“Ein Mann unbeugsamen Glaubens”

Vor 30 Jahren starb Josyf Kardinal Slipyj im Exil in Rom

Josyf Kardinal Slipyj (1892-1984) im Gespräch mit Papst Johannes Paul II.

Josyf Kardinal Slipyj im Gespräch mit Papst Johannes Paul II.

Vor 30 Jahren, am 7. September 1984, starb das Oberhaupt der ukrainischen griechisch-katholischen Kirche, Josyf Kardinal Slipyj, im Exil in Rom. Der Gründer von KIRCHE IN NOT, Pater Werenfried van Straaten, war sein Bewunderer, Helfer und Freund.

Am 17. Oktober desselben Jahres zelebrierte Papst Johannes Paul II. im Petersdom eine heilige Messe für die Seelenruhe von Kardinal Slipyj.

Über den Verstorbenen sagte er, dieser habe “immer in Christus die Kraft gefunden, ein Mann unbeugsamen Glaubens, ein Hirte festen Mutes, ein Zeuge heroischer Treue, eine kirchliche Persönlichkeit ersten Ranges zu sein. Nie werden wir die Lehre vergessen können, die er uns mit seinem ganzen Leben gegeben hat. (…) Das Beispiel seines Lebens ist eine Botschaft, die uns und der ganzen Kirche dienen kann (…) eine Botschaft, womit er uns zu einem kraftvollen Glauben an Jesus auffordert: zu einem Glauben, der imstande ist zu leiden, der aber nicht wankt, denn er ist seines Lohnes im Himmel gewiss” (Quelle: vatican.va, aus dem Italienischen übersetzt).

Slipyj hatte unter den sowjetischen Kommunisten viel zu leiden. Am 1. November 1944 starb das damalige Oberhaupt der Ukrainischen Katholischen Kirche, Szeptyckyj, und sein Nachfolger, der nunmehrige Metropolit Slipyj, sandte im Dezember 1944 eine Delegation nach Moskau, um die staatliche Anerkennung der Ukrainischen Katholischen Kirche zu erwirken. Die Sowjets waren auch bereit dazu, allerdings nur unter der Bedingung, dass Slipyj seinen Einfluss geltend mache, um die ukrainischen Aufständischen dazu zu bewegen, ihren Kampf für die nationale Unabhängigkeit aufzugeben. Slipyj lehnte dies entschieden ab, was die totale Verfolgung zur Folge hatte.

Bereits 1941, als die Sowjets vor der nach Osten drängenden deutschen Wehrmacht zurückweichen mussten, war der damalige Erzbischof Slipyj von einem Erschießungskommando an die Wand gestellt worden und wie durch ein Wunder verschont worden. Jetzt aber, da sich das Kriegsgeschehen zugunsten der Kommunisten entwickelte, wurde die Verfolgung der Ukrainischen Kirche wieder aufgenommen, in deren Verlauf zehn Bischöfe, mehr als 1400 Priester und 800 Ordensschwestern ihre Treue zum Papst und zur Universalkirche mit dem Opfer ihres Lebens besiegelt haben.

Verhaftung, Verhör und Verurteilung

Am 11. April 1945 wurde Erzbischof Slipyj zusammen mit allen anderen Bischöfen verhaftet und die Kathedrale von Lemberg durchsucht. Innerhalb eines Jahres folgten ihnen mehr als 800 Priester in die Gefangenschaft. Die Inhaftierten wurden vor die Wahl gestellt, sich der Orthodoxie anzuschließen oder als “faschistische Agenten” abgeurteilt zu werden, was für mindestens zehn Jahre das harte Schicksal der Deportation mit allen daraus resultierenden Strafmaßnahmen bedeutete.

Josyf Kardinal Slipyj, Oberhaupt der ukrainischen griechisch-katholischen Kirche, und Pater Werenfried waren gut befreundet.

