Ein betrogenes Volk

Beitrag von Prof. Dr. Rudolf Grulich über das Schicksal der Armenier

Mahnmal des Genozids an den Armeniern in Eriwan.

Mahnmal des Genozids an den Armeniern in Eriwan.

Am 24. April gedenken die Armenier in aller Welt an den Beginn der Deportationen 1915, die erste Stufe zu dem an ihnen geplanten Völkermord durch die Osmanische Regierung. Papst Franziskus, der mehrmals an dieses Leid erinnert hat und vom ersten Genozid der Geschichte sprach, hat am 12. April im Petersdom mit Armeniern für die Opfer eine Messe im armenischen Ritus zelebriert.

Der nach dem Ersten Weltkrieg für Flüchtlinge und Vertriebene zuständige Völkerbund-Kommissar Fritjof Nansen nannte in einem Buch über Armenien die Armenier ein „betrogenes Volk”. Denn für ihr Schicksal setzte der Vertrag von Lausanne 1923 einen Schlussstrich, indem der Vertrag die Armenier nicht einmal mehr erwähnte, obwohl der Vertrag von Sèvres 1920 noch einen armenischen Staat vorgesehen hatte.

Es war die Regierung der Jungtürken, die in ihrem Wahn eines türkischen Nationalstaates das Ende für die Armenier und andere christliche Volksgruppen in der Türkei brachten. Das Triumvirat der Jungtürken bestand aus Enver Pascha, Cemal Pascha und Talât Pascha.

Das Unheil begann mit dem 24. April 1915, als zunächst alle armenischen Notabeln in Konstantinopel, später alle Armenier im ganzen Land deportiert wurden. Seitdem ist der 24. April der nationale Trauertag aller Armenier in der ganzen Welt. Fast drei Viertel dieses indogermanischen Volkes ist damals im türkischen Machtbereich ausgerottet worden.

Berg Ararat und das Kloster Khor Virap. Der Berg liegt auf türkischem Territorium.

Berg Ararat und das Kloster Khor Virap. Der Berg liegt auf türkischem Territorium.

In endlosen Deportationszügen schleppte man alle Armenier in die Wüste am Euphrat, ermordete schon unterwegs die Männer und schändete Frauen und Mädchen, von denen Zehntausende in türkischen und kurdischen Harems verschwanden.

Als die mit der Türkei im Krieg verbündete Regierung des wilhelminischen Deutschland viel zu spät nach dem Schicksal dieser Christen anfragte, kam von seiten des türkischen Innenministeriums nur die lakonische Antwort: Die Armenische Frage existiert nicht mehr. Der Charakter einer Endlösung war bereits 1915 klar erkenntlich.

Die Anweisung der Berliner Pressezensur zur Behandlung dieses Themas aber war folgende: „Über die Armeniergreuel ist folgendes zu sagen: Unsere freundschaftlichen Beziehungen zur Türkei dürfen durch diese innertürkische Verwaltumgsangelegenheit nicht nur nicht gefährdet, sondern im gegenwärtigen, schwierigen Augenblick nicht einmal geprüft werden. Deshalb ist es einstweilen Pflicht zu schweigen.

Später, wenn direkte Angriffe des Auslandes wegen deutscher Mitschuld erfolgen sollten, muß man die Sache mit größter Vorsicht und Zurückhandlung behandeln und stets hervorheben, daß die Türken schwer von den Armeniern gereizt wurden. – Über die armenische Frage wird am besten geschwiegen. Besonders löblich ist das Verhalten der türkischen Machthaber in dieser Frage nicht.”

Eine Ewige Flamme erinnert an die Opfer im Mahnmal für den Völkermord an den Armeniern.

Eine Ewige Flamme erinnert an die Opfer im Mahnmal für den Völkermord an den Armeniern.

Von fast zwei Millionen Armeniern, die es am Vorabend des Ersten Weltkrieges auf dem Gebiet der heutigen Türkei gab, sind heute knapp 100 000, größtenteils in Istanbul, geblieben. Nur wenige konnten sich nach Ägypten oder in den Kaukasus retten.

