„Grüß Gott” sagen und nicht schnippeln

Ostpriesterhilfe organisierte in den 50er-Jahren Kindererholungen in Belgien

Dr. Adolf Winkler heute.

Dr. Adolf Winkler heute.

Königstein, Zentrum der Heimatvertriebenen, Kapellenwagen, Rucksackpriester. Weniger bekannt ist, dass damals auch Kinder aus Vertriebenenfamilien nach Belgien zur Erholung geschickt wurden. Einer von ihnen war Adolf Winkler.

Er berichtet über seine Zeit in Belgien, wo er als Achtjähriger für ein halbes Jahr bei einer Familie gelebt hat. Die „Aktion Kindererholung” wurde 1952 von Pater Werenfried van Straaten, dem Gründer der Ostpriesterhilfe, initiiert. An seine Zeit in Belgien erinnert sich Adolf Winkler (gekürzter Text):

„Immer schön ‚Grüß Gott‘ sagen und nicht schnippeln“: Das waren die Verhaltensregeln meiner Familie, besonders meiner Tanten, die mir auf meine erste große Reise mitgegeben wurden. Mit „schnippeln“ war das Hochziehen der Nase gemeint, was bei Kindern ja beliebt ist. Damals im Juni 1952 war ich ein erst acht Jahre altes „Flüchtlingskind“ und sollte für ein halbes Jahr von Gambach in Oberhessen nach Belgien zur Erholung fahren.

Von Belgien hatte ich natürlich schon einmal gehört, wenn ich auch nicht genau wusste, wo das Land lag. Ab und zu wurden durch die Kirchengemeinde Nahrungsmittel wie Hartkäse und Milchpulver (für die Kinder auch Leckereien) oder auch gebrauchte, aber noch gut tragbare Kleidungsstücke verteilt. Alle diese Kostbarkeiten kamen aus Belgien.

Pater Werenfried van Straaten inmitten von Kindern.

Pater Werenfried van Straaten inmitten von Kindern.

Dabei wurde auch von „Königstein“, der „Ostpriesterhilfe“ und vom „Speckpater“ Werenfried van Straaten gesprochen. Der „Speckpater“ war mir schon als kleiner Junge ein Begriff. Er hatte einmal (Januar 1951) in Gambach in der evangelischen Kirche gepredigt (die katholische Kirche war erst in der Planung). Dabei ging auch sein berühmter, schon arg zerbeulter „Millionenhut“ durch meine kleinen Hände.

Im Frühjahr 1952 lief die Aktion Kindererholung an. Zuerst ging es nur um Kinder aus Flüchtlingslagern und Bunkern, die bei belgischen Familien, besonders aus den deutschsprachigen belgischen Ostkantonen um Eupen und St. Vith, ein halbes Jahr verbringen sollten, um ihre tristen Lebensumstände etwas zu vergessen.

Die Aktion wurde aber ausgeweitet auch auf Kinder, die nicht in Lagern oder Bunkern wohnten. Die Wohnverhältnisse waren damals überall sehr beengt; wir, unsere Mutter, unsere Großmutter, meine jüngere Schwester und ich wohnten zusammen in einem Zimmer von etwa 20 Quadratmetern.

Die deutschsprachige belgische Regionalzeitung „Grenz-Echo“ aus Eupen wurde zum Sprachrohr für Pater Werenfried, die Ostpriesterhilfe und die Anstalten in Königstein. Es erging ein Aufruf zur Aufnahme von Flüchtlingskindern und ein Spendenaufruf zur Deckung der Reise- und sonstigen Unkosten.

Adolf Winkler mit seiner belgischen Gastfamilie.

Adolf Winkler mit seiner belgischen Gastfamilie.

Am 16. Februar 1952 erschien die Zeitung mit einer fünfspaltigen Überschrift über die ganze Seite: „Schon 185 Bunkerkinder eingeladen“. Die Gesamtsumme der bisher in den Kirchengemeinden gesammelten Spenden betrug 46.275 Franken. Das waren damals etwa 5000 DM, also etwa das 10-fache Monatsgehalt eines nicht ganz kleinen Angestellten.

Am 22. März wurde berichtet, dass endgültig 300 Einladungen an Flüchtlingskinder vorlagen und keine weiteren Meldungen mehr angenommen wurden. Es wurde auch über die Verteilung der Kinder auf einzelne Ortschaften berichtet. In die Dekanate Malmedy und St. Vith kamen 278 Kinder, der Rest in die Dekanate Eupen und Montzen, darunter ein Kind nach Sippenaeken – und das war ich.

Am 28. Juni finden wir in der Zeitung jedoch einen Artikel mit der Überschrift „Ein Dankesbrief“. Hier wurde ein Brief abgedruckt, den der Flüchtlingspfarrer von Ulrichstein im Vogelsberg an Herrn Prof. Promper sandte. Dieser war Lehrkraft an der bischöflichen Schule in St. Vith und hatte im Januar 1952 auch Gambach besucht.

