Der Speckpater und der Schweinepater

Pater Werenfried van Straaten berichtet von seiner Reise durch Korea

Pater Werenfried 1960 in Seoul bei koreanischen Flüchtlingen aus dem kommunistischen Norden.

Pater Werenfried 1960 in Seoul bei koreanischen Flüchtlingen aus dem kommunistischen Norden.

Vierzehn Stunden lang fuhr ich mit dem Zug durch Korea. Es wurde Nacht, und ich fand noch ein Bett im sogenannten „Schlafwagen“, in dem 28 Tragbahren und Hängematten sind. Über und neben mir schnarchen Koreaner.

Am Bahndamm entlang glimmt die Glut des offenen Feuers aus den niedrigen Hütten. Ich weiß, darin schlafen dicht zusammengedrängt die Flüchtlinge, die dieses arme Land bewohnen. Sie haben ihre bunten Kleider abgelegt und liegen, einander erwärmend, am harten Boden.

Die Kranken und die Gesunden, die Aussätzigen und die Säuglinge, oft zehn Personen auf wenigen Quadratmetern, zwischen Lehmwänden unter einem stinkenden Strohdach.

Wieder hält der Zug. Zwei Betten weiter versucht eine Frau ihr Kind zu beruhigen. Mein Nachbar mit dem Spitzbart dreht sich um. Die Lokomotive haucht ihren letzten Atem aus. Draußen sucht man Wasser und Holz, damit die Reise weitergehen kann. Der Mann, der über mir schläft, lässt sich mühsam aus seiner Hängematte nach unten gleiten. Plötzlich sehe ich, dass er keine Hände hat. Er hat die Lepra. Und er lebt inmitten der Gesunden.

Diese Muttergottesstatue hat die katholische Kirche Südkoreas im nordöstlichen Bezirk Goseong an der Grenze zu Nordkorea errichtet. Die Statue blickt in Richtung Norden und verkörpert den Wunsch nach Frieden und Einheit zwischen den getrennten Staaten Koreas.

Diese Muttergottesstatue hat die katholische Kirche Südkoreas im nordöstlichen Bezirk Goseong an der Grenze zu Nordkorea errichtet. Die Statue blickt in Richtung Norden und verkörpert den Wunsch nach Frieden und Einheit zwischen den getrennten Staaten Koreas.

Ich habe Menschen gesehen, die sich nur auf Arm- und Fußstümpfen fortbewegen können. Ich habe ein ganzes Leprosendorf völlig betrunken gesehen. Ich habe unkenntliche Fleischklumpen gesehen, Menschen wie Würmer.

Auch diese Menschen wurden wegen unserer Verbrechen zerschlagen. Denn mit den wenigen Spritzen, die die Krankheit im Anfangsstadium überwinden, hätten sie gerettet werden können. Aber von den zwölf Millionen Aussätzigen sind nur drei oder vier Prozent in ärztlicher Behandlung.

„Wir alle sind schuld am Fiasko”

Und so ist es mit vielen anderen Krankheiten, die bei uns schon lange überwunden sind, die aber in den Entwicklungsländern Millionen Opfer fordern und ganze Völker lähmen. Nie verfügte die Menschheit über so viele Kenntnisse und Mittel wie in unseren Tagen, um Krankheiten zu bekämpfen. Ist es dann kein Verbrechen, diese Mittel nur in so kleinem Umfang anzuwenden?

Niemand soll mir noch erzählen, dass die ehemaligen Kolonialmächte ihre Pflicht erfüllt haben. Sie haben ihre Pflicht schändlich vernachlässigt. Und wir alle sind schuld am Fiasko so vieler heldenhafter Missionierungsversuche, weil wir die Glaubensverkündigung unserer Missionare durch unseren Mangel an Liebe und Gerechtigkeit unglaubhaft gemacht haben.

Blick nach Nordkorea: Buchstaben aus Sträucherwerk bilden die koreanischen Schriftzeichen für das Wort „Einheit“.

