Länderbericht Iran

Kirche im Iran.

Ein christlicher Bau im islamischen Iran.

Einwohner:
75,1 Millionen

Fläche:
1 648 195 qkm (knapp fünfmal größer als Deutschland

Religionen:
Muslime: 98,6 Prozent
Sonstige: 0,9 Prozent
Christen: 0,5 Prozent (darunter 19 000 Katholiken)

Staatsreligion im Iran ist nach wie vor der schiitische Islam in seiner radikalsten Form, und die Religionsbehörden gewährleisten, dass er respektiert wird. Dies hat Diskriminierung anderer Religionen – sogar des sunnitischen Islam – und gegen sie gerichtete Gewalt zur Folge.

Die Erlaubnis zu erhalten, eine sunnitische Moschee zu errichten, scheint bisweilen genauso schwierig zu sein wie eine Kirche zu bauen. Von den religiösen Minderheiten sind nur drei vom islamischen Staat anerkannt: Christen, Juden und Zoroastrier. Andere Minderheiten – Sunniten, Baha’i, Ahmadis usw. – werden verfolgt.

Buddhisten und Hindus werden ebenfalls nicht anerkannt, sind jedoch keiner Gewalt ausgesetzt, obwohl ihr legaler Status gänzlich prekär ist.

Politisch-religiöse Verfolgung

Anerkannte Minderheiten leben als „Geschützte“ und ihre Anhänger als „Dhimmi“, Bürger zweiter Klasse. Sie können ihren Glauben nicht verbreiten oder sich außerhalb ihrer Gemeinschaft oder ihrer Kultstätten dazu bekennen; häufig werden sie dazu verpflichtet, zum Ausdruck zu bringen, dass sie die Politik der „islamischen“ Regierung unterstützen. Verbale Angriffe auf die Vereinigten Staaten und den Staat Israel – obwohl von der Absicht her politisch – werden stets unter Verwendung religiöser Terminologie geäußert („der Große Satan“ und der „kleine Satan“).

Die Verflechtung von Politik und Religion ermöglicht es dem Iran, religiöse Minderheiten indirekt, unter politischen oder ethnischen Vorwänden, zu verfolgen. Sunniten (in Kurdistan und in Belutschistan) werden verfolgt, weil sie angeblich von Großbritannien und den Vereinigten Staaten „gelenkt“ werden; die Baha’i-Anhänger, weil sie von Israel „instrumentalisiert“ werden; die Ahmadis, weil sie „Werkzeuge“ in den Händen ausländischer Mächte sind usw. …

Diese politisch-religiöse Verfolgung verschlimmerte sich sogar noch vor und nach den Wahlen im Juni 2009, die Mahmud Ahmadinedschad gewann – ein Sieg, der von anderen Kandidaten und vielen Teilen der Bevölkerung bestritten wurde, was die Oppositionsbewegung, die als „Grüne Welle“ bekannt ist, ins Leben rief. Säuberungsaktionen und Verhaftungen von Opponenten waren verbreitet und betrafen hauptsächlich evangelische Christen, Baha’i und Ahmadis.

Das Verbrechen der Apostasie

Das Verbot der Apostasie, also des Abfalls vom Islam wegen einer anderen Religion oder wegen Atheismus, ist sowohl in der Familienmentalität als auch in der Politik sehr stark verankert. Im September 2008 verabschiedete das iranische Parlament ein neues Strafgesetzbuch, demzufolge auf das Verbrechen der Apostasie die Todesstrafe steht. Dieses Gesetz harrt jedoch noch der genaueren Prüfung durch eine parlamentarische Kommission und muss anschließend noch vom Wächterrat debattiert und bestätigt werden.

Positiv war, dass am 23. Juni 2009 ein Mitglied der parlamentarischen Kommission für Recht und Justiz der BBC sagte, diese Kommission habe entschieden, die Änderung über die Todesstrafe zu streichen. Auch Christian Solidarity Worldwide verbreitete diese Nachricht.

