Länderbericht Indien

Brennende Barrikade vor einer Kirche in Indien.

Brennende Barrikade vor einer Kirche in Indien.

Einwohner: 1,12 Milliarden

Größe: 3 287 263 qkm (fast zehnmal größer als Deutschland)

Religion:
Hindus: 74,5 Prozent
Muslime: 12,1 Prozent
Christen: 6,2 Prozent (darunter 18,4 Mio. Katholiken)
Animisten: 3,4 Prozent
Sonstige: 3,8 Prozent

Die Weihnachtsfeiern 2007 endeten in einer Katastrophe, als fanatische Hindus im Bundesstaat Orissa im Osten Indiens randalierten. Siebzig Kirchen und andere christliche Einrichtungen wurden überfallen und 600 Wohnungen von Christen wurden zerstört. Die Angriffe, die nicht provoziert worden waren, machten das schwere Los der Christen in einigen Teilen Indiens deutlich. Sie machten deutlich, dass eine neue Welle des Fanatismus und der Gewalt das Land durchzieht.

Obwohl Artikel 25 der indischen Verfassung jedem Bürger das Recht auf freie Wahl der Religion zuspricht, führen immer mehr Bundesländer Antikonversionsgesetze ein. Die Gesetze bedrohen jeden, der “Bekehrungsaktivitäten” entfaltet, mit einer Gefängnisstrafe von drei bis fünf Jahren und einer hohen Geldstrafe.

Rechtsexperten zufolge ist es zweifelhaft, ob solche Gesetze verfassungskonform sind, da kein Bundesstaat Gesetze verabschieden darf, die gegen die indische Verfassung verstoßen. Allerdings werden diese Gesetze nur auf Personen angewendet, die Hindus zu einer anderen Religion bekehren. Wer dagegen andere, auf welche Weise auch immer, zum Hinduismus bekehrt, ist von diesen Gesetzen ausgenommen.

Antikonversionsgesetz in einigen Bundesstaaten

Solche Verordnungen gibt es bereits in den Bundesstaaten Orissa, Madhya Pradesh, Chhattisgarh, Arunachal Pradesh, Gujarat und Tamil Nadu. Im letztgenannten Bundesstaat wurde dieses Gesetz von einem Regierungserlass wieder aufgehoben, was jedoch von den örtlichen Behörden vorsätzlich ignoriert wird. In den Jahren 2006 und 2007 wurden weitere Antikonversionsgesetze verabschiedet; außerdem unterstützten ganz allgemein einige lokale Regierungen und andere öffentliche Institutionen immer offener und systematischer Hindu-Nationalisten, die Religionsfreiheit ablehnen.

In Madhya Pradesh, wo die hindu-nationalistische Bharatiya Janata Party (BJP) an der Regierung ist, wurde das bestehende Antikonversionsgesetz am 25. Juli 2006 noch verschärft. Nach dieser neuen Verordnung muss jeder, der zu einer anderen Religion übertreten will, dies dem Distriktmagistrat mindestens einen Monat vor der Übertrittszeremonie schriftlich melden; andernfalls drohen Geldbußen bis zu 1000 Rupien und Gefängnisstrafen.

Anschließend muss diesem Gesetz zufolge die Polizei “die Referenzen des Geistlichen und seiner Organisation prüfen und außerdem bestätigen, dass die Bekehrung nicht durch Zwang oder unlautere Mittel herbeigeführt wurde”. Überdies riskiert jeder Geistliche, der die Behörden nicht darüber informiert, dass er eine Übertrittszeremonie durchführen wird, eine Geldstrafe von 5000 Rupien und eine einjährige Haftstrafe. Der betreffende Geistliche muss auch den Namen und die Adresse des Konvertiten und das Datum der geplanten Übertrittszeremonie angeben.

Christliche Schulen als Zielscheibe

Auch christliche Schulen sind zur Zielscheibe gewalttätiger Übergriffe von Hindu-Extremisten geworden. Offiziellen Zahlen zufolge, die von der katholischen Kirche veröffentlicht wurden, gab es 2007 mehr als 100 Gewaltakte gegen christliche Einrichtungen oder Lehrkräfte, während im Jahr zuvor 215 und 2005 mehr als 200 Fälle gezählt wurden.

