Der letzte katholische Kaiser

Professor Rudolf Grulich über den seligen Karl I. von Österreich

Der junge Karl.

Der junge Karl.

Wenn heute oft vom Überdruss vieler Bürger an der Politik gesprochen wird, so sollte man daran erinnern, dass die Kirche stets auch Politiker, Staatsmänner und Herrscher als Heilige verehrt hat.

Nicht zufällig stehen gerade in unseren östlichen Nachbarstaaten heiligmäßige Herrscher am Anfang der Staatlichkeit: der heilige Wenzel in Böhmen, König Stephan von Ungarn und seine deutsche Frau Gisela, aber auch die Ungarn Emmerich und Ladislaus.

In der Kiewer Rus haben wir die heilige Olga und ihren Enkel Volodymyr, in Litauen den heiligen Kasimir, um nur einige Beispiele zu nennen. Der Inbegriff des heiligen Herrschers zeigt sich besonders im Kaisertum, das die junge Kirche von der römischen Antike übernahm und christlich überhöhte. Es ist untrennbar mit Rom verbunden, das auch Kaiser des Mittelalters zu Heiligen erhob wie Heinrich II. und seine Gemahlin Kunigunde.

Als am 1. April 1922 der österreichische Kaiser Karl I. in der Verbannung auf Madeira starb, war er der letzte katholische Kaiser der Weltgeschichte. Mit der Absetzung Kaiser Haile Selassies von Äthiopien am 12. September 1974 trat der letzte christliche Kaiser überhaupt von der politischen Weltbühne ab. Auch als 1989 die Gemahlin Karls I., Kaiserin Zita, als letzte christliche Kaiserin zu Grabe getragen wurde, waren sich nur wenige Zeitgenossen dieser historischen Stunde bewusst.

Abtei Tihany. Hier war Kaiser Karl mit seiner Frau Zita nach dem Ersten Weltkrieg für kurze Zeit interniert, bis er am 1. November von einem britischen Donauschiff zunächst ans Schwarze Meer und dann in sein endgültiges Exil auf Madeira gebracht wurde.

Abtei Tihany. Hier war Kaiser Karl mit seiner Frau Zita nach dem Ersten Weltkrieg für kurze Zeit interniert, bis er am 1. November von einem britischen Donauschiff zunächst ans Schwarze Meer und dann in sein endgültiges Exil auf Madeira gebracht wurde.

Nur im außerchristlichen Kulturbereich blieben nach Haile Selassies Absetzung noch zwei Kaiser übrig: im Iran und in Japan. Der persische „König der Könige“, so der Titel des persischen Schah, verlor 1979 seine Herrschaft und seinen Titel, so dass heute der Tenno in Japan der einzige nominelle Kaiser der Erde ist.  Der Kaisertitel ist in Europa seit der Übernahme des Christentums im Römischen Reich untrennbar mit christlichem Verständnis verbunden.

Das gilt nach dem Ende des Weströmischen Kaisertums 476 für das Oströmische Reich ebenso wie für das wiedererstandene Weströmische Reich nach der Kaiserkrönung Karls des Großen im Jahre 800 in Rom. Seine späteren Nachfolger im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation trugen bis 1806 den Titel eines Kaisers der Römer, wie die Kaiser in Konstantinopel bis zur Eroberung ihrer Hauptstadt 1453 durch die Türken.

Gebet für den Kaiser im Römischen Messbuch

Der mittelalterlichen christlichen Kaiseridee lag die Idee der christlichen Weltherrschaft, des Sacrum Imperium, zugrunde, die auch nach dem Ende des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation von der Kirche nicht aufgegeben wurde.

