„Das christliche Europa schläft”

Vor 50 Jahren wurde Albanien das erste atheistische Land der Welt

Flagge von Albanien.

Flagge von Albanien.

Am 13. November 1967 war die kleine Volksrepublik zum ersten atheistischen Land der Welt ausgerufen geworden.

Vorausgegangen war schon im Februar jenes Jahres eine Rede des albanischen Diktators Enver Hoxhas, nach der Lehrer und Schüler alle religiösen Gebäude der Stadt, Kirchen und Moscheen, mit Brettern vernagelten.

Nach offizieller albanischer Version zündete dieses Beispiel im ganzen Land, so dass bis zum Frühsommer alle 268 katholischen Kirchen und fast 2000 weitere religiöse Gebäude (orthodoxe Kirchen, Klöster und Moscheen) geschlossen, profaniert oder abgerissen waren. Dabei hätte die Bevölkerung spontan gehandelt, auch die Geistlichkeit habe „ihre Kutten freiwillig abgelegt.“

Die Proteste in der Weltöffentlichkeit blieben damals spärlich. Auch als die neue Verfassung von 1976 entgegen der UNO-Menschenrechtserklärung jede religiöse Betätigung unter Strafe stellte, blieb Albanien Mitglied der Vereinten Nationen.

Das Kloster Nenshat in Albanien. Links die Ruine des vorherigen Baus, dahinter der Neubau. Er wurde von KIRCHE IN NOT unterstützt.

Das Kloster Nenshat in Albanien. Links die Ruine des vorherigen Baus, dahinter der Neubau. Er wurde von KIRCHE IN NOT unterstützt.

Artikel 37 der damaligen Verfassung erklärte: „Der Staat erkennt keinerlei Religionen an und unterstützt und entwickelt die atheistische Propaganda, um in den Menschen die materialistische Weltanschauung zu verwurzeln“.

In Artikel 55 heißt es: „Verboten ist die Bildung jedweder Organisation mit faschistischem, antidemokratischem, religiösem und antisozialistischem Charakter. Verboten ist faschistische, religiöse, kriegstreiberische, antisozialistische Tätigkeit und Propaganda sowie die Erzeugung von Völker- und Rassenhass.“

„Der Staat erkennt keinerlei Religionen an”

Bereits nach 1945 setzte eine grausame Verfolgung der Katholiken ein. Die katholischen Orden wurden verboten, fast alle Bischöfe ermordet. Damals versuchte die Regierung durch Dekrete über die Religionsgemeinschaften albanische Nationalkirchen zu schaffen.

1959 wurden zwei katholische Priester und fünf Laien wegen angeblicher Zusammenarbeit mit dem jugoslawischen Geheimdienst zum Tode verurteilt. 1971 wurden im Lager Lushnja der 74 Jahre alte Priester Stjefen Kurti hingerichtet, weil er ein Kind getauft hatte.

Pastorale Arbeit in Albanien.

Heute ist wieder pastorale Arbeit mit Jugendlichen in Albanien möglich.

1980 wurde der Jesuitenpater Anton Luli wegen der Taufe seiner Neffen zum Tode verurteilt. Diese erwähnten hingerichteten Priester hatten auf Bitten von Müttern die Kinder getauft. Im Falle von Pater Luli erhielt die Mutter der getauften Kinder eine Strafe von acht Jahren Konzentrationslager.

Zehn Prozent der Einwohner sind heute katholisch

Seit 1967 war aber auch im ersten atheistischen Staat der Welt nicht jedes religiöse Leben verschwunden. Heute leben 2,8 Millionen Einwohner in dem Land. Davon sind 58 Prozent Muslime, knapp sieben Prozent orthodox und zehn Prozent katholisch.

Die Katholiken mussten sich lange heimlich zu Gottesdiensten treffen, wie zum Beispiel in diesem Bunker.

Die Katholiken mussten sich lange heimlich zu Gottesdiensten treffen, wie zum Beispiel in diesem Bunker.