Oft werden die Gewalttätigkeiten “angekündigt”, wie beispielsweise im Juli 2007, als mehr als 250 Mitglieder des hindu-nationalistischen Gesamtverbands Sangh Parivar eine von Franziskanerinnen geleitete Schule im Dorf Vikas Nagar in der Nähe der Stadt Dehra Dun (Uttarakhand) verwüsteten. Die Schule hatte von Vertretern der BJP seit einiger Zeit Drohungen erhalten und die Polizei darüber informiert, die jedoch nichts unternahm.

Landesregierungen haben Maßnahmen ergriffen, um Dalits (die so genannen “Unberührbaren”) zu unterstützen, die seit Jahrhunderten unter einem niedrigen
gesellschaftlichen Status leiden. Den Christen unter ihnen wird allerdings diese Hilfe oft verweigert. In einigen Bundesstaaten, so etwa in Jharkhand, waren die Behörden nicht bereit, den Dalits zu helfen und stuften sie einfach anders ein, nämlich als Angehörige der christlichen Minderheit.

Im Bundesstaat Chhattisgarh haben die staatlichen Behörden das Grundstück der katholischen Kirche konfisziert, mit der Begründung, es müsse zurückübertragen werden an die rechtmäßigen Eigentümer aus dem örtlichen Volksstamm.

Höhepunkt der Ausschreitungen im August 2008

Sajan K. George, Vorsitzender des Gesamtrats der Indischen Christen, legte eine Dokumentation vor, in der seine Organisation mehr als 500 Fälle von anti-christlicher Gewalt auflistete, die sich über das ganze Land verteilt zwischen Januar 2006 und November 2007 zugetragen haben. Die meisten Vorfälle waren Taten von Extremisten, wie zum Beispiel der hindu-nationalistischen Bharatiya-Janata-Partei (BJP).

Einen neuen Höhepunkt bislang nicht gekannten Ausmaßes erreichten die Ausschreitungen gegen die Christen im August 2008. Auslöser war der Mord an einem radikalen Hindu-Führer im östlichen Bundesstaat Orissa, zu dem sich eine maoistische Rebellengruppe bekannte. Radikale Hindus beschuldigten dagegen die Christen und starteten einen regelrechten Feldzug gegen christliche Siedlungen.

Rund 4000 Wohnhäuser und 65 Kirchen wurden nach Angaben der indischen Bischofskonferenz zerstört. Tausende von Christen flüchteten in die Wälder, um sich in Sicherheit zu bringen; später wurden Flüchtlingslager eingerichtet. Ob sie in ihre Siedlungen und Dörfer zurückkehren können, ist sehr fraglich. Der Sprecher der indischen Bischofskonferenz, Babu Joseph, sah in dem Vorgehen der fanatischen Hindus das klare Ziel, “jede Spur des Christentums in der Region auszulöschen”.

August 2007:
Am 20. August 2007 verteilten Extremisten der radikalen Hindu-Gruppen Bajrang Dal und Jagrutika Samiti im Distrikt Chitradurga (Karnataka) Flugblätter, die im lokalen Kanada-Dialekt verfasst waren und die Christen aufforderten, “sofort indisches Gebiet zu verlassen oder zur ursprünglichen Religion, dem Hinduismus, zurückzukehren”. Andernfalls würden alle wahrhaftigen Inder ihnen nach dem Leben trachten, um so ihren Mut und ihren Patriotismus zu beweisen.

Das Flugblatt listete die Verbrechen der Christen auf: “Sie behandeln alle gleich, erziehen die Waisen, um sie zu bekehren, bieten jenen, die es sich nicht leisten können, medizinische Versorgung, und sie missachten das Kastensystem, indem sie freie Eheschließungen und Handelsaustausch zwischen Personen akzeptieren, die keinerlei Kontakt miteinander haben sollten.”

Dezember 2007:
Während des Weihnachtsfestes 2007 wurde in einigen Distrikten des östlichen
Bundesstaates Orissa eine regelrechte Hetzjagd auf Christen veranstaltet. Die Bilanz war ein Ausmaß von Tod und Zerstörung wie sonst nur in einem Bürgerkrieg: Dutzende von Verletzten und mindestens neun Tote, von denen fünf am 27. Dezember ermordet wurden, als eine Gruppe von Hindu-Extremisten im Dorf Barakhama im Bezirk Kandhamal die Häuser von Christen angriffen; zwei weitere Personen wurden am selben Tag von der Polizei erschossen, als die Christen gegen die Angriffe demonstrierten.