Blick nach Nordkorea: Buchstaben aus Sträucherwerk bilden die koreanischen Schriftzeichen für das Wort „Einheit“.

Diese Schuld wird nicht verziehen werden, solange wir nicht durch die schwersten persönlichen Opfer die Reichtümer wieder erstattet haben, die wir unrechtmäßig, auf Kosten von Leben und Gesundheit unserer armen Brüder, besitzen.

Und kommen Sie mir jetzt nicht mit den tausend Distinktionen der Moralisten, durch die Sie glauben, sich von außerordentlichen Verpflichtungen dispensieren zu können. Es gibt keine Dispens von den göttlichen Geboten der Liebe und der Gerechtigkeit.

„Ein schreiendes Unrecht”

Und wer sich im Angesicht des Hungers und der Not in der Welt von der elementarsten Christenpflicht dispensiert, muss mit dem furchtbaren Urteil rechnen: „Ich hatte Hunger und du hast mich nicht gespeist. Ich war nackt und du hast mich nicht bekleidet. Geh weg von mir, Verfluchter, ins ewige Feuer.“

Warum haben wir es eigentlich so gut? Diese Menschen leben unter derselben Sonne und unter denselben Sternen wie wir. Am sechsten Tag hat Gott auch sie geschaffen, um König der Schöpfung zu sein. Wo ist ihr Königtum? Diese Herabsetzung der Menschenwürde ist eine Todsünde gegen die Natur, ein schreiendes Unrecht. Und an diesem Unrecht werden wir persönlich mitschuldig, wenn wir nicht alles tun, was wir können, um es aus der Welt zu schaffen.

Touristische Busreisen nach Nordkorea waren zu Zeiten der südkoreanischen Sonnenscheinpolitik noch möglich. Im Juli 2008 wurden sie eingestellt. Hier im Bild südkoreanische Omnibusse auf der Rückreise von der grenznahen nordkoreanischen Region Kumgang-san.

Touristische Busreisen nach Nordkorea waren zu Zeiten der südkoreanischen Sonnenscheinpolitik noch möglich. Im Juli 2008 wurden sie eingestellt. Hier im Bild südkoreanische Omnibusse auf der Rückreise von der grenznahen nordkoreanischen Region Kumgang-san.

Nicht die Symptome, sondern die Ursachen der Not müssen wir bekämpfen. Projekte finanzieren, durch die die wirtschaftlichen und sozialen Zustände in diesen Gebieten fundamental saniert werden. Persönlichkeiten formen, die uneigennützig, heilig und fähig genug sind, um die richtigen Lösungen anzuwenden. Lösungen in kleinerem Maßstab vielleicht, die aber als Modell und Beispiel für die Lösung dienen können, die die Kirche als „Mater et Magistra“ für alle Völker bereit hat.

Das ist ein großes Unternehmen, das unsere Kräfte weit übersteigt. Aber doch eine Aufgabe, an der wir im Sektor der Flüchtlingshilfe und der bedrohten Kirche teilnehmen müssen. Es ist die Aufgabe unserer Zeit. Wenn wir sie nicht erfüllen, versagt das Christentum.

„Heilige Kirche ist der lebendige Christus”

Dann ist es auch nicht schlimm, wenn die Chinesen kommen und unsere Kathedralen in die Luft sprengen. Denn die heilige Kirche ist keine Kollektion von Kulturdenkmälern, sondern der lebendige Christus, der in unseren Herzen leben will, mit unseren Händen geben will und in unserer Liebe gut sein will.

Nur wenn wir in Liebe und Gerechtigkeit zur elften Stunde mit unserer lauwarmen Vergangenheit brechen, nur wenn wir auf eigene Kosten Gerechtigkeit und Liebe in der Welt wiederherstellen – nicht aus Angst vor dem Kommunismus, nicht um unsere eigene Haut zu retten, sondern aus innerer Sorge um das christliche Erbe, das Gott uns anvertraut hat – nur dann kann es für die Kirche und die Welt eine bessere Zukunft geben.