Es bleibt jedoch die Tatsache bestehen, dass Apostasie auch im Familienkreis verurteilt wird – in dem Maße, dass abtrünnige Familienmitglieder häufig umgebracht werden. Hervorzuheben ist auch, dass stark aufgebauschte Nachrichten über Massenkonversionen vom Islam häufig eine Verhaftungswelle in christlichen Gemeinden nach sich ziehen.

Compass Direct News warnte am 9. Februar vor „übertriebenen Schätzungen der Anzahl der Übertritte, die außerhalb des Iran von Pastoren verkündet werden, auch wenn sie gut gemeint“ seien, weil sie zu einer verstärkten Überwachung der Kirchen beitrügen. „Ein Pastor in Amerika“, berichtete die Nachrichtenagentur, „behauptete, allein 2008 hatten sich 800 000 Iraner zu Christus bekehrt… Die Regierung fasst solch hohe Übertrittszahlen als echte Bedrohung für ihre Herrschaft auf und hat begonnen, die Kirchen anzugreifen.“

Christen

Am 21. Januar wurden drei Christen in Teheran verhaftet: Jamal Ghalishorani (49) und seine Frau Nadereh Jamali, die jeweils dreißig bzw. fünfzehn Jahre zuvor vom Islam zum Christentum übergetreten waren, und der Armenier Hamik Khachikian. Die Behörden informierten ihre Familien weder über die Art der Anklage noch über den Ort, an dem sie festgehalten wurden. Sie alle waren Mitglieder der Kirche der Assemblies of God in der Hauptstadt. Diese Kirche ist zwar offiziell registriert, aber die drei Verhafteten hielten Bibelkurse in ihrem jeweiligen Zuhause ab.

Anfang Februar wurden alle auf Kaution freigelassen. Es steht jedoch noch ein Gerichtsverfahren aus, obwohl keine expliziten Anklagen gegen sie formuliert wurden.

Am 5. März wurden in Teheran zwei zum Christentum übergetretene Frauen verhaftet und angeklagt, „gegen die Staatssicherheit zu handeln“ und „an illegalen Versammlungen teil genommen zu haben“. Ihre Namen sind Maryam Rostampour (27) und Marzieh Amirizadeh Esmaeilabad (30). Sie waren beide in ihrer Kirche und in der Mission der Bibelverbreitung aktiv. Amnesty International zufolge sind sie Gefangene aus Gewissensgründen. Eine der beiden Frauen war vom Ministerium für Nachrichtenwesen und Sicherheit gewarnt worden. Sie wurden später aus den oben genannten Gründen verhaftet; eine offizielle Anklage ist jedoch nicht erhoben worden.

Am 18. März erschienen sie vor einem islamischen Gericht in Teheran und wurden ins Evin-Gefängnis gebracht. Ihnen wurde jegliche medizinische Versorgung verweigert, obwohl beide Frauen unter Infektionen und Fieber litten. Am 9. August wurden sie einem Richter vorgeführt, der von ihnen verlangte, ihre Apostasie zurückzunehmen und wieder zum Islam zurückzukehren. Er drohte ihnen mit einer langen Gefängnisstrafe, falls sie sich weigern sollten, den christlichen Glauben aufzugeben.

Am 10. März verurteilte ein islamisches Gericht in Shiraz drei christliche Konvertiten, Seyed Allaedin Hussein, Homayoon Shokouhi und Seyed Amir Hussein Bob-Annari, zu acht Monaten Haft (auf Bewährung) und fünf Jahren „guter Führung“. Sie wurden angeklagt, „mit Anti-Regierungsbewegungen zusammenzuarbeiten“. In den fünf Jahren „guter Führung“ ist es ihnen verboten, weiterhin christlichen Aktivitäten nachzugehen, ihren Glauben zu verbreiten oder sich gegenseitig zu kontaktieren.

Der Richter drohte, das Urteil zu vollziehen und ihnen wegen Apostasie den Prozess zu machen, sollten sie diese Anweisungen nicht befolgten. Mit den „Anti-Regierungsbewegungen“, auf die das Urteil sich bezog, sind das Einschalten und Bekanntmachen von TV-Sendern wie Love Television und Salvation TV gemeint.

