Länderbericht
Israel und die palästinensischen Gebiete

Geburtskirche in Bethlehem.

Geburtskirche in Bethlehem.

Einwohner:
7,1 Millionen

Fläche:
20 770 qkm (ähnlich groß wie Sachsen-Anhalt)

Religion:
Juden: 77,1 Prozent
Muslime: 12 Prozent
Christen: 5,8 Prozent (darunter 128 000 Katholiken)
Religionslose: 4,8 Prozent
Sonstige: 0,3 Prozent

Führende Persönlichkeiten der Kirche haben die Kirchen im Westen dazu aufgerufen, den Christen im Heiligen Land zu helfen, die bedroht sind von religiöser Intoleranz und zunehmender Armut. Die Auswanderung der Christen hat erschreckende Ausmaße angenommen; sollte sie in diesem Tempo anhalten, dürfte das Christentum im Heiligen Land bald ausgelöscht sein. Der Christen-Anteil an den Auswanderern liegt bei 20 Prozent. Ein alarmierender Wert, wenn man bedenkt, dass die Zahl der Christen gerade noch einmal 160 000 beträgt.

In 2008 feierte der Staat Israel das 60-jährige Jubiläum seiner Gründung. Seit damals ist der Anteil der Christen in Bethlehem von 60 auf 10 Prozent zurückgegangen. In Jerusalem ist es ganz ähnlich: einst lag der Anteil der Christen bei 45 Prozent; heute leben dort kaum noch 7000 Christen. Das Heilige Land zu verlassen, ist für viele eine sehr schmerzhafte Entscheidung. Sie wissen sehr genau: je mehr Christen das Land verlassen, desto schwieriger wird die Lage für die, die bleiben.

Angriffe auf Christen haben zugenommen

Die Herausforderungen werden noch größer durch die äußerst komplizierte politische Debatte über die Zukunft Israels und der palästinensischen Gebiete und über die Schaffung eines eigenständigen palästinensischen Staates. In Israel und in den besetzten Gebieten haben die Angriffe von islamischen Extremisten auf Christen zugenommen, weil diese oft fälschlicherweise als pro-amerikanisch angesehen werden.

Nach der Machtübernahme der islamistischen Widerstandsgruppe Hamas im Gazastreifen im Juni 2007 kam es dort zu einer dramatischen Verschlechterung der Lage der Christen. Angriffe auf Minderheiten, vor allem auf Christen, häuften sich. Doch Sorge bereiteten nicht nur der Extremismus und die Intoleranz im Gazastreifen, auch das Westjordanland war hiervon betroffen.

In Israel leiden Christen vielfach unter Diskriminierung, weil die meisten von ihnen Araber sind, und als solche werden sie nicht als vollwertige Staatsbürger betrachtet.
Immer wieder wird berichtet, dass die israelischen Behörden sich sehr zögerlich verhalten, wenn es um Vorfälle der Diskriminierung von Minderheiten, insbesondere von Christen, geht.

“Sie sagen, wir seien Fremde”

Afaf Abou Habil, eine Grundschullehrerin in Nablus (Westjordanland) erzählt: “Seit der ersten Intifada (1987) haben die Vorurteile gegen Christen zugenommen. Wir werden beschuldigt, uns nicht in ausreichendem Maße am Kampf zu beteiligen, und mit den Amerikanern und den Israelis zusammenzuarbeiten. Sie sagen, wir seien Fremde. Die Leute, die diese Ansichten verbreiten, sind unwissend. Das Problem ist, dass es immer mehr von ihnen gibt.”

Tatsächlich betonen die palästinensischen Christen, sowohl die einfachen Menschen als auch die Honoratioren, immer wieder ihre arabische Identität und ihre Solidarität mit ihren muslimischen Landsleuten.

Für viele Bewohner, vor allem auch Christen, wurde die Lage noch schwieriger durch den von Israel fortgesetzten Bau einer riesigen Sicherheitsmauer an der Grenze zum Westjordanland. Die verschärften Sicherheitskontrollen haben vor allem auch Touristen abgeschreckt, worunter besonders die Christen in Bethlehem leiden, die vom Tourismus leben.