Bis zur Liturgie-Reform der Karwoche unter Papst Pius XII. stand im Römischen Messbuch und im deutschen Schott-Messbuch noch in der Karfreitagsliturgie unter den Fürbitten das Gebet für den Kaiser: „Lasset uns beten für unseren Allerchristlichsten Kaiser!“ Eine Rubrik vermerkte: „Falls der Kaiser nicht gekrönt ist, so spreche man: für unseren erwählten Kaiser.“

Blick auf den Plattensee.

Blick auf den Plattensee.

Gerade in diesem liturgischen Bereich wurde das Reich, das immer das Imperium Romanum war, theologisch überhöht. „Die Liturgie der römischen Kirche wurde zur lautesten und nachdrücklichsten Verkünderin der Einheit von weltlichem und heiligem Reich, von Kirche und Staat“ (Rudolf Hernegger).

So ist erklärlich, dass bei dem Beharrungsvermögen und Ewigkeitsdenken der katholischen Kirche die Gebete für Kaiser und Reich noch eineinhalb Jahrhunderte über das Ende der Reiches 1806 hinaus formal beibehalten wurden und in Österreich sogar die liturgischen Vorrechte des Römischen Kaisers auf den österreichischen Kaiser übergingen.

Kaiser war Schirmherr der Christenheit

Auch am Karsamstag stand am Ende des österlichen Preisgesangs des „Exultet“ noch die Bitte für den Kaiser, auf den Gott als einen „devotissimum Imperatorem” schauen möge. Kaiser Franz Joseph war der letzte Kaiser, der noch bei einer Papstwahl mitentschied. Da er nicht im Konklave anwesend sein konnte, hatte er 1903 den Kardinal von Krakau beauftragt, ein Veto einzulegen, falls Kardinalsstaatssekretär Mariano Rampolla gewählt werden sollte. Das geschah auch, aber durch das Veto wurde Pius X. gewählt.

Der mittelalterliche Kaiser war Schirmherr der Christenheit und besaß theoretisch die Oberhoheit über die anderen abendländischen Herrscher. Er war Vogt der Kirche. Manche Kaiser benahmen sich auch wie Herren der Kirche, ehe der hochmittelalterliche Kampf um beide Gewalten mit der Gleichberechtigung von Imperium und Sacerdotium endete.

Büste Karls I.

Büste Kaiser Karls I.

Nach der Kaiserkrönung Karls des Großen erhielten auch einige seiner Nachfolger und – nach dem Zerfall des Reiches – italienische Teilkönige wie Berengar die Kaiserwürde. Mit der Krönung Ottos I. im Jahre 962 erfolgt die Translatio Imperii: Die Kaiserwürde aus Rom ging auf das Königreich Deutschland über.

Zu diesem Heiligen Römischen Reich, dem später der Zusatz „Deutscher Nation“ hinzugefügt wurde, gehörte das Kaisertum Rom mit dem „dominium mundi” und der Titularherrschaft über die Stadt Rom, das Königtum Deutschland mit seinen Stammesherzogtümern, das Königreich Italien als Nachfolgerin des Langobardenreiches und seit Konrad III. auch das Königreich Burgund.

Nicht alle gewählten deutschen Könige wurden in Rom auch vom Papst zum Kaiser gekrönt und gesalbt und tragen daher in der Liste der Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation diesen Titel zu Unrecht, wie Konrad III. oder Rudolf von Habsburg u. a.

Die Krönung Karls des Großen im Jahr 800 hatte einen Riss zwischen Ost- und Westkirche gebracht, da es nun zwei Kaiser gab. Erst 812 erkannten die Byzantiner Karl den Großen als Mitkaiser an, allerdings nur gegen den Verzicht Karls auf Venetien, Istrien und Dalmatien.

Riss zwischen Ost- und Westkirche

Der Titel eines „Basileus ton Romaion kai Autokrator“ blieb aber in Konstantinopel nur dem dortigen Kaiser vorbehalten. Herakleios I. (610-641) hatte bei der Einführung des Griechischen als Amtssprache am Hof in Konstantinopel erstmals statt imperator den Titel basileus geführt.