Vulkanberg auf der koreanischen Insel Cheju (Jeju).

Vulkanberg auf der koreanischen Insel Cheju (Jeju).

Wenn die Probleme der Entwicklungsländer auch nicht in ihrer Gesamtheit und sofort gelöst werden können, so soll doch jeder wenigstens tun, was er kann. Wie der rothaarige Schweinepater McGlincey, der nur einen halben Magen hat und den ich auf Cheju, einer Insel im Gelben Meer südwestlich von Korea, gefunden habe.

Mitten auf dieser Insel erhebt sich ein 2000 Meter hoher, erloschener Vulkan. Von 1947 bis 1949, während des Koreakrieges, hatten die Kommunisten hier ein Hauptquartier. Dreizehn Jahre später gab es auf Cheju noch immer Dörfer, wo nur Frauen und Kinder wohnten, weil alle Männer deportiert und ermordet waren.

Hunger, Elend und Verwüstung

Als Father McGlinsey 1955 auf der Insel landete, fand er nur Hunger, Elend und Verwüstung, obwohl der Boden fruchtbar und das Klima günstig war. Aber die Bodenbearbeitung war so primitiv, dass es auch für das Vieh keine Nahrung gab. Die schwarzen mageren Schweine hatten kein anderes Futter als den Kot der Menschen. Der Hunger hockte in den Hütten. Tuberkulose dezimierte die unterernährte Bevölkerung, die immer tiefer im Elend versank.

Der neue Pater, ein Bauernsohn aus dem grünen Irland, wusste, dass der Christ mit den Füßen auf der Erde und mit dem Herzen im Himmel leben muss. Aber wie kann jemand sein Herz zum Himmel erheben, wenn er bis zum Hals im Dreck steckt? Zuerst musste er dieses Volk aus seiner tiefen Not herausholen. Dafür brauchte er die Talente, die Gott ihm gegeben hatte.

Cheju (Jeju) von oben.

Cheju (Jeju) von oben.

Er bettelte etwas Geld zusammen und kaufte eine trächtige Sau, die er in der Sakristei unterbrachte, die sowieso zu groß war. Die Kinder waren vom neuen Pfarrkind begeistert. Vor und nach dem Religionsunterricht, der wesentlich besser besucht wurde, brachten sie Stunden damit zu, den Stall zu reinigen und das Schwein zu waschen oder es liebevoll zu betrachten.

Diese Sau war das Grundkapital des Schweinebank des Paters. Als die ersten Ferkel zur Welt kamen, wurden sie bei den Interessenten untergebracht, die sich bereiterklärt hatten, nach den Direktiven des Schweinepaters mit diesem Ferkel weiter zu züchten. Alle Schweinezüchter wurden in einem „4-H-Club“ vereint, dessen Mitglieder eine Ausbildung erhielten auf dem Gebiet des Herzens, des Hauptes, der Hände und der Hygiene. Wenn ein Vereinsmitglied es an Sorge für sein Schwein fehlen ließ, wurde es ihm weggenommen und einem anderen zugeteilt.

„Der Widerstand war bald gebrochen”

Und wenn dieses Schwein Ferkel warf, blieb es mit der ganzen Nachkommenschaft Eigentum des Züchters, mit Ausnahme von zweien, die der Bank zurückgegeben werden mussten. Sie wurden anderen Mitgliedern des Clubs unter den gleichen Bedingungen anvertraut. Die Bevölkerung war anfangs fast genauso misstrauisch wie die Mitbrüder des Schweinepaters. Aber als die kirchlichen Schweine zehnmal teurer als die einheimischen verkauft werden konnten, war der Widerstand bald gebrochen.

Die koreanische Ausgabe der Kinderbibel von KIRCHE IN NOT.