Januar 2007:
Nachdem sie eine gemeinsame Pilgerreise ins Heilige Land unternommen hatten, erklärten europäische und nordamerikanische Bischöfe, dass Pilgerfahrten ins Heilige Land sehr wichtig seien, um die christlichen Gemeinden dort zu unterstützen. Sie seien auch ein Zeichen der Solidarität mit den Menschen, die dort unter vielfachen Nöten litten. Nicht zuletzt hätten die Christen in diesen Gebieten eine wichtige Rolle für die Gesellschaft durch ihren mäßigenden Einfluss, ohne den es keinen Frieden geben könne.

März 2007:
Auch die Hürden für Christen und Muslime, die unter der Herrschaft der palästinensischen Autonomiebehörde stehen und nach Israel und Jerusalem reisen möchten, vor allem um an den Heiligen Stätten zu beten, müssen erwähnt werden. Weihbischof Fouad Twal, Koadjutor des Lateinischen Patriarchen von Jerusalem (und zu dem Zeitpunkt auch schon designiert als sein Nachfolger), schilderte in einem Interview die Situation:

“Der Bau einer trennenden Mauer Christen in großer Bedrängnis durch die israelische Regierung, besonders in und um Ostjerusalem herum, hat den Zugang zu Moscheen, Kirchen und anderen heiligen Stätten eingeschränkt und ist ein ernstes Hindernis für die Arbeit der religiösen Gemeinschaften, die Bildung, Gesundheitsfürsorge und andere soziale und humanitäre Hilfe für die Palästinenser bereitstellen [...].

Die trennende Mauer schafft Probleme für die Christen in der Region Bethlehem, die die Grabeskirche in Jerusalem besuchen möchten, und hat es für palästinensische Christen, die auf der israelischen Seite der Mauer leben, komplizierter gemacht, die christlichen Stätten in Bethanien und Bethlehem zu besuchen. Damit wird diese Minderheitengruppe weiter zersplittert und gespalten [...].

Die Mauer und Polizeisperren haben es auch für den Klerus unmöglich gemacht, sich zwischen den Kirchen und Klöstern in Jerusalem und im Westjordanland zu bewegen, und ähnlich für die Kongregationen, sich von ihren Häusern zu ihren Gotteshäusern zu bewegen. [...] Für viele junge Menschen ist Jerusalem beinahe ein Mythos, eine Stadt, die sie nie gesehen haben, die zur biblischen Welt gehört.”

Juni 2007:
Kurz nach der Machtübernahme der Hamas im Gazastreifen, griffen in der Nacht vom 15. auf den 16. Juni 2007 maskierte und bewaffnete Männer der Ezzedine El Qassam-Brigade, dem militärischen Flügel der Hamas, die römisch-katholische Kirche in Gaza und die Schule, die von den Rosenkranz-Schwestern geführt wird, an und plünderten sie. Laut Pater Mussalam, Gemeindepriester in der Kirche der Heiligen Familie, entweihten die Angreifer beide Stätten.

“Sie zerbrachen einige Kruzifixe, verbrannten Gebetbücher, zerbrachen eine Christusstatue und zerstörten eine Reihe von Ikonen. Sie setzten auch das Haus der Schwestern in Brand, aber Gott sei Dank, die Schwestern waren zu der Zeit nicht zu Hause. Sie stahlen Computer, zerstörten das Fotokopiergerät und warfen alles durcheinander”. Nach Aussage der Schulleiterin Hanadi Missak werden “die Schwestern manchmal auf der Straße beleidigt oder angespuckt”.

September 2007:
Auf einer Konferenz von KIRCHE IN NOT in London beschreibt der griechisch-katholische Erzbischof Elias Chacour aus Galiläa die Auswanderung der Christen aus dem Heiligen Land als den “größten Feind” der Kirche. Er sagte: “Die Christen müssen sich dem Heiligen Land geradezu aufdrängen! Wir Christen müssen sagen: ‘Wir sind hier, um hier zu bleiben!’” Obwohl die Christen weniger als 1,5 Prozent der Bevölkerung ausmachten, liege ihr Anteil unter den Auswanderern bei 20 Prozent. “Wir laufen ernsthaft Gefahr, in dieser Region auszusterben.”

