Christen in Bedrängnis und Verfolgung

“Es ist nicht erforderlich, in die Katakomben oder ins Kolosseum zu gehen, um die Märtyrer zu finden: die Märtyrer leben jetzt, in zahlreichen Ländern. Die Christen werden ihres Glaubens wegen verfolgt. In einigen Ländern ist es ihnen untersagt, ein Kreuz zu tragen: sie werden bestraft, wenn sie es doch tun. Heute, im 21. Jahrhundert, ist unsere Kirche eine Kirche der Märtyrer.” Papst Franziskus

Zerstörtes Kruzifix in der Demokratischen Republik Kongo.

Zerstörtes Kruzifix in der Demokratischen Republik Kongo (Archivbild).

Am 19. Februar 2016 hat KIRCHE IN NOT den Bericht Christen in großer Bedrängnis: Diskriminierung und Unterdrückung – Dokumentation 2016 (hier unentgeltlich bestellen) in München vorgestellt.

Lesen Sie hier eine Einführung in das Thema von Bischof Dr. Matthew Hassan Kukah aus der Diözese Sokoto in Nigeria.

Die Geschichte der Christenverfolgung ist so alt wie der Glaube selbst, ja, so alt wie der Gründer des Christentums; sie reicht zurück bis zu unserem Herrn und Erlöser Jesus Christus.

Sein Tod am Kreuz ist ein klarer Hinweis darauf, dass alle, die sich auf den Weg der Nachfolge Jesu begeben, ebenfalls darauf vorbereitet sein sollten, eine ähnliche Verfolgung zu erleiden: „Wenn die Welt euch hasst, dann wisst, dass sie mich schon vor euch gehasst hat. Wenn ihr von der Welt stammen würdet, würde die Welt euch als ihr Eigentum lieben. Aber weil ihr nicht von der Welt stammt, sondern weil ich euch aus der Welt erwählt habe, darum hasst euch die Welt“ (Joh 15,18-19).

Bürger einer anderen Welt – Kinder eines anderen Königreichs

Ohne jeden Anflug von Überheblichkeit sollten Christen sich bewusst sein, dass es diese Grundhaltung ist, über diese irdische Welt hinauszuschauen, diese Vorstellung, letztlich Bürger einer anderen Welt und Kinder eines anderen Königreiches zu sein, die sie schon von Natur aus in einen Gegensatz bringt zu den Herrschern dieser Welt und ihren Reichen. Angefangen beim Kindermord des Herodes über den Mord von König Mwanga am heiligen Karl Lwanga und seinen Gefährten in Uganda bis in unsere heutige Zeit hinein: Die Geschichten bleiben immer die gleichen. Christen werden wegen ihres Glaubens verfolgt, weil sie diejenigen herausfordern, die im Besitz der Macht sind.

Wieso nimmt Christenverfolgung zu?

Warum hält die Christenverfolgung bis heute an und nimmt sogar noch weiter zu? Ich glaube, es gibt viele Ursachen dafür, aber auf zwei Gründe möchte ich besonders hinweisen:

  • Erstens ist es das Erstarken muslimischer Extremisten und ihrer intoleranten Ideologien, was erheblich beigetragen hat zu einer zunehmenden Verfolgung von Christen.
  • Und zweitens fühlen sich solche Extremisten durch die Tatsache, dass der christliche Glaube in der westlichen Welt – jedenfalls soweit es um seine öffentliche Sichtbarkeit und um den praktizierten Glauben geht – mehr und mehr in einer Art Dämmerlicht entschwindet, zu der Schlussfolgerung ermutigt, dass die Tage des Christentums gezählt sind.
Zerstörte syrisch-katholische Kathedrale in Bagdad.

Zerstörte syrisch-katholische Kathedrale in Bagdad.

Nach dem Krieg in Afghanistan waren Osama bin Laden und seine Anhänger zuversichtlich, dass die Herrschaft des Islams nicht mehr länger durch die Vorherrschaft des Westens und den Kommunismus niedergehalten würde. Nach dem Sturz des Kommunismus glaubten sie, nun sei die westliche Vorherrschaft (die sie fälschlicherweise in Verbindung mit dem Christentum sahen) die nächste Bastion, die erobert werden könne. Danach könne dann der Islam die Weltherrschaft übernehmen.

Wenn die westliche Welt, die durch das Christentum hervorgebracht wurde, diesem nun den Rücken zukehrt (man denke nur an die Debatte in der Europäischen Union über die christlichen Wurzeln der westlichen Zivilisation), dann sollte die Eliminierung der Christen die letzte Etappe zum Sieg des Islams sein, so glauben diese Islamisten.

Die Situation im Norden Nigerias

In der frühen Kirche bedeutete die Verfolgung der Christen zugleich die Gelegenheit, das Christentum weiter zu verbreiten. Auf ähnliche Weise und mit einer gewissen Ironie war das Niederbrennen von Hunderten von Kirchen in den größeren Städten im Norden Nigerias die beste Werbung für die enorme Verbreitung von Christen in Nigeria. Als die Medien über die Brandanschläge auf Dutzende von Kirchen in Städten wie Kaduna, Kano, Zaria, Yola oder Maiduguri berichteten, war dies für viele Christen und Nichtchristen gleichsam wie ein Schock. Während die Christen außerhalb dieser Städte mit umso größerer Solidarität reagierten, fragten sich die Muslime innerhalb und außerhalb Nigerias, wie das Christentum in dieser Kernregion des Islams so stark hatte wachsen können.

