Länderbericht Somalia

Fläche: 637 657 km²

Einwohner: 9,4 Millionen

Religionen:
Muslime: 99,8 Prozent
Christen: 0,1 Prozent
Sonstige: 0,1 Prozent

Rechtliche und institutionelle Aspekte

Seit Präsident Siad Barre 1991 durch einen bewaffneten Überfall gestürzt wurde, hat Somalia keine zentrale Regierung mehr, die in der Lage ist, im Land Autorität auszuüben.

Zurzeit machen sich vier Einheiten im Land die Macht streitig. Im mittleren und südlichen Teil des Landes ist die seit Februar 2009 von Sheik Sharif geführte und international anerkannte Übergangsregierung (TFG) mit radikal-islamischen Milizgruppen konfrontiert, die eine Abspaltung der ICU (Union islamischer Gerichte) sind und 2006 die Hauptstadt Mogadischu für mehrere Monate besetzt hielten und regierten.

Die bedeutendste unter ihnen ist die al-Shabaab, die von den Vereinigten Staaten und der Europäischen Union wegen ihrer Verbindung zur al-Qaida offiziell als Terrororganisation bezeichnet wird. Al-Shabaabs Hauptverbündeter ist die militärisch-politische Organisation Hizbul Islam, die vom früheren Präsidenten der ICU, Hassan Dahir Aways, geleitet wird. Die beiden Anführer Aden Hashi Ayro von al-Shabaab und Hassan Dahir Aweys von Hizbul Islam werden vom US-Amerikanischen Außenministerium in der Liste der Terroristen geführt. Aden Hashi Ayro wurde 2008 bei einem amerikanischen Luftangriff getötet.

In Nordsomalia gibt es zwei politisch organisierte Regionen. Im äußersten Norden liegt Somaliland, das 1991 seine Unabhängigkeit erklärte, aber offiziell noch von keinem anderen Staat anerkannt wurde. Östlich und westlich von Somaliland liegt Puntland, das innerhalb des Bundesstaates Somali seine Unabhängigkeit erklärt hatte. Die von der Übergangsregierung entworfene Charta garantiert religiöse Freiheit, obwohl sie gleichzeitig den Islam als Staatsreligion etabliert hat. In Artikel 15 der Charta heißt es: „Alle Bürger der Republik Somalia sind vor dem Gesetz gleich (…) und genießen gleiches Recht, Schutz und Beihilfe unabhängig ihrer Rasse, Geburt, Sprache, Religion, ihres Geschlechts oder ihrer politischen Zugehörigkeit.“

Die Charta enthält keinen spezifischen Paragrafen über Religionsfreiheit oder entsprechende Einschränkungen. In Artikel 71, Paragraf 2 heißt es: „Die somalische Verfassung von 1960 und andere nationale Gesetze finden bei allen Angelegenheiten Anwendung, die von dieser Charta weder berührt werden noch im Widerspruch zu ihr stehen.“ In Artikel 29 der somalischen Verfassung von 1960 heißt es: „Jede Person hat das Recht auf Gewissens- und Kultusfreiheit sowie das Recht ihren Glauben frei zu bekennen und zu praktizieren, vorausgesetzt, dass gesetzlich vorgeschriebene Regelungen, die dem Schutz der öffentlichen Moral, Gesundheit und Ordnung dienen, eingehalten werden.“

Am 18. April 2009 führte das somalische Parlament die Anwendung der Scharia, d.h. des islamischen Rechts, im ganzen Land ein. Das Gesetz wurde mit der Unterzeichnung des Präsidenten am 10. Mai rechtswirksam. In Wirklichkeit entscheiden die Gerichte in dem von der Übergangsregierung kontrollierten Gebiet auf der Grundlage von Bestimmungen, die eine Mischung sind aus Scharia, traditionellen Gesetzen, dem Zivilgesetz und dem Strafgesetz, das vor 1991 in Kraft war.