Während gegen das Unrecht in vielen anderen Teilen der Welt protestiert wurde, gab es kaum Proteste gegen Albanien. Papst Johannes Paul II. hatte dagegen mehrfach zum Gebet für die verfolgten Christen in Albanien aufgerufen, so zum Beispiel bei seinem Besuch 1980 im süditalienischen Otranto.

Der Papst forderte damals dazu auf, den Blick über das Meer in das nahe Albanien zu wenden. Die dortige „heroische Kirche“ erleide seit langer Zeit schwerste Prüfungen und Verfolgungen, „Bereichert durch das Zeugnis ihrer Märtyrer: Bischöfe, Priester, Ordensleute und einfache Gläubige“.

Ausdrücklich gedachte Johannes Paul II. auch der Glaubenszeugen der anderen christlichen Konfessionen und monotheistischen Religionen, die in Albanien ein ähnliches Los wie die Katholiken erlitten.

Er mahnte alle Christen an ihre Pflicht, denen nahe zu sein, die um ihres Glaubens willen Verfolgung erleiden und fügte hinzu: „Hier geht es um eine Solidarität, die allen Menschen und der Gemeinschaft geschuldet wird, deren Grundrechte verletzt oder sogar vollkommen zertreten werden.“

Pater Werenfried van Straaten (links) bei einem Besuch in Albanien.

Pater Werenfried van Straaten (links) bei einem Besuch in Albanien.

Pater Werenfried nahm sich das Anliegen des Papstes zu Herzen und half den Albanern außerhalb Albaniens, vor allem im damaligen Jugoslawien. Im „Echo der Liebe“ schrieb er 1982: „Das christliche Europa schläft weiter. Albanien bleibt Mitglied der Vereinten Nationen, ohne, wie Südafrika oder Israel, boykottiert zu werden. Europäische Staaten, die sich christlich nennen, treiben ungestört Handel mit Tirana. Niemand protestiert. (…)

„Ein Volk wird in seinen tiefsten Wurzeln geschändet”

Wer verwahrt sich dagegen, dass in den Jahren 1967 und 1968  2738 Kirchen, Klöster und Moscheen profaniert oder zerstört wurden? Wer protestiert, dass Priester, wie der greise Stefan Kurti, der auf Bitten einer Mutter ihr Kind getauft hatte, hingerichtet werden? Wer protestiert, dass die Kathedrale von Skutari in eine Sporthalle umgebaut wurde?

Kind mit der Kinderbibel von KIRCHE IN NOT auf Albanisch,

Kind mit der Kinderbibel von KIRCHE IN NOT auf Albanisch,

Hier wird ein Volk in seinem tiefsten Wesen, in den Wurzeln seiner Existenz, in der Verbundenheit mit seinem Schöpfer geschändet. Hier dürfen wir nicht passiv bleiben. Zwar ist Albanien noch für uns geschlossen, aber wir helfen mit unserer Flüchtlingsabteilung den albanischen Flüchtlingen. (…)

Helft uns darum, das Wort Gottes in albanischer Sprache zu verbreiten und neue albanische Priester auszubilden. Helft mit Euren Spenden und Gebeten, damit wir an dem von Gott bestimmten Tag mehr tun können, als wir es vermögen.“

Damals half KIRCHE IN NOT der Diözese Skopje-Prizren, deren Gläubige Hilfe für den Druck zweier Gebetbücher und mehrere Katechismen erhielten.

Werenfrieds starker Glaube wurde erhört. Auch in Albanien wurde die kommunistische Regierung abgelöst und konnte der Papst die Gläubigen besuchen.

Die ersten Bibeln, Katechismen und Gebetbücher, die das Land nach dem Ende der kommunistischen Herrschaft erreichten, waren mit Hilfe von KIRCHE IN NOT für das Kosovo gedruckt worden, von wo aus ausgebildete Priester nach Albanien gingen und Schwestern, die den ersten Karmel in Albanien gründeten.

Prof. Rudolf Grulich

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Um weiter in der Krisenregion im Nahen und Mittleren Osten aber auch in anderen Teilen der Welt helfen zu können, bittet KIRCHE IN NOT um Spenden – online oder an:

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13.Nov 2017 08:50 · aktualisiert: 13.Nov 2017 16:13
KIN / S. Stein