Josyf Kardinal Slipyj (1892-1984), Oberhaupt der ukrainischen griechisch-katholischen Kirche, und Pater Werenfried waren gut befreundet. Schon vor der Öffnung des Eisernen Vorhangs unterstützte KIRCHE IN NOT die ukrainische griechisch-katholische Kirche.

Als die ganze ukrainische Kirchenhierarchie im Gefängnis saß, richtete Patriarch Alexej I. (1945 – 1970) von Moskau einen “Hirtenbrief” an die katholischen Gläubigen mit der Mitteilung, ihre Hirten hätten sie im Stich gelassen. Daraufhin protestierten dreihundert mutige Priester bei Sowjetminister Wjatscheslaw Michailowitsch Molotow und forderten die Freilassung ihrer Bischöfe.

Dieser mutige Einsatz war jedoch vergeblich, die Kommunisten brachten Slipyj nach Kiew, isolierten ihn und nahmen ihn ins nächtliche Dauerverhör. Als Lockmittel für den Abfall vom Papst boten sie ihm in der Russischen Kirche den Metropolitansitz von Kiew an. Mit allen seinen bischöflichen Mitbrüdern blieb er unbeugsam angesichts dieser Versuchung.

Die Sowjets verurteilten ihn zu acht Jahren Haft und Zwangsarbeit. Die Stationen seines Kreuzwegs hießen: Maklakowo, Wiatka, Nowosibirsk, Boimy, Petschora, Krasnojarsk, Kamtschatka Inta, Jenisseisk, Potma, Workuta und Mordowia. Sein Leiden wurde noch erschwert durch das traurige Schicksal seiner Kirche. Die Russisch Orthodoxen beschlagnahmten alle Pfarreien. Katholisch zu sein, war ein Verbrechen. Alle Eparchien, Klöster und Schulen wurden beseitigt. Die Hälfte des Klerus wurde verhaftet, ein Fünftel verschleppt.

Zeugnis seines Martyriums

Josyf Slipyj wurde nach 18 Jahren am 23. Januar 1963 aus dem Gefängnis entlassen, nachdem sich Papst Johannes XXIII. um seine Freilassung bemüht hatte und der sowjetische Staatschef Chruschtschow eingewilligt hatte. Am 9. Februar traf Slipyj in Rom ein.

In seinem Testament bezeugt er: “Ich habe nächtliche Verhaftungen, geheime Gerichtssäle, endlose Verhöre und Bespitzelung, moralische und physische Quälereien, Demütigung, Folterung und Aushungerung erdulden müssen. Ich habe vor skrupellosen Richtern gestanden wie einer, der als hilfloser Gefangener und stummer Zeuge, physisch und psychisch erschöpft, seinen Glauben an die zum Schweigen gebrachte und zum Tode verurteilte Kirche seiner Heimat bekennen musste.”

“Als Gefangener um Christi Willen fand ich während meines ganzen Kreuzweges Kraft in dem Bewusstsein, dass meine geistliche Herde, mein ukrainisches Volk, alle Bischöfe, Priester und Gläubigen, Väter, Mütter und kleine Kinder, engagierte Jugendliche und hilflose alte Leute den gleichen Weg gehen musste. Ich war nicht allein!”

Vor dem  Sacharow-Tribunal in Rom sagte der Kardinal 85-jährig aus: “Ich stehe aus zwei Gründen vor euch: heute wird hier über die Glaubensverfolgung in der Sowjetunion und in meiner ukrainischen Heimat gesprochen. Die Kirche, deren Haupt und Vater ich bin, ist ein Opfer dieser Verfolgung. Wo über meine Kirche gesprochen wird, muss ich zugegen sein, um sie zu verteidigen. Der zweite Grund ist, dass ich der ’Verurteilte’ bin. Ich bin der lebendige Beweis dieses berüchtigten Archipels, wie ein anderer ’Verurteilter’, Solschenizyn, ihn genannt hat. Und ich trage die Narben des Terrors an meinem Körper.”

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5.Sep 2014 17:48 · aktualisiert: 23.Sep 2014 15:15
KIN / T. Waitzmann