Das schlesische Jerusalem

Kirchenhistoriker Rudolf Grulich über den schlesischen Wallfahrtsort Albendorf

Die Albendorfer Muttergottes hat den Ehrentitel Königin der Familien.

Die Albendorfer Muttergottes.

„Im Ort Albendorf, in der Prager Erzdiözese, steht ein Gotteshaus von gewaltiger Größe, wuchtig in seiner Bauart mit prächtigen Kunstwerken, mit Türmen, Kuppeln und vielen Kapellen, geschmückt mit Gemälden und herrlichster Ausstattung, Gott geweiht zu Ehren der heiligen Jungfrau Maria.

Dieses Marienheiligtum von Albendorf liegt nahe der Grenze von Böhmen und der Grafschaft Glatz, gleich­wie ein Bollwerk des katholischen Glaubens.

Viele haben es in frommer Pilgerfahrt besucht und besu­chen es noch heute, Christgläubige jeden Standes, schlichte Leute des Volkes ebenso wie vornehme, aus den Nachbarländern Böhmen, Mähren, Schlesien, aber auch aus Polen, Sachsen, Preußen, Öster­reich und Ungarn. Sie beten vor dem Bilde der wundertätigen Jungfrau und Gottesmutter, das seit alter Zeit an dem heiligen Orte aufbewahrt wird.“

Gruppenfoto der Teilnehmer der Wallfahrt von KIRCHE IN NOT und dem Institut für Kirchengeschichte von Böhmen-Mähren-Schlesien vor der Basilika in Albendorf.

Gruppenfoto der Teilnehmer der Wallfahrt von KIRCHE IN NOT und dem Institut für Kirchengeschichte von Böhmen-Mähren-Schlesien vor der Basilika in Albendorf.

Mit diesen Worten beginnt ein Breve von Papst Pius XI., mit dem im Jahre 1936 die Wallfahrtskirche in Albendorf in der Grafschaft Glatz den Titel einer Basilika „für ewige Zeiten“ erhielt. Zehn Jahre später mussten die Bewohner des Wallfahrtsortes mit ihrem Pfarrer Klein ihre Hei­mat verlassen, weil sie Deutsche waren.

Alle deutschen Einwohner vertrieben

Nationale Zwietracht und Egoismus der Völker machen auch vor Heiligtümern nicht halt: ein trauriges Kapitel gerade in den deutschen Ostgebieten jenseits von Oder und Neiße, aber auch im Sudetenland und im Südosten.

Heute heißt dieses Albendorf offiziell Wambierzyce, aber den Katholiken aus der alten Grafschaft Glatz und darüber hinaus vielen Wallfahrern der Nachbargebiete Schlesiens und des Sudetenlandes blieb Albendorf als schlesisches Jerusalem bis heute ein Begriff.

Gnadenkapelle in der Basilika von Albendorf.

Gnadenkapelle in der Basilika von Albendorf.

Wegen ihrer Jahrhunderte langen Zugehörigkeit zur Erzdiözese Prag, auch nach dem Jahre 1742, als Friedrich II. Schlesien Maria Theresia raubte, haben die Glatzer heute noch in der Vertreibung in der Bundesrepublik Deutschland eine eigene kirchliche Jurisdiktion mit einem Visitator, bis 2012 dem Großdechanten Franz Jung.

„Jerusalem in deutschen Landen“

Während es der Vatikan mit der Neuregelung der Diözesangrenze jenseits von Oder und Neiße eilig hatte, ließ er sich im Falle der Grafschaft Glatz seit 1742 Zeit. Auch Teile der Erzdiözese Olmütz lagen in Preußen und später im Deutschen Reich, während sich andererseits Gebiete des Bistums Bres­lau nach 1742 weiterhin in Österreich und nach 1918 in der Tschechoslowakei befanden.

Der Ort Albendorf liegt am Fuße der Heuscheuer, einem Gebirgszug aus Quadersandstein, dessen stark zerklüftete Formationen auf der 1867 bis 1870 gebauten Heuscheuerstraße überquert werden. Als „Jerusalem in deutschen Landen“ war dieses Albendorf berühmt.