Otto III., der Enkel Ottos I. und Sohn der oströmischen Prinzessin Theophanu, wollte eine Renovatio Romanorum Imperii. Rom sollte wieder Hauptstadt werden. Von hier wollte er das Reich regieren, wie das Evangeliar Ottos zeigt: Es stellt ihn auf dem Thron dar. Im Huldigungszug erscheinen die Provinzen Roma, Germania, Gallia und Sclavinia, d. h. die slawischen Länder. Doch Otto III. starb schon Ende Januar 1002, erst 22-jährig.

Ungarisches Parlament.

Ungarisches Parlamentsgebäude.

Im Jahre 1000 gab er Polen kirchliche und politische Selbständigkeit. Herzog Boleslav sollte Herrscher und Mithelfer im Reich sein. Auch Ungarn bekam mit dem Erzbistum Gran eine selbstständige Kirchenprovinz und die Königskrone. So nimmt es nicht wunder, dass die deutsch-nationale Geschichtsschreibung Otto III. meist negativ darstellte.

Mit der Eroberung Konstantinopels am 29. Mai 1453 übernanhm der junge Sultan Mehmet II. als Padischah den Kaisertitel. Aber auch der Großfürst in Moskau, dem „Dritten Rom“, nahm den Zaren-Titel an, Peter der Große sogar den Titel eines „Imperators und Selbstherrschers (Autokrator) aller Reußen, Zars zu Moskau, Kiew, Wladimir, Nowgorod, Kasan und Astrachan“.

Ende einiger Kaiserären

Mit dem Beginn des 19. Jahrhunderts setzte dann eine Inflation von Kaisertiteln ein, die erst 1918 mit der Abdankung der Kaiser in Berlin, Wien und St. Petersburg unterbrochen wurde. Am 18. August 1804 hatte Kaiser Franz II. den Titel eines Kaisers Franz I. von Österreich angenommen, weil sich Napoleon am 18. Mai 1804 selber zum Kaiser der Franzosen erklärt hatte. Bei der Kaiserkrönung am 2. Dezember 1804 erhielt der Korse sogar die Salbung von Papst Pius VII., setzte sich aber die Krone selbst auf.

1917 verschwand mit der Februarrevolution der Zar in Russland. 1918 folgten ihm die Kaiser in Berlin und Wien, 1923 musste in Istanbul der 29. Padischah seit der Eroberung Konstantinopels seinen Platz räumen. Schon 1912 war der Kaiser in China abgesetzt worden. In den Dreißigerjahren schufen die Japaner das kurzlebige Kaiserreich Mandschuko von ihren Gnaden.

Porträt Karl I. von Österreich.

Porträt von Karl I. von Österreich.

Schon als Karl I., erst 34 Jahre alt, 1922 in der Verbannung auf Madeira starb, sahen viele Katholiken in ihm einen Heiligen und Märtyrer. Man sprach von seinem Golgotha und Kreuzweg. Er starb im Kreise seiner Familie, Kaiserin Zita und seinen sieben Kindern. Kurz vor seinem Tode sagte er. „Ich verzeihe allen meinen Feinden, allen die mich beleidigt haben, und allen, die gegen mich arbeiten.“

Schon in den Zwanzigerjahren wurden erste Versuche gemacht, den Kaiser seligzusprechen. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden diese Bemühungen von der Erzdiözese Wien aufgegriffen. Seit 1954 wurde der Seligsprechungsprozess von der zuständigen römischen Kongregation bearbeitet. Eine eigene Gebetsliga für diese Seligsprechung wurde gegründet, die jedes Jahr ein Jahrbuch über den aktuellen Stand des Seligsprechungsprozesses herausgibt.

Hervorgehoben wird die Friedensbereitschaft des Kaisers, dessen zweimalige Friedensinitiativen im Ersten Weltkrieg, als auch England und Frankreich zum Waffenstillstand bereit waren, an Deutschland und Italien scheiterten.

