Erster Märtyrer Ungarns

Professor Rudolf Grulich über den heiligen Gerhard (Gellert)

Gerhard-und-Emmerich-Statue in Szekesfehervar (Stuhlweißenburg) (Foto: Wikipedia).

Gerhard-und-Emmerich-Statue in Szekesfehervar (Stuhlweißenburg) (Foto: Wikipedia).

Viele Ungarn-Touristen kennen in Budapest den Gellert-Berg mit der monumentalen Statue des heiligen „Gellert“.

Weniger bekannt ist dagegen, dass sich hinter diesem „ungarischen“ Heiligen, der an dieser Stelle 1046 ermordet wurde, der heilige Gerhard verbirgt, der Patron der Donauschwaben. Nach ihm haben die südostdeutschen Katholiken der donauschwäbischen Volksgruppe ihre Gemeinschaft „St.-Gerhards-Werk“ benannt.

Der heilige Gerhard stammte aus einer langobardischen Familie, die in Venedig ansässig war. Als Abt des Klosters San Giorgio in seiner Heimatstadt plante er im Jahre 1015 im Alter von 35 Jahren eine Reise ins Heilige Land.

Auf seiner Pilgerfahrt donauabwärts lernte er in Fünfkirchen (heute Pecs) den dortigen Bischof Maurus kennen, der ihn für die Missionsarbeit im jungen Königreich Ungarn so begeisterte, dass Gerhard blieb und von König Stefan zum Bischof von Tschanad und zum Erzieher des Kronprinzen Emmerich ernannt wurde.

Blick vom Gellertberg auf Budapest.

Blick vom Gellertberg auf Budapest.

In seiner Bischofsstadt errichtete Gerhard die berühmte Domschule, an deren Spitze die Mönche Walter und Henricus Teutonicus standen und in die bald Studenten aus Böhmen, Polen und Deutschland strömten.

Als „doctor decretorum“ und „Magister sacrae theologiae“ war Gerhard auch ein fruchtbarer Schriftsteller, der zwar auch die heidnische Gelehrsamkeit der Antike kannte, aber die Überlegenheit des Christentums klar herausstellte: „Zweifelt nicht, dass Kephas tiefer ist als Aristoteles, Paulus beredeter ist als ein menschlicher Redner, Johannes höher als der ganze Himmel und dass Jakobus schlagfertiger als Plotinus ist.“

Gerhard stand mit den Reformklöstern in seiner Heimat Venedig und in Frankreich in Verbindung und war ein großer Marienverehrer. Als Berater von König Stefan trug er maßgeblich dazu bei, dass sich das junge Königreich Ungarn in die abendländische Kulturgemeinschaft integrierte, obgleich der König auch gute Beziehungen zum Oströmischen Reich in Konstantinopel pflegte.

Der Dom in Pecs. Hier predigte der heilige Gerhard (Gellert) zum ersten Mal auf ungarischem Boden.

Der Dom in Pecs. Hier predigte der heilige Gerhard (Gellert) zum ersten Mal auf ungarischem Boden.

Bei seiner Arbeit unterstützten ihn hervorragende Männer aus dem Westen wie der heilige Gunther, die Lehrer Isingrim, Walter und Heinrich aus Deutschland und Bischof Bonipertus aus Frankreich.

Gerhard wurde am 24. September 1046 von Heiden auf dem Bockberg bei Ofen (heute Budapest) ermordet, der heute seinen Namen trägt (Gellertberg). Sieben Jahre später, 1053, zogen sein Nachfolger Maurus und Abt Philipp von der Marienabtei von Tschanad aus, um die Gebeine aus dem provisorischen Grab nach Tschanad zu holen, wo sie in der Unterkirche des Marienstiftes beigesetzt wurden.

Gerhard ist einer der sieben Heiligen, die Ungarn nach der Jahrtausendwende der Christenheit schenkte und Ungarns erster Märtyrer. Papst Gregor VII. erhob ihn 1083 mit König Stefan und dessen Sohn Emmerich zur Zeit der Regierung des ebenfalls heiligen Königs Ladislaus zur Ehre der Altäre.

Die Kathedrale in Szekesfehervar. Hier befanden sich für längere Zeit die Reliquien des Heiligen.

Die Kathedrale in Szekesfehervar. Hier befanden sich für längere Zeit die Reliquien des Heiligen.

Teile seiner Reliquien kamen in die Domkirche nach Stuhlweißenburg (Székesfehérvár), aber auch nach Venedig und in die Kirche des Priesterseminars zu Budapest. Er ist heute ein Stadtpatron Budapests und einer der Schutzheiligen Ungarns. An der Stelle seines Todes steht heute sein überlebensgroßes Standbild.

Während 1938 noch im Rahmen des 34. Eucharistischen Weltkongresses der 900. Todestag von König Stefan feierlich begangen wurde, ließ die erste kommunistische Regierung 1946 keine ähnlichen Feiern zum 900. Todestag des heiligen Gerhard zu.

Eine große Gerhardskirche errichteten die Donauschwaben im 19. Jahrhundert im damaligen Südungarn in Werschetz (Vršac) im heute serbischen Banat. Der Vorgängerbau stammt bereits aus dem Jahre 1728.

Die heutige mächtige Kirche im Stile der Neugotik ist 1860 bis 1863 entstanden. Sie ist 61 Meter lang, 22 Meter breit und die Innenhöhe beträgt 19,50 Meter, die Türme ragen 63 Meter hoch. Bekannte Wiener Künstler haben zur Ausstattung beigetragen, später kamen noch Seitenaltäre aus Südtirol dazu.

In Werschetz lebten bis zum Zweiten Weltkrieg über 16 000 katholische Gläubige, meist Donauschwaben, aber auch Ungarn, Tschechen und Kroaten. Die wenigen Deutschen, welche die Lager Titos überlebten, trafen sich seit Ostern 1949 dort wieder in dieser Kirche, um in deutscher Sprache St. Gerhard zu ehren. Das geschieht noch heute.

Prof. Dr. Rudolf Grulich

Frühere Wallfahrten von KIRCHE IN NOT mit Prof. Grulich:

16.Jun 2014 08:55 · aktualisiert: 21.Aug 2014 09:30
KIN / S. Stein