sich in Syrien.

Prof. Dr. Rudolf Grulich

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Gebet für den Nahen Osten

Ikone “Lasst die Kinder zu mir kommen” in Assiut/Oberägypten.

Ikone “Lasst die Kinder zu mir kommen” in Assiut/Oberägypten.

Gott, unser Vater, hab Erbarmen mit dem Nahen Osten.

Deine treuen Diener – jung und alt – sind aufgerufen, Christus zu bezeugen. Mögen sie in dieser aufregenden Zeit gestärkt werden, indem sie deinem geliebten Sohn nachfolgen, der in jener Zeit in ihrer jetzigen Heimat tätig war.

In Gemeinschaft mit unserem Papst beten wir, dass Christen im Nahen Osten ihren Glauben in völliger Freiheit leben können. Ermutige sie, als Werkzeug des Friedens und der Versöhnung zu handeln – vereint mit allen Bürgern in ihren Ländern.

Darum bitten wir durch Christus unseren Herrn. Amen.

(Gebet von Antonios Kardinal Naguib, emeritierter Patriarch von Alexandrien/Ägypten für KIRCHE IN NOT)

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10.Mrz 2014 11:24 · aktualisiert: 28.Mrz 2015 07:21
KIN / S. Stein