„In jener Nacht ist Yussef gestorben …”

KIRCHE IN NOT hilft seit 60 Jahren den Christen im Heiligen Land

Pater Werenfried van Straaten besucht eine arabische Flüchtlingsfamilie in Haifa (1956).

Pater Werenfried van Straaten besucht eine arabische Flüchtlingsfamilie in Haifa.

Unser Hilfswerk  begeht 2017 mehrere „runde“ Gedenktage: Vor 70 Jahren rief der niederländische Prämonstratenser Werenfried van Straaten eine gigantische Hilfsaktion für die deutschen Heimatvertriebenen ins Leben.

Nach und nach ist daraus das weltweite Hilfswerk KIRCHE IN NOT entstanden, das heute in über 140 Ländern verfolgten und bedrängten Christen hilft und der Neuevangelisierung dient.

Der Keim für diese globale Hilfe wurde bereits 1957, also vor sechzig Jahren gelegt. Damals reiste Pater Werenfried erstmals ins Heilige Land. Wir dokumentieren einige Passagen über die Reise aus seinem autobiografischen Buch „Sie nennen mich Speckpater“.

„Ich war für unser Werk im Heiligen Land, im Land, wo Hügel, Wege und Dörfer von den Spuren des Heilands gezeichnet sind, wo Jesus und Seine heilige Mutter gelächelt und geweint haben. Dürrer Weinberg, wo Gott in Not war und wo die Kirche auch jetzt noch das Leiden und den Tod des Gekreuzigten in ihren Gliedern trägt.

Pater Werenfried van Straaten mit Flüchtlingskindern in Palästina.

Pater Werenfried van Straaten mit Flüchtlingskindern in Palästina.

Nur fünf Nächte und vier Tage – 104 Stunden – hatte ich Zeit für Israel. Es war meine Aufgabe zu untersuchen, auf welche Weise wir diesen armen Brüdern Trost und Hilfe verschaffen könnten.

Im Vorderen Orient leben 420 000 arabische Flüchtlinge, Opfer des Palästina-Konflikts zwischen Israel und den Ländern des arabischen Blocks. Als nach dem Abzug der englischen Mandatsmacht im Jahre 1948 die jüdische Einwohnerschaft den Staat Israel ausrief, geriet die arabische Bevölkerung in Israel in eine schreckliche Situation.

Leben in Massenlagern

Die meisten Araber verließen ihre Heimat, um bald – wie sie glaubten – wiederzukommen. Aber sie kamen nicht wieder und mussten in den Lagern bleiben. In jedem Massenlager leben Zehntausende von Menschen. Jedes Jahr werden Tausende von Lagerkindern geboren.

Es hat keinen Sinn, hier von Schuld und Verantwortung zu sprechen. Es ist so begreiflich, dass sich das unmenschlich gefolterte jüdische Volk nach einem eigenen Vaterland sehnte.

Auf der alten Karawanenstraße in Palästina.

Auf der alten Karawanenstraße in Palästina.

Und es ist so selbstverständlich, dass sich die uralte Bevölkerung, die hier wohnte, gegen die Neulinge wehrte. Hier mussten notwendigerweise Spannungen entstehen zwischen Jung und Alt, zwischen rückständiger Trägheit und vitalem Fortschritt.

Ja, ich habe Verständnis für die lebensgefährliche Position des jüdischen Volkes; für seine fieberhaften Anstrengungen, um die vielen, die jetzt nicht mehr aus zwölf Stämmen, aber aus hundert Ländern zurückgekehrt sind, zu einer Einheit von Sprache und Sitten und zu einer Nation mit einem Ziel zusammenzuschweißen.

„Den Flüchtlingen und Unterdrückten helfen”

Ich begreife, dass dieses Volk, das selbst so selten Barmherzigkeit und Güte erfuhr, es jetzt ablehnt, sich durch Gefühle, die ihm sentimental dünken, aufhalten zu lassen. Ich bin nicht gekommen, um über die Juden zu urteilen, sondern um den Flüchtlingen und Unterdrückten zu helfen!