Es gibt zahlreiche Quellen und Augenzeugenberichte zu diesem Völkermord an den Armeniern. Einer von ihnen war auch der Schriftsteller Dr. Armin T. Wegener, der 1919 einen „Offenen Brief an den Präsidenten der Vereinigten Staaten von Nord-Amerika, Herrn W. Wilson, über die Austreibung des Armenischen Volkes in die Wüste” richtete und schrieb: „Kinder weinten sich in den Tod, Männer zerschmetterten sich an den Felsen, Mütter warfen ihre Kleinen in die Brunnen, Schwangere stürzten sich mit Gesang in den Euphrat. Alle Tode dieser Erde, die Tode aller Jahrhunderte starben sie.

Ich habe Wahnsinnige gesehen, die den Auswurf ihres Leibes als Speise aßen, Frauen, die den Leib ihrer neugeborenen Kinder kochten, Mädchen, die die noch warme Leiche ihrer Mutter sezierten, um das aus Furcht vor räuberischen Gendarmen verschluckte Gold aus den Därmen der Toten zu suchen.

In zerfallenen Karawansereien lagen sie zwischen Haufen von Leichen und Halbverwesten teilnahmslos da und warteten auf den Tod; denn wie lange können sie ihr elendes Dasein damit fristen, sich Körner aus dem Mist der Pferde zu suchen oder Gras zu essen? Das alles aber ist nur ein Bruchteil von dem, was ich selbst gesehen habe, was Bekannte oder Reisende mir erzählten oder was ich aus dem Munde der Vertriebenen selber vernahm.”

Durch diese und viele andere Zeugen und Dokumentationen wissen wir von den ersten Übergriffen gegen die Armenier bereits seit Kriegsbeginn, wo in manchen Provinzen schon vor der Deportationen des Jahres 1915 viele Dörfer verwüstet wurden.

Blick auf ein Dorf in Armenien.

Blick auf ein Dorf in Armenien.

Die Deportationszüge waren meist von Massakern begleitet. In der Nähe von Mardin wurden nach einem Bericht des deutschen Konsuls 700 Christen abgeschlachtet. In Musch wurde eine schwedische Hilfsbundschwester Zeugin, wie Hunderte armenischer Frauen und Kinder lebendig verbrannt wurden. Ein deutscher Ingenieur der Bagdad-Bahn berichtete, dass am Bahndamm massenhaft nackte Leichen geschändeter Frauen herumlagen. Der deutsche Konsul in Mossul sah selbst auf dem Weg von Mossul nach Aleppo so viele abgehackte Kinderhände, dass man damit hätte die Straßen pflastern können.

Wer die Deportationen und Massaker auf dem Wege überlebte, kam am Ende des Todesmarsches in Lager, die wahre Todeslager waren. Oft waren es muslimische Freiwillige, Kurden, Tscherkessen und Tschetschenen, die solche Lager plünderten und die noch Lebenden systematisch töteten.

Diese Massaker sind nicht nur durch Pastor Johannes Lepsius und andere Gewährsleute im deutschen Sprachraum einigermaßen bekannt, sondern auch, weil sich Adolf Hitler auf die Armenierendlösung berufen hat.

Bereits am 22. August 1939, also noch vor Ausbruch des zweiten Weltkriegs, ordnete er an: „Ich habe den Befehl gegeben, … daß das Kriegsziel nicht im Erreichen von bestimmten Linien, sondern in der physischen Vernichtung des Gegners besteht. So habe ich … meine Totenkopfverbände bereitgestellt mit dem Befehl, unbarmherzig und mitleidlos Mann, Weib und Kind polnischer Abstammung und Sprache in den Tod zu schicken. Nur so gewinnen wir den Lebensraum, den wir brauchen. Wer redet heute noch von der Vernichtung der Armenier?”

Gedenktafel für Franz Werfel in Eriwan.

Gedenktafel für Franz Werfel in Eriwan.