Die Gebetsliga ist in Österreich, Deutschland, der Schweiz und in Südtirol verbreitet und veranstaltet auch Wallfahrten. Kaiser Karl I. lebt im Gedächtnis vieler Katholiken fort, die sich 2004 über seine Seligsprechung als eines Kaisers freuten, der Recht und Gerechtigkeit liebte, den Krieg beenden wollte, aber an den Realitäten seiner Gegenwart scheiterte.

Die Matthiaskirche in Budapest. Hier wurde Karl I. zum König von Ungarn gekrönt.

Die Matthiaskirche in Budapest. Hier wurde Karl I. zum König von Ungarn gekrönt.

Regina von Habsburg, die Gemahlin des Kaisersohnes Otto, sagte mir bei einem Gespräch auf einem Sudetendeutschen Tag in Nürnberg: „Ist es nicht eine wunderbare Fügung, dass der erste König Ungarns, Stephan, und auch der letzte Monarch des Reiches der Stephanskrone, Karl IV., Heilige sind?“

Als in Rom der Seligsprechungsprozess für Kaiser Karl abgeschlossen worden war, wurde damit der „heroische Grad seiner Tugenden“ festgestellt, was besagt, dass er aus der Kraft eines übernatürlichen Glaubens lebte und deshalb Vorbild für alle Gläubigen sein kann. Er war nicht nur als Mensch ein Vorbild: Sein Glaube bestimmte auch seine politischen Zielsetzungen. Nach seinem Amtsantritt galten seine Bemühungen vor allem dem Frieden, weniger dem militärischen Erfolg und dem Sieg.

Dieser Friedenswille scheiterte vor allem an der sturen Uneinsichtigkeit Kaiser Wilhelms II. und des preußischen Militärs. Das zeigte sich bei dem Treffen beider Kaiser am 3. April 1917 in Bad Homburg.

Der deutsche Kaiser wollte einen Sieg-Frieden und ließ Karls Friedensbemühungen scheitern, woraufhin ihm Karl prophezeite: „Wenn die Monarchen der Zentralmächte nicht imstande sind, in den nächsten Monaten den Frieden zu schließen, dann werden die Wogen der revolutionären Vorgänge alles wegschwemmen, wofür unsere Söhne heute noch kämpfen und sterben.“

Gruppenfoto der Teilnehmer der Wallfahrt.

Gruppenfoto der Teilnehmer der Wallfahrt vor der Statue des heiligen Ehepaars Stephan I. und Gisela in Veszprém.

Er sollte leider Recht behalten. Kaiser Karls ältester Sohn Otto von Habsburg schrieb später über diese vertane Chance: „Man hätte damals Frieden schließen können, und es wäre uns viel erspart geblieben, einschließlich des Zweiten Weltkriegs.“

Der neue Selige liegt immer noch in Funchal auf Madeira begraben. Seine Frau, eine gebürtige königliche bourbonische Prinzessin von Parma, überlebte ihn um Jahrzehnte. Sie starb erst am 14. März 1989 in Zizers in der Schweiz im Alter von 97 Jahren.

In der Todesanzeige des Verbandes der Österreicher zur Wahrung der Geschichte Österreichs wird gerühmt, dass sie „bis zuletzt im Gebet und in lebendigem Interesse Anteil am Schicksal der Völker genommen hatte, denen sie seit der Thronbesteigung Kaiser und König Karls am 21. November eine wahre Landesmutter war.“ Im Gegensatz zu Kaiser Karl wurde sie in der Kapuzinergruft beigesetzt, am 67. Todestag Kaiser Karls.

Prof. Dr. Rudolf Grulich

Frühere Wallfahrten von KIRCHE IN NOT mit Prof. Grulich:

19.Mai 2014 09:24 · aktualisiert: 21.Okt 2014 23:14
KIN / S. Stein