Einer von ihnen war Yussef. Mit der Doctora, der Ärztin aus Nimwegen, die mich umherführte durch das Gebiet, wo sie wie eine Heldin arbeitet, besuchte ich das Dorf Mizra. Hier wohnen 360 arbeitslose arabische Flüchtlinge ohne Unterstützung in Hütten von Blech und Reisigbündeln.

Grenzmauer mit Übergang bei Bethlehem.

Grenzmauer zwischen Israel und den Palästinensischen Gebieten mit einem Übergang bei Bethlehem.

Ein kleiner Junge kam gelaufen, um uns zu einem sterbenden Mann zu rufen. Yussef lag auf einem Haufen Lumpen. Schwer ging sein Atem. Er war schon zwei Tage lang ohne Bewusstsein.

Mit weinerlicher Stimme erzählte Tamara, Yussefs Frau, die Geschichte der Krankheit. Die kleine arabische Schwester Asma, die uns begleitete, übersetzt hier und da ein Wort für die Doctora.

„Arbeiten unter unmöglichen Verhältnissen”

Diese hört geduldig zu und untersucht den Sterbenden mit einer imponierenden Ruhe, die vollkommen vergessen macht, in welch unmöglichen Verhältnissen sie ihre Arbeit verrichten muss. Sie kann nicht mehr helfen. Ihr kleines Krankenhaus in Haifa ist überfüllt, und in den jüdischen Krankenhäusern gibt es für Araber selten Platz. Yussef ist nicht mehr zu retten.

Die alte Frau bittet mich um ein Gebet für den Sterbenden. Ich bete in meiner Muttersprache ein Ave zur Lieben Frau von Flandern und gebe die Absolution. Schweigend verließen wir die Hütte.

Blick auf Klagemauer und Felsendom in Jerusalem.

Blick auf Klagemauer und Felsendom in Jerusalem.

In jener Nacht ist Yussef gestorben, ohne das Bewusstsein wiedererlangt zu haben. Abuna Nicolas, der fromme Priester mit dem weißen Bart, den wir aus einem anderen Dorf holten, hat mit der alten Tamara bei ihm gewacht, bis der Vollmond über dem Hermon stand und der Herzschlag Yussefs stockte. So starb Yussef vor Heimweh und Elend.

Einst war er der reichste Mann der Gegend. Vor neun Jahren kamen die jungen Soldaten Israels in sein Dorf Bassa an der libanesischen Grenze. Das Dorf musste für zehn Tage geräumt werden. Danach würde es den Bewohnern wieder erlaubt sein, zu ihren primitiven Häusern, ihren Äckern und Herden zurückzukehren.

Aus zehn Tagen wurden neun Jahre

Die zehn Tage wurden zu neun Jahren. Bassa wurde eingeebnet, und das Land den jüdischen Emigranten gegeben, die drüben an der anderen Straßenseite einen Kibbuz gründeten. Dort wird fieberhaft am Aufbau des neuen Israel gearbeitet. Aber Yussef ist daran gestorben …

Hier ist die Kirche in Not. Eine kleine Gemeinschaft, die geradewegs von den ersten Christen abstammt, in diesem Bistum Jesu, Mariä und Josefs. Wenig an der Zahl, aber groß im Glauben und reich an Sitten. Sie war nicht modern. Sie blieb den alten Gepflogenheiten treu und lebte, wie Jesus selber gelebt hat, in diesem kleinen Land, das von Seinen Fußspuren gezeichnet ist.

Basar in der Altstadt von Jerusalem.

Basar in der Altstadt von Jerusalem.

Diese heiligen Stätten ziehen Touristen und ausländische Devisen nach Israel. Deshalb werden sie von der Regierung geschützt und restauriert. Aber wenn das Ausland nicht hilft, wird der letzte Rest der katholischen Kirche in Palästina zugrunde gehen. Und ohne lebendige Christen haben auch die heiligsten Stätten keinen Sinn und keine Bedeutung mehr.