Oktober 2007:
Anfang Oktober 2007 wurde Rami Ayyad, der Besitzer der einzigen christlichen
Buchhandlung in Gaza, entführt und dann erschossen. Sein Körper wies auch Spuren von Messerstichen und Folter auf. Das Opfer, ursprünglich orthodox, hatte sich zwei Jahre zuvor der Evangelikalen Baptistenkirche angeschlossen und für die Gesellschaft der Heiligen Bibel, einer internationalen Baptistenvereinigung, gearbeitet. Seine Buchhandlung war sechs Monate zuvor von einer kleinen Gruppe, die sich “Das tugendhafte Schwert des Islam” nennt, in Brand gesteckt worden. Sie hatten seinen “christlichen Proselytismus” angeprangert.

Der frühere Premierminister Ismail Hanieh, Führer der Hamas in Gaza, nannte dies einen “Akt der Sabotage gegen die Einheit Palästinas und die engen Beziehungen zwischen Christen und Muslimen, die Mitglieder derselben Nation sind”.

Dezember 2007:
Nach zweijähriger Verzögerung wurde der neue griechisch-orthodoxe Patriarch von
Jerusalem, Theophilus III., erst jetzt von der israelischen Regierung anerkannt. Bereits im August 2005 war er durch den Heiligen Synod der griechisch-orthodoxen Kirche zum Patriarchen gewählt worden. Nach einer alten Tradition, die bis auf das Osmanische Reich zurückgeht, muss die Wahl jedes neuen Patriarchen für den griechisch-orthodoxen Stuhl in Jerusalem durch die politischen Herrscher im Heiligen Land bestätigt werden, in diesem speziellen Fall durch die israelischen, jordanischen und palästinensischen Behörden.

Theophil III. beschuldigte die israelische Regierung, zu feilschen, mit anderen Worten, seine Anerkennung von einigen umstrittenen Grundstücksgeschäften in Jerusalem abhängig zu machen, die zur Abberufung seines Vorgängers Irenäus I. geführt hatten. “Ich bin nicht bereit, den Sonderinteressen von privaten Geschäftsleuten im Dunstkreis der politischen Macht zu dienen, um die Anerkennung zu erhalten”, sagte Theophil III.

Dezember 2007:
Die Führungsspitze von KIRCHE IN NOT war acht Tage lang zu Gesprächen in Israel und in den palästinensischen Gebieten unterwegs. Bestürzt zeigten sie sich über die Probleme, die das Überleben der Christenheit im Heiligen Land gefährden. Die wichtige Rolle, die die Kirche als mäßigende und vermittelnde Kraft in den Auseinandersetzungen zwischen den Juden und den Muslimen spiele, werde in ernster Weise untergraben durch religiösen Fanatismus, wachsende Armut und die Auswanderung.

Dem Westen warf die Delegation vor, an der Verschlechterung der Lage mitschuldig zu sein, weil er sich zu wenig für die bedrängten Christen im Heiligen Land einsetze. Der frühere Präsident des Hilfswerks, Hans-Peter Röthlin, und der ehemalige geistliche Leiter, Pater Joaquin Alliende, schrieben: “Wieder und wieder mussten wir erfahren, wie sehr das Überleben der Christenheit jetzt gefährdet ist. Wir machen uns sehr große Sorgen.”

Ihr Appell an alle Christen: “Wir rufen die Christen in aller Welt zum Gebet auf – zum Gebet dafür, dass die Herzen der Menschen sich wandeln. Die Christen in Jerusalem, in Bethlehem, in Galiläa sind die Nachfahren der allerersten Jünger Jesu Christi. Die uralten Steine dort sollten nicht einfach nur als touristische Ziele betrachtet werden, wie Museen, sondern sie sollten in Zusammenhang gesehen werden mit den lebendigen Steinen, mit denen, die dort an Christus glauben.”

(Quelle: Christen in großer Bedrängnis. Diskriminierung und Unterdrückung – Dokumentation 2008, Stand: 2008)

23.Jun 2009 13:12 · aktualisiert: 20.Sep 2013 16:51
KIN / S. Stein