Am 19. Mai verkündete der assyrisch-christliche Parlamentarier Yonathan Betkolia die Entscheidung des islamischen Gerichtshofs, die assyrische Pfingstkirche in Shahrara (einem Vorort von Teheran) zu schließen, weil dort auf Farsi (d.h. Persisch) Gottesdienste abgehalten worden seien, an denen vom Islam zum Christentum konvertierte Gläubige teilgenommen hätten. Betkolia hatte schon vorher gegen die Gemeinde in Shahrara protestiert, weil sie „Nichtassyrern“ (d. h. Muslimen) erlaubt hatte, an den Gottesdiensten teilzunehmen.

Der Pastor in Shahrara gab an, dass die Kirche nicht geschlossen worden wäre, wenn er die Liturgie auf Farsi gestrichen hätte. Aus Angst vor Schließungen haben verschiedene protestantische Gemeinden schon ihre Gottesdienste auf Farsi abgesagt.

Am 14. Mai verweigerten in Urumiyeh Gerichte Fatemeh Pauki, der pensionierten Lehrerin einer christlichen Schule aus der Provinz West-Aserbaidschan, eine Rente. Frau Pauki war bei mehreren Gelegenheiten inhaftiert worden, und die Behörden hatten sie zu dem Versprechen genötigt, jeglichen Kontakt mit christlichen Gruppen abzubrechen. Auch ihr Ehemann hatte unter Gewalt seitens der Behörden zu leiden gehabt – er starb 2005 unter ungeklärten Umständen.

Am 14. Mai wurde in der Stadt Bandar Mahshar der 62-jährige Rentner Abdul Zahra Vashahi festgenommen. Der Grund für seine Verhaftung war das Bestreben, ihn dazu zu zwingen, den Aktivitäten seines Sohnes Einhalt zu gebieten, der seit 2003 in Großbritannien lebt und zum Christentum konvertiert ist. Der 30-jährige John Reza Vashahi trat während seiner Zeit in England zum Christentum über. 2008 gründete er die Iranian Minorities Human Rights Organization (IMHRO).

Vashahi Junior ist zudem auch Mitglied von Amnesty International und macht Nachrichten über die Verfolgungen von Minderheiten, insbesondere von Christen, in der Welt bekannt. Er ist außerdem Autor eines Blogs mit dem Titel Jesus for Arabs (Jesus für Araber).

Monate vor seiner Inhaftierung, im Februar, hatte der Vater einen Anruf von den lokalen Behörden erhalten, bei dem ihm gedroht wurde, man werde ihn verhaften, wenn sein Sohn seine Aktivitäten nicht einstelle. Vashahi Senior, der Muslim ist, war während seiner sechstägigen Haft verhört worden.

Am 31. Juli führte die Polizei in Fashan (nördlich von Teheran) eine Razzia in einer Versammlung von Christen durch, die alle vom Islam zum Christentum konvertiert waren. Alle 24 Teilnehmer wurden verhaftet, und Gebetsobjekte und andere Materialien wurden beschlagnahmt. Die meisten Christen kamen am folgenden Tag wieder frei; sieben blieben jedoch in Haft. Es handelte sich um Shahnam Behjatollah und sechs weitere, die nur unter ihrem Vornamen bekannt sind: Shaheen, Maryam, Mobinaa, Mehdi, Ashraf und Nariman.

Zwei Tage zuvor, am 29. und 30. Juli, waren acht andere Christen, die derselben Gemeinde in Fasham angehörten, in Rasht verhaftet worden. Sieben kamen wieder frei, und nur einer, dessen Namen nicht bekannt ist, wird an einem unbekannten Ort festgehalten. Lokalen Christen zufolge intensivierte sich die Verhaftungswelle nach den umstrittenen Präsidentschaftswahlen. Gläubige wurden verhaftet, weil man sie verdächtigte, mit „ausländischen Mächten“ gemeinsame Sache zu machen, die angeblich hinter den regierungskritischen Demonstrationen („Grüne Welle“) steckten.