Die Verfassungen von Somaliland und Puntland beinhalten ebenfalls Bestimmungen zur Religionsausübung und Religionsfreiheit. Artikel 5 der somalischen Verfassung etabliert den Islam als Staatsreligion und verbietet die Unterstützung jeder anderen Religion. Artikel 313 des Strafgesetzbuches sieht festgelegte Strafen für Muslime vor, die ihre Religion wechseln oder unter solchem Verdacht stehen. Die Artikel 41 und 82 der Verfassung legen fest, dass sowohl der Präsident und der Vizepräsident als auch parlamentarische Sprecher Muslime sein müssen.

In Artikel 15 ist die islamische Erziehung auf allen Ebenen zwingend vorgeschrieben, die Förderung von Koranschulen unterliegt der staatlichen Verantwortung. Die Verfassung macht außerdem deutlich, dass die staatlichen Gesetze auf dem Islam beruhen müssen und ihm nicht widersprechen dürfen. Restriktionen gelten für politische Parteien, die auf einer religiösen Gruppierung, einem Glauben oder einer Interpretation der islamischen Lehre beruhen.

Die am 30. Juni 2009 in Kraft getretene neue Verfassung von Puntland erlaubt die freie Ausübung des Glaubens, verbietet aber den Übertritt der Muslime zu einer anderen Religion. Artikel 8 untersagt jeglichen Wechsel zu einer anderen Religion außer zum Islam. Artikel 12 legt fest, dass Nichtmuslime ihre Religion frei ausüben können und nicht gezwungen werden dürfen, Muslime zu werden, andererseits dürfen Muslime ihren islamischen Glauben nicht aufgeben. Die Verfassung gestattet die Gründung religiös orientierter politischer Parteien.

Die Einhaltung der somalischen Verfassungen wird weder von der al-Shabaab noch von anderen radikal-islamistischen Milizen kontrolliert, statt dessen wird eine radikale Interpretation der Scharia praktiziert, die anderen Religionen außer dem Islam keinen Freiraum gewährt, auch nicht dem Sufi-Islam, der dem traditionellen somalischen Islam entspricht aber als ketzerisch angesehen wird.

Wer dem Übertritt vom Islam zum Christentum verdächtigt wird, wird ohne Gerichtsverfahren hingerichtet. In dem von der al-Shabaab kontrollierten Gebiet wurden ehemalige Sufi-Friedhöfe zerstört. Filme, Musikaufführungen, Rauchen, westliche Frisuren, Fußballspiele, Singen und Tanzen – selbst auf Hochzeiten – sowie das Fernsehen auf öffentlichen Plätzen sind untersagt. Frauen wurde eine streng islamische Kleiderordnung auferlegt, sie dürfen keine Büstenhalter tragen. Ehebruch wird mit Steinigung bestraft.

Die al-Shabaab-Bewegung steht in Konflikt mit dem traditionellen somalischen Sufismus und der moderaten islamischen Gruppe Ahlu Sunna wa Jamma (ASWJ), die sich als oppositionelle Gruppe zur al-Shabaab formiert hat. Viele Sufis und Anhänger der ASWJ sind von der al-Shabaab umgebracht worden, vor allem in der Galgaduud-Region. Die al-Shabaab rekrutiert junge Menschen, die in radikal-islamistischen Schulen ausgebildet werden, wo der Heilige Krieg (Dschihad) und der Märtyrertod ebenso idealisiert werden wie Selbstmordattentate. Dabei kommen moderne Lehrmittel, z.B. elektronische Medien, zum Einsatz.

Aktuelle Situation

Religionsfreiheit, wie von der Übergangsregierung und in der Charta von Puntland beschrieben, wird in der Praxis nicht eingehalten. Die Regierungen setzen weder Mittel ein, um die Achtung dessen sicherzustellen, was sie in ihren Verfassungen über Religionsfreiheit festgelegt haben, noch bieten sie denjenigen einen Rechtsweg zur Wiedergutmachung oder Entschädigung an, die sich in ihrer Religionsfreiheit verletzt fühlen.

Die Ausübung jeglicher nicht islamischen Religion stößt in ganz Somalia auf Intoleranz, der Wechsel vom Islam zu einer anderen Religion wird durch Ächtung und gesellschaftliche Ausgrenzung erschwert.

