Länderbericht Marokko

Marokkanische Flagge.

Marokkanische Flagge.

Einwohner:
32,4 Millionen

Fläche:
446 550 qkm
(etwa die Größe von Deutschland und Österreich zusammen)

Religion:
Muslime: 98,9 Prozent
Sonstige: 1,0 Prozent
Christen: 0,1 Prozent

Laut Artikel 6 der Verfassung garantiert der Staat allen Bürgern Religionsfreiheit. In Wirklichkeit können nur ausländische Christen diese Freiheit ausüben. Marokkaner können nur Muslime sein mit Ausnahme von Juden, die ihre religiöse Identität von einer Generation an die nächste weitergeben. Die Religion zu wechseln, d.h. den Islam aufzugeben, ist im Prinzip unmöglich und steht per Gesetz unter Strafe.

Artikel 220 des marokkanischen Strafgesetzbuches sieht eine Strafe von sechs Monaten bis drei Jahren und ein Bußgeld von 100 bis 500 Dirhams (umgerechnet ca. 9 bis 45 Euro) für jeden vor, der versucht, den muslimischen Glauben zu unterminieren oder schwache Menschen, insbesondere Arme, Frauen und Kinder zu einer anderen Religion zu konvertieren, und zwar wenn dabei entweder Mittel der Verführung eingesetzt oder die Schwachheit oder Bedürfnisse der Einzelnen ausgenutzt werden, oder wenn zu diesem Zweck Ausbildungs- und Gesundheitseinrichtungen, Alten- oder Kinderheime genutzt werden.

Marokkanern, die Christen geworden sind, werden jegliche Rechte entzogen. Als Getaufte müssen sie nach muslimischem Recht heiraten und gemäß der islamischen Riten bestatten. Die obligatorische Zugehörigkeit zum Islam ist jedoch nicht im Gesetz des Königreichs festgeschrieben. Wenn ein Christ eine marokkanische Muslima heiraten will, muss er zum Islam konvertieren. Umgekehrt, wenn eine Christin einen Marokkaner heiraten will, kann sie ihren Glauben weiter praktizieren, aber die Kinder werden zwangsläufig Muslime.

Die einheimischen zum Christentum konvertierten Marokkaner dürfen keiner offiziellen Kirche im Land angehören, sei sie katholisch, protestantisch, anglikanisch, griechisch-orthodox oder russisch-orthodox; diese dürfen nur von ausländischen Christen besucht werden.

Um zu beten, müssen sich diese Konvertiten in Privatwohnungen treffen, aber niemals zu mehr als zwanzig Personen, um keine Aufmerksamkeit zu erregen. Einige verlieren ihre Arbeitsstelle. Diese Christen sind sozusagen zu einem gesellschaftlichen Tod verurteilt. Dennoch finden trotz dieser Hindernisse Übertritte zum Christentum statt.

Um die „geistliche Einheit und Sicherheit“ der Marokkaner sicherzustellen, haben die Behörden im Verlauf der letzten Jahre und ins besondere in den letzten Monaten mehrere Menschen ausgewiesen. Am 29. März 2009 wurden fünf ausländische evangelische Missionare (vier Spanier und ein Deutscher) zur Überprüfung der Personalien vorläufig festgenommen und dann des Landes verwiesen, weil sie eine Versammlung mit marokkanischen Einwohnern in Casablanca abgehalten hatten.

Am 4. Dezember desselben Jahres nahm die Polizei in den Städten Saidia und Oujda 17 Christen fest, darunter sowohl Marokkaner als auch Ausländer. Ihnen wurde die Verletzung des Gesetzes zur Evangelisation vorgeworfen. Unter den Festgenommenen befand sich ein Schweizer Ehepaar (das Ganze passierte kurz nach der Abstimmung über die Minarett-Initiative in der Schweiz), das sich um Kinder mit Behinderungen kümmerte und für das Hilfswerk Consulting Training and Support arbeitete, sowie zwei südafrikanische und ein guatemaltekischer Staatsbürger. Alle Ausländer wurden ausgewiesen.

Am 5. Februar 2010 wurde ein in Marrakesch wohnender amerikanischer evangelischer Missionar ausgewiesen, nachdem er „auf frischer Tat bei christlichem Proselytismus ertappt worden war“. Im folgenden Monat März wurden mehrere Dutzend Christen verschiedener Nationalitäten im Rahmen einer „von den marokkanischen Behörden initiierten Kampagne zur Bekämpfung der Ausbreitung des evangelischen Glaubensbekenntnisses, das dazu dient, den Glauben der Muslime zu unterminieren“ ausgewiesen.

Unter ihnen befanden sich 16 christliche Erzieher aus dem Village de l’Esperance in Aïn-Leuh in der Nähe von Azrou (Mittleres Atlasgebirge). Sie wurden aufgefordert, am 8. März das Land zu verlassen. Nach Verlautbarung des Innenministeriums, „hat diese Gruppe unter dem Deckmantel von Wohltätigkeitsaktionen Proselytismus bei Kindern unter zehn Jahren betrieben“.

Am 7. März widerfuhr einem katholischen Franziskaner mit ägyptischer Staatsangehörigkeit, der seit fast sechs Monaten in Larache, nahe bei Tanger wohnte, die gleiche Behandlung; er wurde ohne Erklärung in ein Flugzeug nach Kairo gesetzt. Die katholischen Obrigkeiten erkundigten sich bei staatlichen Stellen auf höchster Ebene über die Motive der Ausweisung, haben aber bis heute keine Antwort erhalten.

Diese Entscheidungen sind eine Folge der Veröffentlichung einer Liste mit den „Feinden des moderaten Islam“ (Schiiten, Salafisten, Atheisten, evangelikale Christen), die im Auftrag von König Mohammed VI. von der religiösen Institution Dar al-Hadith al-Hassania im Oktober 2008 erstellt worden war. Darüber hinaus wurde eine Beobachtungseinheit eingesetzt zur Überwachung missionarischer Aktivitäten von Christen. Sie soll 36 „evangelikale Basen“ ermittelt haben, die von 202 Missionaren unterhalten werden. Es sind überwiegend Amerikaner, Engländer und Franzosen, die als Lehrer, Ingenieure, Ärzte oder Unternehmer arbeiten.

Quellen
Christian Solidarity International
Le Monde
Le Soir, Casablanca
Maroc-Hebdo International
Tel Quel, Casablanca
Zenit marokko

(Quelle: Religionsfreiheit weltweit – Bericht 2010. Stand: 2010)

 

26.Aug 2009 16:38 · aktualisiert: 14.Apr 2015 12:17
KIN / S. Stein