Gottesdienst mit Pater Hermann-Josef Hubka (Bildmitte), dem geistlichen Assistenten von KIRCHE IN NOT Deutschland, in der Basilika von Albendorf.

Gottesdienst mit Pater Hermann-Josef Hubka (Bildmitte), dem geistlichen Assistenten von KIRCHE IN NOT Deutschland, in der Basilika von Albendorf.

In einer Linde ließ ein adliger Grundherr von Wamberg aufgrund einer Erscheinung bereits im 12. Jahrhundert ein kleines Marienbild aus Zedernholz geschnitzt aufstellen. Im Jahre 1218 soll ein Blinder namens Jan hier wieder sehend geworden sein.

Unter dem böhmischen König Ottokar wurde dann das heutige Albendorf von ins Land gerufenen deutschen Siedlern gegründet. Es entstand 1263 die erste Kirche, genannt der Engelbau, weil nach einer alten Legende Engel beim Bau geholfen hat­ten.

Die erste Kirche entstand im Jahr 1263

Während der Hussitenzeit litt auch die Gegend um Glatz, aber trotzdem nahm die Zahl der Wallfahrer zu. Realistisch beschreibt ein Chronist die Menge der damaligen Pilger: „Sie war an manchen Tagen so groß, daß 18 Faß Bier nicht ausreichten, um sie zu versorgen.“

Marienfigur in der Fassade der Basilika von Albendorf.

Marienfigur in der Fassade der Basilika von Albendorf.

Da die hölzerne Engelkirche im Laufe der Zeit zu klein wurde, ließ ein Edler von Pannwitz 1512 eine neue Kirche errichten. Die entscheidende Blütezeit aber begann im 17. Jahrhundert, als die Ritter von Osterberg Albendorf übernahmen.

Einem von ihnen, Daniel Paschasius, fiel auf, dass Albendorf inmit­ten der Berge ähnlich lag wie Jerusalem. In den Jahren 1683 bis 1699 führte er seine Idee aus, ein schlesisches Jerusalem zu errichten, mit einem Kalvarienberg und zahlreichen Kapellen, einem Heili­gen Grab und verschiedenen Leidensdarstellungen.

Eine gewaltige dreischiffige Kirche, die ein italie­nischer Baumeister aus Prag entwarf, stellte den Tempel zu Jerusalem dar. Durch eines von zwölf Toren kam man in die „Heilige Stadt“. Daniel Paschasius von Osterberg starb 1711. Cosmus Flam schrieb darüber einen Roman „Daniel Paschasius von Osterberg“.

Nach dem Tode Osterbergs verfiel seine Anlage, sogar die Kirche. Doch ein Graf Götz wurde zum Erneuerer der Gnadenstätte. Über eine mächtige Freitreppe gelangt man seitdem zur Basilika mit ihrer 54 Meter breiten gegliederten Fassade. Es sind 33 Stufen, entsprechend den Lebensjahren Jesu Christi. Vorhöfe und Ambiten umgeben die Kirche.

Die Dreiteilung der Kirche in Vorhof, Heiliges und Allerheiligstes erinnert an das Jerusalemer Tempelvorbild. Das „Allerheiligste“ ist die Gnadenkapelle mit dem hölzernen Gnadenbild. Maria trägt das Jesuskind auf dem rechten Arm, in der linken Hand trägt sie eine Art Reichsapfel oder Weltkugel.

In Albendorf ist der Komponist Ignaz Reimann geboren.

In Albendorf ist der Komponist Ignaz Reimann geboren.

Aber nicht nur diese Kirche sollte nach dem Willen des Erbauers den Pilger anziehen. In fast 100 weiteren Kapellen und Monumenten, auf dem Ölberg und Kalvarienberg lernen wir das Leben und Leiden Jesu kennen.

Bis zu 100 000 Wallfahrer kamen Jahr für Jahr bis zum Zweiten Weltkrieg hierher. Sie sangen das alte Lied, das Daniel Paschasius von Osterberg geschaffen hatte:

„Freu dich, du Albendorfische Jungfrau,
freu dich, auf deiner auserwählten Au!
Freu dich, du gnadenreiche Königin,
freu dich, du reine Gottesgebärerin!

