„Weitblickender Helfer der Vertriebenen”

Zum 40. Todestag von Weihbischof Adolf Kindermann am 23. Oktober

Weihbischof Adolf Kindermann (1899-1974).

Weihbischof Adolf Kindermann (1899-1974).

Auf der Inschrift des Denkmals für die drei „Königsteiner Kirchenväter” Bischof Maximilian Kaller, Weihbischof Adolf Kindermann und Pater Werenfried van Straaten heißt es über Weihbischof Kindermann:

- Titularbischof von Utimira; Weihbischof von Hildesheim;
- Theologieprofessor und Kirchenrechtler in Rom, Prag und Königstein;
- Rektor des Deutschen Seminars in Prag;
- Weitblickender Helfer der sudetendeutschen Vertriebenen;
- Gründer und Leiter des Albertus-Magnus-Kollegs in Königstein im Taunus;
- prophezeite seit 1950 den Untergang des Eisernen Vorhangs und des Ostblocks;
- Vorkämpfer der Aussöhnung mit den Völkern des Ostens.

Adolf Kindermann wurde am 8. August 1899 in Neu-Grafenwalde bei Schluckenau in Nordböhmen geboren. Der Ort liegt heute direkt an der Grenze von Deutschland und der Tschechischen Republik, etwa 15 Kilometer südlich von Bautzen (Sachsen).

Pater Werenfried van Straaten und Weihbischof Prälat Adolf Kindermann.

Pater Werenfried van Straaten und Weihbischof Prälat Adolf Kindermann.

Schon früh zeigte sich bei ihm ein großes Interesse für die Schule und später für die Wissenschaft. Kindermanns Weg führte dabei zunächst über das humanistische Jesuitengymnasium in Mariaschein nach Leitmeritz an das Priesterseminar, wo er sein theologisches Studium begann.

Als österreichischer Soldat war er im Ersten Weltkrieg an der italienischen Front. Nach Kriegsende schickte ihn 1920 Bischof Groß zum Weiterstudium nach Rom, wo Kindermann an der Propaganda-Universität (Päpstliche Universität Urbaniana) in den Fächern Philosophie und Theologie mit dem Doktorat abschloss. 1924 beendete er seine Studien mit dem Doktorat in beiden Rechten („doctor quadruplex“). Im gleichen Jahr wurde er zum Priester geweiht und feierte die Heimatprimiz in Schluckenau.

Kaplan, Katechet, Professor

Er trat eine Stelle als Kaplan in Dux in der Diözese Leitmeritz an. Es folgte eine Tätigkeit als Katechet in Aussig (Usti nad Labem), ehe er sich als Professor für Kirchenrecht seine akademische Lehrtätigkeit aufnahm, zuerst an der Theologischen Hochschule des Priesterseminars in Leitmeritz und dann an der Theologischen Fakultät der Deutschen Universität in Prag.

1938 mussten die sudetendeutschen Seminaristen das gemeinsame Priesterseminar in Prag verlassen, in dem weiterhin die Priesteramtskandidaten beider Volksgruppen gewohnt hatten, als die Karlsuniversität in eine tschechische und eine deutsche Universität geteilt worden war. Professor Kindermann baute 1939 ein deutsches Priesterseminar und führte es durch alle Kriegswirren bis 1945. Seit 1940 konnte er dort auch ukrainischen und litauischen Studenten Studienpläne schaffen.

Prälat Adolf Kindermann (links) bei der Aktion „Fahrende Kirchen“ (Foto: privat).

Prälat Adolf Kindermann (links) bei der Aktion „Fahrende Kirchen“ (Foto: privat).

Schikaniert von zahlreichen Verhören durch die Gestapo in Prag und nach Kriegsende als Sudetendeutscher rechtlos, musste er letztendlich wie alle Sudetendeutschen die Tschechoslowakei verlassen und erhielt 1946 den Ruf nach Königstein im Taunus durch den Vertriebenenbischof Maximilian Kaller.

In diesen Königsteiner Anstalten als Sammelbegriff für das „Vaterhaus der Vertriebenen“ entstand ein Gymnasium, eine Philosophisch-Theologische Hochschule, ein Priesterseminar, verschiedene Institute und Publikationsorgane und auch das Institut für Kirchengeschichte von Böhmen, Mähren, Schlesien. 1959 wurde Kindermann von Rom mit der Seelsorge der Sudetendeutschen betraut, 1962 folgten die Ernennung zum Apostolischen Pronotar und 1966 zum Weihbischof von Hildesheim mit Sitz in Königstein.

„Unzerbrechliche Freundschaft”

Seit 1948, als der „Speckpater“ Werenfried van Straaten zum ersten Mal nach Königstein kam, bestand die Zusammenarbeit, ja Freundschaft mit dem Werk der Ostpriesterhilfe, dem heute weltweit wirkenden Werk KIRCHE IN NOT. Pater Werenfried van Straaten schreibt im Kapitel „Das Haus der Verjagten“ in seiner Autobiografie „Sie nennen mich Speckpater”: „Aber mit Freude und Dankbarkeit gedenken wir der innigen Zusammenarbeit von früher, und unzerbrechlich wird die Freundschaft bleiben, die mich mit dem alten, frommen, unbeugsamen, ewig jungen Kindermann verbindet.“

In diesem Kapitel berichtet er über die Anfänge Königsteins aus seiner Sicht: über die Trümmerhaufen ganz unterschiedlicher Art, die das Königsteiner Kollegium, aber auch seine Studenten und Seminaristen zu bewältigen hatten; dabei handelte es sich um materielle, aber auch ideelle Trümmerhaufen.