Baha’i

Die Minderheit, die am heftigsten verfolgt wird, ist die der Baha’i. Sie ist mit etwa 300 000 Anhängern auch die größte Minderheit im Iran. Diese Religion wurde um 1860 herum vom persischen Adligen Baha’u’llah gestiftet, der sich zum neuen Propheten ernannt und erklärte hatte, derjenige zu sein, der das Werk von Moses, Jesus und Mohammed fortführte.

Die Baha’i-Religion steht daher im Konflikt mit dem islamischen Glauben, der Mohammed als den letzten Propheten ansieht. In den Tagen des Schahs erlaubt, wurde dieser Glaube seit der islamischen Revolution 1979 als häretisch gebrandmarkt und verboten. Seit 1979 wurden über 200 Anhänger hingerichtet oder ermordet, Hunderte von ihnen eingesperrt, Zehntausende wurden um ihre Arbeit, ihre Rente und ihre wirtschaftlichen Aktivitäten gebracht.

Alle Baha’i-Institutionen sind verboten, und ihre heiligen Stätten, Friedhöfe und ihr Besitz wurden von der Regierung konfisziert oder zerstört. Viele Baha’i-Angehörige wurden allein deswegen verurteilt, weil sie ihren Kindern eine religiöse Erziehung zukommen ließen. Junge Baha’i dürfen sich erst an der Universität einschreiben, wenn sie erklären, sie seien „Muslime“.

Am 14. Januar wurden bei einer polizeilichen Razzia im Haus von elf Baha’i-Anhängern sechs festgenommen. Unter ihnen war auch Jinous Sobhani, die mit der exilierten Friedensnobelpreisträgerin Shirin Ebadi zusammenarbeitete. Frau Sobhani war die Sekretärin der Organization for Defending Mine Victims (Organisation zur Verteidigung von Minenopfern) und des Defenders of Human Rights Centre (Zentrum der Verteidiger der Menschenrechte), beide von Frau Ebadi gegründet und im Dezember 2008 auf polizeiliche Anordnung hin geschlossen. Bei den anderen Verhafteten handelte es sich um Shahrokh Taef, Didar Raoufi, Payam Aghsani, Aziz Samandari und Golshan Sobhani.

Im Januar wurde der Friedhof in Khavaran (im Südosten von Teheran) zerstört, um Platz für einen öffentlichen Park zu schaffen. Mindestens fünfzig Baha’i waren dort beerdigt. Der Friedhof in Khavaran war als Friedhof der „Ungläubigen“ bekannt, und hunderte Opfer aus den frühen Säuberungsaktionen des islamischen Regimes waren dort in den Achtzigerjahren beerdigt worden.

Internationalen Organisationen zufolge bezweckte man mit der Zerstörung des Friedhofs, unabhängige und unparteiische Nachforschungen über die Massenmorde zu Beginn der 1980er-Jahre und im Jahr 1988 zu verhindern.

Mitglieder der Baha’i-Gemeinschaft bestätigen, dass mindestens fünfzehn ihrer Gläubigen auf diesem Friedhof beerdigt waren. Alle waren zu Beginn der 1980er Jahre Opfer der systematischen Kampagne der Regierung gegen die Baha’i und ihren Glauben. Die meisten Gräber sind nicht näher gekennzeichnet und namenlos. Sie haben lediglich eine Nummer. Während des ganzen Jahres 2009 wurde der Prozess gegen die sieben im März und im Mai verhafteten Baha’i-Leader immer wieder verschoben.

Alle sieben sitzen im Evin-Gefängnis in Haft, und ihre Anwälte wurden nie darüber unterrichtet, was den Gefangenen angelastet wird. Die halboffizielle Nachrichtenagentur ISNA berichtete, den sieben Angeklagten werde der Prozess wegen „Spionage für Israel, Beleidigung religiöser Objekte und Propaganda gegen die islamische Republik“ gemacht. Sie wurden auch beschuldigt, „Verdorbenheit auf der Erde zu verbreiten“.

Quellen:
AsiaNews
Compass Direct News
ISNA
IRNA
www.news.bahai.org

(Quelle: Religionsfreiheit weltweit – Bericht 2010. Stand: 2011)

5.Jun 2009 12:52 · aktualisiert: 29.Jun 2012 15:50
KIN / S. Stein