Sowohl Katholiken als auch evangelikale Protestanten halten ihre Versammlungen in Privathäusern ab ohne jegliche öffentliche Bekanntmachung. In ganz Somalia gibt es keine öffentlichen Kirchen mehr. 2008 wurden sechs zum Christentum konvertierte Muslime umgebracht, 2009 weitere 21 Konvertiten. Alle Morde gehen auf das Konto der al-Shabaab, bis auf einen, der von der islamischen Gruppe Sunna Waljameca verübt wurde.

Gewalt gegen und Verfolgung von Christen

Am 10. Juli 2008 wurde Sayid Ali Sheikh von al-Shabaab-Milizen in Afgoi umgebracht, nachdem er seine Konversion zum Christentum gestanden hatte.

Am 23. September 2008 wurde Mansuur Mohamed, Mitarbeiter einer humanitären Hilfsorganisation, nahe bei Baidoa von al-Shabaab-Milizen enthauptet, nachdem er der Konversion zum Christentum und der Spionage für Ägypten bezichtig worden war. Am 30. September 2008 befahlen Beamte der von der al-Shabaab kontrollierten Stadt Kismayo die Zerstörung der lokalen katholischen Kirche.

Im Verlauf des Jahres 2009 töteten islamische Extremisten und der al-Shabaab nahestehende Gemeindebehörden in Zentral- und Südsomalia 21 Menschen, mutmaßliche Christen. Am 16. Januar 2009 wurde der Lokalpolitiker Abdirahman Haji Mohamed auf Beschluss der Gemeindebehörde getötet; er habe sich vom Islam abgewendet und sei ein äthiopischer Spion.

Am 19. Februar 2009 wurde der kenianische Bürger Abdi Welli Ahmed bei seiner Einreise aus Äthiopien von der somalischen Behörde überfallen und festgenommen. Er war vom Islam zu einer Pfingstgemeinde übergetreten. Das religiöse Material, das er bei sich trug, wurde beschlagnahmt, er selbst wurde mit dem Tode bedroht, falls er dem christlichen Glauben nicht abschwöre.

Am 21. Februar 2009 fielen al-Shabaab-Milizen in die Stadt Yonday ein und enthaupteten den 11-jährigen Abdi Rahaman Musa Yusuf und den 12-jährigen Hussein Musa Yusuf, beides Söhne von Musa Mohammed Yusuf, dem Leiter einer lokalen christlichen Gemeinde, weil sie sich weigerten, den Aufenthaltsort eines weiteren christlichen Leiters preiszugeben.

Am 10. Juli 2009 wurden in der Stadt Baido sieben Gefangene von al-Shabaab-Mitgliedern der Konversion zum Christentum und der Spionage für Äthiopien bezichtigt und enthauptet. Am 20. Juli 2009 erschossen al-Shabaab-Extremisten in Mahadday Weyne, 100 km nördlich von Mogadischu, Mohammed Sheikh Abdiraman. Seit 15 Jahren christlicher Konvertit hinterlässt er als Witwer zwei Waisenkinder im Alter von 10 und 15 Jahren.

In der Stadt Merka enthaupteten am 4. August 2009 al-Shabaab-Mitglieder Fatima Sultan, Ali Ma’ow, Sheik Mohammed Abdi und Maaddey Diil wegen ihrem Übertritt zum Christentum. Sie waren am 27. Juli gefangen genommen worden. Diese vier arbeiteten für eine städtische Nichtregierungsorganisation, die sich um Waisenkinder kümmert, und weigerten sich Zeugenberichten zufolge, ihrem Glauben abzuschwören, um ihr Leben zu retten. Ihre Leichname konnten nicht zum Heimatort ihrer Familien überführt werden.

Am 18. August 2009 erschossen al-Shabaab-Milizen den 41-jährigen, zum Christentum konvertierten Ahmed Matan in Bulahawa an der kenianischen Grenze.

Im August 2009 wurde in Somaliland ein Konvertit aus dem Dorf Pepsi in der Nähe von Hargeisa festgenommen, weil ihm vorgeworfen wurde christliche Literatur in seinem Dorf verbreitet zu haben. Er wurde in ein 60 km entferntes Gefängnis gebracht, wo er in einen Hungerstreik ging. Ein anderer Konvertit, Mohamed G. Ali, floh nach Äthiopien, um der Bestrafung durch Regierungsbehörden und seiner eigenen Familienangehörigen zu entkommen.