Pater Werenfried van Straaten (links) und Prälat Adolf Kindermann (rechts) in Tongerlo im Jahr 1954.

Pater Werenfried van Straaten (links) und Prälat Adolf Kindermann (rechts) in Tongerlo im Jahr 1954.

Diese schwierige Situation konnte Kindermann und Werenfried nicht aufhalten. Pater Werenfried fand Worte, die nicht passender sein könnten: „Wie heilige Narren waren sie gekommen. Sie hatten keine Bücher, keine Kleider, kein Geld und kein Essen. Sie hatten nichts als die Flamme ihrer Berufung, die sie durch alle Stürme ihrer wilden Jugend hindurch gehütet hatten.“

In die Sowjetzone und in die Diaspora sollten sie als Priester geschickt werden, um den Glauben zu verkündigen – oft hatten sie als Seelsorger und als Rucksackpriester zu Fuß bis zu 150 km wöchentlich zurückzulegen. Und wie erholsam waren dann die Exerzitien an der Hochschule in Königstein in den Semesterferien!

Hier fanden die von ihrem „Rucksackpriestertum“ erschöpften Priester Erholung und besonders Menschen, die sie verstanden und mit denen sie über ihre oft traurigen Erfahrungen sprechen konnten. Und Pater Werenfried schreibt weiter: „Das Herz von Königstein war Prälat Kindermann, der zäh und mit ungestümem Gottvertrauen die Königsteiner Anstalten geschaffen hat.“

Mit diesen Ideen hat Kindermann auch die Entwicklung der Ostpriesterhilfe stark beeinflusst. Eine Ostpriesterhilfe war daher ohne Königstein, dem „Vaterhaus der Vertriebenen“, nicht vorstellbar und umgekehrt ebenso.

Die internationale Zentrale von KIRCHE IN NOT in Königstein im Taunus.

Die internationale Zentrale von KIRCHE IN NOT in Königstein im Taunus.

Daneben zählen zu weiteren Gründungen in Königstein durch Prälat-Kindermann-Einrichtungen wie das „Haus der Begegnung”, das jahrelang für Tagungen und Kongresse (auch für Kongresse „Kirche in Not” genutzt wurde), die Kollegskirche, eine ehemalige Lagerhalle, die von Theologiestudenten zu einem Gotteshaus hergerichtet wurde, und das Priesterreferat.

Auch in geistiger Hinsicht war Adolf Kindermann der Architekt von Königstein. Ab 1947 wurden vom Priesterreferat die „Mitteilungen für die heimatvertriebenen Priester aus dem Osten“ herausgegeben, welchen ab 1956 eine wissenschaftliche Beilage, die „Königsteiner Blätter“, folgte. Später sollten sie als „Königsteiner Studien“ bekannt werden.

KIRCHE IN NOT hilft heute Millionen von Christen auf der ganzen Welt. Die Internationale Zentrale des Hilfswerks ist heute die einzige Institution der „Königsteiner Anstalten“ auf dem Gelände in Königstein, die im Geiste von Pater Werenfried und Weihbischof Kindermann der Kirche dient.

Das Denkmal der Königsteiner Kirchenväter auf dem Pater-Werenfried-Platz in Königstein im Taunus.

Das Denkmal der Königsteiner Kirchenväter auf dem Pater-Werenfried-Platz in Königstein im Taunus.

Viel haben die Heimatvertriebenen Prälat Adolf Kindermann zu verdanken. Ohne sein Eintreten und sein selbstloses Wirken ist es wohl fraglich, ob eine Vertriebenenseelsorge in der neuen Heimat unmittelbar nach der Vertreibung hätte fruchtbar werden können.

Mit dem geistigen Gut und dem Glauben, mit dem die Menschen aufgewachsen waren, war es bis heute möglich, das religiöse und kulturelle Erbe, das die Heimatvertriebenen mitgebracht hatten, zu pflegen. Denn: Glaube verbindet, und insofern ist Prälat Kindermann ein Brückenbauer für den Glauben und die Heimat.

Getreu seinem Wahlspruch „Contra spem in spem“ (Hoffnung wider alle Hoffnung) hat Kindermann in all der Hoffnungslosigkeit und dem Elend nach der Vertreibung sein ganzes Tun und Handeln in die Seelsorge der Heimatvertriebenen, aber auch in die Ausbildung des Priesternachwuchses gelegt.

Den Heimatvertriebenen war bewusst, dass am 23. Oktober 1974 eine große Königsteiner Persönlichkeit verstarb, die vielen Gläubigen gerade in der Zeit unmittelbar nach der Vertreibung Mut und Trost gespendet hat und für viele zu einem großen Vorbild wurde. Bereits kurze Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg erhielt er infolge seines seelsorglichen Dienstes in den Prager Lagern und Spitälern nicht umsonst den Titel „Engel der Verfolgten“.

Auf dem Friedhof in Königstein im Taunus fand er neben Bischof Maximilian Kaller seine letzte Ruhestätte. Seit 2011 erinnert ein Denkmal auf dem Pater-Werenfried-Platz in Königstein im Taunus, das ihn mit Bischof Kaller und Pater Werenfried darstellt, an ihn.

 Julia Nagel, Institut für Kirchengeschichte von Böhmen-Mähren-Schlesien

22.Okt 2014 16:40 · aktualisiert: 14.Sep 2015 08:36
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