In dem Brief bedankt sich Pfarrer Ullrich für die liebevolle Aufnahme, die 14 Flüchtlingskinder aus seiner Pfarrei bei Familien in den Ostkantonen erfahren haben. Diese Kinder kamen wahrscheinlich mit dem Transport an, der am 11. Juni 1952 in Frankfurt abging und bei dem auch ich mich befand.

In der Zwischenzeit hatten alle Kinder ihrem Pfarrer schon geschrieben und begeistert von dem „guten Essen“ und „den schönen großen Kirchen, in die so viele Leute gehen“ berichtet. Der Pfarrer schreibt weiter: „Ich freue mich natürlich sehr, vor allem darüber, dass diese Kinder aus der Kälte der Diaspora in die Atmosphäre eines regen, katholischen Lebens kommen und religiöses Brauchtum in Familie, Schule und Kirche kennen lernen. Ich glaube eine ganz neue Welt wird sich diesen Kindern auftun.“

Adolf Winkler beim Heckenschneiden.

Adolf Winkler beim Heckenschneiden.

Genau diese neue Welt tat sich für mich schon bei der Abreise am Frankfurter Hauptbahnhof auf. Frühmorgens waren wir (zusammen zwölf Kinder aus der Lokalkaplanei Gambach, und ich war der Jüngste) mit der Eisenbahn aus Gambach, natürlich 3. Klasse, nach Frankfurt aufgebrochen. Vom Hauptbahnhof aus sollte der Kindersonderzug nach Belgien gehen. Schon viele Kinder warteten.

Jedes Kind hatte zur Identifizierung eine Karte aus Karton umhängen. Ich kam zur orangefarbenen Gruppe. In der Bahnhofsmission wurden wir mit heißer Schokolade gestärkt. Dann hieß es Abschied nehmen, und der Zug wurde bestiegen. So etwas hatte ich noch nicht gesehen. Der Zug bestand vollständig aus Wagen der 1. und 2. Klasse mit gepolsterten Abteilen.

Die Reise ging über Köln und Aachen; den Rhein entlang gab es für uns Kinder viel zu sehen. Unterwegs versuchten die Betreuerinnen uns zu erklären, wohin die Reise eigentlich ging. Der Name des Zielorts Eupen – er wurde in dem singenden niederfränkischen Tonfall ausgesprochen, wie er für die Aachener Gegend typisch ist – klang für mich fast wie Alpen; ich schaute nach hohen Bergen aus, aber ich musste mich wohl verhört haben. In Herbesthal war die Zugreise zu Ende, von dort ging es mit Bussen etwa fünf Kilometer nach Eupen, wo schon unsere zukünftigen Pflegeeltern warteten.

Der schlanke Herr und die nicht ganz so schlanke Dame, die sich um mich bemühten, waren mir eigentlich vom ersten Augenblick an sympathisch. Ich durfte sie Onkel Franz und Tante Gertrud nennen. Nachdem wir noch bei Tante Lenchen und Onkel Klaus in Kettenis (Nachbarort von Eupen) vorbeigeschaut hatten, fuhren wir noch ca. 20 km mit dem Bus Richtung Sippenaeken.

Neues Zuhause im Dreiländereck

Die letzte Strecke von Gemmenich hinunter ins Tal der Göhl, wohin kein öffentlicher Nahverkehr mehr führte und wo das Haus vor der Brücke über den Fluss mein Zuhause für das nächste halbe Jahr werden sollte, legte ich bei beginnender Dämmerung auf dem Gepäckträger von Onkel Franzens Fahrrad zurück. Bei dieser abendlichen Fahrt begriff ich erst, was heute alles passiert war, und heimlich konnte ich ein paar Tränen vor Heimweh vergießen. Niemand hat es bemerkt.

Der Tag war lang und anstrengend gewesen, und ich hatte nach einem kurzen Abendessen nichts dagegen, ins Bett zu gehen. Das war auch ein ganz neues Gefühl: Tante Gertrud brachte mich in ein Zimmer, ausgestattet mit schönen glänzenden Massivholzmöbeln, das große Bett mit gedrechselten Kugeln auf den Eckpfosten und weiß bezogen mit dickem „Plumeau“ und Paradekissen. Hier lernte ich sogleich, dass diese Bettausstattung nicht zur alltäglichen Benutzung gedacht war, dafür gab es Wolldecken und weiße Laken.

Auch das Schlafen ganz alleine in einem dunklen Zimmer war für mich ganz ungewohnt. Ich lauschte auf die kleinsten Geräusche, vielleicht musste ich auch noch einmal ein bisschen weinen, aber ich schlief doch bald ein und konnte mich dann ausgeruht am nächsten Morgen mit meinen neuen Lebensumständen vertraut machen.