Steh uns bei in unserer Not!
Durch Jesus Christi Namen
Bitt’ Gott für uns in dem Tod
Unseres Absterbens! Amen“

Seit 1946 ist das deutsche Lied im Glatzer Land verklungen: 161 000 Grafschaftler wurden vertrieben. Eine Welt ging zu Ende, von der es in der Zwischenkriegszeit noch hieß:

Dreifaltigkeit-Darstellung in der Basilika von Albendorf.

Dreifaltigkeit-Darstellung in der Basilika von Albendorf.

„Wer Grafschafter Volksleben und seine religiösen Vorstellungen begreifen will, der gehe nach Albendorf. Dort wird er sehen, dass die Grafschafter ein altes und im Grunde ihres Herzens immer noch ein frommes, gläubiges und treukatholisches Gebirgsvolk sind.“

Treukatholisch sind die Glatzer noch heute. 182 Priester und Ordensleute stammen aus ihren Reihen, dazu 250 Ordensschwestern. Heute wallfahren sie in der Vertreibung nach Telgte, denn „ein Jahr ohne Wallfahrt ist ein verlorenes Jahr“. In Büchern und Schriften halten sie Albendorf lebendig. 

„Die Wall­fahrtsstätte, die sich hoch aufbaut mit ihrem vielstufigem Tempel“, wie Ruth Hoffmann im „Kalei­doskop einer Landschaft“ schreibt. Albendorf lebt in der Erinnerung, jenes „Albendorf, zu dem die Nachbarin pilgert, wenn du krank bist, um eine Kerze für dich anzuzünden…die Bittgänge ihres Le­bens nach Albendorf (sind) nicht zu zählen.“

Aber auch unter polnischer Herrschaft ist der Wallfahrtsstrom nach Wambierzyce, wie es heute heißt, nicht versiegt. Die Aufschriften sind zwar seit über sechs Jahrzehnten polnisch geworden, aber manche alte deutsche Votivtafel blieb erhalten.

Decke der Basilika in Albendorf.

Decke der Basilika in Albendorf.

Das Ave-Maria ist nicht verstummt. Die marianische Frömmigkeit der Polen hat Albendorf als Pilgerziel weiterbestehen lassen. Polnische Jesuiten betreuen das Heilig­tum. Seit 1972 wurde es teilweise renoviert. Am 17. August 1980 ließ der große Marienverehrer Stefan Kardinal Wyszinski das Gnadenbild feierlich krönen.

Mehr als 50 Bischöfe waren anwesend, darunter Bischof Reinhard Lettmann aus Münster und Frantisek Kardinal To­mašek aus Prag. 150 000 Gläubige hatten sich versammelt. Papst Johannes Paul II. verlieh der Albendor­fer Muttergottes den Ehrentitel „Königin der Familie“.

Ehrentitel „Königin der Familie“

„Über die Berge schallt“, sangen hier einst die deutschen Wallfahrer. Die Marienlieder Schlesiens waren von besonderer Innigkeit. Manche fanden Eingang ins religiöse Liedgut des ganzen deutschen Volkes.

In Albendorf ist 1829 Ignaz Reimann geboren, der mit seinen Chorwerken der katholischen Kirchen­musik wahre Schätze schenkte und der seit den Ausgaben der Wünschelburger Edition eine wahre Renaissance in Deutschland erlebte.

Aber genauso innig singen heute in Albendorf die Polen, viele von ihnen aus Galizien und Ostpolen umgesiedelt und vertrieben. Wallfahrt kennt keine Grenzen.

Professor Dr. Rudolf Grulich

Frühere Wallfahrten von KIRCHE IN NOT mit Prof. Rudolf Grulich:

 

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Schlagworte:
Albendorf · Maria · Polen · Rudolf Grulich · Schlesien · Wallfahrt
25.Jun 2017 07:22 · aktualisiert: 24.Okt 2017 14:06
KIN / S. Stein