Am 15. September 2009 wurde der 69-jährige Omar Khlafe in der Nähe von Merka von al-Shabaab-Milizen ermordet, weil er einige Bibeln bei sich trug. Am 28. September 2009 tötete ein al-Shabaab-Führer die 46-jährige Mariam Muhina Hussein im Dorf Marerey in der südlicheren Jubaregion, weil bei ihr sechs Bibeln gefunden worden waren.

Am 10. Oktober 2009 überfielen in Mogadischu al-Shabaab-Milizen Pastor Ali Hussein Weheliye aus dem Hinterhalt und verletzten ihn tödlich. 1999 hatte er sich zum christlichen Glauben bekehrt und leitete seit 2002 eine inoffizielle christliche Kirche. Am 19. Oktober 2009 erschossen in Galkayo in Puntland drei maskierte Männer der militanten islamistischen Gruppe Sunna Waljameca die 45-jährige Amina Muse Ali, weil sie sich geweigert hatte, den Schleier zu tragen und beschuldigt wurde, sich zum Christentum bekehrt zu haben.

Am 14. November 2009 wurde Mumin Abdikarim Yussuf in Mogadischu im Yaqshid-Viertel in einer Straße tot aufgefunden. Sein Körper wies Zeichen von Misshandlungen auf, Finger und Zähne waren gebrochen. Er war geschlagen und dann erschossen worden. Der 23-Jährige war am 28. Oktober verhaftet worden, nachdem er von einem 14-Jährigen Jungen angezeigt worden war. Dieser hatte behauptet, Yussuf hätte versucht, ihn zum Christentum zu bekehren.

Am 1. Januar 2010 erschossen al-Shabaab-Milizen in Hodan in der Nähe von Mogadischu den 41-jährigen Mohammed Ahmed Ali, den Leiter einer Untergrundkirche. Zwei Tage später verließ seine Witwe Amina Ibrahim Hassan mit ihrem zweijährigen Sohn Somalia, nachdem sie vermutlich von der al-Shabaab Morddrohungen per Telefon erhalten hatte. Am 17. Februar 2010 steckten Anhänger der ICU in Hamarwien, einem Vorort von Mogadischu, das Haus von jemandem in Brand, der unter dem Verdacht stand einer christlichen Kirche anzugehören. Ziel war es, die dort vermuteten Bibeln und christliche Literatur zu zerstören.

Am 15. März 2010, erschossen 50 km nördlich von Jowhar islamistische Milizen Mdobe Abdi, Gemeindeleiter einer Untergrundkirche, der allerdings kein Konvertit war, da er als Waisenkind in einer christlichen Familie aufgewachsen war. Kurz zuvor war er am 2. März einer Entführung durch al-Shabaab-Anhänger entkommen. Am 23. März 2010 wurde Hilowle Ali, Vater von 10 Kindern, von al-Shabaab-Milizen erschossen, weil er sich 2006 zum Christentum bekehrt hatte.

Am 4. Mai 2010 erschossen islamische Milizen in Xarardheere, 60 km von Jowhar entfernt, den 57-jährigen Yusuf Ali Nur, der ebenfalls Gemeindeleiter einer Untergrundkirche war. Sein Name stand seit einiger Zeit auf einer Todesliste der al-Shabaab. Die Personen auf dieser Liste wurden verdächtigt, Christen zu sein, und sollten deshalb sterben.

Quellen:

Associated Press
Compass Direct News
ICN News
International Christian Concern
jihadwatch.org
Open Doors
R.E.A.L. Organization
Release International
Reuters
U.S. Department of State, Annual Report on International Religious Freedom, ed. 2009; ed. 2010
United States Commission on International Religious Freedom – Annual Report, ed. 2009; ed. 2010

(aus: Religionsfreiheit weltweit – Bericht 2010)

18.Jul 2011 17:00 · aktualisiert: 5.Aug 2011 10:55
KIN / S. Stein