Außerdem wurden zwei Christen bereits bei früheren Zusammenstößen getötet. Insgesamt wurden 70 Kirchen und christliche Einrichtungen angegriffen, zerstört oder in Brand gesetzt, ungefähr 600 christliche Häuser beschädigt oder zerstört, und 5000 Menschen wurden obdachlos. Von vielen Straßenzügen blieb nur Schutt und Asche übrig. Weder die Polizei noch andere Behörden griffen während der gesamten antichristlichen Gewalttaten auch nur einziges Mal ein. Orissa gilt als eine Hochburg militanter Hindus. Die Landesregierung hat dort ein Anti-Konversionsgesetz erlassen.

März 2008:
Radikale Hindus griffen zwei katholische Ordensschwestern und drei jugendliche
Mädchen an, die gerade ein Erziehungsprogamm für junge Frauen vorbereiteten. Die Extremisten schrien sie an und beschuldigten sie, “die Leute aus den Volksstämmen zum Christentum zu bekehren”. Der Mob, so berichtet Schwester Tuscano, “forderte uns auf, das Dorf sofort zu verlassen und nie wiederzukommen, anderenfalls würden sie uns die Beine brechen.” Zu den Kursen der Ordensschwestern zählen auch Alphabetisierungskurse für Erwachsene, der Aufbau von Selbsthilfegruppen und Kurse zur Vorbeugung gegen AIDS.

Juli 2008:
Im Bundesstaat Orissa zerstörten fanatische Hindus ein christliches Waisenhaus und eine Jesuitenkirche. Der Erzbischof von Cuttack-Bhubaneshwar, Raphael Cheenath, sagte gegenüber der Nachrichtenagentur AsiaNews: “Fanatische Hindus wollen seit zehn Jahren alle Christen in Orissa beseitigen.” Aber er ergänzte auch: “Es gibt eine Million Christen in Orissa und das Kreuz Jesu Christi ist in diesem Bundesland fest eingewurzelt – keine Verfolgung kann es wieder entfernen.”

August 2008:
Bei einem Attentat im östlichen Bundesstaat Orissa am 23. August 2008 wurde Swami Laxanananda Saraswati, ein bekannter Führer der radikalen Hindubewegung, zusammen mit einigen Begleitern getötet. Zu der Tat bekannte
sich eine maoistische Rebellenbewegung. Radikale Hindus aber richteten ihre Vergeltungsaktionen ganz gezielt gegen Christen, denen sie schon seit langem vorwerfen, unter den Hindus zu missionieren und vor allem arme Mitglieder niedriger Kasten – zum Teil auch mit Geldgeschenken – abzuwerben.

Am Sonntag, dem 24. August, brach eine regelrechte Gewaltwelle los. Bewaffnete Hindus attackierten Kirchen und kirchliche Einrichtungen, setzten Autos in Brand, zündeten Geschäfte an. In den nächsten Tagen gingen die Ausschreitungen weiter. Es gab erste Todesopfer; eine junge Missionarin, Rafani Majhi, die sich um Waisenkinder kümmerte, wurde bei lebendigem Leibe verbrannt. Priester wurden angegriffen und teilweise schwer verletzt.

Dann richteten sich die Angriffe auf christliche Familien, ihre Wohnhäuser wurden verwüstet oder in Brand gesteckt. Zu Tausenden flüchteten die Menschen in die Wälder, um sich dort zu verstecken. Am Ende waren rund 4000 Wohnhäuser und 65 Kirchen zerstört und weit mehr als 10.000 Menschen ohne Unterkunft. Es gibt Pläne, sie in einer anderen Region neu anzusiedeln, da sie in ihre bisherigen Siedlungen vermutlich nicht zurückkehren können.

(Quelle: Christen in großer Bedrängnis. Diskriminierung und Unterdrückung – Dokumentation 2008, Stand: 2008)

23.Jun 2009 12:00 · aktualisiert: 9.Feb 2010 11:22
KIN / S. Stein