Nicht zuletzt hat auch der Schriftsteller Franz Werfel mit seinem Roman „Die vierzig Tage des Musa Dagh” dazu beigetragen, dass diese Tragödie nicht ganz vergessen wurde. In einer „Nachbemerkung des Autors” schreibt er: „Dieses Werk wurde im März des Jahres 1929 bei einem Aufenthalt in Damaskus entworfen. Das Jammerbild verstümmelter und verhungerter Flüchtlingskinder, die in einer Teppichfabrik arbeiteten, gab den entscheidenden Anstoß, das unfaßbare Schicksal des armenischen Volkes dem Totenreich alles Geschehenen zu entreißen.”

Werfels Roman fußt auf der historischen Grundlage, dass sich 1915 die Bewohner einiger armenischer Dörfer bei Antiochien auf den Musa Dagh (Moses-Berg) zurückzogen und alle Angriffe türkischer Einheiten abwehren konnten, bis sie nach 40 Tagen von einem französischen Kriegsschiff gerettet und nach Alexandrien gebracht wurden. Nach dem Ersten Weltkrieg kehrten sie in ihre Dörfer zurück, als Syrien französisches Mandatsgebiet war.

Doch 1938 überließen die Franzosen das Gebiet um Antiochien (heute Antakya) und Alexandrette (heute Iskenderun) der Türkei. Die meisten Armenier verließen damals ihre Dörfer auf dem Musadagh. Ihre Nachkommen siedeln heute meist in Anjar, einem Dorf an der Strecke zwischen Beirut und Damaskus, andere leben in Eriwan und in anderen Teilen der Welt.

Titelbild des Romans "Die vierzig Tage des Musa Dagh"

Titelbild des Romans “Die vierzig Tage des Musa Dagh”.

Nur wenige blieben am Musadagh, und zwar in Vakifliköyü, das heute das einzige armenische Dorf der Türkei ist. Nur mit geländegängigen Fahrzeugen gelangt man dort hin, entweder von Samandagh aus oder über Tekepinar.

Während in Tekepinar nur die Ruine der einstmals großen armenischen Kirche steht, gibt es in Vakifliköyü noch eine 1997 renovierte Kirche und einen Friedhof. Der junge Priester in Iskenderun betreut diese Gemeinde. 1997 ist Werfels Roman auch in der Türkei in türkischer Übersetzung erschienen.

Heute leugnet die türkische Regierung immer noch die Verantwortung, ja die Tatsache dieses Völkermordes. Es wird als Folge des Weltkrieges dargestellt, als Kollateralschäden, wie es heute heißt. Als 1933 Werfels Roman erschien, lenkte er sofort den ganzen Hass der Nazi-Machthaber auf sich. Werfel wurde von den Nazis aus der Preußischen Dichterakademie ausgeschlossen, sein Roman verfemt.

Dabei entspricht Werfels Darstellung den Ereignissen des Jahres 1915, lediglich die Gestalt des Helden Gabriel Bagradian entspringt der Idee des Autors. Werfel wollte mit Bagradian „einen Helden schildern, wie er ihn sich vorstelle … den türkischen Nationalismus beleuchten und die Geschichte der armenischen Gräuel berichten.“ Bis heute würdigen Armenier den Roman „als ein einzigartiges und für uns Armenier wertvolles Werk“. Werfels Roman lebt als ein Buch der Weltliteratur.

DVD: Interviews über den Völkermord an den Armeniern

Anlässlich des 100. Jahrestages des Völkermords an den Armeniern geben wir eine DVD mit zwei Interviews mit dem Historiker Michael Hesemann zu diesem Thema heraus.

Diese ist kostenlos im Bestelldienst erhältlich oder bei:
KIRCHE IN NOT
Lorenzonistraße 62
81545 München

Tel.: 089 – 64 24 88 80
Fax: 089 – 64 24 888-50

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22.Apr 2015 13:04 · aktualisiert: 23.Apr 2015 11:10
KIN / S. Stein