Die koreanische Ausgabe der Kinderbibel von KIRCHE IN NOT.

Aus diese Weise konnte Father McGlinsey hunderten von Familien Ferkel und damit die Basis für eine gesunde Schweinezucht besorgen. Damit er dieses segensreiche Werk in beschleunigtem Tempo fortsetzen konnte, hat Misereor – die Fastenaktion der deutschen Bischöfe – ihm 20 gute Zuchtschweine und die erforderlichen Eber besorgt. Der Erfolg blieb nicht aus.

Es wird Mist produziert, dadurch – mit Hilfe einer Saatbank – besseres Gemüse und somit besseres Schweinefutter. Deswegen mehr Schweine, noch mehr Mist und bessere Weiden. Dadurch Platz für mehr Kühe, wiederum mehr Mist und somit noch mehr Weiden. Dann aber auch mehr Schafe und mehr Wolle; so viel Wolle, dass sie in eigener Regie bearbeitet und verkauft werden kann.

Father McGlincey ist jetzt damit beschäftigt, auf der Insel mit ihren 300 000 Einwohnern eine Schafzucht von zehn bis 15 Schafen je Familie zu entwickeln.

Die nächste Phase ist die Einrichtung von Spinnereien und Webereien, deren Produkte bei den 28 Millionen Koreanern des Festlandes abgesetzt werden sollen. Es wurde bereits eine Textilschule gebaut. Dort lernen 36 Mädchen spinnen, drei Mädchen machen sich mit der Technik des Färbens vertraut, andere lernen Weben. Wenn sie den Kursus mit Erfolg beendet haben, dürfen sie ihr Spinnrad mit nach Hause nehmen.

„Ein Beispiel produktiver Hilfeleistung”

An ihre Stelle treten 36 andere Mädchen, für die neue Spinnräder zur Verfügung gestellt werden. So entsteht nach und nach eine gesunde Heimindustrie. Schließlich werden Schafzüchter, Spinner und Weber sich zu einer Genossenschaft mit eigenem Einkaufs- und Verkaufsdienst zusammenschließen.

Dieser junge Schweinepater hat von uns einen finanziellen Zuschuss erhalten und außerdem mein Herz gestohlen. Nicht so sehr, weil ich selber als Speckpater etwas mit Schweinen zu tun hatte, sondern weil er ein so schönes Beispiel produktiver Hilfeleistung gegeben hat, die auch in anderen Entwicklungsgebieten angestrebt werden muss.

Seoul, die Hauptstadt Südkoreas.

Seoul, die Hauptstadt Südkoreas.

Es hat nämlich keinen Sinn, nur Essen und Kleider auszugeben. Mit einer besseren Verteilung der vorhandenen Verbrauchsgüter ist das Problem nicht gelöst. Wahre Hilfe besteht in der Produktion neuer Gebrauchsgüter, und zwar in den Ländern selbst, wo sie gebraucht werden. Das setzt voraus, dass die erforderliche Industrie in diesen Ländern selbst geschaffen werden muss.

Das kann aber nur geschehen durch eine enorme Anstrengung auf dem Gebiet des Unterrichts und der technischen Bildung; indem man den Analphabetismus überwindet, Berufsschulen baut und Universitäten gründet; indem man den Völkern, die nach Wahrheit und Wissenschaft streben, all das beibringt, was sie brauchen, um in ihrer eigenen Haus-, Dorf- und Volksgemeinschaft ordentlich, sinnvoll, modern, menschenwürdig und glücklich zu leben.

Die Leistung des Schweinepaters von Cheju bedeutete für mich eine Belehrung, die mich von vielem theoretischen Ballast befreite. Sie gab mir die erforderliche Aufgeschlossenheit für die Begegnung mit anderen geistlichen Entwicklungshelfern, die auf Hilfe warten.

13.Aug 2014 12:22 · aktualisiert: 20.Aug 2014 16:02
KIN / S. Stein