Angriff auf unsere gemeinsame Humanität

Die Verfolgung von Christen darf aber nicht isoliert gesehen werden. Sie steht im Zusammenhang mit dem allgemeinen Anwachsen der Gewalt, die einen fortwährenden Angriff auf unsere gemeinsame Humanität darstellt. Um die damit verbundenen Probleme zu lösen, müssen wir das Spektrum unserer Analyse ausweiten und die Verfolgung von Christen als Abwertung unserer Menschlichkeit ansehen. Die Ursachen der Verfolgung, ob sie nun in rassistischen, religiösen oder anderen Ideologien wurzeln, müssen Gegenstand des Kampfes sein, den unser Jahrhundert gewinnen muss.

Die ständig wachsende menschliche Gier, die zum endlosen Kampf um Macht und Kontrolle über die Ressourcen der Erde führt, trägt dazu bei, dass die Unterschiede zwischen den Menschen immer größer werden und Frustration und Hass auf diese Weise weiter zunehmen.

Das meiste von dem, was heute an Christenverfolgung passiert und sich in brutalen Anschlägen auf Christen und ihre Einrichtungen niederschlägt, steht in Zusammenhang mit der Verbitterung und Verzweiflung eines ohnmächtigen Segments der muslimischen Gesellschaft, das seine Frustration oft an Christen abreagiert, die fälschlicherweise als Kollaborateure der feindlichen Mächte im Westen gesehen werden.

Recht und Würde des Menschen

Wir müssen uns von neuem bewusst machen, welche Beweggründe zu den Idealen führten, die zusammengefasst sind in der historisch bedeutsamen Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen von 1948. Gerade die Kirche ist in einer ausgezeichneten Position, um dem Kampf für die Würde des Menschen ihre Stimme zu leihen.

KIRCHE IN NOT konzentriert sich auf die Verfolgung von Christen, aber natürlich leiden auch Muslime, Hindus, Buddhisten und eine Reihe anderer Minderheiten unter fortwährenden gewalttätigen Angriffen. Die Herausforderung, vor der wir stehen, liegt darin, unsere Solidarität zu erweitern, um gemeinsam der Unterdrückung entgegenzutreten.

Fazit

Zum Schluss möchte ich mit einigen Beobachtungen enden und einige Schlussfolgerungen ziehen:

  1. Wir Christen müssen auf unsere Geschichte schauen und erkennen, dass Verfolgung immer ein Teil unseres Glaubens war. Sie hat sogar unseren Glauben gestärkt und nicht geschwächt. Das heißt nicht, dass wir in unseren Anstrengungen nachlassen dürften. Denn die Verfolgten werden gestärkt, wenn sie wissen, dass sie nicht alleingelassen sind.
  2. Es liegt an uns, die Welt zu gestalten. Wir müssen lernen, die uns allen gemeinsame menschliche Natur zu würdigen, indem wir Gesetze verkünden, die uns als Bürger schützen, die unsere Gewissensfreiheit und Meinungsfreiheit garantieren und unter Schutz stellen. Wir müssen uns konzentrieren auf die Formulierung von Verfassungsgrundsätzen, durch die Minderheiten geschützt werden, wo immer sie sind.
  3. Wir ermutigen zum Dialog mit dem Islam. Dieser Dialog darf aber nicht zur Entschuldigung werden für Regierungen, dass sie ihre Verpflichtung vernachlässigen, für Recht und Ordnung zu sorgen und kriminelle Handlungen zu bestrafen. Die Bedrohung durch militante Islamisten darf auch die Muslime selber nicht gleichgültig lassen. Unser Dialog mit den Muslimen muss sich konzentrieren auf Fragen der staatlichen Verfassung und Gesetzgebung statt zu sehr um die Unterschiede im Glauben zu kreisen.
  4. Die großartige Arbeit von KIRCHE IN NOT muss von der Kirche anerkannt, ermutigt und unterstützt werden auf größtmögliche Weise. Dies ist nicht die Zeit, uns zurückzuziehen. Vielmehr müssen wir Trost suchen im Wort des Apostels Paulus, der uns Christen daran erinnert: „Was kann uns scheiden von der Liebe Christi? Bedrängnis oder Not oder Verfolgung, Hunger oder Kälte, Gefahr oder Schwert? … Doch all das überwinden wir durch den, der uns geliebt hat.“ (Röm 8,35.37).
Matthew Kukah, Bischof von Sokoto / Nigeria.

Matthew Kukah, Bischof von Sokoto / Nigeria.

Bischof Dr. Matthew Hassan Kukah, Diözese von Sokoto, Nigeria.

Mitglied im Päpstlichen Rat für den Interreligiösen Dialog
Vorsitzender der Kommission für Kultur, Islam und Interreligiösen Dialog der Regionalen Bischofskonferenz Westafrikas (RECOWA-CERAO)
Vorsitzender der Kommission für den Interreligiösen Dialog und die Ökumene der katholischen Bischofskonferenz in Nigeria

So können Sie helfen:

Berichte aus Ländern mit Christenverfolgung (Beispiele):

Mehr erfahren:

23.Apr 2013 11:19 · aktualisiert: 20.Apr 2016 14:53
KIN / T. Waitzmann