Tante Gertrud war die Pflegemutter von Adolf Winkler.

Tante Gertrud war die Pflegemutter von Adolf Winkler.

Ich hatte es mit meiner Pflegefamilie wirklich gut getroffen. Onkel Franz war Beamter beim belgischen Zoll. Er fuhr täglich in seiner schmucken Uniform (mit Pistole bewaffnet, was mich sehr beeindruckt hat) mit dem Rad zu dem großen Güterbahnhof in Montzen.

Dort wurden die Güterzüge von und nach Deutschland kontrolliert. Das Haus, in dem wir wohnten, gehörte dem Zoll. Es lag in einer idyllischen Gegend direkt im Dreiländereck. Bis zur holländischen Grenze war es nur ein Katzensprung von etwa einem Kilometer, die deutsche Grenze bei Aachen war nur 10 km Luftlinie entfernt.

Unsere Familie, zu der noch Lutgardis, meine kleine dreijährige „Schwester“ gehörte, bewohnte die linke Hälfte des Hauses, in der rechten Hälfte wohnten Tante Regina (eine Schwester von Tante Gertrud) mit ihrem Mann Onkel Alfred (auch ein Zollbeamter) und ihren Kindern Agnes (11) und Yvette (2). Die Umgangssprache in unserer Haushälfte war Deutsch, bei Tante Regina wurde Französisch gesprochen, weil Onkel Alfred aus der Wallonie stammte.

Zum Haus gehörte ein großer Gemüsegarten. Wir hielten Hühner, die tagsüber auf einer großen Wiese herumscharren durften. Ging man aus der Haustür und wendete sich nach links, überschritt man nach 50 Metern die Brücke über das Flüsschen Göhl, das nach Holland zur Maas floss. Nach etwa 500 Metern kam man in den Dorfmittelpunkt von Sippenaeken mit Kirche, Pfarrhaus, Bürgermeisteramt, Schule, Kneipe und Kaufgeschäft mit Bäckerei. Heute dient das Haus als luxuriöse Ferienunterkunft für bis zu 20 Personen.

Der Mittelpunkt unserer Familie war Tante Gertrud, eine sehr warmherzige, fromme und lebensbejahende Frau, die ganz in der Sorge für ihre Familie aufging. Sie stammte aus einer Bäckerfamilie in Raeren (großes deutschsprachiges Dorf bei Eupen) mit acht Geschwistern. Entsprechend weitläufig war meine neue Verwandtschaft mit sieben neuen Onkeln und Tanten und der entsprechenden Anzahl an Cousins und Cousinen. Diese Familienverhältnisse erinnerten mich stark an die Familie meiner Mutter mit meinen sieben Tanten.

Adolf Winkler (rechts) zusammen mit "Tanten" und Kindern.

Adolf Winkler (rechts) zusammen mit “Tanten” und Kindern.

Man kann wohl sagen: Tante Gertruds Hobby war das Kochen, und Kochen in Belgien bedeutete damals auch gehaltvolles Kochen nur mit den besten Zutaten. Frisches Gemüse aus dem Garten, nur „gute“ Butter aus einem großen Steintopf im Keller, nur echter Bohnenkaffee, köstliches Brot aus weißem Mehl (graues Brot wurde praktisch als ungenießbar betrachtet), Salat wurde nur mit selbstgerührter Mayonnaise angemacht.

Es gab nicht jeden Tag Fleisch, aber eben öfter als zu Hause. Hühner hatten wir selbst, besonders oft gab es Huhn, wenn nach dem Brüten die überzähligen Hähnchen gegessen werden mussten. Im Herbst wurde ein Schwein geschlachtet, das von einem Bauern gekauft wurde. Es wurden Würste gemacht, aber das meiste Fleisch wurde eingekocht. Am besten schmeckte der selbstgemachte Schinken, von dem Tante Gertrud mit einem großen Messer mit gebogenem Horngriff freihändig nicht so ganz dünne Scheiben abschnitt.

„Das Allerbeste waren belgische Fritten”

Und das Allerbeste: Manchmal gab es richtige belgische „Fritten“, in echtem Nierenfett ausgebackene Kartoffelstäbchen, die zu meiner, in Deutschland damals noch völlig unbekannten, Lieblingsspeise wurden. Bei dieser Ernährung nahm ich natürlich bald zu, was ja auch der eigentliche Zweck meines Aufenthalts war. Der Fortschritt meiner Gewichtszunahme wurde ab und zu auf einer Dezimalwaage der Mühle in der unmittelbaren Nachbarschaft kontrolliert.