Hilfe aus dem Ausland notwendig

Nach meiner Reise haben 18 000 Christen die liebevolle Teilnahme der Weltkirche erfahren. Durch eine umfangreiche Altwarensammlung hat unser Werk die Million zusammengebracht, die die ringende Kirche in Palästina brauchte. Aber für Yussef kam unsere Hilfe zu spät.“

Stele in Jerusalem mit der Inschrift “Möge Frieden auf Erden herrschen” auf Arabisch und Hebräisch.

Stele in Jerusalem mit der Inschrift “Möge Frieden auf Erden herrschen” auf Arabisch und Hebräisch.

60 Jahre sind vergangen, seit Pater Werenfried seine abenteuerliche Reise zu den Christen im Heiligen Land unternommen hat. Heute leben in Israel und den Palästinensischen Gebieten etwa 160 000 Christen vorwiegend arabischer Abstammung.

Sie sind von allen Seiten bedrängt: Die rigiden Grenzkontrollen treffen alle. Für die arabischen Christen machen sie den Zugang zu den heiligen Stätten, zum Beispiel in Jerusalem, nahezu unmöglich.

Besonders im Gazastreifen und im Westjordanland kann es lebensgefährlich sein, sich zum Christentum zu bekennen oder zu konvertieren.

Im aufgeheizten politischen Klima verzeichnen radikalislamische Strömungen auch dort regen Zulauf. Auch auf israelischem Staatsgebiet kommt es immer wieder zu Übergriffen extremer Nationalisten.

Israel hat eine Brückenkopf-Funktion

Allen diesen Anfeindungen zum Trotz versucht die christliche Minderheit Vergebung zu leben. KIRCHE IN NOT unterstützt sie dabei. Das Hilfswerk fördert die Ausbildung einheimischer Priester, den Unterhalt von Klöstern oder die kirchliche Jugendarbeit.

Einweihung eines Pastoralzentrum für die Migrantenseelsorge im Süden von Tel Aviv.

Einweihung eines Pastoralzentrum für die Migrantenseelsorge im Süden von Tel Aviv.

Ein besonderer Fokus liegt auch hier auf der Flüchtlingsarbeit, denn Israel hat eine „Brückenkopf-Funktion“ für den gesamten Nahen Osten.

Im Interview mit KIRCHE IN NOT sagte Pierbattista Pizzaballa, heute Erzbischof und Apostolischer Administrator des Lateinischen Patriarchats von Jerusalem: „Helft den Menschen lieber hier als in Europa! Das ist für die Menschen und die Region besser.“

So können Sie helfen

Unterstützen Sie die Arbeit der christlichen Minderheit im Heiligen Land mit Ihrer Spende – online oder auf folgendes Spendenkonto:

Empfänger: KIRCHE IN NOT
LIGA Bank München

IBAN: DE63 7509 0300 0002 1520 02
BIC: GENODEF1M05

Verwendungszweck: Naher Osten

So können Sie den Christen im Nahen Osten helfen:

Literatur-Tipp: „Sie nennen mich Speckpater“

Titelbild der Biografie „Sie nennen mich Speckpater“.

Titelbild der Biografie „Sie nennen mich Speckpater“.

In diesem Buch erzählt Pater Werenfried van Straaten aus der Anfangszeit von KIRCHE IN NOT, als er, mit unendlichem Gottvertrauen ausgestattet, versuchte, die Wunden des Krieges durch sein Liebeswerk zu heilen. 

Das autobiografische Buch „Sie nennen mich Speckpater“ können Sie zum Preis von fünf Euro zuzüglich Versandkosten online bestellen oder bei:

KIRCHE IN NOT
Lorenzonistraße 62
81545 München
Telefon: 089 / 64 24 888 0
Fax: 089 / 6424 888 50
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