Tante Gertrud und Onkel Franz hatten natürlich gewisse Erziehungsgrundsätze und dazu gehörte, dass auch jedes Kind Pflichten hatte. Für mich bedeutete das, jeden Abend vom Bauer Fransen in der Nachbarschaft die Milch zu holen und ab und zu das Einkaufen von Brot und ein paar Lebensmitteln beim Bäcker im Dorf. Samstags gehörte die Mithilfe beim Schuheputzen und das Schrubben der Kellertreppe mit Seifenlauge zu meinen Pflichten. Zur Konstante aber in meinem Leben und zur allergrößten meiner Pflichten gehörte der tägliche morgendliche Besuch der heiligen Messe im Dorf.

Belgien war zu dieser Zeit noch sehr fromm. Praktiziertes religiöses Leben war für alle selbstverständlich. Gebetet wurde vor und nach dem Essen. Wenn man an einem Wegkreuz oder an einer Kirche vorbeiging, bekreuzigte man sich. Manchmal hatte ich aber den Eindruck, dass diese Frömmigkeit vielleicht gar zu sehr nur Gewohnheit war. Gebetet wurde meist schnell und nicht sehr andächtig: „Vaters, Sohnes, Jeistes, Amen“.

Gottesdienste auf Deutsch und Französisch

Und der Gruß „Grüß Gott“, wie er mir eingeschärft worden war, war hier völlig ungebräuchlich. Hier hieß es immer „Juten Tach“, „Tach zusammen“ oder auch nur „Monsieur“ beziehungsweise „Madame“. Vor dem Unterricht fand täglich die Schulmesse statt, die ich besuchte.

Sonntags durfte ich mit Onkel Franz zusammen zur Kirche gehen und auf den bequemen Bänken für die Erwachsenen knien. Wir besuchten die Frühmesse oder das Hochamt, je nachdem in welcher Messe deutsch gesungen und gepredigt wurde. An Messliedern wurden die mir von Gambach vertrauten Lieder gesungen, wie: „Hier liegt vor deiner Majestät“, „Wohin soll ich mich wenden“ oder „Wir werfen uns darnieder“, wahrscheinlich ein Relikt aus der österreichischen Zeit Belgiens vor seiner Eigenstaatlichkeit. Deutsch oder Französisch wechselte jeden Sonntag zwischen Frühmesse und Hochamt.

Das hatte seinen Grund darin, dass Sippenaeken nicht mehr zum Kanton Eupen gehörte, sondern zum offiziell französischsprachigen Kanton Aubel. Die meisten Leute untereinander sprachen einen niederfränkischen Dialekt, den ich auch bald beherrschte. Die älteren Leute konnten auch Schriftdeutsch reden und schreiben, aber Schul- und Amtssprache war eben Französisch.

Adolf Winkler auf Stelzen.

Adolf Winkler auf Stelzen.

In der Nachbarschaft, Richtung holländische Grenze, lag der Bauernhof der Familie Dautzenberg. Dieser Familie schloss ich mich eng an. Herr Dautzenberg war ein sehr leutseliger und lustiger Mann, der sehr gut mit Kindern umgehen konnte und auch immer Zeit für mich hatte, denn die Landwirtschaft bestand hier nur aus Weidewirtschaft mit schwarzbunten Kühen, die auf durch Hecken begrenzten Wiesen grasten. Morgens und abends wurden die Kühe in den Stall getrieben und gemolken.

Im Sommer wurde einmal Heu gemacht, sonst hatten die Bauern wenig zu tun. Herr Dautzenberg machte mir ein paar Stelzen, auf denen ich mich bald wieselflink bewegen konnte. Oft war ich den ganzen Tag bei Dautzenbergs und ging nur zwischendurch zum Mittagessen heim.

Neue Freunde gefunden

Irgendwann geht aber die schönste Zeit zu Ende. Am 9. Dezember gab es dann einen tränenreichen Abschied. Ich hätte mich gern noch etwas länger in diesem „Paradies“ aufgehalten. Mein Trost war: Ich hatte in Belgien sehr gute Freunde gefunden, ja man konnte sagen, dass ich eine zweite Familie gewonnen hatte. Diese enge Verbindung hielt Jahrzehnte, bis zum Tode der damaligen Pflegeeltern.

Als ich wieder zu Hause war, wunderten sich meine Angehörigen über mich, weil ich mich in dem halben Jahr doch stark verändert hatte. Ich sprach anders und verwechselte dauernd „mir“ und „mich“. In der Schule hatte ich etliches nachzuholen, was sich aber als unproblematisch erwies. Im Kreis der Verwandten hatte ich jetzt immer viel zu erzählen, und ich gewöhnte mir wieder an, „Grüß Gott“ zu sagen.

9.Mai 2014 13:32 · aktualisiert: 14.Mai 2014 15:07
KIN / S. Stein